Lyrik-Ideen

“Produktiver Umgang mit Lyrik” - Rezension 01.02.2005, 18:37

"Produktiver Umgang mit Lyrik" von Günter Waldmann ist ein umfassender Praxisleitfaden für den Lyrikunterricht in der Primarstufe und der Sekundarstufe I/II.

Anzeige
Günter Waldmann: Produktiver Umgang mit Lyrik, 311 Seiten Schneider Verlag Hohengehren, 8. Aufl. 2003 19,00 € Wir danken dem Verlag Schneider Hohengehren für die kostenlose Bereitstellung eines Rezensionsexemplars. Diese Freundlichkeit beeinflusst uns jedoch in keiner Weise in unserer Bewertung.

Prof. Dr. Günter Waldmann ist in der didaktischen Szene schon seit längerem vor allem für seinen produktionsorientierten Ansatz bekannt (der ja inzwischen zum Standard jeder Referendarsausbildung gehört). Hören wir, was er zu seinem Buch zu sagen hat:

Zunächst noch ein Wort zur Gesamtkonzeption dieses Buches: Es führt in Lyrik ein, indem es die wesentlichen lyrischen Merkmale an Gedichten produktiv erkunden läßt. [...E]s geht bei den einzelnen Arbeitsanregungen darum, lyrische Merkmale möglichst genau und intensiv zu erfassen, es geht weniger darum, wie bei dem jeweiligen Gedicht der unterrichtliche Prozeß des Verstehens [...] durchgeführt werden können.
S. 277

Das Buch

In seinem Klassiker “Produktiver Umgang mit Lyrik - Eine systematische Einführung in die Lyrik, ihre produktive Erfahrung und ihr Schreiben” langweilt Waldmann uns somit nicht mit didaktischen Ausführungen, sondern stellt über 100 praxisnahe Arbeitsanregungen inklusive Primärmaterialien für den Unterricht vor. Die meisten Vorschläge sind sinnvoll und können direkt in den Unterrichtsalltag übernommen werden. So finden sich Teile des Buches in Arbeitskapiteln der Lesebuchreihe “Unterwegs” (Klett) als ausgearbeitete Unterrichtsreihen wieder (Lehrerhefte ebenfalls bei Klett erhältlich).

Aufbau

Ohne lange theoretische Exkurse findet sich nach dem Vorwort schon auf Seite 6 die erste Arbeitsanregung. Die einzelnen Kapitel und Unterkapitel werden durch einen kurzen didaktischen Kommentar eingeleitet (i.d.R. nicht länger als eine halbe Seite); es folgt ein Arbeitsvorschlag in Verbindung mit zu bearbeitenden Gedichten o.ä. und ein Kommentar zur Vorgehensweise/Lösungsvorschläge. Die Arbeitsvorschläge sind durchnummeriert und werden im letzten Kapitel des Buches zu verschiedenen Unterrichtseinheiten kombiniert.
Besonders erfreulich ist die Existenz von Kapitel 10: “Methodische Hinweise und Vorschläge”. Hier schreibt Waldmann einleitend:

Wie soll man in Schule und Hochschule oder im Selbststudium mit diesem Buch umgehen? Nicht nötig scheint mir, seinen erfahrungsbezogen-produktiven Ansatz noch eigens didaktisch zu diskutieren: Er hat strukturell didaktische Funktion, und sie schlägt sich in den Arbeitsanregungen nieder .... Deshalb gebe ich in diesem Kapitel nur einige unmittelbar praxisbezogene methodische Hinweise und Vorschläge.
S. 274

Und das tut er. In diesem (fast wichtigsten) Teil des Buches kann rascher Zugang zu den einzelnen Arbeitshinweisen gefunden werden - entweder nach Klassenstufe und speziellen Themen der Gedichtanalyse, lyrischen Motiven oder nach verwendeter Methode.

  1. Geordnet nach Altersstufen (Primarstufe, Sek I Klasse 5-7, Sek I Klasse 8-10, Sek II Klasse 11-13) finden sich tabellarisch Vorschläge zum Unterrichtsverlauf, die auf die Arbeitsanregungen im Hauptteil verweisen. Die Vorschläge beziehen sich jeweils auf “Allgemeine Hinführung zur Lyrik”; dann folgen “Spezielle Unterrichtssequenzen und -einheiten” wie z.B. “Freier Vers”, “Vers: Metrum und Rhythmus”, “Leitmotiv” oder “Strophenform”. Außerdem stellt Waldmann hier verschiedene kleinere komplette Unterrichtseinheiten Lyrik zusammen (Umfang: 6-15 Stunden) - kleiner Hinweis für Referendare: Das könnte für das Erstellen von Stoffverteilungsplänen sehr nützlich sein.
  2. Es folgt ein Verzeichnis von Themen und Motiven, denen die Arbeitsanregungen des Hauptteils zugeordnet werden können (z.B. “Konkrete Poesie”, “Liebeslyrik”, “Naturlyrik”, “Politische Lyrik” oder “Umweltzerstörung”) und
  3. eine Übersicht der verwendeten produktiven Verfahren.

Bewertung

An diesem Buch stimmt alles (außer der Rechtschreibung - die ist alt). Die Arbeitsanregungen sind durchdacht und didaktisch sinnvoll, die Kommentare und Bearbeitungshinweise erleichtern die Arbeit/Unterrichtsvorbereitung mit dem Buch enorm. Besonders beeindruckt hat uns die Praxisnähe. Gerade bei unterrichtsrelevanter Literatur zum Thema Lyrik muss man sich oft durch seitenlanges didaktisches Geschwafel kämpfen, bis die ersten Materialien auftauchen. Die inhaltliche Flut kann durch ausgiebige Benutzung der unterschiedlichen Zugangsverweise im letzten Kapitel bewältigt werden. Der Preis (19 Euro) ist mehr als angemessen.

