PISAPISA

Die Pisa-Story 01.02.2008, 19:49

Lesenswerter Beitrag zur Entstehungsgeschichte und Bewertung der PISA-Studie. Schwerpunkt liegt auf der Rolle, die die USA und die OECD in der "Pisa-Story" spiel(t)en.

Anzeige

Die PISA-Studie ist seit dem “PISA-Desaster” 2001 zu einer festen Größe der Bildungsdiskussion geworden. Gut platzierte Länder werden seit PISA mit Ehrfurcht betrachtet (man beachte nur den Finnland-Kult in der Bildungsdiskussion, der ungebrochen anhält); Deutschland, schlecht platziert und als Sozialdiskriminierer entlarvt, versuchen verzweifelt, sein Image aufzupolieren und Maßnahmen einzuleiten, damit alles besser wird. Man kann es kaum mehr hören.

Der folgende Artikel nähert sich der PISA-Studie aus einem etwas anderen und darum sehr interessanten Blickwinkel:

Verschwörungstheorie: Was hat die OECD mit der PISA-Studie zu tun?
Ab 1983 animierte die USA unter Ronald Reagan die OECD druckvoll dazu, international vergleichbare Bildungsstatistiken zu erstellen.
Eigendynamik: Entstehung des PISA-Projekts ab 1995
Das Bildungsnetzwerk legte im Kielwasser der ersten (und dann jährlich erfolgenden) OECD-Veröffentlichung “Bildung auf einen Blick” (1992) die Grundsteine für das PISA-Projekt.
Zahlenfetischismus: Bewertung des PISA-Komplexes
Man mag über PISA sagen, was man will - die Studie hat Bildungspolitik ins Rampenlicht der Öffentlichkeit gerückt und für ein neues Bewusstsein in Politik und Volk gesorgt.
 

Der folgende Artikel wurde von Prof. K. Martens und Prof. S. Leibfried (beide Politikwissenschaft an der Universität Bremen) verfasst und am 19.12.2007 auf eurotopics.net unter dem Titel “Die Pisa-Story” veröffentlicht.
Der Text ist lizenziert unter der Creative Commons-Lizenz by-nc-nd/2.0/de.

Die Pisa-Story

von Kerstin Martens, Stephan Leibfried
Es wird viel gestritten darüber, ob Bildung messbar, ob sie vergleichbar ist. Aber die Frage der Vergleichbarkeit verschwindet hinter der Wucht der Vergleiche: Kaum ein Staat kann sich heute PISA entziehen.
Alle 3 Jahre wieder beschert uns kurz vor Weihnachten die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, besser bekannt unter ihrem Akronym ‚OECD’ die PISA Studie. PISA – das steht für Programme of International Student Assessment, und ist inzwischen wohl ebenso bekannt wie die gleichnamige Stadt in Italien, zumindest in Deutschland.

Auch in diesem Jahr war es wieder an der Zeit: am 04.12.2007 wurden weltweit die Ergebnisse dieser international vergleichenden Schulstudie offiziell veröffentlicht, an der insgesamt 57 Länder teilgenommen haben – von den USA bis Indonesien, von Brasilien bis Luxemburg.

Und auch Deutschland war wieder dabei. Und wieder prägt ein schriller Ton um Bildungschancen, Elternhäuser und Migrationshintergrund die Debatte – wenn sie auch diesmal fast schon überlagert wird von methodischen Diskussionen und politischen Forderungen (Sind die verschiedenen Studien wirklich vergleichbar? Ist Deutschland nun besser geworden? Wie konnten Ergebnisse vorzeitig durchsickern? Und wer trägt dafür die Verantwortung?).

Nur eine nahe liegende Frage wird dabei nicht gestellt: Warum gibt es eigentlich PISA? Und wieso koordiniert ausgerechnet die OECD diese Vergleichsmessungen? Schließlich steht das “E” bei OECD nicht für “education”-Bildung, sondern für “economic”: Das wichtigste Ziel dieser Organisation ist, eben die wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit ihrer Mitgliedstaaten zu fördern – seit 1948 als sie die Marshall-Plan-Mittel verwaltete.

Für einige ist PISA daher eine kapitalistische Verschwörung der reichen Industrieländer: Endlich soll auch die Bildung dem Markt unterworfen werden. Für Andere ist PISA das Werk eines Egomanen, Andreas Schleicher: Er sei von der Studie besessen, wolle mit dem deutschen Bildungssystem abrechnen oder sogar “politisch was werden” – wie es wohl einige Bildungsminister und –ministerinnen mutmaßen, die nun wiederholt seinen Rücktritt gefordert haben.

