Wette aufs Abitur

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu Aufgaben 2009; Prognose für 2010 01.04.2009, 17:20

Themen des Deutsch-Abiturs in Baden-Württemberg 2009 waren u.a. "Michael Kohlhaas" (inkl. Vergleich mit "Proceß") und "Die Räuber" (gestaltende Interpretation). Ein ausführlicher inhaltlicher Kommentar zu allen Aufgaben, außerdem eine Prognose für die Abitur(s)themen 2010.

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Ein Gastkommentar von Db (JKG Bruchsal), die schon letztes Jahr eine zutreffende Prognose für 2009 gestellt hat. Vielen Dank!

Meine Prognose für das Deutsch-Abitur 2009 war natürlich Anlass zu einer kleinen Wette, doch wir sind uns noch nicht recht einig, wer gewonnen hat ... Wer gleich eine neue Wette auf’s nächste Abitur abschließen will, springt hier zur aktualisierten Prognose für 2010.

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg 2009

Im Folgenden werden die baden-württembergischen Abituraufgaben von 2009 genauer unter die Lupe genommen.
Zur großen Überraschung wurde wieder kein Text-Ausschnitt aus Kafkas „Proceß“ vorgelegt, was aber sicherlich bei vielen Abiturient/inn/en eher Erleichterung auslöste – stellvertretend sei Kommentar #40 zitiert:

Was für ein Glück, dass Kohlhaas drangekommen ist, mehr Glück kann man ja fast gar nicht haben…

Kommentar #40 zu Lehrerfreund:  Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu Aufgaben 2008; Prognose für 2009/2010

Aufgabe I: Vergleich Kohlhaas - Josef K.

Die (vorhergesagte) Vergleichs-Konstellation Kohlhaas - Josef K. in Aufgabe I ging stattdessen von einer sehr gut gewählten Kleist-Textstelle aus. Diese schildert den zweiten Wendepunkt für Kohlhaas’ Handeln (nach Lisbeths Tod jetzt das Plakat Luthers) und bietet sowohl inhaltlich als auch sprachlich-symbolisch ‚griffige’ Ansätze für Analyse und Interpretation.

Da die Materialien auf dem Landes-Lehrerfortbildungs-Server konkrete Anregungen zu dieser Textstelle geben, war sie vermutlich vielen Schüler/inne/n aus dem Unterricht vertraut.

Der Vergleichsaspekt „Selbstbestimmtheit“ bietet genug Möglichkeiten, die beiden Hauptfiguren ausführlich zu beleuchten und gegenüberzustellen. Aber er verlangt auch zunächst eine Begriffsklärung. Wer „selbstbestimmt Handeln“ mit bloßem „selber Handeln“ verwechselte und nicht die Beweggründe für das Handeln hinterfragte, geriet schnell auf falsche Fährten.

Unter Beachtung dieser Voraussetzung war es insgesamt eine recht dankbare Aufgabe I – wenn auch auf höherem Niveau als in den letzten Jahren, als eher offen die Personenkonstellationen (die Liebes-Paare oder das Eltern-Kind-Verhältnis bei „Effi Briest“ und „Kabale und Liebe“) oder die Schuldfrage (bei Karl Moor und Josef K.) verglichen wurden.

Aufgabe II: Gestaltende Interpretation der “Räuber” (nur allg. Gymn.)

In Aufgabe II (nur für allgemeinbildende Gymnasien) sollten wie erwartet “Die Räuber” gestaltend interpretiert werden. Die vorgelegte Textstelle aus IV,3 (Karl bekommt von Daniel Andeutungen und erschließt sich die wahren Geschehnisse) ist, wie die Kohlhaas-Stelle in Aufgabe I, zentral und ‚griffig’. Aber: Sie wird nicht in sich interpretiert, sondern dient nur als Ausgangspunkt für einen Dialog der beiden Brüder. Das war bestimmt schülerfreundlich gedacht - die beiden Hauptfiguren sind mit Sicherheit im Unterricht gründlich behandelt und gegenübergestellt worden und so konnten die Schüler/innen ihr Gelerntes, in direkte Rede verwandelt, ausführlich anbringen. Dennoch empfanden viele Kolleg/inn/en diese Aufgabe als sehr unglücklich gestellt. Sie verbiegt geradezu den Ausgangstext und die Figuren.

