Projekttag abgelehnt

Lehrerverbände verhöhnen Kultusministerkonferenz 29.10.2009, 01:29

In der Kultusministerkonferenz (KMK) treffen sich die Bildungsminister/innen der Bundesländer - und damit die Chefs aller Schulen und Lehrer/innen. Diese jedoch pfeifen auf die Vorschläge der KMK, wie sich aktuell am Beispiel des Projekttags zum 9. November gezeigt hat.

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Das wirklich Traurige am deutschen Bildungssystem ist seine föderalistische Struktur. Lehrer/innen aus unterschiedlichen Bundesländern haben keine Chance, sich inhaltlich auszutauschen oder gar zu solidarisieren: Sie unterrichten Fächer mit unterschiedlichen Namen und Zielen, ihre Beschäftigungsverhältnisse unterscheiden sich gravierend (Beamten- vs. Angestelltenverhältnis, Pflichtstundenzahl, Bezahlung). Für Eltern und Schüler/innen gestaltet sich die Situation ähnlich. Der finanzielle Aufwand, für jedes Bundesland eigene Schulbücher herzustellen, ist immens und kostet die Steuerzahler/in ein Vermögen. Politische Aktionen im einen Bundesland (Streiks, Anfragen an den Landtag usw.) haben für die anderen Bundesländer nicht die geringste Bedeutung.

Jedes Bundesland kocht sein eigenes Süppchen. Den peinlichen Höhepunkt bildeten 2008/2009 die zahlreichen Abwerbeaktionen, wo die reichen westlichen Bundesländer Lehrer/innen aus Ostdeutschland mit dem Beamtenstatus und besserer Bezahlung weglockten. Hier hat sich gezeigt, dass die Kultusminister/innen der Bundesländer nicht das geringste Interesse daran haben, gemeinsam die Bildungsqualität in der BRD zu verbessern. Gemeinsam am Strang zieht man nur, wenn man Geld sparen kann (Einführung des achtjährigen Gymnasiums G8).

Nun gibt es die KMK (“Kultusministerkonferenz”) - den Zusammenschluss der Bildungsminister/innen aller Bundesländer. Hier treffen sich die allerhöchsten, allerwichtigsten Bildungspolitiker/innen, um die Richtlinien der Politik abzugleichen (was nicht immer funktioniert). Da die Bildungshoheit bei den Ländern liegt, kann die KMK keine weit reichenden bindenden Beschlüsse fassen.

Im März hat Henry Tesch, Präsident der KMK nun vorgeschlagen, am 9. November bundesweit einen Schulprojekttag einzuführen:

“Ein fächer- und klassenübergreifender Unterricht ist wichtig, damit sich unsere Schülerinnen und Schüler aktiv mit dem größten friedlichen weltpolitischen Ereignis des 20. Jahrhunderts, der friedlichen Revolution 1989  - Tag des Mauerfalls auseinandersetzen,” sagte Kultusminister Henry Tesch.

Der deutschlandweite Projekttag soll jedes Jahr stattfinden. Nach Vorstellungen des Präsidenten soll nicht das Lernen unterbrochen worden, sondern in besonderer Form fortgesetzt werden. So können Schülerinnen und Schüler Museen und Gedenkstätten besuchen, Gespräche mit Zeitzeugen führen oder Literatur-Lesungen veranstalten.

kmk.org 26.03.2009: KMK-Präsident Henry Tesch schlägt deutschlandweiten Projekttag zum Mauerfall am 9. November vor

Schülervertreter/innen hielten diesen Vorschlag für sinnvoll - im Gegensatz zu diversen Lehrerverbänden:

In einer dpa-Umfrage sprachen sich Lehrervertreter jedoch gegen vorgeschriebene Projekttage und stattdessen für eine solide Bildung aus.

Welt online 24.10.2009: 9. November: Lehrer gegen verordneten Projekttag

Nicht nur Lehrerverbände, auch die eigenen Mitglieder der KMK fallen ihrem aktuellen Präsidenten Henry Tesch in den Rücken - obwohl der Vorschlag zweifellos mit den anderen Minister/innen abgesprochen war:

Nach Angaben des Bildungsministeriums [Brandenburg] besteht keine Pflicht zum Projekttag. “Wir haben die Schulen zu Beginn des Schuljahres auf die Empfehlung der KMK hingewiesen”, sagte Sprecher Stephan Breiding. Projekttage an sich seien zwar eine Möglichkeit, Inhalte zu vermitteln. Aber von oben verordnete Termine seien kaum sinnvoll. [...] Wenn alle Schulen gleichzeitig einen Projekttag organisierten, sei der Andrang in den Gedenkstätten zu groß.

Märkische Oderzeitung 28.10.2009: Lehrer gegen Pflicht-Projekttag

Hier zeigt sich, wie wenig Einfluss die KMK hat. Bei dem Vorschlag handelt es sich um keine idiotische Sparmaßnahme, sondern um den Versuch, im ansonsten pädagogischen Verdun einen Projekttag zu kultivieren. Und was machen die Untergebenen? Sie weigern sich einfach. Sie würden sich bei jedem Vorschlag weigern, den die KMK macht - denn so können sie es ihren Chefs heimzahlen, die zu Hause im eigenen Bundesland ganz andere Möglichkeiten haben, ihre Macht auszuüben.

Die KMK ist im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr als eine Lachnummer - ihr Wort gilt nicht mehr als eine Blähung im Wind. Und das ist so unendlich schade. Denn die KMK ist die einzige Hoffnung auf eine einheitliche, sinnvolle Bildungspolitik.

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