Dass die OECD diese Studie heute alle drei Jahre durchführt, beruht aber nur auf mehreren Zufällen und einer bemerkenswerten Koalition über nationale, transatlantische Gegensätze hinweg. Hinter der Geschichte von PISA verbirgt sich keine Verschwörung, sondern ein Lehrstück über die Entgrenzung nationaler Politik. In diesem Fall im Politikfeldes Bildung.

Bereits 1964 – noch in der Zeit der Planungseuphorie – beauftragten die Mitgliedstaaten die OECD, nationale Bildungsstatistiken zu sammeln und Indikatoren zu bilden: Ausmaß und Art von Schülern und Studierenden im ganzen Bildungssystem sollten vorhersagbar werden. Man wollte mit mathematischen Modellen die Kosten der zu erwartenden Bildungsexpansion, insbesondere im Hochschulbereich, beherrschen. Doch die Qualität war schlecht, die Daten lückenhaft, manche fehlerhaft und nicht über Länder hinweg vergleichbar – das Projekt wurde eingestellt.

Erst 1981 wurde das Thema Bildungsindikatoren wieder zurück in die OECD gespielt. Damals hatte die US-Regierung eine Studie zum amerikanischen Bildungswesen bei einer US-Kommission in Auftrag gegeben. Das Ergebnis war verheerend. In A Nation at Risk: Imperatives for Educational Reform zeigte sich 1983, dass das amerikanische Bildungswesen miserabel war. 23 Millionen Erwachsene und 17 Prozent der Jugendlichen waren Analphabeten. Das entsprach in der Hochzeit des Kalten Krieges einer einseitigen US-Abrüstung und galt als nationales “Sicherheitsrisiko”.

Präsident Reagan war besorgt. Er erklärte die Schulreform zu seiner vorrangigen Aufgabe. Die Bildungspolitik ist aber in den USA, wie in Deutschland, keine Bundeszuständigkeit. Die Länder wachen mit Argusaugen über ihren Einfluss. Die USA wandten sich nun an die OECD: Sie solle international vergleichbare Bildungsstatistiken erstellen und die Bildungslage in der industrialisierten Welt ermitteln. Durch ein “Hinauf"schieben der Auseinandersetzung in die internationale Politik wollte die US-Regierung das Bildungssystem in den USA – als Außenpolitik, dem Vorrecht des Präsidenten – zur Bundessache machen und so das Gewicht der Bundesregierung gegenüber den Einzelstaaten erhöhen.

Die OECD war nicht begeistert. Sie wollte keine international vergleichbaren Indikatoren erstellen und dazu Daten erheben. Für die Mitarbeiter der OECD-Bildungsabteilung war Bildungspolitik Kultur: Das ließ sich nicht in Zahlen, Vergleichstabellen pressen. Aber der politische Druck der USA war zu stark. Bei einer Konferenz in Washington 1987 war das Signal: “Wenn ihr weiter mauert, ziehen wir uns aus dem OECD-Bildungsprogramm zurück.” 1984 waren die USA schon aus der UNESCO ausgetreten. Die Drohung war Ernst zu nehmen.

Unerwartete Schützenhilfe bekam die USA aus Frankreich. 1984 scheiterte der sozialistische Sparpremier Mauroy und der ihm nachfolgende “Reform”-Sozialist Fabius betonte die Bildungspolitik: Der neue Bildungsminister Jean-Pierre Chevènement wollte gleiche Bildungs- und Lebenschancen unabhängig von sozialer Herkunft durchsetzen. Bei ihm ging es um ganz andere Reformen als bei Reagan, aber er benötigte das Gleiche: Zahlen zum realen Bildungsstand, hier über französische Schüler und ihre Bildungsarmut, für ihn ein Ergebnis des elitären französischen Bildungssystems.

Strange bedfellows? Eine seltene Konstellation? Wenn wir auf die internationale Politik in Brüssel, Genf und New York blicken, so sind merkwürdige Bettgefährten eher Regel als Ausnahme. Bei so unterschiedlichen Staaten bewegte sich ja andernfalls gar nichts mehr. Da werden entweder, wie meist in der EG, zwischen den großen Interessenten “Paketverhandlungen”, wie in den Europäischen Verträgen, geführt und nicht zusammenhängende Dinge auf einen Schlag durchgebracht. Oder die Interessenten erwarten sich ganz andere Wirkungen von ein und derselben Maßnahme – und andere, wie bei PISA die Bundesrepublik, laufen erst einmal mit und warten ab.

