Goethes Faust als Prosa

Arbeitsblatt: Fausts Pakt mit Mephistopheles 15.11.2020, 21:47

Skulptur: Faust und Mephistopheles
Bild: 155819 / pixabay [CC0 (Public Domain)]

Die Studierzimmerszene, in der Faust und Mephistopheles ihren Pakt besiegeln, ist hier als leicht verständlicher Prosatext auf einem Arbeitsblatt verwirklicht. Vier Aufgaben zur Texterschließung und Interpretation und einige unterrichtsdienliche Hinweise.

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Faust-Lektürehilfe als Prosa - BuchcoverFaust 1 - verstanden! ist eine inhaltsgetreue Übersetzung von Goethes Faust I - und zwar von Versen in Fließtext. Die Idee ist knallig und gut, wir veröffentlichen deshalb hier mit freundlicher Genehmigung ein Arbeitsblatt, das den Pakt zwischen Faust und Mephistopheles thematisiert.
Die erste Auflage von Faust 1 verstanden! Lektürehilfe frei nach Goethe ist im August 2020 erschienen, erhältlich z.B. hier: Amazon: Faust 1 verstanden oder hier: lovelybooks: Faust 1 verstanden

Sich Goethes Faust am sommerlichen Strand mal so einfach reinzuziehen, das schaffen nicht Viele. Für die anderen hat Frau Latona den ganzen Faust I in Prosa übersetzt - Sätze statt Verse. Das liest sich entspannt und ist inhaltlich doch sehr eng am Original. Die genaueren Hintergründe lesen Sie in unserem Interview: Goethes »Faust I« in Prosa übersetzt - Interview mit der Autorin

Als Beispiel für die Verwendung im Unterricht gibt es hier ein Arbeitsblatt (Pakt zwischen Faust und Mephisto - Arbeitsblatt (PDF)), das die Studierzimmerszene behandelt, in der Faust und Mephistopheles ihren Pakt besiegeln (Zeilen 1635-1815 bzw. S. 41-43 in der Latona-Übersetzung).

Ausschnitt: Arbeitsblatt »Pakt Faust - Mephisto« (Faust als Prosa)

Für die meisten Schüler/innen dürfte es kein Problem sein, den Text kurz runterzulesen und ihn zu verstehen. Das könnte man durchaus als vorbereitende Hausaufgabe machen lassen.

  • Die erste Aufgabe dient der Inhaltssicherung (Zusammenfassung Fausts Forderungen, Bedingungen des Mephistopheles). Dabei werden klassische Techniken der Texterarbeitung trainiert (Belegstellen finden und nennen). Allerdings müssen die Schüler/innen in beiden Texten (Original und Prosa-Übersetzung) nach Belegen suchen. So entsteht eine Verknüpfung beider Versionen, was zusätzliche Perspektiven und Reflexionsebenen motivieren kann.
  • Die nächste Aufgabe befasst sich mit der Figur des Heinrich Faust - was ist das für ein Mensch? Was will er? Woran glaubt er? Über einige Aspekte gibt die Szene auf dem Arbeitsblatt Auskunft. Statt eine langweilige Kurzcharakterisierung zu schreiben (dafür gibt die Szene vielleicht auch nicht genug her), produzieren die Schüler/innen eine kreative Visualisierung, in der Persönlichkeitsmerkmale von Heinrich Faust zum Ausdruck kommen. Dabei ist es zweitrangig, ob die Visualisierung gezeichnet, collagiert oder fotografisch dargestellt wird.
  • (Beachten Sie an dieser Stelle, dass diese Aufgabe nur mit dem Originaltext auch für Oberstufenschüler/innen wirklich anspruchsvoll wäre; mit der Prosa-Übersetzung dürfte es ein Leichtes sein.)
  • Als nächstes bauen wir ein Standbild, das die Beziehung zwischen Faust und Mephistopheles zum Thema hat. Der Entschlossenheit Fausts steht die schlangenhafte Heimtücke des Mephistopheles gegenüber.
  • Die letzte Aufgabe entspricht wieder traditionelleren Herangehensweisen des Deutschunterrichts: Wir erörtern, ob Mephistopheles den Faust übers Ohr gehauen hat.