Inhaltsübersicht

Es folgt eine Übersicht über den Inhalt des Buches, um Ihnen eine eventuelle Kaufentscheidung zu erleichtern.

  1. Hinführung zur Lyrik
    1. Einstimmung in Lyrik und den produktiven Umgang mit ihr
    2. Hinführung zur visuellen Form von Lyrik
    3. Hinführung zur sprachlichen Organisation von Lyrik und zu eigenem Schreiben in lyrischen Formen
    4. Hinführung zur lautlich-rhythmischen Gestaltung von Lyrik
    5. Hinführung zum Unterschied von Lyrik und Prosa
  2. Lyrische Vorschule: Der freie Vers
    1. Der Vers und seine Lautform (an Gedichten Frieds und anderer)
    2. Der freie Vers, seine visuelle Form und ihre Sinnfunktion (an Gedichten des barock, H. Domins, Frieds, Bieneks und anderer)
  3. Lyrische Versformen: Metrum - Rhythmus (Phonologische Strukturen I)
    1. Erste Erkundungen des Metrums (an Songs aus Brechts “Dreigroschenoper”)
    2. Metrische Formen, ihre Funktionen und Leistungen (an politischer Lyrik Brechts)
    3. Modell metrischen Verstehens (an einem Naturgedicht)
    4. Visuelle Darstellung metrischer Differenzerfahrungen (an Naturgedichten Mörikes, Trakls und Bächlers)
    5. Metrum und Rhythmus
  4. Lyrische Klangformen: Lautsymbolik - Alliteration und Assonanz - Reim (Phonologische Strukturen II)
    1. Zum Klangcharakter der Sprache: Lautnachahmung und Lautsymbolik, das Lautgedicht (an Gedichten Morgensterns und des Dada sowie Jandls)
    2. Lyrischer Klangcharakter, Alliteration und Assonanz (an Konkreter Poesie und einem Gedicht Eichendorffs)
    3. Der Reim (an Gedichten des Dada und des Expressionismus, Heines, Eichendorffs und anderer)
    4. Eigene Erfahrungen mit dem Verfassen von Reimgedichten
  5. Lyrische Wortformen: Wortwiederholung - Leitmotiv - Mehrdeutigkeit (Semantische Strukturen I)
    1. Die Wortwiederholung (an Gedichten Kunerts, Enzensbergers, Brechts und anderer)
    2. Das Leitmotiv (an Gedichten Enzensbergers sowie Celans, I. Bachmanns und anderer)
    3. Die Mehrdeutigkeit (an Gedichten Enzensbergers sowie Törnes, Frieds und anderer)
  6. Lyrische Bildformen: Metapher - Allegorie - Symbol (Semantische Strukturen II)
    1. Hauptmerkmale der Metapher
    2. Fügungen der Metapher - das Oxymoron (an Gedichten Flemmings und anderer)
    3. Leserbezogenheit der Metapher - die Synästhesie (an einem Gedicht Brentanos und Textstellen Trakls)
    4. Erfahrungen mit dem traditionellen Metaphernverständnis (an Gedichten von K. Allert-Wybranietz)
    5. Die Allegorie (an Gedichten Kunerts, Enzensbergers, S. Kirschs, Biermanns und anderer)
    6. Das Symbol (an Gedichten Goethes und des späten Brecht)
  7. Lyrische Satzformen: Enjambement - Inversion - Parallelismus - Chiasmus und andere Satzfiguren (Syntaktische Strukturen)
    1. Das Enjambement (an Gedichten Rilkes, M.L. Kaschnitz’, Bobrowskis, S. Kirschs, Brinkmanns und anderer)
    2. Inversion und Enjambement (an Gedichten Hölderlins)
    3. Parallelismus, Chiasmus und weitere Satzfiguren - ‘glatte’ und ‘harte’ Fügung (an einem Text Hölderlins, an Gedichten Frieds, Bobrowskis und anderer)
  8. Lyrische Strophenformen: Vier- und dreizeilige Strophe - Terzine, Stanze, Rondel - Sonett (Textuelle Strukturen)
    1. Strophe und Verszeile - Sinnzusammenhang und Sinninduktion in der Strophe (an Gedichten heines, Eichendorffs, I. bachmanns, und anderer)
    2. Einzelne Strophenformen (an Gedichten Lichtensteins, Trakls, Stefan Georges, I. Bachmanns, Frieds und anderer)
    3. Das Sonett (an Gedichten Goethes, Mörikes, Lichtensteins, Trakls und anderer)
  9. Skizze des zugrundeliegenden literaturtheoretischen Konzepts produktiver literarischer Differenzierung
  10. Methodische Hinweise und Vorschläge
    1. Produktiver Umgang mit Lyrik in der Schule
    2. Vorschläge für Unterrichtseinheiten und -sequenzen
      1. Primarstufe: 4., gegebenenfalls auch 3. Klasse
      2. Sekundarstufe I: 5.-7. Klasse
      3. Sekundarstufe I: 8.-10. Klasse
      4. Sekundarstufe II: 11.-13. Klasse
      5. Schreibgruppen/Workshops: Arbeitsanregungen mit größerem Anteil eigenen Schreibens
    3. Verzeichnis von Themen und Motiven
    4. Verzeichnis der verwendeten produktiven Verfahren
  11. Anmerkungen
  12. Literaturverzeichnis
  13. Personenregister, Sachregister
Anzeige