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Schulessen mit Geldkarte bezahlen - Banken phishen nach Grundschülern 17.11.2010, 16:48

Einem Bericht des NDR zufolge nähern sich Sparkassen und Banken zunehmend über die Schulkantinenhintertür minderjähriger Kundschaft an. Der aktuelle Fall, in den die Hamburger Sparkasse verwickelt ist, ist besonders brisant, da hier Schulleitung und Sparkasse gemeinsam einen Elternbrief mit der Aufforderung, ein Konto bei der Sparkasse zu eröffnen, verschickt haben. Eine der Triebkräfte hinter allem ist die "Initiative Geldkarte e.V." - eine Lobbyorganisation, die die Verbreitung des bargeldlosen Bezahlens mit Geldkarte vorantreibt.

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  • (geändert: )

Seit einigen Jahren bestehen zunehmend Kooperationsvereinbarungen zwischen staatlichen Schulen und privatwirtschaftlichen Sponsoren. Solche Kooperationen sollen beiden Partnern Vorteile verschaffen. Über die moralischen Aspekte lässt sich oftmals streiten (Beispiel “Wasserspender an Schulen”).

Brief Haspa/SAW an Eltern, KleinformatIn den aktuellen Fall sind die Haspa (Hamburger Sparkasse) und die Hamburger “Schule am Walde” verstrickt: So erhielten die Eltern einen von Schulleitung und Haspa gemeinsam erstellten Brief, in dem die Eltern aufgefordert werden, bei der Haspa ein Girokonto für die Kinder zu eröffnen, um in der Kantine mit Geldkarte bezahlen zu können:

Liebe Eltern,

in diesem Schuljahr möchte die Schule am Walde eine Neuerung vornehmen. Die Bezahlung der Kantine wird umgestellt. Sie wird zukünftig mit einer GeldKarte erfolgen. ...

Als Partner der Schule am Walde unterstützen wir sehr gern die Einführung des neuen Zahlungsmittels und stellen das komplette System zur Verfügung.

Für die Vorbestellung werden Terminals aufgestellt, an dem Ihr Kind zukünftig sein Essen bezahlen kann. ...

Was ist zu tun?

Bitte eröffnen Sie für Ihr Kind ein kostenloses Schüler-Girokonto bei der Haspa. ...

Wir freuen uns auf Ihren Besuch und wünschen Ihrem Kind guten Appetit!

Mit freundlichen Grüßen

Hamburger Sparkasse und das “Waldkessel-Team” der SAW

Brief der Haspa und der SAW (Oktober 2010) an die Eltern der Schüler/innen (PDF auf ndr.de), Hervorhebung Lehrerfreund

Der Absender des Briefe ist die Haspa, im Briefkopf ist jedoch das Logo der SAW gleichwertig enthalten, außerdem hat ein Mitglied der SAW den Brief mitunterzeichnet.

Der NDR hat den Fall recherchiert und darüber berichtet (NDR.de 15.11.2010: Grundschule wirbt für Haspa-Geldkarte). Da ein Elternbrief mit einem gemeinsamen Schul-Sparkassen-Briefkopf doch etwas zu weit geht, hat die Hamburger Schulbehörde auf diesen Bericht prompt reagiert und die Schulleiterin, die “keinen Fehler in dem Brief an die Eltern” sieht, ziemlich deutlich zurechtgewiesen. Zentraler Kritikpunkt ist die Aufforderung zum Kauf eines Produkts (nämlich der Geldkarte).

“[...] Die Schulaufsicht hat die Schule dazu aufgefordert einen neuen Brief an die Eltern aufzusetzen, in dem sie ausdrücklich darauf hinweist, dass die Eltern selbstverständlich nicht gezwungen sind, ein Konto bei der Haspa zu eröffnen, sondern auch mit jeder anderen Geldkarte oder mit Bargeld bezahlen können.”

NDR.de 15.11.2010: Grundschule wirbt für Haspa-Geldkarte

Auch Verbraucherschützer/innen zeigen sich entsetzt darüber, dass schon Grundschulkinder “‘für das Bezahlen mit Karten angefixt werden’”.

Der öffentliche Zorn richtet sich natürlich auf die verantwortliche Schulleiterin der SAW Renate Fuhrmann und auf die Haspa, die erst kürzlich wegen der Erstellung psychologischer Kundenprofile in die Kritik geraten war (z.B. Handelsblatt.com: ‘Ins Gehirn hineingeschleimt’). Dabei sollte man sein Augenmerk auch auf die Initiative Geldkarte e.V. richten; deren Ziele lauten u.a.:

Stellvertretend für ihre Mitglieder recherchiert die Initiative GeldKarte e.V. neue Einsatzmöglichkeiten, spricht Politik, Institutionen und neue Akzeptanzstellen der GeldKarte an und koordiniert Pilotprojekte für potenzielle Anwendungsgebiete.

