Bewertung

Neues Lehrerbewertungsportal »Spickmich« 13.03.2007, 21:27

Ausschnitt von spickmich.de (2007)
Bild: Screenshot von spickmich.de

Auf spickmich.de können SchülerInnen seit Januar ihre Lehrer/innen bewerten. Ein interessantes Konzept mit Fallstricken.

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  • (geändert: )

Ergänzung 07.03.2009: Dieser Artikel beschreibt eine Momentaufnahme vom März 2007; inzwischen hat Spickmich viele der umstrittenen Punkte geändert (so gibt es z.B. keine Kommentare zu LehrerInnen mehr, Zitate werden moderiert, Veränderung der Bewertungskriterien). Eine Zusammenfassung zum aktuellen Stand finden Sie im Artikel Spickmich ist jetzt ‘Bravo im Internet’.

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Beispiel: Profilseite eines registrierten Mitglieds bei spickmich.de

Das Konzept ist einfach und tragfähig: SchülerInnen registrieren sich unter Angabe ihrer Schule und Klassenstufe bei spickmich.de. Dann können sie LehrerInnen (auch von anderen Schulen / Klassenstufen) mit Noten von 1 bis 6 bewerten, Kommentare abgeben und Zitate der jeweiligen LehrerInnen einstellen. Außerdem haben registrierte SchülerInnen eine eigene Profilseite und können sich gegenseitig in Freundeslisten eintragen. Besonders gelungen ist auch das Feature “Freunde einladen”: SchülerInnen können kostenlos per SMS MitschülerInnen auf spickmich.de einladen.

Spickmich hat nach eigenen Angaben mehr als 2000 registrierte User, Ziel ist es, ein bundesweites Ranking zu etablieren. Die Idee ist gut, und Rankings können ja durchaus auch sinnvolles Feedback darstellen. Anonyme Schülerrankings aber sind gefährlich.

Anonyme SchülerInnen und die Moral

Viele Menschen lassen in der Anonymität des Internets jegliche Moral und Höflichkeit fahren. Da machen auch SchülerInnen keine Ausnahme. Auf Dem Lehrerfreund trudeln regelmäßig Kommentare wie “Ich finde keine Lösung auf dieser verhurten Scheißseite, ihr Fuck-Arschlöcher” oder “Frau XY unsere Klassenlehrerin die dumme Schlampe benuzt dieses arbeitsblat auch und sie stilt es aus dem Netz hier!!!! Sie unterrichtet an der X-Schule in Y die vozze!!!!”. Deshalb sind hier alle Kommentare moderiert. Stoisch löschen wir in der Woche 10-20 solcher Kommentare.

Ich möchte mutmaßen, dass dieses Phänomen die Existenz von Spickmich ernsthaft gefährden könnte. Die Betreiber geben sich gelassen: Selbstverständlich würde man beleidigende, verletzende oder generell nicht vertretbare Kommentare löschen, gerade wenn sie personnebezogen seien. Und das wäre ja auch kein Thema:

Inzwischen haben wir über 2000 registrierte User und mehr als 5000 gespeicherte Lehrerzitate. Es freut uns vor allem, dass wir bis jetzt erst zwei Zitate löschen mussten. Soviel Fairness ist natürlich super und trägt zum Erfolg der Homepage bei.

jetzt.de/sueddeutsche 13.03.2007: Ranking: Auf spickmich.de werden Lehrer bewertet

Beispiel: Bewertungsseite bei spickmich.de

Leider ist dem überhaupt nicht so. Besonders eindrücklich wird das, wenn man in den Top-10-Listen die “Flop 10” betrachtet. Hier wird auf übelste Weise mit LehrerInnen abgerechnet - und zwar schonungslos mit Name, Schule und Fächerangaben der Lehrperson. Beispiele gefällig?

“Sie ist Ausländerfeindlich passt auf”

“passt auf der witz des jahres wie kann man die umbringen?? den gürtel enger machen dann erstickt die ok der is ncoh lusitg aber egal”

“Sprecht sie niemals an sie ist eine Ziege und das schlimmste ist sie ist meine Politklehrrerin”

“FRAU xxx IST EINE DER SCHLIMMSTEN LEHRERIN AUS DER SCHULE SIE IST DIE SCHLECHTESTE POLITIK LEHRERIN DER WELT”

“Frau yyy is so scheisse die hat mir ne unfaire note gegeben”

Man verstehe mich nicht falsch: Ich finde, dass gerade LehrerInnen (konstruktives) Feedback brauchen und bekommen sollten. Und ich finde, dass sich keine LehrerIn aus der Verantwortung stehlen darf. Dass LehrerInnen hinter verschlossenen Türen tun und lassen können, was sie wollen, ist ein Unding. Nur eine ordentliche Feedback- und Supervisionskultur kann diesen Missstand ändern.

Mag eine Lehrer/in jedoch noch so verabscheuungswürdig sein: Keine/r hat verdient, öffentlich derartig denunziert zu werden. Und wo liegt die Grenze zur Wahrheit? Wir wissen: Es gibt ganz große Arschlöcher unter den LehrerInnen. Aber es gibt ebenso große Arschlöcher unter den SchülerInnen. Ist jetzt also Lehrer X ausländerfeindlich - oder der kommentierende Schüler einfach eine heimtückische Gestalt? Keiner kann es so leicht sagen, aber im Netz steht: “Sie ist Ausländerfeindlich passt auf”.

Solche Kommentare oben stehen wohl dicht an der Grenze zu Verleumdung und übler Nachrede und was es sonst noch alles so gibt. Die Betreiber des Portals müssen höllisch aufpassen, dass ihnen nicht plötzlich Briefe vom Anwalt ins Haus flattern. Schaffen sie es aber, ihre Community “sauber” zu halten, könnte das Angebot ein richtiger Erfolg werden.

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