Je nach Unterrichtskontext können einzelne Aufgaben natürlich auch weggelassen oder verändert werden.

Inhalt des Arbeitsblattes

Das Arbeitsblatt zum Download finden Sie hier: Pakt zwischen Faust und Mephisto - Arbeitsblatt (PDF)

Pakt zwischen Faust & Mephisto

Studierzimmer ist die vierte Szene der Tragödie (die drei Prologe nicht mitgerechnet). Hier begegnen Faust und Mephistopheles sich zum zweiten Mal und schließen einen Vertrag miteinander, der über den Tod hinausgeht. Der folgende Textausschnitt übersetzt den Inhalt des Paktes sinngemäß.

»Du solltest dein Leben genießen, anstatt hier allein herumzusitzen, bis du so alt und verschrumpelt bist, dass es endgültig zu spät ist. Also hör endlich auf, dich in deinen Groll hineinzusteigern. Vertrau mir! Wenn du es wünschst, werde ich dein Diener und erfülle dir jeden Wunsch, den du dir vorstellen kannst.«

»Und was verlangst du dafür?«, fragte Faust misstrauisch.

»Mach dir darüber keine Gedanken, das hat Zeit«, wich Mephisto aus.

»Nein, nein, ich will es ganz genau wissen. Nicht, dass du mich über den Tisch ziehst.«

»Also schön«, lächelte der Teufel. »Solange du lebst, werde ich dir dienen. In dieser Welt bist du mein Herr. Nach deinem Tod«, er hüstelte, »wird es umgekehrt sein.«

Gleichgültig schüttelte Faust den Kopf. »Was kümmert es mich, was nach dem Tod geschieht? Ich lebe jetzt und hier.«

»Siehst du? Du hast überhaupt nichts zu verlieren.« Mephistopheles streckte ihm seine Hand entgegen. »Schlag ein und ich gebe dir alles, wonach du verlangst.«

Faust verschränkte die Arme und lachte auf. Offenbar fühlte er sich dem Teufel haushoch überlegen. »Alles, wonach ich verlange? Auch das Unmögliche?«

»Auch das«, nickte Mephisto. »Ich meine wirklich alles. Aber mal im Ernst – die meisten deiner Wünsche werden leicht zu erfüllen sein. Ich schlage vor, dass wir uns zuerst einmal ordentlich die Bäuche vollschlagen.«

So als habe er seine Bemerkung nicht gehört, fuhr Faust fort: »Wenn es dir jemals gelingt, mich wunschlos glücklich zu machen – so sehr, dass ich absolut zufrieden mit mir selbst und allem bin – dann kannst du mich meinetwegen holen. Dann habe ich alles erlebt, wonach ich mich sehne und brauche keine weitere Sekunde hier auf Erden zu verschwenden. Aber ich wette, das wirst du niemals schaffen.« Nun war er es, der seine Hand ausstreckte. Und der Teufel schlug ein. Seine Finger legten sich so fest um Fausts Handgelenk wie der Schwanz einer Würgeschlange.

»Bedenke gut, was du sagst. Ich werde darauf zurückkommen«, raunte er.

»Tu das. Ich weiß genau, was ich sage, und ich stehe dazu.«

»Gut.« Mephisto ließ seine Hand los. »Dann werde auch ich mein Versprechen halten und dir ab sofort zu Diensten sein. Nur eines noch. Du musst unter unseren Pakt deine Unterschrift setzen.«

»Auch das noch! Fürchtest du, ich könnte meinen Schwur vergessen? Soll ich meine Worte vielleicht in Stein meißeln, bevor du sie glaubst?«

»Kein Grund, gleich patzig zu werden.« Mephisto ergriff ein Stück Papier, das auf dem Schreibpult gelegen hatte. [...] »Es ist üblich, mit Blut zu unterzeichnen. Denn Blut ist mächtiger als jedes hitzige Versprechen. Na?« Er lächelte herausfordernd.

