Unorthodoxe Lektürehilfe

Goethes »Faust I« in Prosa übersetzt - Interview mit der Autorin 15.11.2020, 21:45

Buchcover von »Faust I verstanden! Lektürehilfe«
Bild: Faust I verstanden! Buchcover

Der ganze »Faust I« von Goethe frei übersetzt in leicht verständliche Prosa - also richtige Sätze statt gereimter Verse. Das hat großes Potenzial für ungeübte Leser/innen und könnte die Erarbeitung im Unterricht deutlich erleichtern. Ein Interview mit der Autorin Latona.

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Seit August 2020 ist ein Buch auf dem Markt, auf das eine Menge Leute schon gewartet haben, ohne es zu wissen: eine vollständige Übersetzung von Faust I. »Übersetzung« mag eigenartig klingen, doch schon ganzen Generationen von Schüler/innen kam der Faust spanisch vor. 

Spontan mag die Germanistin in Ihnen zusammenzucken - Goethes Faust-Verse als Fließtext?! Blasphemie! Doch heiligt nicht der Zweck die Mittel? Latonas "Faust 1 verstanden! Lektürehilfe frei nach Goethe" verfolgt ein anderes Konzept als klassische Lektüreschlüssel: Statt erklärender Randnotizen und kluger Kommentare beinhaltet das Buch eine sinngemäße, teilweise sehr freie Übersetzung des gesamten Werks und eignet sich damit nicht nur als Interpretationshilfe, sondern auch zur Prüfungsvorbereitung - und vielleicht auch für die vers-phobe Lehrer/in als Hilfe zur Unterrichtsvorbereitung. Ein Beispiel für ein Arbeitsblatt finden Sie hier: Arbeitsblatt: Fausts Pakt mit Mephistopheles

Wir befragen die Autorin im folgenden Interview.

Latona, Portrait Latona hat die Erfahrung gemacht, dass viele Leute das Goethes Faust I im Vers-Original nicht so recht verstehen. Deshalb hat sie das Werk in leicht verständliche Prosa übersetzt - »unterhaltsam zu lesen und inhaltlich absolut getreu dem Original«, sagt sie. Die erste Auflage von Faust 1 verstanden! Lektürehilfe frei nach Goethe ist im August 2020 erschienen, erhältlich z.B. hier: Amazon: Faust 1 verstanden oder hier: lovelybooks: Faust 1 verstanden
Bild: Kerstin Pötzsch

Lehrerfreund: Frau Latona, ich blättere hier im Faust I in Prosafassung. Würde sich Goethe nicht im Grab umdrehen - seine hehren Verse in schnöder Prosa?

Latona: Mag sein – wahrscheinlich wäre Goethes erster Impuls, mich mit einem Brieföffner zu erstechen, wenn er die Prosafassung zu Gesicht bekäme. Doch wenn er wüsste, wie viele Menschen sagen: »Faust? Musste ich damals in der Schule lesen, habe ich aber nie verstanden«, würde er noch einmal darüber nachdenken.

Schließlich will ich das Original nicht ersetzen, nicht die Dichtung verdrängen, sondern Schüler/innen den Zugang erleichtern, damit sie Faust I verstehen, selbstständig darüber nachdenken und eigene Deutungsansätze entwickeln, anstatt daran zu resignieren. Das würde Goethes Zorn besänftigen, oder?

Lehrerfreund: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Faust zu »übersetzen«? Saßen Sie in Ihrem Studierzimmer und verzweifelten über Goethes Versen, als plötzlich …

Latona: …als plötzlich Fanfaren ertönten, ein Engel vom Himmel herabgestiegen kam, mir Fausts sinngemäße Bedeutung offenbarte und mich auserwählte, seine Botschaft zu verbreiten? Hm, mir gefällt das Bild, klingt nach einem guten Prolog (was nicht bedeutet, dass Faust I nicht schon genug Prologe hätte).

Tatsächlich kam mir die Idee während meines Abiturs, als mein gesamter Deutschkurs sich mit Faust I herumquälte. Die meisten von uns, mich eingeschlossen, fanden es extrem mühsam, sich an Fußnoten und Randbemerkungen entlang zu hangeln. Die meisten gaben nach den ersten Seiten auf, lasen die Zusammenfassung im Internet, um irgendwie durch die Prüfung zu kommen, und sind seitdem jedes Mal frustriert, wenn sie an Goethe denken.

Als Schüler/in bekommt man das Gefühl, irgendwie zu dumm zu sein, um den tieferen Sinn der Verse zu verstehen, und verliert dadurch für immer die Lust, sie zu lesen. Das ist schade, immerhin ist Faust eine brillante Schöpfung von einem der bedeutendsten Dichter Deutschlands. Dieses Stück Kulturgut sollte man nicht nur gelesen, sondern auch verstanden haben.

Ich dachte damals: Wenn mir bloß einer sagen könnte, was gemeint ist! Möglichst ohne Gähnanfälle auszulösen, sondern unterhaltsam und simpel …

Die Idee habe ich dann ein paar Jahre lang verschleppt, bis ich einmal einem Schüler Nachhilfe gab und kläglich daran scheiterte, ihm den Inhalt von Faust I verständlich zu machen. Vielleicht bin ich nicht die geborene Erklär-Bärin. Vielleicht lag es aber auch daran, dass eine blutleere Zusammenfassung des Szeneninhalts langweilig und nicht besonders einprägsam ist.

Da verstand ich, wie hilfreich eine Prosafassung wäre.

