Recherchen des DL (Deutscher Lehrerverband)

Unterrichtsausfall eskaliert: 1.2 Millionen Stunden pro Woche 03.02.2012, 09:19

Leeres Klassenzimmer
Bild: flickr hpeguk [CC by]

Der Deutsche Lehrerverband veröffentlicht die bislang deftigsten Zahlen zum Unterrichtsausfall: Deutsche Gymnasiast/innen versäumen in ihrer Schullaufbahn ein ganzes Schuljahr, wenn man die ausgefallenen Stunden zusammenrechnet.

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Bildungspolitiker/innen kämpfen wie kaum andere gegen den Schweinezyklus. Dabei ist das Problem bei der Bildungspolitik wesentlich prekärer als bspw. in der Wirtschaft: Wen man einmal eingestellt hat, wird man so leicht nicht mehr los (Verbeamtung, öffentlicher Dienst ...).

Aktuell befindet man sich deutschlandweit in dieser Situation:

  1. Die Schülerzahlen werden in Bälde stark sinken.
  2. Immer mehr Lehrer/innen werden pensioniert.

Die Zwickmühle: Stellen Bildungspolitiker/innen jetzt viele Lehrer/innen ein, um der Pensionierungswelle entgegenzuwirken, müssen diese bezahlt werden, wenn die Schülerflaute kommt. Deshalb versucht man aktuell, möglichst wenig Lehrer/innen einzustellen und so das Lehrerloch zu überbrücken. Ein an und für sich völlig verständliches Vorgehen.

Natürlich können die Gewerkschaften und Lehrerverbände das angesichts eines sowieso schon leicht desolaten Bildungssystems nicht durchgehen lassen und erregen sich periodisch darüber. In diesem Schuljahr fallen in Sachsen jährlich soundsoviel Stunden aus, die Lehrer/innen aus Bayern müssen soundsoviel Vertretungsunterricht leisten, es fehlen soundsoviel Lehrer/innen in Berlin - man nimmt es kaum mehr wahr, zumal die meisten Meldungen aus Bundesländern stammen, in denen man nicht arbeitet.

Unklar sind immer die Relationen. Herrscht tatsächlich eine massive Unterversorgung, wie die Gewerkschaften es bemängeln? Oder ist die Unterrichtsversorgung völlig gewährleistet, wie die Kultusminister/innen versichern?

Der große Skandal: 1,2 Millionen Unterrichtsstunden pro Woche

Nun hat der DL (Deutscher Lehrerverband) des Feuer wieder angefacht - und nicht zu knapp. Unter dem Dach des DL versammeln sich der Deutsche Philologenverband, der Verband Deutscher Realschullehrer, der Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen und der Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen, damit sind 160.000 Lehrer/innen im DL vertreten.

Aus der Pressemitteilung des DL vom 29.01.2012:

Am 29. Januar 2012 meldete dpa: Schüler an Gymnasien verpassen laut einer Studie in ihrer Schullaufbahn ein ganzes Schuljahr, weil Unterricht ausfällt. Das ergab eine Analyse des Deutschen Lehrerverbandes, von der die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» vom 29. Januar 2012 berichtet. Demnach finden zehn Prozent des Unterrichts in Deutschland nicht regulär statt. Dass zugleich mehrere zehntausende Lehrer keine feste Beschäftigung hätten, nannte Verbandspräsident Josef Kraus einen Skandal.

Grundlage für diese Meldung bzw. für den Bericht der FAS sind die nachfolgend dargestellten Ergebnisse der Recherchen des Deutschen Lehrerverbandes.

Situation des Unterrichts in den Schulen

  • Pro Woche müssten an Deutschlands allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen regulär rund 14 Millionen Stunden unterrichtet werden.
  • Je nach Land und je nach Schulform fallen zwischen zwei und fünf Prozent des Soll-Unterrichts ersatzlos aus, weitere vier bis fünf Prozent müssen in Mehrarbeit durch andere Lehrer – zum Teil fachfremd - vertreten werden.
  • Das ergibt pro Woche in Deutschland rund 1,2 Millionen Unterrichtsstunden, die nicht regulär stattfinden.
  • Diese Zahl an 1,2 Millionen Unterrichtsstunden entspricht der Unterrichtsverpflichtung von rund 45.000 Vollzeit-Lehrern

