Internationaler Vergleich

OECD-Studie »Bildung auf einen Blick 2010« - Presseschau 08.09.2010, 16:55

Ausschnitt aus der OECD-Studie 'Bildung auf einen Blick 2010'
Bild: OECD-Studie 'Bildung auf einen Blick 2010'

Die OECD-Studie »Bildung auf einen Blick« erfährt auch im Jahr 2010 große mediale Aufmerksamkeit. Noch nie war jedoch so unklar, ob die Ergebnisse für das Bildungswesen in Deutschland als positiv oder negativ zu werten sind. Die Kultusministerin fühlt Anlass zum Jubel (»Geld richtig ausgegeben«), andere dagegen äußern sich skeptisch (»Falsch investiert«, Frankfurter Rundschau). Eine Presseschau zum OECD-Bildungsbericht 2010.

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Die deutschsprachige Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse finden Sie hier: OECD.org: Bildung auf einen Blick 2010: OECD-Indikatoren - Zusammenfassung Deutsch (PDF). Etwas ausführlicher: OECD: Mehr Hochschulabsolventen in Deutschland – aber auch weiter steigende wirtschaftliche Vorteile aus guter Bildung (Pressemitteilung des OECD Berlin Centre zu den Ergebnissen der OECD-Studie 2010 für Deutschland). Der gesamte Bericht (englisch): Education at a Glance 2010 (PDF, 11.6 MB). Die zugehörigen Datentabellen finden Sie hier.


(Fast wertungsfreie) Zusammenfassungen

Wer starke Emotionen in die eine oder andere Richtung nicht liebt, der kann zu den eher farblosen Zusammenfassungen bei Spiegel, Focus oder WELT greifen:

Spiegel Online: “Deutsche insgesamt recht gut gebildet”

Akademiker fehlen in Deutschland, sagt die OECD - aber insgesamt ist das Bildungsniveau der Deutschen überdurchschnittlich. 85 Prozent haben hierzulande entweder einen Studien- oder Fachschulabschluss oder eine Lehre absolviert. Grund dafür ist die vergleichsweise gute Schulbildung.

Spiegel Online 08.09.2010: Deutsche insgesamt recht gut gebildet

WELT Online: “Hochschulausbildung ist Garant für hohes Auskommen und sicheren Job”

Ein Hochschulstudium schützt in allen Industrienationen der Welt am besten vor Arbeitslosigkeit und sichert zugleich ein deutlich höheres Einkommen [...] Besorgniserregend sei jedoch, dass Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten - unabhängig von der Nationalität - besonders schlechte Chancen auf eine gute Ausbildung in Deutschland hätten. “In Deutschland ist die soziale Mobilität viel weniger ausgeprägt als in anderen OECD-Staaten.”

WELT Online 08.09.2010: Hochschulausbildung ist Garant für hohes Auskommen und sicheren Job

Focus.de: “Was ist Bildung wert?”

Bei den Bildungsausgaben liegt Deutschland im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Laut OECD wird wenig Geld für Schule und vergleichsweise viel für Lehrer ausgegeben.

Focus.de 07.09.2010: Was ist Bildung wert?

Die Wonnen der Annette Schavan

Äußerst positiv interpretiert die Ergebnisse die Kultusministern der BRD, Annette Schavan (CDU):

Bundeskultusministerin Annette Schavan

Bundesministerin Schavan betonte: “Das Ergebnis zeigt: Wir haben unser Geld richtig ausgegeben. Dies gilt ganz besonders für den Hochschulpakt, in den Bund und Länder seit 2007 eine Milliarde Euro investiert haben, damit 90.000 junge Menschen zusätzlich ein Studium aufnehmen können. Wir werden deshalb bis 2015 für weitere 270.000 Studienanfänger noch einmal 3,6 Milliarden Euro in den Hochschulpakt stecken.”

Bundesministerium für Bildung und Forschung 07.09.2010:‘Bildung auf einen Blick 2010’ und ‘Lernen für die Arbeitswelt’ vorgestellt

Die Frankfurter Rundschau dagegen findet, dass sich Frau Schavan eher “die eine oder andere Rosine” aus dem Bericht herauspickt:

Frankfurter Rundschau: “Bildungsbericht: Falsch investiert”

Wenn Fachministerin Annette Schavan (CDU) sich [...] bestätigt sieht, ausreichend und richtig ins Bildungswesen investiert zu haben, lügt sie sich in die Tasche.
Wenn Berufsschüler nicht richtig lesen und schreiben können und zu viele Jugendliche in nebulösen Übergangsmaßnahmen geparkt werden, spricht das nicht für kluge Investitionen.