Lehrerfreund: Manchmal machen Sie aus 20 Versen einen Satz, manchmal aus drei Versen einen ganzen Absatz. Wer ist denn jetzt umfangreicher: Ihr Prosa-Faust oder Goethes Vers-Faust?

Latona: Manchmal habe ich das Gefühl, dass in einem einzelnen Vers ein ganzes Meer an Deutungsebenen versteckt ist, beispielsweise bei Anspielungen auf mythologische Figuren, deren Hintergrund ich genauer zu beleuchten versuche. Außerdem enthält die Prosafassung ausführlichere Beschreibungen zum Setting, zu Gesten und internen Gefühlen der Charaktere. Das alles braucht der Originaltext natürlich nicht, weil er dafür konzipiert ist, auf der Bühne inszeniert zu werden.

Doch hin und wieder – insbesondere bei Fausts Monologen – scheint es mir, als ob es Goethe eher darum ging, die Bedeutung einer Aussage hervorzuheben oder die Eindringlichkeit einer Emotion zu intensivieren, indem er sie wiederholt in verschiedene, gewaltige Sprachbilder packt. Das ist beeindruckend zu lesen, lässt sich inhaltlich aber recht übersichtlich zusammenfassen.

Am Ende des Tages hält sich der Umfang die Waage.

Lehrerfreund: Nehmen wir doch mal ein Beispiel: 

FAUST Auch was Geschriebenes forderst du Pedant!
Hast du noch keinen Mann, nicht Manneswort gekannt?
Ist's nicht genug, daß mein gesprochnes Wort
Auf ewig soll mit meinen Tagen schalten?
Rast nicht die Welt in allen Strömen fort, (1720)
Und mich soll ein Versprechen halten?
Doch dieser Wahn ist uns ins Herz gelegt,
Wer mag sich gern davon befreien?
Beglückt, wer Treue rein im Busen tragt,
Kein Opfer wird ihn je gereuen! (1725)
Allein ein Pergament, beschrieben und beprägt,
Ist ein Gespenst, vor dem sich alle scheuen.
Das Wort erstirbt schon in der Feder,
Die Herrschaft führen Wachs und Leder.
Was willst du böser Geist von mir? (1730)
Erz, Marmor, Pergament, Papier?
Soll ich mit Griffel, Meißel, Feder schreiben?
Ich gebe jede Wahl dir frei.

MEPHISTOPHELES Wie magst du deine Rednerei
Nur gleich so hitzig übertreiben? (1735)
Ist doch ein jedes Blättchen gut.
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.

 

Original-Faust

»Auch das noch! Fürchtest du, ich könnte meinen Schwur vergessen? Soll ich meine Worte vielleicht in Stein meißeln, bevor du sie glaubst?«

»Kein Grund, gleich patzig zu werden.« Mephisto ergriff ein Stück Papier, das auf dem Schreibpult gelegen hatte. […] »Es ist üblich, mit Blut zu unterzeichnen. Denn Blut ist mächtiger als jedes hitzige Versprechen. Na?« Er lächelte herausfordernd.

Prosa-Faust

Lehrerfreund: Bei Goethe 145 Wörter, bei Ihnen 58. Ist es aus didaktischen Gründen zulässig, einen Klassiker der Literatur derartig massiv zu kürzen?

Latona: Das ist eine gute Frage und meine Antwort darauf darf in jedem Fall diskutiert werden!

Im Vorwort weise ich darauf hin, dass »Faust 1 verstanden! Lektürehilfe frei nach Goethe« das Lesen des Originals in keinem Fall ersetzt. Ich habe bei der Übersetzung der Verse in leicht verständliche Prosa vor allem darauf geachtet, die handlungsrelevanten Inhalte zu transportieren. Möglicherweise bleibt die tiefere philosophische oder historische Deutungsebene dabei stellenweise auf der Strecke.

Ich glaube, niemand kann guten Gewissens den Federhalter schütteln und sagen: »Ich schreibe jetzt exakt auf, was Goethe gemeint hat, und zwar in ganz einfachen Worten.« Das wäre ein bisschen zu selbstbewusst. Es gibt immer mehrere Deutungsansätze und es gibt immer versteckte Botschaften zwischen den Zeilen, die jede Leser/in in ihrem Sinne anders interpretieren würde.

Mein Gedanke hinter der Prosafassung: Erst wenn Schüler/innen dem Handlungsablauf und den Motiven der Charaktere folgen können, haben sie überhaupt die Kapazität, über die tiefgründigeren Ebenen des Originaltextes nachzudenken. An diesen Denkprozess möchte ich heranführen, ich kann und will ihn aber niemandem abnehmen.

Lehrerfreund: Haben Sie Vorschläge, wie man die »Übersetzung« im Deutschunterricht verwenden kann?

Latona: Gerade wichtige Schlüsselszenen, wie zum Beispiel der Pakt zwischen Faust und Mephistopheles oder die Gretchenfrage lassen sich in Verbindung mit der Prosaadaption viel leichter analysieren – allerdings immer in Verbindung mit dem Original! Ein direkter Vergleich zwischen den Texten ist definitiv sinnvoll.

Ich persönlich wäre ja sehr gespannt, was dabei herauskommen würde, wenn Schüler/innen sich in die Lage von Hörspielproduzenten versetzen und Faust so kreativ Ausdruck verleihen würden, wie sie ihn verstanden haben.

Lehrerfreund: So dank' ich euch.
 


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