Kurz entschlossen ergriff Faust seine Schreibfeder, stach sich mit der Spitze in den Handballen und setzte seinen Namen unter die Zeilen auf dem verhexten Blatt Papier. »Bist du jetzt zufrieden?«

»Vollkommen«, bestätige Mephisto und im selben Augenblick löste der Vertrag sich im Nichts auf. Als hätte es ihn nie gegeben. Nur die kleine blutende Wunde an Fausts Hand erinnerte ihn daran, dass er soeben einen Pakt mit dem Teufel unterzeichnet hatte.

»Keine Angst, ich werde mich daran halten«, sagte Faust. »Wenn Gott mir meine Wünsche nicht erfüllt und nicht einmal der Erdgeist mich ernst nimmt, muss ich eben diesen Weg wählen. Zu höherer Erkenntnis kann ich nicht gelangen. Mehr, als ich ohnehin schon weiß, werde ich nie erfahren. Wozu also die Mühe? Ich will endlich hinaus, will höchste Freude ebenso am eigenen Leib erfahren wie tiefsten Schmerz. Nur fühlen - egal, ob es angenehm ist oder nicht. Das ist mein erster Wunsch.«

»Alles, was Ihr befehlt.« Nun, da er gewissermaßen Fausts Butler war, wählte Mephisto wieder die respektvolle Anrede. 

»Seid bloß nicht bescheiden und wünscht alles, was euch gerade in den Sinn kommt. Genießt es!«

»Bist du denn so schwer von Begriff?« Faust hatte sein ruheloses Auf- und Abgehen wieder aufgenommen. »Es geht mir nicht darum, zu genießen. Ich will endlich eins werden mit dem Universum, will das Leid der ganzen Menschheit kennenlernen. Jedes einzelne Schicksal, das sich da draußen abspielt, will ich selbst erleben, als sei es mein eigenes. Verstehst du? Ich will nicht nur das Gute, will nicht nur Spaß und Vergnügen. Ich will alles.«

Mit gerunzelter Stirn wiegte Mephisto den Kopf. »Glaubt mir, das könnte kein Mensch ertragen. Nicht einmal Ihr. Ihr seid eben nicht wie Gott.«

»Ich will es aber sein!«, schrie Faust und hielt in seiner Raserei inne, um Mephistopheles anzufunkeln.

»Lasst es mich Euch erklären. Ich könnte den perfekten Menschen aus Euch machen. Schöner, intelligenter, sprachgewandter, mutiger, temperamentvoller, erfolgreicher und beliebter als alle anderen zusammengenommen. Das Ebenbild Gottes. Trotzdem würdet Ihr selbst dann noch ein Mensch bleiben. Ein König könntet Ihr sein, sogar ein Kaiser, wenn es Euch beliebt. Aber niemals wie Gott. Ihr bleibt immer, was Ihr seid.«

Aufgaben

  1. Wie lauten Fausts Forderungen an den Pakt? Welche Bedingungen stellt Mephistopheles an Faust? Finden Sie für Ihre Antworten passende Belegstellen sowohl in der Textquelle als auch im Originaltext (Z. 1635-1815).
  2. Erstellen Sie ein kreatives Selbstbildnis von Heinrich Faust, das seinen Charakter und seine Lebensziele darstellt (Zeichnung, Collage, Foto …).
  3. Stellen Sie die Szene in einem Standbild nach.
  4. Erörtern Sie, ob Sie den Pakt zwischen Faust und dem Teufel fair finden oder ob Sie einen der beiden im Vorteil sehen.
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