Außerbürokratische Opposition

Offener Brief: Schule an Kultusministerium 07.02.2010, 16:58

Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler teilte mit, dass die (gerade noch streikenden) hessischen Lehrer/innen "zufrieden" mit ihren Arbeitsbedingungen seien. Die Theodor-Heuss-Schule Offenbach widerspricht in einem Offenen Brief, den das Lehrerkollegium gemeinsam abgesegnet hat. Ein nachahmenswertes Beispiel für vorbildliche Kommunikation zwischen Lehrer/innen und Politiker/innen - zumindest seitens der Lehrer/innen.

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Hessen: Land der unzufriedenen Lehrer/innen

In Hessen haben Lehrkräfte und Lehrergewerkschaften in den letzten Monaten mehrfach und vehement auf ungute Entwicklungen und Arbeitsbedingungen im Bildungssystem hingewiesen. Ein zentrales Thema sind die Arbeitszeiten der Lehrer/innen - in Hessen haben Lehrer/innen im Bundesvergleich mit die höchsten Unterrichtsverpflichtung. Aus diesem Grund organisierte die GEW Hessen am 17.11.2009 einen landesweiten Lehrerstreik.

Hessische Kultusministerin: “Alle sind zufrieden!”

Die anhaltenden Proteste der Lehrergewerkschaften sind der hessischen Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) natürlich nicht verborgen geblieben. Die Lehrer/innen erwarten zu Recht, dass ihre gewählte Ministerin die Forderungen der Lehrerschaft wahrnimmt.
Deshalb erzürnt eine Stellungnahme, die die hessische Kultusministern am 20.11.2009 in der Frankfurter Rundschau äußerte, die Gemüter. Die Kultusministerin gab dort zu verstehen, dass die Mehrheit der Lehrer/innen in Hessen mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden sei. Das ist nicht nur frech gelogen. Es zeigt auch deutlich, dass Frau Henzler die Proteste der Lehrerschaft nicht die Bohne interessieren, so lange sie ihr politisches Gesicht wahren kann.

Hessische Lehrer/innen reagieren mit Offenem Brief

Den Lehrer/innen der Theodor-Heuss-Schule Offenbach hat das ziemlich gestunken. Und so haben sie gemeinsam einen Offenen Brief (pdf) an die Kultusministern verfasst. Auszüge:

Offener Brief der Personalversammlung der Theodor-Heuss-Schule/Offenbach

Sehr geehrte Frau Kultusministerin Henzler,
Ihrer Stellungnahme aus der Frankfurter Rundschau vom 20. November zum Bildungsstreik am 17.11.2009 konnten wir entnehmen, dass Sie davon ausgehen, dass die überwiegende “Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer” zufrieden sei. Wir Kolleginnen und Kollegen der Theodor Heuss Schule sind aber leider nicht nach unserer Zufriedenheit gefragt worden.
Wir möchten betonen, dass wir sehr engagiert sind, unseren Beruf mit Hingabe und Verantwortungsgefühl verrichten, und alles tun, was möglich ist, um unseren Schülern die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Wir bemühen uns jeden Tag darum, den Herausforderungen unseres Berufes gerecht zu werden, müssen Ihnen aber auch mitteilen, dass die überwiegende Mehrheit unseres Kollegiums die stetig zunehmenden Arbeitsbelastungen spürt.
[...
Es folgen Beispiele für die hohe Arbeitsbelastung, u.a.

  • hohe Schülerzahlen in den Klassen
  • Zusatzbelastungen wie Arbeit an Schulprofilen, Lernstandserhebungen, Komplex “Evaluation” usw.

]

Besonders vor diesem Hintergrund empfinden wir den Wegfall der Möglichkeit der Altersteilzeit und die Erhöhung des Eintrittsalters in den Ruhestand als unverständlich und großes Ärgernis. [...]