Diese ungewöhnliche Koalition von US-Republikanern mit der französischen Linken führte Mitte der 1980er Jahre direkt zu den neuen Bildungserhebungen der OECD. Jetzt fehlte nur noch eines: Expertise, um ein empirisches Vorhaben dieses Umfangs überhaupt durchzuführen. Die Bildungsabteilung war damals klein, ein Dutzend Mitarbeiter. Keiner wollte die neuen Indikatoren angehen. Ein Schweizer, ein Philosoph, schulterte schließlich das Projekt. Er hatte keine statistischen Vorkenntnisse und holte sich das nötige Wissen immer von draußen, von Bildungsexperten aus der ganzen Welt. Man baute Netzwerke für einzelne Themen auf und entwickelte dort die nötigen Indikatoren. Neues Personal wurde eingestellt, unter anderem Andreas Schleicher. Er hatte zuvor lange für die International Association for the Evaluation of Educational Achievement gearbeitet und dort in den 90er Jahren erste internationale Vergleichsstudien zu Lesefähigkeit und Mathematikkompetenz mit durchgeführt.

Das erste OECD-Ergebnis kam 1992: Bildung auf einen Blick, eine seitdem jährlich erscheinende Sammlung vergleichbar gemachter nationaler, amtlicher Bildungsstatistiken. Hier ging es noch rein um die Abschlüsse und die Schul- und Bildungstypen und ihre Verteilung auf die Geburtsjahrgänge. Im September 2007 hat der jüngste Bericht wieder Aufmerksamkeit erzeugt: “Schlechte Noten für Bildungssystem” (FAZ) und “Deutschland bleibt sitzen” (DIE ZEIT). Und PISA? “PISA ist dann hier in meinem Büro entstanden”, so Schleicher. Bei der Arbeit an Bildung auf einen Blick merkte man: Nur mit den amtlichen Daten lassen sich Leistungen und Fehlleistungen eines Bildungssystems nicht fassen. Man hatte jede Menge Verwaltungsdaten: Wie viel Geld wird in Bildung gesteckt? Wie viele Lehrer gibt es? Wie viele und welche Abschlüsse, Noten? Usf. Aber, was sagt das denn für sich genommen über Leistungen der Schüler(innen), über vorhandenen Kompetenzen, aus?

Mitte der 90er Jahre entstand in einem Netzwerk die entscheidende Idee: Wir benötigen zusätzlich Daten zum Können der Kinder, wir müssen heraus bekommen: Was für Kompetenzen haben die Schüler? Wir müssen bei der gleichen Altersstufe, den 15-16-jährigen, mit eigenen, gleichen Tests in die Schulen aller Länder gehen. Eine Schule mag kaum Klassenwiederholer haben und sehr viele zum Abitur bringen, aber das Kompetenzniveau kann sehr niedrig sein. Und umgekehrt. Oder sie kann beides im Positiven wie im Negativen vereinen. Offen muss bei solchen Messungen immer bleiben, ob Schule und/oder Eltern (und andere) diese Kompetenzen “erzeugen”.

Tom Alexander, damals Direktor der Bildungsabteilung, stellte diese Idee 1995 den Mitgliedstaaten vor. Die meisten waren dagegen: zu teuer, zu wenig politische Lerneffekte. Wie kommt zudem eine internationale Organisation dazu, unser Bildungssystem zu bewerten? “Unzulässige Einmischung.” Alexander ließ sich nicht entmutigen. Er wollte dieses Projekt, ließ seine Leute trotz der Niederlage weiter daran werkeln und betrieb Lobbyarbeit im Hintergrund. 1997 wurde erneut darüber abgestimmt und eine Mehrzahl der Länder stimmt diesmal zu - der PISA-Startschuss war gefallen. Mehr als 300 Wissenschaftler wurden hinzu gezogen, um PISA auch methodisch unangreifbar zu machen. Nach dem Anschub wurde die Arbeit des OECD-Sekretariats einfacher: Dort werden heute nur noch die Erhebungsinstrumente weiter entwickelt und die Veröffentlichung der Ergebnisse betreut.

Im Dezember 2001 schlug dann der erste PISA-Bericht in Deutschland wie eine Bombe ein. In den drei Tests – Lesen, Mathe, Naturwissenschaft – nahm Deutschland hintere Ränge ein. Nur Länder wie Luxemburg, Mexiko und Brasilien waren noch schlechter. Ein “PISA-Schock” überkam nun gerade das Land, dass bei der Einrichtung von PISA eher Mitläufer gewesen war, und kratzte am deutschen Selbstbewusstsein. Während wir uns immer als die führende Bildungsnation gesehen hatten, zeigte uns nun eine internationale Organisation, dass wir im internationalen Vergleich gerade mal (unteres) Mittelmaß sind. Und das in Zeiten der “Wissensgesellschaft”, green cards für qualifizierte Arbeitnehmer und wirtschaftlicher Dienstleistungs-globalisierung. Was soll bloß aus diesem Land werden?

