Pflichtlektüre

Effi Briest: Individuum und Gesellschaft - Unterrichtsvorschlag 14.11.2004, 13:59

In Baden-Württemberg sind die Pflichtlektüren der Oberstufe im Kontext von anthropologischen Spannungsfeldern zu behandeln. Theodor Fontanes "Effi Briest" wird gemäß dieser Konzeption unter besonderer Beachtung des Spannungsfeldes "Individuum und Gesellschaft" unterrichtet. Ein Vorschlag für eine Unterrichtssequenz mit Arbeitsblättern.

Anzeige

Spannungsfelder

Die “Spannungsfelder” beziehen sich in Baden-Württemberg seit 2003 auf alle Pflichtlektüren der Oberstufe, d.h. Eingangsklasse (Klasse 11) und Jahrgangsstufen 1 und 2 (Klasse 12 und 13). Für die aktuellen Pflichtlektüren sind folgende Spannungsfelder vorgegeben:

  • Eingangsklasse - Lessing: Emilia Galotti (Spannungsfeld Verstand<->Gefühl)
  • Jahrgangsstufe 1/2 - Theodor Fontane: Effi Briest (Spannungsfeld Individuum<->Gesellschaft)
  • Jahrgangsstufe 1/2 - Friedrich Schiller: Kabale und Liebe (Spannungsfeld Macht<->Ohnmacht)

Bei der schriftlichen Abitursprüfung dienen diese anthropologischen Spannungsfelder dazu, literarische Texte in größere kulturgeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen und mit Texten anderer Gattungen und Epochen zu vergleichen. Es bietet sich deshalb an, im Unterricht einen Link zwischen den beiden Pflichtthemen herzustellen; die besagten Spannungsfelder fungieren als Scharnier. Die Spannungsfelder “Macht -Ohnmacht” und “Individuum - Gesellschaft” sind dabei kompatibel und analogisierbar.

Effi Briest im Spannungsfeld “Individuum und Gesellschaft”

Bei der Behandlung von Effi Briest sollte den Schüler/innen schon zu Beginn der Einheit die Spannungsfeldbrille aufgesetzt werden. Sie erhalten so einen roten Faden, der immer einen Anhaltspunkt für die Deutung aller Szenen und Strukturen bietet. Wir schlagen (nach Sicherung des Textverständnisses) folgendes Vorgehen vor:

Stunde 1-2: Erarbeitung der Begriffe “Individuum”, “Gesellschaft” und “Soziale Norm”

Zum Einstieg empfiehlt sich ein Bild von Robinson Crusoe (sehr schön ist das von N.C. Wyeth: Robinson Crusoe illustration) unter folgenden Fragestellungen:

  • Was unterscheidet ihn von uns? Kleidung, Manieren, Sitten, Robinson stinkt, rülpst vielleicht usw.
  • Warum legt Robinson diese Verhaltensweisen an den Tag? Keine gesellschaftliche Kontrolle
  • Die Gesellschaft “verbietet” uns, unseren Blähungen freien Lauf zu lassen oder erschwert es uns, z.B. unsere homosexuellen Vorlieben öffentlich zu zeigen - ist die Gesellschaft böse? Normen regeln Zusammenleben

Robinson Crusoe
Bild: Robinson Crusoe bei Wikimedia Commons

Anhand von Auszügen entsprechender Einträge im Wikipedia-Lexikon werden nun die Begriffe Individuum, Gesellschaft, Soziale Norm erarbeitet. Wir haben die entsprechenden Einträge als pdf-Datei auf dem Arbeitsblatt “Texte zu Individuum und Gesellschaft” verewigt.

Im Anschluss daran sollen die Schüler/innen aufschreiben, welchen Normen sie sich unterworfen fühlen und dazu jeweils ankreuzen, wie sie zu diesen Normen stehen. Besprechung erfolgt in Gruppen, dann kurze Zusammenfassung durch die einzelnen Gruppen im Unterrichtsgespräch. Verwenden Sie dieses Arbeitsblatt “Normen in meinem Leben” dazu.

Zur Vertiefung sollten Sie den Text Duell Digitale (telepolis) lesen. Dieser Text eignet sich gut, um die Schüler/innen aus ihrer Lebenswelt abzuholen, da hier ihnen wohl bekannte soziale Imperative thematisiert werden: Männlich und erfolgreich ist der, der die neuesten technischen Geräte sein eigen nennt und mit zugehörigem Fachwissen prahlen kann.

Stunde 3-4: Effi Briest/Innstetten im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft

Vorschau: Arbeitsblatt Effi Briest - Individuum und Gesellschaft

In Gruppenarbeit sollen die Schüler/innen nun ihre Textkenntnis unter Beweis stellen. Dabei beschäftigt sich die eine Hälfte der Klasse mit Innstetten, die andere mit Effi. Arbeitsauftrag:

Was erwartet die Gesellschaft von Effi/von Innstetten? Sammeln Sie einzelne Punkte und zugehörige Belegstellen.

Jede/r Schüler/in soll die Ergebnisse tabellarisch auf einem Schmierblatt festhalten, etwa so:

Erwartungen der Gesellschaft Belegstelle/n
   

Diese Phase sollte mindestens 45 Minuten dauern. Danach werden die Gruppen vollständig gemischt, sodass sich insgesamt 4 Gruppen ergeben. Am besten zählen Sie dazu durch (von 1 bis Klassenstärke/4), die Schüler/innen mit den gleichen Zahlen stellen die neue Gruppe. Diese Gruppen füllen nun das Arbeitsblatt “Effi Briest - Erwartungen der Gesellschaft” (pdf) aus. Das Ergebnis könnte ungefähr so aussehen: mögliche Lösung (pdf).
Für diese Phase veranschlagen Sie 25 Minuten.

Die Schüler/innen stellen nun ihre Ergebnisse vor, im Unterrichtsgespräch können sie vertieft werden. Auf jeden Fall empfiehlt sich noch ein Eingehen auf die Frage: Wer von beiden hat gegen die Erwartungen der Gesellschaft verstoßen? So kann man schon ein wenig auf die den Roman dominierende Frage nach Schuld und Verschulden zu sprechen kommen.

Anzeige