Situation auf dem Lehrerarbeitsmarkt

  • Realiter sind derzeit geschätzt 50.000 junge Nachwuchslehrer ohne adäquate Beschäftigung. Amtlich als „arbeitsuchend“ gemeldet waren im Dezember 2011 im allgemeinbildenden und im berufsbildenden Schulbereich rund 10.000 Lehrer.
  • Viele der 50.000 Nachwuchslehrer fristen ihre berufliche Existenz als Aushilfslehrer, in den wenigeren Fällen in Vollzeit und mit Jahresvertrag. Bei diesen befristeten Beschäftigungen handelt es sich häufig um Drei- bis Sechsmonatsverträge; selbst wenn ein sonst beschäftigungsloser Lehrer einen Jahresvertrag hat, kann es sein, dass die großen Ferien ausgeschlossen sind, es sich also nur um einen 10,5-Monate-Vertrag handelt. [...]
  • Besonders ungünstig sind die Beschäftigungschancen für junge Lehrer - vorbehaltlich der jeweiligen Unterrichtsfächer und je nach Bundesland - aktuell und schon seit längerem in den Bereichen Gymnasium, Realschulen, Gesamtschulen sowie anderer Schulformen im Sekundarbereich I (d.h. der Jahrgangstufen 5 bis 10). Fachspezifisch besonders ungünstig sind die Aussichten für Lehrer der Fächer Deutsch, Englisch, Geschichte. Hier reichten zuletzt nicht einmal Examensnoten um die Note 1,3 für eine unbefristete Anstellung.
  • Die günstigsten Aussichten haben Lehrer folgender Unterrichtsfächer: an den allgemeinbildenden Schulen in Mathematik, Physik, Informatik, an den Gymnasien zusätzlich in Latein; an den berufsbildenden Schulen in Elektrotechnik, Metalltechnik, Informationstechnik sowie in wirtschaftlich-kaufmännischen Fächern.
  • Auch wenn es die Politik anders zugesagt hat: Die Verkürzung des Gymnasiums von neun auf acht Jahre entpuppt sich als Sparprogramm. Den achtjährigen Gymnasien stehen nicht mehr so viel Lehrerstellen zur Verfügung wie den neunjährigen. [...]

Politische Forderungen und pädagogischer Mehrwert

Bis 1999 gingen bundesweit pro Jahr jeweils 10.000 bis 12.000 Lehrer in den Ruhestand (entsprechend jährlich rund 1,5 Prozent aller Lehrer in Deutschland). Seit rund fünf Jahren gehen jährlich bis zu 20.000 Lehrer in den Ruhestand. Diese Zahl wird sich bis 2010 weiter erheblich steigern und auf jährlich bis zu 40.000 ansteigen. Bis 2022 sind rund 400.000 der derzeit aktiven knapp 800.000 Lehrer in Deutschland aus Altersgründen nicht mehr im Dienst. Selbst bei unveränderten pädagogischen Rahmenbedingungen müssen diese Lehrer trotz leicht rückläufiger Schülerzahlenentwicklung zum größten Teil ersetzt werden.[...]

Schlussfolgerung

Die Schulen brauchen eine Lehrerversorgung von 110 Prozent, damit halbwegs ertragreiche unterrichtliche Rahmenbedingungen geschaffen sind. Die Finanzierung dieses zehnprozentigen Zuschlags an Lehrerstunden für jede einzelne Schule muss möglich sein, zumal Deutschland gemessen am Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt international allenfalls Mittelmaß ist.

Pädagogischer Mehrwert von Neueinstellungen

Eine Unterrichtsversorgung von 110 Prozent lässt nicht nur Unterrichtsausfall vermeiden, sondern sie erlaubt auch die Einrichtung von Förderkursen für schwächere und für besonders begabte Schüler. Nutznießer solcher Maßnahmen einer stärkeren individuellen Förderung wären vor allem Schüler aus Elternhäusern, die in Bildungsfragen weniger engagiert sind. Außerdem sind junge Lehrkräfte vielfach auch Multiplikatoren neuer Inhalte und Methoden sowie innovative Potentiale in den Schulen.

Die Zahlen des DL sind nicht nur alarmierend, sondern eindrücklich. Merken wir uns also:

  1. Jeden Tag finden in Deutschland 240.000 Unterrichtsstunden nicht regulär statt (d.h.: Sie fallen aus oder werden irgendwie vertreten, damit sie nicht ausfallen.).
  2. Damit sind deutschlandweit 45.000 Vollzeit-Lehrer-Stellen nicht besetzt (trotz immer noch viel zu großer Klassen).
  3. Wir sollten das Gymnasium nicht "G8" nennen, sondern "G7", da den Schüler/innen in ihrer Gymnasialzeit ein ganzes (weiteres) Schuljahr flöten geht.

Das Schlimmste daran: Es gibt keinen Verantwortlichen. Die KMK hat nichts zu sagen, die Kultusminister/innen der Länder beteuern, dass gerade in IHREM Land die Situation ganz anders sei - und die Bundeskultusministerin ... naja.

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