Frankfurter Rundschau 08.09.2010: Bildungsbericht: Falsch investiert

Die ZEIT dagegen relativiert:

ZEIT Online: “Vergiftetes Lob für Deutschland”

Wer hätte das gedacht: Die OECD lobt die deutsche Bildungspolitik. Doch längst nicht alles sieht die Organisation positiv, Deutschland steht erst am Anfang.

ZEIT Online 07.09.2010: Vergiftetes Lob für Deutschland

Ähnlich der STERN:

stern.de: Viel Schelte und ein wenig Lob

Deutschland schneidet bei der Zahl der Hochschulabsolventen und bei den Bildungsausgaben im internationalen Vergleich weiter schlecht ab. Das geht aus der am Dienstag in Berlin vorgestellten OECD-Studie “Bildung auf einen Blick” hervor. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bewertete die berufliche Bildung positiv, forderte aber eine bessere Förderung von Risikoschülern.

stern.de 07.09.2010: OECD-Studie zum deutschen Bildungssystem: Viel Schelte und ein wenig Lob

Kritik

Eher sehr kritisch fasst die Frankfurter Rundschau den OECD-Bildungsbericht 2010 auf:

Frankfurter Rundschau: “Stiefkind Bildung”

Deutschland schneidet bei der Zahl der Hochschulabsolventen und bei den Bildungsausgaben im internationalen Vergleich weiter schlecht ab. Das geht aus einer in Berlin vorgestellten OECD-Studie hervor.

Frankfurter Rundschau 07.09.2010: Stiefkind Bildung

Und auch n-tv.de lässt sich vom “vergifteten Lob” (s.o.) nicht täuschen ...

n-tv.de: “‘Trend ist nicht ermutigend’”

Bis zur “Bildungsrepublik Deutschland” ist es noch ein weiter Weg: Zwar studieren in der Bundesrepublik so viele junge Menschen wie noch nie - aber andere Industriestaaten haben ihre Schulen und Hochschulen noch deutlich besser ausgebaut. Im weltweiten OECD-Bildungsvergleich hinkt Deutschland weiter hinterher, um seinen Bedarf an Fachkräften auch in Zukunft aus eigener Kraft zu decken.

n-tv.de 07.09.2010: OECD-Bildungsstudie - ‘Trend ist nicht ermutigend’ (Pressestimmen)

... ebensowenig wie die taz:

taz: “Deutschland fällt zurück”

Die OECD hat ihre neue internationale Bildungsstudie vorgelegt und lobt das deutsche duale System in der Berufsbildung. Doch insgesamt liegt die Bundesrepublik im hinteren Drittel.

taz 07.09.2010: Neue OECD-Bildungsstudie - Deutschland fällt zurück

Lehrer-Gewerkschaften üben harte Kritik

Die gnadenloseste Kritik kommt aus den Gewerkschaften der Lehrer/innen:

GEW: “OECD-Bildungsstudie: Deutschland lernt nicht viel dazu”

Zu wenig Akademiker, zu geringe Bildungsausgaben, zu wenig Förderung für gering Qualifizierte. Die Mängelliste in Bezug auf die deutsche Bildungspolitik ist auch in der diesjährigen Ausgabe der OECD-Studie “Bildung auf einen Blick” gegenüber den Vorjahren nicht kürzer geworden.

GEW 07.09.2010: OECD-Bildungsstudie: Deutschland lernt nicht viel dazu

VBE: “OECD-Bericht zeigt: Bildung ist eine konkurrenzlose Zukunftsinvestition!”

Deutschland belegt unter 33 OECD-Staaten Platz 5 – von hinten!
 
Im Grundschulbereich besteht immer noch finanzieller Nachholbedarf
 
“Der diesjährige OECD-Bericht ‘Bildung auf einen Blick’ stellt klar heraus: Die beste Vorsorge gegen wirtschaftliche Krisen ist eine hochwertige Bildung. Qualifizierte Bildung bietet Schutz vor Arbeitslosigkeit und schafft stabile Einkommensverhältnisse.
 
Deshalb ist es völlig unverständlich, warum im OECD-Vergleich die Bildungsausgaben in Deutschland weiterhin geringer ausfallen als in vergleichbaren Staaten und offenbar sogar gefallen sind. Mit 4,7 % des Bruttoinlandsproduktes gehört Deutschland zu den Schlusslichtern der Bildungsfinanzierung – bei 33 OECD-Staaten Platz 5 – von hinten!
 
Wenn in der Bildungspolitik nicht endlich mehr Geld in die Hand genommen wird, verspielen wir nicht nur die Bildungschancen einzelner, sondern auf Dauer die Wirtschaftskraft unseres Landes.”

VBE 07.09.2010: OECD-Bericht zeigt: Bildung ist eine konkurrenzlose Zukunftsinvestition!

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