Nein, heute ist nicht der 1. April

CDU + FDP empfehlen Freizeitparks als Ziel von Klassenfahrten 17.10.2012, 01:05

Mickey-Mouse im Freizeitpark
Bild: Pixabay [CC0 (Public Domain)]

CDU und FDP planen im Bundestag eine Abstimmung darüber, dass Freizeitparks "noch stärker als mögliche Ziele von Klassenfahrten" anerkannt werden - Freizeitparks seien "außerschulische Lernorte". Das ist doch lächerlich. Viel sinnvoller verbringt man den Tag im McDonald's oder im Cinemaxx.

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Freizeitparks und ihr pädagogischer Nutzen

Sie kennen das: Bei der Planung der Klassenfahrt - die übrigens nach vielen schulinternen Absprachen "fachliche" oder "kulturelle" Bedeutung haben soll - sitzt in der letzten Reihe die "Wir-fahren-in-den-Freizeitpark"-Fraktion. Es ist ein einziger Kampf. Denn für Lehrer/innen mit einem Rest an pädagogischem Anstand sind Freizeitparks natürlich No-Go. Die Kinder sitzen genug vor den Glotzen und den Spielekonsolen und fummeln an Smartphones aus Plastik herum - da muss man ihnen nicht noch bei der Klassenfahrt von Disney vorgekauten US-Konsum anbieten. Das Wort "Erlebnispark" sagt es schon: Das Er-Leben wird einem abgenommen - für meist >30 Euro wird einem Fun aus Kunststoff und Geschwindigkeit geboten. Maria Montessori würde kotzen, wenn man sie zwänge, einen Tag in Disneyland zu verbringen.

Kurz: Auch wenn es vielen Kindern und Jugendlichen Spaß macht - Freizeitparks haben keinerlei pädagogischen oder fachlichen Nutzen. Sie sind die 3D-Version der Glotze und damit gerade noch an der Grenze zur Primärerfahrung.

CDU/FDP: Freizeitparks sind "Lernorte"

Ein echter Knaller: Die schwarz-gelbe Koalition hat einen Antrag in der Tasche, den sie zur Abstimmung in den Bundestag einbringen möchte:

Die Regierung soll sich dafür einsetzen, „dass Freizeitparks noch stärker als mögliche Ziele von Klassenfahrten und als außerschulische Lernorte anerkannt werden“. Kultusministerien und Schulbehörden sollten „solche Besuche als Beitrag zur Unterrichtsgestaltung ausdrücklich erlauben“.
Union und FDP begründen ihre Forderung u. a. mit Lerneffekten für Schüler. Außerdem hätten die Parks „pädagogische Bedeutung“.

Bild.de 15.10.2012: Freizeitpark-Besuche für Schulklassen „Unfug“

Das ist wirklich abartig. News4teachers baut ein fassungsloses "Allen Ernstes" in den Titel des zugehörigen Artikels ein und beschäftigt sich in einem nachgeschobenen Kommentar erst mal zeilenlang mit der Frage, ob es sich vielleicht um eine Zeitungsente handelt - die Bild-Zeitung hätte sich das wohl "kaum ausgedacht":

Diese Einordnung ist nötig, weil der Sachverhalt selbst derart absurd klingt: Kann es sein, dass Politiker in Sachen Bildung so völlig neben der Spur liegen, Vergnügungsstätten zu „außerschulischen Lernorten“ erklären zu wollen, um sie wirtschaftlich zu fördern? Offenbar schon. Das Ganze ließe sich als geistiger Blackout von Parlamentariern deuten, die augenscheinlich einer Wirtschaftslobby auf den Leim gegangen sind. So etwas hatten wir ja schon (Stichwort: Mehrwertsteuersenkung für Hotels).

News4teachers 16.10.2012: Freizeitparks als Lernorte? Willkommen in der Traumwelt

Klassenfahrt: Alternativen zum Freizeitpark

Ein Freizeitpark ist nicht nur pädagogisch kontraproduktiv, sondern auch teuer und oft weit weg. Es gibt zahlreiche Alternativen direkt um die Ecke, die einen wesentlich höheren erzieherischen Wert haben:

Gelage im McDonald's

Man könnte beispielsweise ganztägig ins McDonald's gehen. Dort kann man den Sozialarbeiter Ronald McDonald buchen und sich bis zum Rand mit Fließband-Futter vollstopfen. "Bubble Tea" soll es da neuerdings auch geben. Das ist für Schüler/innen eine ganz neue Erfahrung: Fressen, bis der Ronald kommt.

Auch wenn der kognitive Lerneffekt einer solchen Orgie nur gering ist: Der CDU-FDP-Kotzalition wird das sicher gefallen, denn bei Ronald McDonald erleben die Kinder emotionale Nähe und Wärme:

Ronald McDonald macht McDonald's zu einem Ort, an dem sich Kinder wohl fühlen und Spaß haben.

McDonald's: Diesen Kerl muss man einfach lieb haben

Ronald McDonald und Kinder

Geistig abstumpfen im Cinemaxx

Auch das Niveau-Kino Cinemaxx befindet sich direkt um die Ecke und ist mit Eintrittspreisen von unter 10 Euro wesentlich billiger als der doofe Freizeitpark. Inspiration zur Durchführung der Klassenfahrt findet sich bei Cinemaxx for Kids, Abteilung "Klexxi [das Cinemaxx-Maskottchen] macht Deinen Geburtstag zum perfekten Tag". Der offizielle Ablauf sieht so aus:

* Ein aktueller Film für Dich und Deine Gäste
* Freier Eintritt für das Geburtstagskind
* Popcorn, Softdrinks und kostenlose Felix-Bücher für alle [Marketingmaterial zum Film "Felix - Ein Hase auf Weltreise"]

Cinemaxx for Kids

"Dieser Tag wird unvergesslich!", verspricht die Cinemaxx-for-Kids-Webseite. So etwas Besonderes sollten Schüler/innen wirklich einmal erleben, da sie ja sonst immer nur auf dem Bauernhof Holz hacken und die Schweine füttern.

Der pädagogische Profi kann das auf Geburtstage ausgerichtete Programm leicht angleichen: Den freien Eintritt bekommt die begleitende Lehrer/in wohl nach einer kurzen Anfrage bei der Cinemaxx-Geschäftsführung. Diesen Deal sollte man nicht an die große Glocke hängen, rasch hat man als Lehrperson ein Verfahren wegen Vorteilsannahme am Hals (im Jahr 2005 übrigens 219 Lehrer/innen so ergangen, die nach einer Klassenfahrt in einen Freizeitpark [sic] Gutscheine für sich und ihre Familien bekamen).

Fazit

Es ist leider damit zu rechnen, dass die schwarz-gelbe Koalition ihren Antrag klammheimlich in den Reißwolf wirft und alles abstreiten wird, bevor ein großer Shitstorm aus Burger-Resten auf sie zukommt. Selbstverständlich habe man nur an eine kleine Auswahl von Freizeitparks mit pädagogischen und didaktisch aufbereiteten Angeboten gedacht, zum Beispiel das Museum für Neue Kunst in Freiburg oder die Grimmelshausen-Ausstellung in Gelnhausen.

Alles steht und fällt jetzt mit einem Statement unserer Bildungsministerin Anette Schavan (CDU). Wenn Sie es noch schafft, bevor die - darin inzwischen geübte - Merkel sie wegen Plagiiererei aus dem Kabinett wirft, könnte sie sich vielleicht wieder einmal ein bisschen "nicht nur heimlich" schämen. Das wäre wirklich angemessen.

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