Erörterung der Todesstrafe

(Text-)erörterung am Bsp. Todesstrafe - Arbeitsblätter und Unterrichtsvorschlag 05.10.2005, 00:24

Bei der Erörterung bieten sich polarisierende Themen an. In höheren Klassen (obere Mittelstufe, Oberstufe) ist das Thema "Todesstrafe" von hoher Motivationskraft (auch fächerübergreifend mit Gemeinschaftskunde/Politik/Religion/Ethik).

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Inhalte der Arbeitsblätter übernommen von Initiative gegen die Todesstrafe - Danke für die Erlaubnis!

“Todesstrafe” als Erörterungsthema

Das Thema “Todesstrafe” ist komplex und nicht einfach zu behandeln, da hier ethische Wertungen und Mutmaßungen über gesellschaftliche Auswirkungen einfließen, die die Argumentation angreifbar machen bzw. unzulässig erscheinen lassen können. Andererseits macht gerade dieser Punkt die Erörterung ethischer Themen kontrovers und interessant.

Argumente wie “Rauchen kostet viel Geld” sind stark und (außer in ihrer Gewichtung) kaum diskutierbar , denn Begründung, Beleg und Beispiele sind hier kaum anfechtbar. Das Argument “Die Todesstrafe wirkt eher verrohend als abschreckend” dagegen bietet eine Menge Ansatzpunkte zu Kritik, da Begründungen und Belege auf interpretierbaren Fundamenten ruhen.

Argumente für und gegen die Todesstrafe

Die Initiative gegen die Todesstrafe bekommt wohl eine Menge Post von Personen, die vehement für die Todesstrafe argumentieren:

Wir erhalten immer wieder Anfragen und Stellungnahmen von Besuchern unserer Website, die sich kritisch oder abfällig zu unserer Arbeit und zustimmend zur Todesstrafe äußern.
Da die Ansichten und Behauptungen in diesen Zuschriften im wesentlichen immer die gleichen sind, wollen wir uns an dieser Stelle ausführlich mit ihnen auseinander setzen.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich: Vieles, das scheinbar direkt dem gesunden Menschenverstand und dem gerechten Zorn auf Verbrecher entsprungen ist, hält einer empirischen Überprüfung nicht stand. Oft werden Argumente vertreten, denen historisch längst überlebte inhumane Weltbilder zugrunde liegen.

Initiative gegen die Todesstrafe

Auf der Seite “Argumente” befassen sich die SitebetreiberInnen also mit Argumenten für die Todesstrafe und versuchen sie zu entkräften. Es werden insgesamt sechs Argumente für die Todesstrafe aufgeführt, dazu Zitate aus Zuschriften (“Ich bezahle bestimmt keine Steuern damit einer der o.g. sein restlichen Leben ein Dach über den Kopf hat und täglich 3 Mahlzeiten kriegt…”). Motive dieser Argumente sind Rache/Vergeltung, Kosten für lebenslange Haft und Abschreckung. Jedes einzelne Argument wird ausführlich besprochen und widerlegt; dabei stützt sich die Gegenargumentation vor allem auf Beispiele (z.B. Vergleich der Mordrate USA - andere Länder).
Zu den weiteren Angeboten gehört eine Pro-Kontra-Tabelle mit den wichtigsten Argumenten und jeweils einer Schlussfolgerung.
Wir haben die wichtigsten Inhalte der Seiten auf Arbeitsblättern zusammengefasst. Vielen Dank der Initiative gegen die Todesstrafe für die Freigabe der Inhalte!

Arbeitsblätter, Didaktik und Unterrichtsvorschlag

Das vorliegende Material eignet sich für den Deutschunterricht (freie Erörterung, Texterörterung, Argumentieren und Argumentation), Gemeinschaftskundeunterricht oder Religionsunterricht/Ethik (z.B. Menschenrechte, Sünde und Strafe). Am fruchtbarsten ist der Einsatz in einer fächerübergreifenden Unterrichtseinheit, wenn Sie als Deutschlehrerin der Gemeinschaftskundelehrerin und dem Religionslehrer einfach einen entsprechenden Antrag machen. Zwei Stunden Unterrichtszeit wird er/sie übrig haben.
Wenn Sie die Schüler/innen im Unterricht Zugriff auf das Internet haben, sollten die Aufgaben direkt am Computer durchgeführt werden unter Benutzung der angegebenen Website (höhere Realitätsrelevanz für die Schüler/innen, weniger Kopierkosten für die Schule, schönere Ergebnisse durch die Nutzung von Textverarbeitungsprogrammen bei den Auswertungen).

