Hauptschule muss weg?

Augenwischerei: Baden-Württemberg benennt die Hauptschulen um 27.11.2008, 23:17

Helmut Rau, Kultusminister Baden-Württemberg, stellt ein Konzept vor, in dem die Hauptschule zugunsten der "Werkrealschule" abgeschafft werden soll. Leider ändert sich nur der Name, nicht jedoch die strukturellen Probleme des elitären Bildungssystems.

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Sämtliche unvoreingenommene ExpertInnen sind sich einig darüber, dass das dreigliedrige Schulsystem (namentlich: die Zuweisung zu Hauptschule, Realschule und Gymnasium) abgeschafft werden muss. Die Sinnlosigkeit dieser verfrühten Selektion wird noch dadurch verstärkt, dass Hauptschulen zunehmend als soziale Mülltonne fungieren.

Gerade in Süddeutschland hält man verbissen am dreigliedrigen Schulsystem fest. Auch Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) sah noch vor einem Jahr “keinen Grund [dafür ...], das gegliederte Schulsystem aufzugeben” (taz 24.11.2007). Denn eine Umstrukturierung ist nicht nur teuer, sondern führt auch dazu, dass die blonden deutschen Kinder aus der Mittel- und Oberschicht gemeinsam mit Kindern aus bildungsfernen Schichten lernen müssen. Das passt nicht ins elitäre Konzept.

Aber sieh! Kultusminister Helmut Rau hat nun das Konzept der (neuen) Werkrealschule vorgestellt:

Alle Hauptschulen, die mindestens zwei Klassen pro Jahrgang unterrichten, können demnach schon bald Werkrealschule werden [...], so dass ein neuer Schultyp entsteht, der zum einen einen aufgewerteten Hauptschulabschluss, zum anderen einen der gängigen Mittleren Reife ebenbürtigen Werk-Realschulabschluss anbietet. Beide Abschlüsse können nach der 9. beziehungsweise 10. Klasse auf der selben Schule erworben werden.

SWR.de 27.11.2008: Keine Hauptschulempfehlung mehr

Was auf den ersten Blick erfreulich klingt, ist bei näherem Hinsehen nichts weiter als eine “Bildungsmogelpackung”. Denn ob “Werkrealschule” oder “Hauptschule” - die vorzeitige Selektion und das dreigliedrige Schulsystem bleiben bestehen. Damit hat sich Helmut Rau ein weiteres Mal als Meister der Illusion erwiesen. Das sieht auch der SchulSPIEGEL so:

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Die Landesregierung startet die Hauptschule 2.0 einfach unter neuem Namen. Damit stemmt sie sich gegen den bundesweiten Trend, auf ein zweigliedriges Schulsystem umzustellen und die Hauptschule abzuschaffen, wie es etwa Berlin diskutiert, Bremen plant und Hamburg bereits umsetzt. Auch in den Pisa-Gewinnerländern Sachsen und Thüringen gibt es keine Hauptschule.

SchulSPIEGEL 27.11.2008: Bildungsmogelpackung - Baden-Württemberg pappt neues Etikett an Hauptschulen

Nicht einmal die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen (v.a.:Hauptschule und Realschule) wird größer. Denn es besteht die Gefahr, dass der (dann: inflationäre?) Werkrealschulabschluss von potenziellen ArbeitgeberInnen als Realschulabschluss zweiter Klasse betrachtet wird.

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