Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

BLLV: R6 in Bayern hat Schullandschaft »erschüttert« 18.04.2010, 17:46

Im Jahr 2000 wurde in Bayern die »R6« (6-jährige Realschule) eingeführt. Bis dahin fiel die endgültige Entscheidung für die weiterführende Schulform (Hauptschule? Realschule? Gymnasium?) erst nach der 6. Klasse, mit der Einführung der R6 wurde diese Entscheidung auf die 4. Klasse vorverlegt. Der Imageverlust für die Hauptschulen war enorm. Der BLLV zieht eine vernichtende Bilanz: »Zehn Jahre R6 in Bayern - überforderte Kinder, riesige Klassen und verlassene Schulen«.

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Vorgeschichte: Einführung der R6 in Bayern

Der BLLV (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband) stand der Einführung der sechsjährigen Realschule “R6” äußerst kritisch gegenüber (ähnlich: GEW Bayern). Dass eine frühe Trennung in “gut” und “mittel” und “schlecht” in pädagogischer und schulpolitischer Hinsicht nicht sinnvoll ist, wusste man damals schon. Erst mit der Veröffentlichung der PISA-Studie wurde diese Ansicht populär, wo sich mit Finnland ein Staat an die Spitze setzte, in dem alle Schüler/innen neun Jahre lang gemeinsam Unterricht haben.

Die bayerischen Politfürsten Stoiber und Zehetmair zeigten sich nicht einsichtig und betrieben mit dubiosen Mitteln Lobbyarbeit. Der BLLV initiierte das Volksbegehren “Die bessere Schulreform”, um die Einführung der sechsjährigen Realschule zu verhindern (und wurde dafür von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, heftig angefahren). Mehr als 500.000 Bayer/innen unterstützten das Volksbegehren per Unterschrift; damit fehlten rund 380.000 Stimmen für einen Volksentscheid, und die R6 konnte eingeführt werden.
(Zusammenfassung der Pro- und Contra-Argumente im Vorfeld)

Heftige Kritik an der R6 durch den BLLV

Zehn Jahre nach Einführung der R6 zieht der BLLV in der Pressemitteilung Zehn Jahre R6 in Bayern - überforderte Kinder, riesige Klassen und verlassene Schulen eine vernichtende Bilanz:

Die flächendeckende Einführung der sechsstufigen Realschule in Bayern vor zehn Jahren prägt die bayerische Bildungslandschaft von heute mehr denn je: Realschulen und Gymnasien platzen aus allen Nähten, die Belastungen für die Lehrerschaft sind extrem geworden. Die meisten Grundschulkinder leiden unter dem massiven Übertrittsdruck am Ende der vierten Klasse. Zahlreiche Studien belegen, dass Kinder davon krank werden, viele verlieren Motivation und Lernfreude. Der private Bildungssektor boomt. In überfüllten Klassen unterrichten zu wenig Lehrer, die Unterrichtsversorgung ist auf Kante genäht. Hinzu kommt, dass die räumlichen Kapazitäten nicht ausreichen und Schüler nicht selten in Containern unterrichtet werden müssen. Gleichzeitig stehen zum Teil teuer renovierte Hauptschulgebäude leer. Seit Einführung der „R6“ mussten über 600 Hauptschulen schließen. [...] „Wer angesichts dieser Tatsachen von einem Erfolgsmodell R6 spricht, verkennt die Realität“, erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel.
[...]
Schülerinnen und Schüler empfinden es heute als persönliches Versagen, wenn sie auf die Hauptschule gehen müssen. [...] Während die Hauptschulen ausbluten, platzen die Realschulen aus allen Nähten. Die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten dort teilweise unter unerträglichen Bedingungen: Die Klassen sind mit bis zu 35/36 Schülern riesig, die Lehrerinnen und Lehrer werden während ihrer Ausbildung kaum auf die teilweise sehr schwierige Schülerschaft vorbereitet. [...] Bei ausufernden Klassengrößen und mangelnder Versorgung mit zusätzlichem Personal tendieren die Möglichkeiten der individuellen Förderung gegen Null. „Für den angeblichen ‘Erfolg’ der Realschule zahlen Schüler, Eltern, Lehrer und nicht zuletzt die Kommunen einen hohen Preis“, so das Fazit Wenzels.

An den Hauptschulen hat sich die Unterrichtssituation seit Einführung der R6 dramatisch verändert: Lehrer und Lehrerinnen müssen feststellen, dass in den Eingangsklassen die leistungsstarken und engagierten Schüler fehlen. Hatten früher starke Schüler leistungsschwächere positiv beeinflusst und angespornt, fehlt diese indirekte Unterstützung nun völlig. Die Schüler fünfter Jahrgangstufen fühlen sich häufig als „Versager“, sie befinden sich in einem Motivationstief und sind deprimiert. [...] Wenzel: „Niemand muss sich daher wundern, wenn Eltern alles unternehmen, ihr Kind nicht auf eine Hauptschule zu schicken.“ Der Kampf um den Übertritt beginnt in der Grundschule, nicht selten mit dem Schuleintritt. Kinder brechen bei der Note „drei“ in Tränen aus - „mit Pädagogik hat das nichts mehr zu tun.“

Für den „Run“ auf die R6 machte Wenzel auch die übereilte Einführung des achtjährigen Gymnasiums verantwortlich: „Viele Schülerinnen und Schüler scheitern dort angesichts der gestiegenen Anforderungen und wechseln auf die Realschule. Nicht wenige Eltern schicken ihr Kind aber auch lieber gleich auf die Realschule, um ihm so das achtjährige Gymnasium zu ersparen. Sie fürchten lange Unterrichtstage, schlechte Lernbedingungen, unzureichende Förderung und  oder mangelnde Mittagsbetreuung.“

Der BLLV hält fest: Veränderungen der Schulstrukturen haben die bayerische Schullandschaft erschüttert. Lösungen sieht der BLLV in regionalen Konzepten. Ziel muss sein, gewachsene Strukturen weiter zu entwickeln. „Es darf nicht sein, dass für Versäumnisse und Fehlentwicklungen in der Schul- und Bildungspolitik Schüler, Lehrer, Eltern und Kommunen büßen müssen“, sagte Wenzel.

BLLV 16.04.2010: Zehn Jahre R6 in Bayern - überforderte Kinder, riesige Klassen und verlassene Schulen, Hervorhebungen Lehrerfreund

Die bayerische Kultusverwaltung dagegen ist voll des Lobes. So jubiliert Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) in der aktuellen PR-Broschüre “Die bayerische Realschule” (PDF):

Wer sich für die Realschule entscheidet, der wählt damit also einen besonders zeitgemäßen Bildungsweg! Die sechsjährige Schulzeit der bayerischen Realschule ermöglicht die effektive Förderung der Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf dieses Bildungsprofil.

Bayerisches Kultusministerium: Die bayerische Realschule. PR-Broschüre August 2009 (PDF), S.3

Ganz deutlich spielt Spaenle hier auf das Privileg der Realschüler/innen an, schon ab der 5. Klasse im Unterricht nicht mehr von 34 asozialen Hauptschulkindern abgelenkt zu werden. Auch er hat offensichtlich verstanden, dass die Hauptschule zur sozialen Mülltonne geworden ist. Er drückt es nur anders aus.

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