Zum einen passt sie nicht zur Textstelle: Karl hat gerade erfahren, dass sein Bruder Ursache allen Übels ist. Er will fliehen, da er fürchtet, bei einem Aufeinandertreffen mit Franz die Kontrolle über sich zu verlieren und zum Brudermörder zu werden. Karl ist also zu aufgewühlt, um mit Franz eine durchdachte, „grundsätzliche Auseinandersetzung über ihr Denken und Handeln“ (so die Aufgabenstellung) zu führen. Nur um Amalia noch einmal zu sehen bleibt er im Schloss. Franz hingegen hat ebenfalls gerade erst entdeckt, dass hinter der Verkleidung des Graf von Brand der verhasste, zugleich aber auch gefürchtete Bruder Karl steckt. Da mit Auftauchen Karls sein Herrschaftsanspruch in sich zusammenfiele und seine skrupellosen Intrigen ans Licht kämen, sieht Franz nur den Ausweg, seinen Bruder zu beseitigen und erteilt dem alten Daniel den Auftrag zum Mord. Auch Franz wäre also zu einem besonnenen Gespräch nicht in der Lage.

Zum anderen hat Schiller aus gutem Grund beide Figuren nicht miteinander reden lassen, da sie vom grundsätzlichen Typus her dazu nicht fähig sind: Karl ist zu emotional und ichbezogen. Wie sollte er jetzt, also nach Jahren, die in der gemeinsamen Kindheit liegenden Gründe für das Handeln seines Bruders verstehen können? Außerdem besteht sein Verhaltensmuster bei Schwierigkeiten im Weglaufen, selbst mit der geliebten Amalia gelingt ihm kein klärendes Gespräch. Franz ist ebenso zu sehr mit sich und seinem Streben nach Macht beschäftigt; er monologisiert, statt mit anderen über seine Schwierigkeiten zu sprechen.
Eine Gestaltende Interpretation unter Beachtung dieser Voraussetzungen stelle ich mir etwa so vor ☺:

Franz: Ha! Du hier, Verfluchter?
Karl: will fliehen
Franz: Da, nimm dies! sticht ihm den Degen in die Brust
Karl: in wilden Zuckungen Bruder, ich… verröchelt
Amalia: eilt herbei Karl? Mein Karl! NEIN!!
zieht den blutigen Degen aus Karl, ersticht damit Franz; geht ab, vermutlich ins Kloster

Ihren Dialog führen Karl und Franz anschließend als “Epilog im Himmel” mit Petrus als Psychotherapeuten…

An diesem abstrusen Lösungsvorschlag zeigt sich eine weitere Schwierigkeit: Wie führt man den Dialog zu einem in sich schlüssigen Ende? Zu Recht fragt ein Schüler in Kommentar #43

..muss der Dialog so abschließen, dass das Drama anschließend normal weiter läuft und kann es auch gleich enden…...habt ihr verstanden was ich mein?

Kommentar #43 zu Lehrerfreund:  Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu Aufgaben 2008; Prognose für 2009/2010

Bei dieser Aufgabenstellung ist nicht vorstellbar, dass nach dem Dialog der Hauptfiguren das Drama ‚wie gewohnt’ weiterläuft. So wäre beispielsweise das Ende von Szene IV,5 hinfällig: Karl will hier nach dem Auffinden seines gequälten Vaters den Täter Franz zur Rede stellen und verlangt, dass Schweizer ihn ihm lebend bringe.
Also müsste eigentlich von den Schüler/inne/n ein komplett neues Ende des Dramas erdacht werden – was aber im Rahmen einer Abiturprüfung nicht erwartet werden kann und was bei der Korrektur wohlwollend bedacht werden sollte.

Ganz kritisch betrachtet verlangt Aufgabe II gar keine Gestaltende Interpretation – weder wird der Textausschnitt interpretiert noch auf die im Unterricht erarbeitete Interpretation des gesamten Dramas Rücksicht genommen.