Wir fordern deshalb die zeit- und volumengleiche Übertragung der Arbeitszeitverkürzung aus dem Tarifvertrag durch Rücknahme der Pflichtstundenerhöhung von 2004 und 10.000 zusätzliche Deputatsstunden für die Lehrkräfte an den Schulen, rückwirkend ab dem 1. Februar 2010.
Wir empfehlen Ihnen, sehr geehrte Frau Henzler, den Protest der Lehrerinnen und Lehrer ernst zu nehmen, unsere Forderungen zu berücksichtigen und sich für unsere Belange aktiv und öffentlich einzusetzen.
63071 Offenbach am Main, den 02.02.2010 (Personalversammlung der Theodor-Heuss-Schule, Offenbach am Main)

Offener Brief der Personalversammlung der Theodor-Heuss-Schule Offenbach 02.02.2010 (pdf)

Was Dorothea Henzler denkt, wenn sie den Brief liest

Zuerst einmal wird sie genervt sein. Sie weiß, dass viele ihrer Lehrer/innen verbeamtet sind und deshalb nur eingeschränkte Möglichkeiten des Aufbegeherens haben. Ihr wird aber auch aufgehen, dass sie mit ihrer Stellungnahme ein ganzes Kollegium verprellt hat und dass es mit der Arbeitsbelastung für Lehrer/innen vielleicht doch etwas auf sich hat. Und wenn sich Lehrer/innen mittags zum Verfassen eines Offenen Briefes treffen, statt Tennis zu spielen oder die neuesten Evaluationskonzepte auswendigzulernen, ist das ein deutliches Zeichen. Aus genau diesem Grunde lohnt es sich, das Beispiel nachzuahmen - denn es gestaltet neue Kanäle für den Lehrer-Politiker-Diskurs.

Warum und wie Schulen das Konzept “Offener Brief” nachahmen sollen

Streiks und Stellungnahmen der Lehrergewerkschaften sind unpersönlich und werden von keiner Politiker/in mehr ernst genommen. Offene Briefe, hinter denen geschlossen ganze Lehrerkollegien stehen, sind schlecht fürs Image der Regierenden - und letztendlich wahrscheinlich ungleich effektiver als herkömmliche Mittel. In der Diskussion um die Arbeitsbedingungen der Lehrer/innen spielt es eine stets unterschätzte Rolle, dass die Lehrerschaft von der Kultusbürokratie nicht ernst genommen wird. Durch persönliche Kommunikation kann hier ein Ausgleich geschaffen werden.

Es bedarf nicht mehr als zweier engagierter Kolleg/innen, die einen solchen Brief entwerfen (60 Minuten) und Feedback von anderen Kolleg/innen einholen und einarbeiten (8x5 Minuten). Der Brief wird in der nächsten Gesamtlehrerkonferenz besprochen und verabschiedet (15 Minuten), anschließend an die zuständige/n Politiker/in und verschiedene Presseorgane geschickt (50 Minuten + 10 Briefmarken a 55 Cent).

Was das Volk dazu meint

Das Thema wird bei op-online besprochen. Dort fasst der erste Kommentar zum Artikel die Situation sehr griffig zusammen:

Mein “Bravo ! Bravo” für die Lehrer der Theodor Heuss Schule. Inzwischen wird der Wert von Bildung von kaum noch jemandem in diesem Land bestritten. Bildung zu vermitteln, so das die Vermittlung Erfolg und Früchte trägt, braucht Lehrer die sich mit ihrer Kraft und Liebe ihrem Beruf zuwenden können. Was sie dazu brauchen wurde in dem Lehrerbrief formuliert. Kommt die Landesregierung dem nicht nach, sollte durch Zivilcourage und Widerstand, den Verantwortlichen in Wiesbaden, Offenbach zum Feindesland werden. Ich komme als Kind aus einer Lehrerfamilie und weiss was Lehrer leisten. Der Frau Ministerin sollte man die Häflte ihrer Bezüge streichen. Die Hälfte ihrer Zeit verbringt sie mit Hände schütteln und am Buffett zu schwätzen und draussen im Land leiden die Schulen.

op-online.de 05.02.2010: Lehrer fühlen sich ausgebrannt, erster Kommentar

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