»Nicht repräsentativ«

»Zukunft durch Bildung 2011« - Große Bildungsumfrage mit wenig Gehalt 16.04.2011, 20:45

Ausschnitt: Logo der Bildungsumfrage 2011 Zukunft durch Bildung
Bild: Logo 'Zukunft durch Bildung'

In allen Zeitungen liest man dieser Tage über die große Bildungsumfrage 2011 "Zukunft durch Bildung - Deutschland will's wissen", initiiert durch keinen Geringeren als die BILD-Zeitung und Andere. Die Schlagzeilen rütteln auf: "Die Deutschen lehnen den Bildungsföderalismus ab", "Schlechte Noten für Bildung", "Deutsche würden mehr für Bildung zahlen" usw. usf. Dabei ist die Studie kein bisschen repräsentativ - und nur 27% der "480.000 Menschen" füllten den Fragebogen überhaupt vollständig aus. Sitzen wir einem gigantischen Schwindel auf?

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Die Studie ‘Zukunft durch Bildung - Deutschland will’s wissen’ wurde durchgeführt von der Bertelsmann Stiftung, BILD, Hürriyet und Roland Berger Strategy Consultants. Von “fast eine halbe Million Teilnehmer” ist die Rede, die Presse überschlägt sich - hat man doch wieder etwas zum Wiederkäuen gefunden:

  • Bundesbürger befürworten einheitliche Schulbildung und Ganztagsschulen (Märkische Allgemeine)
  • Deutsche zu höheren Steuern für bessere Bildung bereit (Stern)
  • Umfrage: Deutsche würden mehr für Bildung zahlen (AFP)
  • Deutsche wollen mehr Reformen in der Bildung (RP Online)
  • Umfrage: Bürger geben Bildungssystem schlechte Noten (Focus Online)

Umfrage “Zukunft durch Bildung 2011” nur eingeschränkt aussagekräftig

Die Studie und ihre Ergebnisse sind aus verschiedenen Gründen zumindest mit Vorsicht zu genießen:

1. Viele Köche ...

Die Umfrage wurde durchgeführt von der Bertelsmann Stiftung, BILD, Hürriyet und Roland Berger Strategy Consultants mit den Partnern GMX, Revolvermänner, TNS infratest, web.de, die VZ-Netzwerke, shareifyoulike und meinestadt.de. Als Supporter stehen fmpreuss, PAUL, unicum, LSR, yopi.de, familie.de, LEO, spin.de, wg-gesucht.de und flirt-fever.de. Das ist alles herrliche Betriebe, und wahrscheinlich bezahlen sie einfach nur, um an entsprechenden Stellen genannt zu werden - aber irgendwie sind es dann doch ziemlich viele Finger, die in der Suppe rühren.

2. Studie nicht repräsentativ

Die Studie ist kein bisschen repräsentativ. Das ist auch auf der offiziellen Studienwebsite zu lesen:

8. Sind die Ergebnisse repräsentativ?

Nein. Eine Befragung kann nur dann repräsentativ sein, wenn die Teilnehmer per Zufall nach bestimmten Kriterien ausgewählt werden und so den Querschnitt der Bevölkerung abbilden. Bei “Zukunft durch Bildung - Deutschland will’s wissen” kann und soll aber jeder teilnehmen. Die Umfrage erhält ihr Gewicht über die Zahl der Teilnehmer: Je mehr mitmachen, desto aussagekräftiger ist die Umfrage.

9. Welchen Nutzen hat eine nicht-repräsentative Online-Umfrage?

Eine Bürgerbefragung hat den Vorteil, dass jeder mitmachen kann: Dadurch kann sie das Meinungsbild breiter Bevölkerungsschichten abbilden jenseits der Fachdiskussionen.

Zukunft durch Bildung - Die Umfrage/FAQ

Bei “Die Umfrage erhält ihr Gewicht über die Zahl der Teilnehmer” fällt dem Statistikprofessor die Brille aus dem Gesicht. Und bei “Alle, die keinen Internet-Zugang haben, finden eine gestraffte Druckversion des Fragebogens in BILD.” natürlich auch.

Man verstehe das nicht falsch: Auf den Webseiten prangt überall deutlich der Hinweis “Unabhängige Durchführung TNS infratest”, und sicher hat die Umfrage eine gewisse Aussagekraft. Mehr aber auch nicht.

3. Kaum einer hat den Fragebogen vollständig ausgefüllt

Im rund dreiwöchigen Befragungszeitraum vom 14. Februar bis zum 9. März haben sich 480.000 Menschen beteiligt, von denen rund 130.000 den kompletten Fragebogen beantwortet haben. “Zukunft durch Bildung – Deutschland will’s wissen” ist somit nach der Teilnehmerzahl die größte Umfrage zum Thema Bildung, die es je in Deutschland gab. [...] Ergänzend zur Online-Befragung gab es für Nicht-Internetnutzer eine vereinfachte Version des Fragebogens in der Tageszeitung BILD.

Ergebnisse der Online-Bürgerbefragung ‘Zukunft durch Bildung – Deutschland will’s wissen’ (PDF), S. 12

Böse Zungen behaupten, dass die “größte Umfrage zum Thema Bildung, die es je in Deutschland gab”, aus Hunderttausenden von BILD-Zeitungs-Leser/innen halb ausgefüllten Fragebögen besteht.

Warum die Umfrage trotzdem in aller Munde ist

Die Presse berauscht sich an den verblüffenden, sensationellen Ergebnissen - wurden die Studienergebnisse für die Presse doch auch schön mit Diagrammen aufbereitet, aus denen man gleich ohne viel Arbeit eine Fotostrecke machen kann.

Tatsächlich sind die Umfrageergebnisse entweder sympathisch oder interessant: Die Politik hat in Sachen Bildung versagt, die Bürger/innen würden für ein besseres Bildungssystem Steuererhöhungen in Kauf nehmen und: 80% der Befragten lehnen den Bildungsföderalismus ab (zumindest die, die im Fragebogen bis Frage 8 gekommen sind, s.o.). Das liest man doch immer gerne.

Ebenfalls sehr gefällig: Der Bundespräsident der BRD, Christian Wulff (CDU), schreibt das Vorwort zur Studie. Das schafft Vertrauen.

Was das jetzt für uns alle bedeutet

Ehrlich gesagt: Überhaupt nichts. Wer immer noch Interesse daran hat, zu erfahren, was “die Bürger” über BILDung so denken, der kann hier weiterklicken:

Wem das zu komplex ist, der kann etwas entschärfte Versionen direkt bei der BILD-Zeitung nachlesen [sic]:

92 % sind für einheitliche Lehrpläne in allen Bundesländern. 82 % bezweifeln, dass Konkurrenz , lehnen verschiedene Lehrstoffe in den Bundesländern verschieden ist, verlangen mehr Einheitlichkeit in der Bildungspolitik.

BILD.de [ohne Datum]: BILDUNGS-UMFRAGE - Kita, Schule, Uni: Das ärgert die Deutschen am meisten

Oder noch kürzer, ebenfalls bei der BILD:

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