Totale Absolution

Lehrer/innen sind fleißig, klug und beliebt 07.06.2009, 21:05

Die ZEIT erteilt den Lehrer/innen die totale Absolution: Lehrer/innen sind weder faul noch dumm noch untalentiert. Akribisch werden sämtliche nur denkbaren Vorurteile gegen Lehrer/innen unter Zuhilfenahme empirischer Daten entkräftet.

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Von Tag zu Tag wird der Lehrermangel in Deutschland offensichtlicher. Erst diese Woche verkündete die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) den abstrusen Plan, das Referendariat in Hessen zu verkürzen, um schneller an Lehrer/innen zu kommen (mehr: Main-Rheiner 03.06.2009: ‘Qualität wird schlechter’).

Da man nun auf die existierenden und zu produzierenden Lehrer/innen angewiesen ist wie noch nie, wird der Tonfall von Politik, Medien und damit auch des Volks zunehmend höflicher: Kaum ein Mensch der Straße zweifelt mehr daran, dass Lehrer/innen einen anstrengenden Job haben (mehr: Lehrermangel: Politikerversagen verbessert Lehrer-Image). Und nicht zufällig schießen Studien wie Pilze aus dem Boden, in denen die Expertise und das gute Image von Lehrer/innen beschworen wird.

Nun hat die ZEIT sich des Themas in einem Artikel mit dem programmatischen Titel Wie Lehrer wirklich sind angenommen. Die “seltsamen Vorstellungen”, die viele Menschen von Lehrer/innen hätten, würden durch wissenschaftliche Studien als bloße Vorurteile entlarvt. Deshalb räumt die ZEIT auf mit zehn Mythen (= Vorurteilen). Bei der Lektüre kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus - was für angenehme, motivierte Zeitgenossen sind Lehrer/innen doch! Der Artikel zeichnet folgendes - nach Aussagen der ZEIT “wissenschaftlich” belegtes - Lehrerbild:

Lehrer/innen ...

  1. ... sind Idealist/innen und möchten einen gesellschaftlichen Beitrag leisten.
  2. ... sind klug (betrifft: Gymnasiallehrer/innen).
  3. ... jammern nicht und sind glücklich mit ihrem Beruf.
  4. ... sind fleißig.
  5. ... sind in besonderem Maße von Burnout bedroht.
  6. ... arbeiten mehr als Architekten und Ingenieure.
  7. ... haben ein gutes Image.

Kurz: Lehrer/innen sind in den letzten Jahren vom gesellschaftlichen Paria zum Heiligen mutiert (mehr: Lehrer-Image wird immer besser). Das Bild vom fleißigen, kompetenten und idealistischen Bienlein ist dabei genau so unrealistisch wie das vom faulen Sack, wenngleich erfreulicher. Da der Lehrermangel schon in den nächsten Jahren exorbitant zunehmen wird, können wir uns vielleicht sogar bald schon über massive Gehaltserhöhungen oder einen PS-starken Dienstwagen freuen.

Lobbyarbeit für Gymnasiallehrer/innen?

Bei genauerer Betrachtung des ZEIT-Beitrags fällt auf, dass vor allem Gymnasiallehrer/innen gelobt werden: Sie sind klüger als Grund-/Haupt-/Realschullehrer/innen, fachdidaktisch besser ausgebildet, sie geben den besseren Unterricht (und haben dabei ein deutlich schlechteres Image in der Gesellschaft als Grundschullehrer/innen). In diesem Zusammenhang fällt auf, dass der Lehrermangel vor allem Gymnasien und berufliche Schulen bedroht, u.a. weil hier eine wesentlich stärkere Fächerfixierung besteht als in den anderen Schulformen. Aber das ist bestimmt nur ein Zufall.

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