Sie finden hier zwei Dateien:

Bei einer Unterrichtseinheit/-sequenz “Freie Erörterung” wäre folgender Unterrichtsverlauf denkbar:

Sequenz 1: Analyse von Argumenten (Aufbau)

  1. Einstieg: Impulsbild: Gaskammer, Lehrerinformation: Das ist eine Gaskammer in einem Todestrakt in den USA, noch in Betrieb. Einige spontane Schülerkommentare. Lehrer/in nimmt nicht unbedingt Stellung. Entschärfte Version: Zeitungskurzmeldung vorlesen: 70. Hinrichtung in Saudi-Arabien seit Jahresbeginn, Aussprache.
  2. Hinführung: Lehrer/in nennt Argumente, die von Befürwortern der Todesstrafe genannt werden, Schüler/innen sollen diesen Argument ein Gegenargument entgegenstellen (Lehrer-Schüler-Gespräch oder Still-/Partnerarbeit mit anschließender Aussprache).
  3. Erarbeitung: Analyse der Argumente: Die Pro-Kontra-Gegenüberstellung wird in arbeitsteiliger Partner-/Gruppenarbeit auf den klassischen Aufbau eines Arguments hin untersucht (jede Gruppe 1-3 Argumente): Sind die Argumente vollständig (Begründung, Beleg, Beispiel vorhanden)? Sind die einzelnen Elemente - so vorhanden - valide (Begründung: Spekulationen oder beweisbar? Beleg: allgemeingültig? Ist Beleg ein Beleg dafür, dass die Begründung eine Begründung für die Behauptung ist? Beispiele: aussagekräftig, das Argument stützend?) Wo können die Argumente angegriffen werden?
    Vorschlag für Arbeitsauftrag:
    1. Überprüfen Sie die einzelnen Argumente (inklusive Anmerkungen) auf Vollständigkeit (Begründung, Beleg, Beispiel).
    2. Sind die einzelnen Elemente - falls vorhanden - schlüssig/schlagkräftig?
    3. Wo/wie könnten die Argumente jeweils angegriffen werden?
    4. Bewerten Sie die Pro-/Kontra-Tabelle(n) in Hinsicht auf Objektivität.

    Lösungsvorschlag für Argument 1 (Abschreckung):

    1. Pro-Argument: kein Beleg, kein Beispiel; Begründung ist Spekulation und bezieht sich nur auf begrenzte Personengruppe (“mancher Täter”). Kontra-Argument: kein explizit formulierter Beleg, ist der Begründung immanent (-> wissenschaftliche Fundierung). Zweiter Absatz des kursiven Textes (“Ursachen für kriminelles Verhalten ...”): kein Beispiel.
    2. Pro-Argument: Nein, siehe 1. Kontra-Argument: Ja, da ausführliche empirische Fundierung, mehrere Beispiele (US-Staaten, Taschendiebe); zweiter Teil (“Ursachen für kriminelles Verhalten ...”) mit spekulativer Begründung, Beleg ist Werturteil.
    3. Pro-Argument: Siehe 1 (Begründung kann angezweifelt werden, da nicht belegt; Begründung ist nicht allgemeingültig (“mancher Täter ...”). Kontra-Argument: Erster Teil ist ziemlich wasserdicht; zweiter Teil: siehe 2 (Begründung kann aufgrund des schwachen Beleges als nicht relevant eingestuft werden).
    4. Ganz klare Parteilichkeit für “Kontra”-Seite, da Pro-Argument äußerst mangelhaft ausgeführt ist.

    Möglich wäre es auch, die Schüler/innen die Argumente auf Folien in eine schematische Darstellung bringen zu lassen (Normalform) und die Anmerkungen zu den Arbeitsaufträgen 1-3 direkt dort anzufügen.

  4. Auswertung: Analyse der Argumente: Schüler/innen bzw. Gruppen stellen ihre Ergebnisse kurz vor, jeweils kurze Diskussion (wenn möglich von aktueller Gruppe moderiert). Schüler/innen sollen nach Möglichkeit emotionale oder wertende Äußerungen (noch) unterdrücken, Gegenstand der momentanen Unterrichtsphase ist Argumentationstechnik. Evtl. Tafelanschrieb zu ein bis zwei Beispielen.
  5. Transfer: Da die Pro-Argumente ungenügend ausgeführt sind, sollen die Schüler/innen versuchen, die Pro-Argumente besser zu untermauern (arbeitsteilige Stillarbeit: halbe Klasse Argumente 1-3, halbe Klasse Argumente 4-6, so dass Banknachbarn unterschiedliche Argumente bearbeiten (z.B. “Fensterseite” 1-3, “Wandseite” 4-6), schriftliche Fixierung.). Austausch der Notizen, Überprüfung der Argumente auf Validität (Stillarbeit!), Notizen ins Heft des/r anderen machen. Kurze Diskussion zwischen den SchülerInnen, Besprechung im Plenum. Dabei sollte auch hier darauf geachtet werden, dass die Argumente nicht auf emotionaler sondern auf argumentationstechnischer Basis angegriffen werden.

