Erfolgreiche Mädchen

Jungen an Hauptschulen in der Mehrheit 26.04.2009, 09:44

In Gymnasien dominieren die Mädchen, in Hauptschulen die Jungen; auf diesen Missstand weist das IW nun erneut hin. Die Verantwortung liegt, so die landläufige Meinung, an der Ungerechtigkeit des Bildungssystems. Ein US-amerikanischer Entwicklungspsychologe fordert getrennten Unterricht für Jungen und Mädchen.

Anzeige

Mädchen im Bildungssystem erfolgreicher als Jungen

Diagramm: Verteilung von Jungen und Mädchen in der Hauptschule, Schuljahr 2007/2008

Dass Jungen im Durchschnitt schlechtere Noten und schlechtere Schulabschlüsse erreichen als Mädchen, ist keine neue Erkenntnis. Schon bei PISA 2000 haben die Mädchen in allen Teilnehmerstaaten bei der Lesekompetenz signifikant besser abgeschnitten als die Jungen (das betrifft v.a. “lineare” Texte; bei “nicht kontinuierlichen” Texten (mit Diagrammen, Abbildungen usw.) waren die Leistungsunterschiede gering). Die angebliche Benachteiligung von Jungen durch das (deutsche) Bildungssystem ist ein Thema, das zunehmend in den Fokus der öffentlichen Berichterstattung tritt. Als besonders wesentlich wird die hohe Frauenquote unter den Erzieher/innen und Grundschullehrer/innen genannt. Besondere Aufmerksamkeit haben die Studien des Aktionsrats Bildung erfahren, zuletzte das Aktionsrat Bildung: Jahresgutachten 2009 -  Geschlechterdifferenzen im Bildungssystem (pdf, 5.1MB) im März 2009.

Jungen an Hauptschulen in der Mehrheit

Auf diesen (spätestens seit dem erwähnten Jahresgutachten 2009 bekannten) Sachverhalt weist das IW (Institut der deutschen Wirtschaft) hin, wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtet.
Diagramm: Verteilung von Jungen und Mädchen am Gymnasium, Schuljahr 2007/2008

Demnach lag der Mädchenanteil im Schuljahr 2007/2008 an Hauptschulen bei 44%, an Gymnasien jedoch bei 56%. An den Realschulen ist die Verteilung etwa gleich. An Förderschulen liegen die Jungen mit 63% noch deutlicher in der Mehrheit. Entsprechend unterschiedlich fallen die Quoten hinsichtlich der Schulabschlüsse aus.

Das bedeutet: In einer Klasse mit 25 Schüler/innen befinden sich durchschnittlich 11 Mädchen und 14 Jungen (Hauptschule) bzw. 14 Mädchen und 11 Jungen (Gymnasium) bzw. 9 Mädchen und 16 Jungen (Förderschulen). Ungeachtet aller statistischer Theorie (die hinsichtlich der Signifikanz bei großen Stichproben sowieso versagt) sind das deutliche Unterschiede.

Jungen als “Verlierer des Bildungssystems”?

Im Kielwasser des Gutachtens hat sich das geflügelte Wort vom “Verlierer des (deutschen) Bildungssystems” geprägt. Einer der ursächlichen Mechanismen liegt nach einer verbreiteten Meinung in der Menge der weiblichen Lehrer/innen - an manchen Grundschulen gibt es keinen einzigen männlichen Lehrer. Spiegel Online zitiert eine Studie des Bildungsforschers Dr. Jürgen Budde, wo zu lesen ist,

dass Jungen in allen Fächern bei gleicher Kompetenz schlechtere Noten kriegen als ihre Mitschülerinnen. Selbst wenn sie die gleichen Noten haben wie Mädchen, empfehlen die Lehrer ihnen seltener das Gymnasium. Kurzum, Jungs werden bei gleicher Leistung schlechter behandelt.

Spiegel Online 12.03.2009: Schulen benachteiligen Jungen massiv

Und deshalb, so die logische Schlussfolgerung, seien junge Männer häufiger arbeitslos als junge Frauen.

Solche Interpretationen vernachlässigen, dass das Freizeitverhalten von Jungen und Mädchen sich unterscheidet - auch in Hinblick auf schulische Disziplin (Lernen, Hausaufgaben ...). Deshalb ist es nicht angemessen, das Bildungssystem und seine Mitarbeiter/innen pauschal für die schlechten Ergebnisse der Jugendlichen verantwortlich zu machen - auch wenn es sicher Verbesserungspotenzial gäbe.

In der Ausbildung dagegen ist das männliche Geschlecht stärker vertreten: Mehr als 60% aller Lehrlinge im dualen System sind männlich (mehr: mz-web.de 24.04.2009: Jungen stellen an den Hauptschulen die Mehrheit).

Das ist nicht weiter verwunderlich: Jungen stellen die Mehrheit der Hauptschulabgänger/innen dar und werden einen entsprechenden Berufsweg ergreifen. An den Universitäten dagegen liegen die Mädchen deutlich vorne. Erstaunlich ist allerdings, dass Mädchen erst seit dem Wintersemester 2002/2003 die Mehrzahl der Studierenden an Universitäten stellen. In den Jahren zuvor waren es deutlich die Jungen. Also präzisieren wir: Jungen sind die Verlierer/innen des Bildungssystems. Das gilt aber nur für die letzten sieben Jahre.

Diagramm: Studierende an Universitäten nach Geschlecht, 1995 bis 2007 (Vorschaubild, Klick zum Vergrößern)
Statistisches Bundesamt 2008: Studierende an Hochschulen, Wintersemester 2007/2008 (Fachserie 11 Reihe 4.1), S. 16

Geschlechtergetrennter Unterricht notwendig?

Es ist zu fragen, in welchem Maß das Bildungssystem für die Geschlechterunterschiede in der Bildungskarriere verantwortlich zu machen ist. Da die Presse die Information “Jungen sind die Verlierer des Bildungssystems” ohne weiteres Hinterfragen tausendfach vervielfältigt, entsteht eine öffentliche Meinung, die nicht zwangsläufig den tatsächlichen Sachverhalten entsprechen muss.
So hat sich auch der US-amerikanische Entwicklungspsychologe Leonard Sax beeinflussen lassen und fordert nun getrenntem Schulunterricht für Jungen und Mädchen:

„Wir brauchen eine Unterrichtsform, die auf die Bedürfnisse der Jungen abgestimmt ist“, sagte Sax in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in München.

Ausreichend seien die ersten vier Schuljahre. “Wobei es natürlich besser ist, den getrennten Unterricht bis zum Schulabschluss durchzuführen.”

SZON 26.04.2009: Experte fordert getrennten Unterricht für Jungen und Mädchen

Er weist darauf hin, dass hier auch eine nach Geschlechtern getrennte Medienpädagogik sinnvoll wäre, um Einfluss auf das unterschiedliche Freizeitverhalten der Jungen und Mädchen zu nehmen (Stichwort: Konsolenspiele).

Noch effizienter wäre es sicher, Jungen und Mädchen gleich nach der Geburt nach Geschlecht getrennt in Erziehungscamps zu stecken und sie dort zu Maschinen des Bruttosozialprodukts zu machen. Aber diese Forderung zu stellen traut sich niemand - noch nicht.

Anzeige