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Frankreich

Darf ich meine Schüler ohrfeigen? 10.02.2008, 17:09

In Frankreich wurde 2008 ein Lehrer von einem Schüler als "Arschloch" bezeichnet, woraufhin der gute Mann dem Sechstklässler "'aus Reflex'" eine Ohrfeige verpasste. Das wirklich Interessante daran: Durch Frankreich und die Medien wogt eine Welle der Sympathie - selbst Premierminister Fillon findet das alles gar nicht so schlimm.

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  • (geändert: )

Das Ereignis

Ende Januar 2008 ist in einer Schule in Berlaimont nahe der belgischen Grenze eine unschöne Szene zu beobachten:

Ein Lehrer [...] fordert einen 11-jährigen Schüler auf, sein Pult aufzuräumen. Als der sich weigert, wischt der 49-jährige Pädagoge kurzerhand Hefte, Bücher und Stifte auf den Boden. „Arschloch!“, schreit der Junge. Daraufhin verpasst ihm der Lehrer eine Ohrfeige. „Mir ist die Hand ausgerutscht“, sagt er später. „So hat noch nie ein Schüler mit mir geredet!“

sz-online 09.02.2008: Ohrfeige für einen Schüler findet Beifall

Der Schüler ist offenbar “schon oft durch eine extrem vulgäre und brutale Art aufgefallen.” (spiegel.de). Sein Vater, selbst Polizist, zeigte den Lehrer an, worauf der Lehrer einen Tag eingelocht wurde und sich am 27. März vor Gericht verantworten muss.

Die Reaktionen

Bildungsminister Xavier Darcos und Premierminister François Fillon zeigten grundsätzlich Verständnis für den Lehrer, wenn sie auch (der Form halber?) die Ohrfeige an sich verurteilten. Eltern und Kollegen bekundeten letzte Woche auf dem Schulhof Solidarität mit dem Lehrer; auf den Webseiten der Lehrergewerkschaft SNES-FSU (Lille) haben bisher mehr als 32.000 Personen (Stand: 10.02.2008) eine Resolution unterzeichnet (“Soutien à notre collègue du collège Gilles de Chin à Berlaimont”), in der dem Kollegen Solidarität ausgesprochen wird.

Kommentar

Es ist schön zu sehen, dass der Lehrer starken Rückhalt aus Bevölkerung, Kollegenkreis und Politik bekommt; es ist anzunehmen, dass der betroffene Schüler tatsächlich ein schwieriger Mensch zu sein scheint. Und den Lehrer gleich in den Knast zu stecken, ist vielleicht wirklich etwas übertrieben.
Befindet sich eine Lehrperson allerdings in einer Situation, in der keine sinnvolle Kommunikation mit dem/r Schüler/in stattfinden kann, so muss der Fall mit Hilfe des Schulsozialarbeiters, der Eltern oder der Polizei gelöst werden. Aktionen, die nicht auf argumentativer Ebene stattfinden, sind für Lehrer/innen nicht nur verboten, sondern auch selbstzerstörerisch: Wer die Ebene menschenwürdiger Kommunikation verlässt, verlässt seine Rolle als Pädagoge - und hat damit als Lehrer/in auf ganzer Linie versagt.
Der Schüler hat sich geweigert, das Pult aufzuräumen. Offensichtlich war argumentativ nichts mehr zu machen. Schon das Zeug auf den Boden zu wischen ist eine gewalthafte Reaktion, die der Schüler auf genau der gleichen Ebene erwidert hat: “Arschloch!” Und schon hat die Spirale der Gewalt begonnen, dem Lehrer rutscht die Hand aus, und wir können froh sein, dass der Schüler keine Knarre bei sich hatte.
Ein/e Lehrer/in darf Schüler/innen unter keinen Umständen körperlich züchtigen - selbst wenn der Knabe hundert Ohrfeigen verdient hat. Ça y est.

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Kommentare

8

Zum Artikel "Darf ich meine Schüler ohrfeigen?".

  • #1

    Man sollte den Lehren und Schülern mal einfach Begriffe wie “Affekthandlung” und “Sublimierung” beibringen.

    schrieb Miri am

  • #2

    Es heisst immer noch: “Sie Arschloch.” Soviel Zeit muss sein.

    schrieb Koslowski am

  • #3

    Ja. Ich finde, das solltet ihr auch.

    schrieb L. Huber am

  • #4

    Ein Schulkamerad (18) wurde von unserem Lehrer mit “Arschloch” tituliert. - Können wir den Lehrer deswegen beim zuständigen Schul-Senator anschwärzen?

    schrieb Seba am

  • #5

    Der Lehrer hatte schon weit vor dem Vorfall versagt, denn soweit, wie es kam (unaufgeräumtes Pult des Schülers), hätte es gar nicht erst kommen dürfen.
    Andererseits: Wenn die Franzosen mehrheitlich diesen Lehrer unterstützen, ist es für die Franzosen eben richtig so. Andere Länder - andere Sitten…

    Unter dem Strich bleibt für mich: Es gibt (noch) WAHRE Pädagogen (übersetzt: Kinderführer), denen die Schüler folgen wie die Küken der Glucke. Solche Meister ihres Faches haben Ohrfeigen nicht nötig.

    schrieb Björn Köhler am

  • #6

    Ich kann die Reaktion des Lehrers durchaus verstehen. Ich glaube dennoch, dass in Deutschland der Schüler mehr Unterstützung bekommen hätte.

    Es ist ja richtig, dass Lehrer ein Vorbild sein müssen, aber dass einem mal die Hand ausrutscht bei solchen Kindern, ist nur menschlich.

    schrieb Hausaufgaben Web am

  • #7

    Ganz genau; wenn wir als Lehrer es noch nicht einmal schaffen, unseren Schülern eine vernünftige Konfliktlösung vorzuleben, wie sollen wir das dann von ihnen erwarten?
    Erschreckend die Reaktionen von Politik und Bevölkerung. Wie würde die wohl in Deutschland in einem ähnlichen Fall aussehen…?

    schrieb laempel am

  • #8

    Richtig. Und gut, dass der Lehrerfreund darauf hinweist: Die erste ‘Handlung’, die daneben war, bestand im Zu-Boden-Werfen der Gegenstände, die dem Schüler gehören. Das scheint mir schon ein Anzeichen seltsamer Erziehungsgrundsätze zu sein ...

    schrieb rip am

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