Neuro-Enhancement

Im Trend: Hirndoping mit Espresso, Red Bull und Ritalin 06.05.2011, 16:23

Pillen
Bild: pixabay [CC0 (Public Domain)]

Mit Energy-Drinks wie Red Bull puschen sich Schüler/innen bei Klassenarbeiten, wer Glück hat, bekommt das wesentlich effektivere Ritalin. Die Lehrer/innen halten sich beim Korrigieren mit Kaffee wach. Und die Eltern trinken erst mal einen Schnaps, um die Fünf zu verdauen. Die Bereitschaft zum Hirndoping nimmt quer durch alle Gesellschaftsschichten zu und kultiviert dabei eine sehr fragwürdige Zielvorstellung: Erfolg ohne Leistung.

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Der folgende Text ist ein Auszug aus Hirndoping zwischen Science Fiction und heutiger Realität von Gunnar Glänzel dar. Bezugspunkt ist der aktuelle Kinothriller Ohne Limit, wo der Protagonist Eddie Morra sich mit der Designerdroge NZT-48 zu fast übermenschlichen Fähigkeiten verhilft. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Herausgebers - danke!

[...] Aktuellen Umfragen zufolge würde eine deutliche Mehrheit, beispielsweise 80% der vom Psychiater Klaus Lieb jüngst befragten Schüler und Studenten, Hirndoping ausprobieren, wenn schädliche Nebenwirkungen ausgeschlossen werden können. Effektive und sichere Neuro-Enhancer gelten als einer der letzten noch „ungehobenen Goldschätze der Pharmabranche“, wie Richard Friebe 2008 in der FAZ schreibt. Die Entwicklung und Markteinführung entsprechender Pharmazeutika wäre ein beispielloses Aufeinandertreffen von Angebot und Nachfrage, weswegen wohl nicht zuletzt die Kräfte des Marktes in diese Richtung wirken dürften.

Jenseits aller utopischen oder dystopischen Zukunftsmusik jeglicher Art: Woher kommt diese gewaltige potenzielle Nachfrage? [...] Man muss gar nicht lange suchen, um den Wunsch nach Verbesserung, Steigerung und Optimierung in verschiedensten Facetten als allgegenwärtig und beinahe schon übermächtig wahrzunehmen. Angefangen bei den unschuldig anmutenden Imperativen der Softdrinkbranche („Trinke Fanta. Lebe bunter!“) über den Boom der Energydrinks und die scheinbar ungeahnten Kräfte, die man leicht durch exotische Elixiere der Noni- und Goji-Klasse („Goji – Die Beere der Glücklichkeit“) freisetzen könne, bis hin zur Pharma-Cash-Cow Ritalin, einem Medikament zur Behandlung von AD(H)S, dem „Zappelphilipp-Syndrom“, dessen Verkaufszahlen bei weitem das übersteigt, was aufgrund der – oft durchaus umstrittenen – AD(H)S-Diagnosen zu erwarten wäre: Der wirtschaftliche Erfolg dieser und vieler weiterer Produkte drückt in Zahlen das kulturell tief verankerte Verlangen aus, das eigene Leben und die Chancen im Streben nach Zufriedenheit, Glück oder Wettbewerbsvorteilen schnell und mit möglichst geringem Aufwand zu verbessern.

Man mag einwenden, dass viele solcher Produkte und erst recht verschreibungspflichtige Medikamente nur von einer kleinen Minderheit konsumiert beziehungsweise missbraucht werden. Allerdings bilden die gegenwärtigen und zu erwartenden Möglichkeiten zur Verbesserung ein langes und dicht besiedeltes Kontinuum: Auf der einen Seite harmlose und kaum noch wegzudenkende Lifestyle-Produkte, bei denen die größte Gefahr in der Volksverdummung durch die Werbung besteht, und am anderen Ende das Ausdehnen der Grenzen von Leistungsfähigkeit bis in medizinisch, rechtlich und moralisch höchst fragwürdige Bereiche. Zwischen diesen beiden Polen gibt es in unserer gleichermaßen von Konsum wie auch durch Leistungsorientierung geprägten Gesellschaft eine breite und vielseitige Spanne allerlei an sich mehr oder weniger harmloser Genussmittel und frei verkäuflicher Medikamente, die alle drei Eigenschaften gemeinsam haben: Sie sind erstens gesellschaftlich akzeptiert, können zweitens sowohl sinnvoll eingesetzt und genossen als auch missbraucht und zweckentfremdet werden, und sind drittens grundsätzlich auch zur Steigerung von Leistung und gewünschten Eigenschaften einsetzbar. Und Indizien sprechen dafür, dass die Zahl derjenigen abnimmt, die von sich noch behaupten können, noch nie einen doppelten Espresso oder auch ein Schlückchen Sekt gezielt und bewusst eingesetzt zu haben, um in bestimmten Situationen besser abzuschneiden.
[...] Bezeichnend und brisant ist [...] die latent vorhandene und gesellschaftlich teilweise auch geförderte Bereitschaft zu „Hirndoping light“. Zu einer möglichen Erklärung dieser Tendenz liefern Soziologen interessante Befunde: Tatsächlich herrscht zwar bei uns immer noch das Leistungsprinzip, demzufolge Leistung mit Erfolg belohnt wird. Auf der anderen Seite scheint dieses Prinzip heute „ausgehöhlt“ (Sighard Neckel), denn erstens ist die Verbindung zwischen Leistung und Erfolg immer weniger klar und eindeutig, Stichwort mangelnde Leistungsgerechtigkeit, und zweitens verliert die Leistung im Verhältnis zum Erfolg immer stärker an normativem Gewicht: Während man früher Leistung zwar nicht ausschließlich aber durchaus auch um ihrer selbst willen erstrebte und ihr einen beträchtlichen Eigenwert zusprach, zählt heute immer weniger die Leistung selbst, sondern vermehrt nur noch ihr Ergebnis. Der Soziologe Sighard Neckel spricht in seinem Buch Flucht nach vorn von „Erfolgshandeln“, das sein „strategisches Ziel allein in der eigenen Wirksamkeit“ finde und „an weitere Normsetzungen nicht gebunden“ sei. Mit anderen Worten: Allein der sichtbare Erfolg zählt und für den ist immer öfter auch jedes Mittel recht. Diese Tendenz wird durch einen Wettbewerb erzeugt und verstärkt, der als ständig heftiger und undurchsichtiger wahrgenommen wird und der uns Ulrich Bröckling zufolge dem „Diktat fortwährender Selbstoptimierung“ unterwirft. Die offenkundigsten Folgen davon sind gesundheitlicher Art: So ist seit Jahren das Burn-out-Syndrom auf dem Vormarsch, während Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO die Depression als weltweite Hauptursache für Arbeitsausfälle ausweisen.
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