Bildungspolitik wurde über Nacht Wahlkampfthema. In keinem anderen Land gab es so viele Zeitungsberichte über PISA 2001, die OECD und die Bildungspolitik. Der WDR startete mit Jörg Pilawa eine eigene Fernsehshow, der große PISA-Test. PISA wurde zum Synomyn für Testbares. Nach dem Ende des kalten Krieges und zumal kurz nach dem 9.11.2001 hatten die USA hingegen andere Sorgen und ignorierten PISA. Und in Frankreich war PISA wichtiges Planungsmaterial für Paris – und einen spöttischen Blick auf Deutschland war es allemal wert.

Kurzum: Als die USA und Frankreich in den 1980er Jahren an die OECD wegen neuer Bildungsdaten herantraten, konnten sie nicht ahnen, welche Lawinen und wo sie sie lostreten würden. Die OECD musste Expertise zur Bildungsstatistik entwickeln. Die OECD wurde – zusammen mit den Erhebungsexperten – zur “grauen Eminenz” nationaler Bildungspolitik: Mit PISA hatte die OECD ein Instrumentarium entwickelt, mit dem nationale Bildungssysteme als vergleichbar angesehen werden. PISA, das von der OECD erst nicht gewollte, dann adoptierte und weiter entwickelte Indikatoren"kind”.

Aber ist Bildung wirklich in Zahlen “messbar”? Diese Frage stellt sich ja eigentlich genauso bei Noten, Intelligenztests oder beim numerus clausus. Aber die Frage der Vergleichbarkeit verschwindet hinter der Wucht der Vergleiche: Die Staaten können sich PISA heute nur schwer entziehen. Dazu ist PISA schon viel zu sehr in aller Munde. Ein einseitiger Rückzug aus dieser internationalen Vergleichsstudie würde noch größere Spekulationen über die bildungspolitischen Gründe hervorrufen. PISA also als “die Geister, die ich rief”? Oder ahnen die Staaten schlichtweg: Hier spielt hinfort die Musik! Bildung bedeutet die beste Grundlage für expandierende Arbeitsmärkte und persönliches Wohlergehen?

Was hat uns PISA 2007 also gebracht? Deutschland ist zumindest in den Naturwissenschaften endlich nicht mehr nur Mittelmaß. Aber, was heißt das? Dass wir gegenüber anderen Industrienationen aufgeholt haben? Dass unser Bildungssystem jetzt “messbar” besser geworden ist? In sechs Jahren wohl kaum. PISA 2007 hat nicht mehr den Schock bewirkt, den es 2001 hervorrufen konnte – dafür haben wir uns zu sehr an die stets wiederkehrende Kritik gewöhnt. Aber was PISA bewirkt hat, ist eine andauernde und immer wiederkehrende Diskussion über Bildungsziele, Standards und Kompetenzen.

Die OECD hat bei uns mit PISA eine Dauerdebatte zu Bildungs-, Integrations- und Familienpolitik losgetreten, die vordem schlicht undenkbar war: Zwingende Integration von Kindern “mit Migrationshintergrund”, um das allgemeine Bildungsniveau zu stärken. Mehr Kinder aus sozialschwachen Elternhäusern bildungspolitisch fördern, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu sichern. Und selbst unsere “heilige Kuh”, das dreigliedriges Schulsystem, wird diskutiert und ist in einigen Bundesländern bereits reformiert.

Die OECD hat Bildungspolitik als Politikfeld international etabliert, wie es bisher keiner anderen Institution gelang. Sie hat Bildungssysteme auf überschaubare Zahlen hinunter gebrochen, die es erlauben, best practices aufzuzeigen und die auf Defizite hinweisen. Dadurch ist es der OECD gelungen, allen wissensorientierten Industrienationen deutlich zu machen, wie zentral dieses Thema ist. So gesehen ist PISA also kein Fluch, sondern ein Segen. Und wie lange wird es PISA noch geben? Schwer zu sagen. “Das ist im Grunde ein System, das sehr gut von selbst läuft”, so Schleicher.

Quelle:
eurotopics 19.12.2007: Die Pisa-Story; gefunden bei Deutscher Bildungsserver: Die PISA-Story.

Anzeige