Initiative Geldkarte e.V., Ziele

Das “Anfixen” von Grundschüler/innen stellt aus dieser Sicht eine “neue Einsatzmöglichkeit” dar, die Haspa, die bezüglich der Geldkarte schon mit mehreren Schulen kooperiert, dürfte zu den “Pilotprojekte[n] für potenzielle Anwendungsgebiete” gehören. Aber die Haspa ist ja nicht die einzige:

Über die “Initiative Geldkarte” treten Sparkassen und private Banken bundesweit gezielt über die Schulen an Kinder und Jugendliche heran. Mit Erfolg: Allein in Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein haben laut der “Initiative Geldkarte” knapp 30 Schulen eine Schulverpflegung mit der Geldkarte eingeführt. In fast allen Fällen ist der Kooperationspartner eine Sparkasse.

NDR.de 15.11.2010: Grundschule wirbt für Haspa-Geldkarte

Und so gibt die Initiative Geldkarte e.V. bspw. eine Studie in Auftrag, die belegt, dass an Schulen mit Nachmittagsunterricht häufig Kantinen fehlen (und man fragt sich zuerst verdutzt, warum die Initiative Geldkarte sich mit der Verpflegung von Ganztagesschulen befasst). Oder eine andere Studie, die den Eltern petzt, dass Kinder ihr “Essensgeld nicht nur in der Mensa” ausgeben.

Freuen wir uns also, dass doch alles ein gutes Ende nimmt: Die Eltern denken nach Erhalt des korrigierten Briefes nicht mehr, dass ihre Kinder ein Konto bei der Sparkasse aufmachen MÜSSEN. Die Schulleiter/innen, die die Aktion mitverfolgt haben, dürften die Fraternisierung mit Sponsoren aus der Geldwirtschaft in Zukunft etwas vorsichtiger angehen. Und die Lobby für elektronische Bezahlsysteme in Schulkantinen ist derartig stark und erfolgreich, dass sich Sparkasse, Initiative Geldkarte e.V. und ihre Freunde sowieso keine Sorgen machen müssen.

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Kommentare

5

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  • #1

    Liebe Loulou, das hat nix mit Kontrolle zu tun, sondern ist Lernen des vernünftigen Umgangs mit dem Geld anderer Leute (= meinem Geld).
    Das Essen wird vom Kind in der Vorwoche am PC ausgesucht. Wenn es nichts Passendes findet in der Mensaspeisekarte, gibt’s auch mal Bares auf die Hand für die Dönerbude, kein Problem. Aber da das Essen bei diesem System vorab bezahlt wird, will ich nicht, dass das Geld ‘einfach so’ ungenutzt verfällt. Die Kontrolle ist nicht heimlich, das sieht man automatisch beim Neubestellen.

    schrieb Db am

  • #2

    Loulou findet das echt eine Frechheit.
    Noch viel schlimmer finde ich den Kommentar der Mutter, die Ihr Kind kontroliert über eine Karte, echt hart.

    schrieb loulou am

  • #3

    Wenn die Schulträger und Schulbehörden ihre Schulen vernünftig mit finanziellen Mitteln ausstatten würden und keine “Budgetierung nach Kassenlage” betreiben würden, wäre der Bedarf an Schul-Sponsering sicherlich geringer.

    Aber das kann ein mit regelmäßig steigenden Zwangsgebühren finanzierter öffentlich-rechtlicher Sender wahrscheinlich nicht nachvollziehen…

    schrieb Mister M. am

  • #4

    Hier ein Interesanters Video über Schulsponsering.


    https://www.youtube.com/watch?v=kJww19OVh28

    schrieb Werner am

  • #5

    “Und die Lobby für elektronische Bezahlsysteme in Schulkantinen ist derartig stark und erfolgreich…”
    Ja, weil es den Eltern über ein prepaid-System Kostenkontrolle gibt. Aber es geht definitiv auch ohne chip oder Magnetstreifen (und erst recht ohne Sparkasse, unglaublich).
    Aus Muttersicht kann ich das System von http://www.sams-on.de sehr empfehlen. Die Kinder haben einen laminierten Papierausweis mit Barcode. Man überweist vorab einen Pauschalbetrag (z.B. 20€) auf ein Schulkonto, dieser Betrag wird dem Ausweis"konto” gutgeschrieben. Online kann Essen bestellt werden sowie jederzeit die Kontobewegungen nachvollzogen werden. Es wird sogar gekennzeichnet, ob das bestellte Essen auch abgeholt wurde (big mama is watching you :) - nix mit “jaja, war in der Mensa” - und tatsächlich lieber bei der Dönerbude, während das Mensageld verfiel).

    schrieb Db am

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