Mehr als Viele

Der Vergleichsarbeiten-Skandal - am Beispiel Baden-Württembergs 21.10.2008, 02:58

Tausende von LehrerInnen und SchulleiterInnen haben kollektiv die Vorgaben ihres Arbeitgebers unterlaufen und bei Vergleichsarbeiten geschummelt, so dass deren Ergebnisse fragwürdig geworden sind. Diese fließen der vielen Pannen wegen ab sofort zwar nicht mehr in die Zeugnisnote ein, werden jedoch weiterhin für die landesweite "Qualitätssicherung" eingesetzt.

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Auf Hinweis durch die unermüdliche Informierperson Db - danke!

Seit ihrer Einführung sind die Vergleichsarbeiten fast öfter geplatzt als gewertet worden. Denn um ein gutes Bild abzugeben, haben einige Lehrer/innen die Aufgaben schon vor dem hoch offiziellen Termin geübt (wir berichteten in der Ballade von der geplatzten Vergleichsarbeit) oder den SchülerInnen während der Durchführung geholfen. Ein aktuelles Beispiel aus Berlin zur Vergleichsarbeit “Vera”:

„Die Kollegen schummeln ganz bewusst, damit ihre Klassen nicht in ein schlechtes Licht gerückt werden“,bestätigte eine Kreuzberger Lehrerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Die Kinder [an Berliner Brennpunktschulen] hätten einen derart verarmten Wortschatz, dass sie bereits an der Fragestellung scheiterten. Deshalb würden Lehrer die Aufgaben tags zuvor besprechen oder aber während des Tests Hilfestellungen geben.

Tagesspiegel Berlin 19.10.2008: Schulen schummeln beim Drittklässler-Test

Vergleichsarbeiten - ein zweischneidiges Schwert

Dieses betrügerische Verhalten hat seine Ursachen darin, dass LehrerInnen (häufig gedeckt durch wissend schweigende SchulleiterInnen) die Vergleichsarbeiten in erster Linie als destruktives Kontroll- und Propagandainstrument der Politik wahrnehmen: Wenn Schulen - oft auch unverschuldet - in den Vergleichsarbeiten schlecht abschneiden, müssen sie sich oftmals mit Verwaltungsinstitutionen einen zermürbenden Papierkrieg der Ursachenforschung liefern. Dabei ist das Konzept der landes-/bundesweiten Vergleichsarbeiten durchaus sinnvoll, denn es ermöglicht eine Lokalisierung schulsystemisch problematischer Punkte (welche Schulen, Fächer, Unterrichtskonzepte ... sind unterstützungsbedürftig?).

Ursache für den Skandal: kollektiver Ungehorsam der LehrerInnen

Grund für die Aufgabe des Konzepts war die schiere Anzahl der Pannen (s.o.). Dabei handelt es sich um ein Phänomen der Unsichtbaren Hand: Viele Personen verhalten sich in einer Art und Weise, die ihnen selbst Vorteile bringen soll - und generieren damit kollektiv einen Zustand, auf den niemand unmittelbar hingearbeitet hat.
Lehrpersonen und SchulleiterInnen wollten sich nicht vor dem Karren der Vergleichsarbeiten erneut zu den Buhmännern der Nation machen lassen und haben deshalb - jede/r für sich, im stillen Klassenkämmerlein - betrogen. Das hat dazu geführt, dass die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten nicht mehr glaubwürdig sind.

Baden-Württembergs Bildungsminister Rau kann es sich nicht leisten, das Konzept “Vergleichsarbeit” klammheimlich in die Mülltonne zu kippen. Zu groß wären die finanziellen Verluste, zu groß der Imageschaden - denn das wählende Volk würde sich fragen, wieso man für ein so schnell zu entsorgendes Diagnoseinstrument Unsummen an Steuergeldern verschleudert hat.

Helmut Raus Trick: Eltern befriedigen, Qualitätssicherung beibehalten

Der aktuelle Zustand kann jedoch nicht bestehen bleiben - zu sehr schimpfen die Eltern über schlechte Noten und sinnlose Mehrbelastung ihrer Nachkommenschaft.

Helmut Rau reagiert atemberaubend smart: Er beschließt, die Eltern zu beruhigen und die Vergleichsarbeiten trotzdem fortzusetzen. Um die Eltern zu beruhigen, legt er die Vergleichsarbeiten an den Schuljahresanfang (weg von der emotional schwierigen Zeit kurz vor dem Jahresabschlusszeugnis) und verkündet, dass sie keinen Einfluss mehr auf die Zeugnisnoten haben würden (und gibt damit die Notenpeitsche an die LehrerInnen zurück). Mit einem Schlag wird die Kakophonie der Eltern verstummen - und dem Gemecker der Lehrer der Wind aus den Segeln genommen. Eigentlich sollten alle Beteiligten mit dieser Lösung glücklich werden: Der Noten- und Belastungsstress wird minimiert, und doch wird via Vergleichsarbeiten scheinbar weiterhin aktiv Qualitätssicherung betrieben.

Die “neue” Vergleichsarbeit

In dieser sonnigen Windstille könnte man ganz übersehen, dass es für die Änderungen ja nur einen Grund gab: Die Vergleichsarbeiten waren unglaubwürdig geworden. Die “neuen” Vergleichsarbeiten werden sicher nicht valider sein; trotzdem werden diese Daten in ihrer Unzulänglichkeit weiterhin für die “Qualitätssicherung” benutzt. Das Spiel “Vergleichsarbeit” gegen “Qualität” steht damit bei 7:0 für die Vergleichsarbeit, denn sie hat den besseren Trainer.

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