Gestaltendes Interpretieren dient dazu, einen literarischen Text durch eine gestaltende Antwort zu erschließen. Die Textvorlage darf dabei nicht als bloßer Auslöser eines subjektiven oder imitativen Schreibens fungieren. Die Textproduktion muss auf einem überprüfbaren Textverständnis basieren, dazu zählt bei literarischen Texten insbesondere der sprachgeschichtliche und literarhistorische Kontext. Die Aufgabenstellung zielt insbesondere auf Leerstellen, die der Interpret in Bindung an den Text, versehen mit einem Spielraum individueller Akzentuierung und Pointierung, ausgestaltet. Sie muss textkompatibel sein, d.h., sie darf einem allgemeinen Textverständnis nicht zuwiderlaufen.

Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Deutsch; Beschluss der Kultusministerkonferenz i.d.F. vom 24.05.2002 (PDF)

Gemessen an dieser ‚amtlichen’ Definition wird stattdessen lediglich ein Schreibanlass („bloßer Auslöser“, s.o.) geboten, der vom Drama nur wegführen kann. Der Dialog der Brüder ist aus weiter oben beschriebenen Gründen keine „Leerstelle“, ich denke, Schiller hat ihn bewusst weggelassen.

Es ist sehr schade, dass der an sich ergiebige Aufgabentyp Gestaltende Interpretation, der eine sinnvolle Alternative für eher sprachlich als analytisch begabte Schüler/innen bietet, durch solche nicht zu Ende gedachten Aufgabenstellungen in ein schlechtes Licht gerät.

Aufgabe IV: Liebeslyrik

Das vierte ‚Sternchenthema’ für Aufgabe IV heißt „Deutsche Liebeslyrik vom Barock bis zur Gegenwart“ und wurde zum ersten Mal in diesem Abitur geprüft.

Der ‚Untertitel’ legt einen Vergleich von zwei Gedichten aus verschiedenen Epochen nahe – aber auf die beiden Jahrhundertwenden 19./20. und 20./21. Jahrhundert wäre man wohl als Letztes gekommen. Kommentar #76 bemerkt treffend: „hätt nich gedacht, dass sie gleich im 1. Jahr Liebeslyrik so “blöde” Gedichte nehmen…“

Dagmar Nick, die Autorin des Gegenwarts-Gedichtes, dürfte nur wenigen bekannt gewesen sein, ebenso für ihr Schaffen relevante Ereignisse aus den 1990ern, so dass die reichen Metaphern eigentlich nur hermeneutisch gedeutet werden konnten. Leider erwies sich so das im Unterricht erarbeitete Wissen zu Epochen und ihren typischen Merkmalen, Autoren und Jahreszahlen als praktisch nutzlos.
Zum Textvergleich springen außer der eher rätselhaft-symbolischen Sprache beider Gedichte kaum inhaltliche Gemeinsamkeiten ins Auge, also legten vermutlich viele, die sonst gern Gedichte interpretieren, schnell die diesjährige Aufgabe IV als ‚zu schwer’ beiseite.

Die Erörterungen: Aufgabe III: Literarische Erörterung und Aufgabe V: Texterörterung

Die Literarische Erörterung, Aufgabe III, bot ein ungewöhnlich langes Zitat als ‚Aufhänger’, in dem recht klar und differenziert ein „Verständnis von Literatur“ dargestellt wurde. Mit diesem sollten sich die Schüler/innen auseinander setzen „anhand (i)hrer Leseerfahrungen“ (also privater wie schulischer Art) – so sie welche haben…

Entsprechend verweise ich auf meinen Appell am Ende des Kommentars zum Abitur 2008 (Baden-Württemberg): „Lest mehr - und wenn nicht gern die Klassiker, dann zumindest Tageszeitungen (ob gedruckt oder online)“ und erweitere ihn um „… und Literatur, die Euch zu Einfühlungsvermögen hilft.“

Auch bei der Wahl von Aufgabe V, Texterörterung half Lesen ... Hoffentlich haben alle die Anmerkung zur Bewertung genau studiert: In diesem Jahr zählt die Analyse des Sachtextes, also die erste Teilaufgabe, mehr als dessen Erörterung.