Im Rahmen einer Einheit Texterörterung kann ähnlich vorgegangen werden; hier sollte der Schwerpunkt eher auf der Wiedergabe, Analyse und Bewertung des Argumentationsganges liegen (siehe auch Unterrichtsmaterialien des folgenden Abschnitts).

Sequenz 2: Argumentationsgang

Nachdem in Sequenz 1 der klassische Aufbau von Argumenten wiederholt wurde, wird nun mit dem zweiten Arbeitsblatt die schematische Ebene verlassen und umfangreichere Argumentationsgänge untersucht. Dabei kann dieser Prozess je nach Klassensituation, Fach und Zeit auch arbeitsteilig oder auszugsweise erfolgen.

Kriterien, auf die hin der Argumentationsgang untersucht werden kann

Die hier aufgelisteten Kriterien beziehen sich auf eine Einheit “Freie Erörterung” oder “Texterörterung” im Fach Deutsch.
  • Formale Untersuchung: Wo fehlen relevante Elemente des Argumentierens, wo ist ein Ungleichgewicht zu erkennen (z.B.: keine Belege, dafür viele Beispiele)?
  • Hat die Erkenntnis des vorigen Schritts Auswirkungen auf die Validität des gesamten Argumentationsgangs?
  • Aufzeichnung des gesamten Argumentationsganges in einer Skizze. Ermöglicht der Vergleich der verschiedenen Skizzen Rückschlüsse auf die Gültigkeit der Argumente und Argumentationsgänge? Wie sind die Argumentationsgänge aufgebaut? Ist die Conclusio logische Folge des Vorausgehenden?
  • Unterscheiden sich die Beispiel in ihrer Nachvollziehbarkeit? Welche Beispiele könnte man in einer schulischen Erörterung verwenden, welche nicht?
  • Sind die Argumente aus den Briefzuschriften intuitiv/moralisch nachvollziehbar? Warum ja/nein?
  • Kann es gültige moralisch begründete Positionen ohne den klassischen argumentativen Unterbau geben?
  • Kürzeste Argumentation bei Punkt 4 (Todesstrafe ist kostengünstiger), längster Argumentationsgang bei Punkt 1 (Todesstrafe ist gerechte Vergeltung) - woran liegt das? Bedeutet die Notwendigkeit einer ausführlichen Argumentation zwangsläufig, dass die Argumentation leichter angreifbar/schwerer stützbar ist? -> Analytischer Vergleich der jeweiligen Belege und Beispiele.

Methodische Vorschläge (Deutschunterricht) für Sequenz 2

  • In jedem Fall bieten sich Formen der Gruppenarbeit an, da das Thema ein hohes Diskussionspotenzial hat.
  • Das analytische Vorgehen kann durch handlungsorientierte/ kreative Formen gestützt werden, z.B.
    • Kreatives Schreiben: Schreiben eines Briefes aus Sicht einer/s Betroffenen, Opfers, Angehörigen eines/r Hingerichteten, Opfers, Richters, Henkers usw.
    • Simulation einer Gerichtsverhandlung, in der sich die verschiedenen Parteien anhand der Argumente auf den Arbeitsblättern auf die Verhandlung vorbereiten. Szenario sollte möglichst zweischneidig sein (z.B. Totschlag im Halbsuff, reuige/r Täter/in, rachsüchtige Angehörige usw.).
    • TV-Diskussion zwischen TodesstrafenanhängerInnen/-befürworterInnen
  • Didaktisches Prinzip des Perspektivenwechsels: Wer dafür ist, muss dagegen argumentieren und umgekehrt.
  • Ergänzung des Materials durch Webrecherche, evtl. arbeitsteilig, evtl. als umfangreiche Projektarbeit (GFS?) -> Gruppen sammeln unterschiedliche Materialien (Aussagen/Argumentationen von TodesstrafengegnerInnen, von TodesstrafenbefürworterInnen, Angehörigen, Opfern, Zeugen von Hinrichtungen, historische Materialien (Geschichte der Todesstrafe), Überblick über Verbreitung der Todesstrafe usw.).

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