Der Text zum „Verlust der Zeit“ aus der Süddeutschen Zeitung (! ☺) ist für Schüler/innen sicher thematisch ansprechend, sprachlich gut gestaltet und plausibel zu strukturieren. Da er jedoch in sich schlüssig wirkt und wenig ‚Reibungsfläche’ bietet, fiel eine ausgewogene Erörterung, ob adressatenbezogen (hier verlangt: Leserbrief) oder frei (hier auf eine ausgewählte These bezogen)  sicherlich nicht leicht. Insofern kann man die Festlegung des Beurteilungsschwerpunktes auf die analytische Teilaufgabe als schülerfreundlich und fair ansehen.


 

Prognose für Abitur-Themen 2010 (aktualisiert)

In 2010 sind „Die Räuber“ in Baden-Württemberg zum letzten Mal ‚Sternchenthema’, ab 2011 werden sie durch „Der Besuch der alten Dame“ ersetzt, siehe Lehrerfreund: Neue Abitursthemen/-aufgabentypen in Baden-Württemberg ab 2011/2013.

Diesmal ist Schillers Drama auch für die Beruflichen Gymnasien relevant – in 2009 musste hier ersatzweise auf „Kabale und Liebe“ umgeschwenkt werden, da die diesjährigen Abiturienten zu „Die Räuber“ schon in ihrem Realschul-Abschluss geprüft wurden.

Also könnte Schillers Werk durchaus in der für beide Gymnasien geltenden Vergleichs-Aufgabe vertreten sein. Hier stand der Hauptfigur Karl von Moor bereits Josef K. aus dem „Proceß“ gegenüber (Abitur 2008). Ich bleibe also im Prinzip bei meiner Prognose für Aufgabe I: Vergleich „Die Räuber“ – „Kohlhaas“ (Textausschnitt aus „Die Räuber“) und Aufgabe II: Gestaltende Interpretation des „Proceß“.

Letzteres ‚geht zwar eigentlich nicht’, aber nachdem schon von den Schüler/inne/n ein Dialog der Gebrüder Moor verlangt wurde, schaffen sie es doch locker, Josef K.s Eingabe zu verfassen (die Kafka ausließ ...). Im Ernst: Sinnvolle Kreativ-Ideen zu Kafka könnten z.B. ein Briefwechsel mit dem Onkel oder ein Besuch bei einem fiktiven neuen Anwalt sein, dem Josef K. seinen Fall schildert.

Als alternative Prognose denkbar, wenn auch in meinen Augen nicht ganz so ergiebig, ist eine Vergleichsaufgabe zu Josef K. und Franz von Moor. So könnten beispielsweise Gründe für ihre Isolation und ihr Umgang mit den Mitmenschen, u.a. den Frauen, beleuchtet werden. Bei dieser Vergleichs-Konstellation würde dann „Michael Kohlhaas“ gestaltend interpretiert, wozu sicherlich einige anregende Aufgabenstellungen vorstellbar sind. Der Textausschnitt in Aufgabe I sollte dabei aus dem „Proceß“ stammen, sonst wäre diese Variante B dem Abitur 2008 zu ähnlich. Dass der Vergleich von Nebenfiguren (z.B. Amalia, Leni oder Wenzel von Tronka) ausgeht, halte ich für eher unwahrscheinlich.

Zusammenfassung der Prognosen für das Deutsch-Abitur 2010:

Variante A
Aufgabe I: Analyse „Die Räuber“ – Vergleich mit „Michael Kohlhaas“
Aufgabe II: Gestaltende Interpretation von „Der Proceß“

Variante B
Aufgabe I: Analyse „Der Proceß“ – Vergleich mit „Die Räuber“
Aufgabe II: Gestaltende Interpretation von „Michael Kohlhaas“

Alle Angaben wie immer ohne Gewähr ☺ - und in jedem Falle viel Erfolg!

Ein Gastkommentar von Db (JKG Bruchsal), die schon letztes Jahr eine zutreffende Prognose für 2009 gestellt hat. Vielen Dank!
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