Die Antwort lautet: nein

Ist Pinterest für Lehrer/innen nützlich? 07.10.2012, 14:43

Pinterest-Logo
Bild: pinterest.com

Der aktuelle soziale Hype nach Facebook und Twitter heißt Pinterest. Was ist Pinterest und welche Einsatzbereiche in der Bildung gibt es für Pinterest? Als Beispiel betrachten wir einige der "besten" Pinterest-Boards für Lehrer/innen.

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Was ist Pinterest?

Niemand kann solche Dinge besser erklären als Wikipedia:

Pinterest ist ein soziales Netzwerk, in dem Nutzer Bilder-Kollektionen [und auch: Videos] mit Beschreibungen an virtuelle Pinnwände heften können. Andere Nutzer können dieses Bild ebenfalls teilen (repinnen), den Gefallen daran ausdrücken oder kommentieren. [...]

Laut Alexa Internet ist Pinterest auf Platz 42 der meistbesuchten Webseiten weltweit und auf Platz 16 der meist besuchten Webseiten der USA.[4] Dabei sind die Nutzer von Pinterest zu großen Teilen weiblich.

Wikipedia: Pinterest

Im Chart sieht das so aus (Zahlen von comScore):

Diagramm: Pinterest-Wachstum in den USA

Pinterest wurde 2010 gegründet; man kann sich per Facebook-Connect einloggen (braucht also keinen extra Account anzulegen) - das hat sicher zu dem explosionsartigen Wachstum beigetragen. Allerdings scheint es in den letzten Monaten schon wieder abwärts zu gehen, von bis zu 30% weniger Besuchern berichtet man für den Zeitraum nach 02/2012.

Pinterest als logische nächste Stufe nach Bloggerei, Facebook und Twitter

Schon beim Aufkommen von Facebook wurde die Kürze und Oberflächlichkeit der Kommunikation beklagt. Gefallensbekundungen wurden auf das Klicken eines Like-Knopfes reduziert, Beiträge und Kommentare wurden - im Gegensatz zur bisherigen Form digitalen Ausdrucks (dem Bloggen) - in der Länge drastisch beschnitten.

Dann kam Twitter. Jede Nachricht hat maximal 140 Zeichen. Aber den Leuten hat's gefallen und gefällt es immer noch. Unverbindliches Geplapper, Hintergrundwissen ist nicht notwendig, Aktualität ist wichtiger als Tiefsinnigkeit.

Doch das war nicht der Gipfel der Inhaltslosigkeit. Denn dann kam Pinterest.

Pinterest kommt ohne Worte aus. Die Leute zeigen sich gegenseitig Bilder, als Reaktion zeigt man andere Bilder. Eine "vollständig atavistische Kommunikationskultur". Man hat die Nase voll von oberflächlich hingerotzten Halbsätzen und von Freunden, die man nicht kennt. Kommunikation reduziert sich auf emotionales Angrunzen.

Höhlenmalerei (Wikimedia Commons)

Beispiele für die Pinterest-Ästhetik

Bevor wir zur Bildung kommen, für alle Nicht-Pinterester/innen einige Beispiel zur Veranschaulichung, wie Pinterest funktioniert.

Beispiel 1: Desserts

Suchen wir Pinnwände zum Thema "Desserts" über die Suchfunktion, finden wir Sammlungen von Fotos, die uns das Wasser in den Mund treiben. Eins schöner als das andere - man pinnt ja keinen unterbelichteten Müll an seine Pinnwand.

Screenshot: Pinterest: Pinnwände zum Thema 'Desserts'

Beispiel 2: Garten

Die Pinnwände auf Pinterest sind nach Kategorien geordnet. Da haben wir von "Architektur" und "Autos und Motorräder" über "Geschichte", "Hochzeiten", "Humor", "Kunst", "Kinder" alles bis "Zitate". Die Kategorie "Garten" enthält - wer hätte es gedacht - zahlreiche Bilder von Gärten, Gartenarbeit, Gartengeräten, Gartenpflanzen usw.

Screenshot: Kategorie 'Garten' bei Pinterest

Wenn Kommentare zu einem "Pin" (d.h.: zu einem an eine Pinnwand angehefteten Foto) abgelassen werden, sind diese meist eher nicht so aufwändig gestaltet ("Great idea!", "Love it", "mmmmh" usw.):

Screenshot: Kommentare auf Pinterest

Wie man sieht: Die Ästhetik steht im Vordergrund. Schöne Fotos teilen eben.

Pinterest in der Bildung

Nun mag das ja Geschmacksache sein, ob man lieber spricht oder sich Bilder zeigt. Spannend wird das Thema dann, wenn Dinge wie Pinterest oder Twitter in der Bildung eingesetzt werden.

Pinterest im Unterricht

Während man sich bei der Verwendung von 140-Twitter-Zeichen in der Schule (Beispiele) noch einreden kann, dass da irgendwie Texte im Spiel sind und damit kognitive Lernprozesse stattfinden könnten, muss man bei Pinterest ganz schön abstrahieren. Und tatsächlich hat Pinterest im Unterricht quasi überhaupt gar nichts verloren. Das zeigt auch die Infografik von onlineuniversities.com "16 Ways Educators Use Pinterest" (die übrigens 1.300 Mal auf Pinterest irgendwo angepinnt wurde; zur Unsitte der Infografik mehr hier: Fataler Trend: Infografik statt Text).

Die in der Grafik dargestellten Pinterest-Unterrichtsideen sind erstaunlich an den Haaren herbeigezogen. Wer absolut kein Interesse mehr daran hat, Inhalte im Unterricht zu vermitteln, sondern nur noch die Zeit totschlagen will und ein diffuses medienpädagogisches Konzept durchziehen will, der kann sich das mal genauer zu Gemüte führen.

Mashable: Pinterest-Infografik (Vorschaubild)

Pinterest als Ressource für Lehrer/innen

Bildungsressource bedeutet: Inspiration und Materialschatz für Lehrer/innen. Diese Dimension wird vor allem im US-amerikanischen Web breitgetreten in Übersichten wie 10 Terrific Teachers to Follow on PinterestPinterest Resources for Educators oder 25 Of The Best Pinterest Boards In Education (Letztere gefunden bei The mh-GermanBuddies Daily von Matthias Heil).

In den meisten Fällen geht es vor allem um die Verwendung von "Edtech" = bildungsförderliche Technologien ("educational technology"). Erstaunlicherweise spielt die Verbreitung von (schönen, interessanten, aussagekräftigen ...) Bildern gar keine Rolle. Vielmehr werden vermeintlich interessante Blogs, Blog-Beiträge oder sonstige Webangebote verlinkt. Da man sich aber in Pinterest befindet, wird ein mehr oder weniger beliebiges Foto draufgeschnallt. Natürlich werden auch sehr gerne Infografiken angepinnt (nochmal: Fataler Trend: Infografik statt Text).

Ein typisches Beispiel ist das Pinterest-Board EDTECH von Patricia Brown. Es werden Webressourcen verlinkt ("5 Useful iPad Apps For Any Classroom"), als Bild muss teilweise mehrfach das gleiche herhalten:

Screenshot: Pinterest-Board EDTECH von Patricia Brown

Etwas mehr Mühe gibt sich Vicki Davis auf ihrem Pinterest-Board "Teaching Ideas and Apps". Hier sind die Pins mit ausführlicheren Kommentaren versehen, also quasi eine kommentierte Linkliste. 

Screenshot: Pinterest-Board von Vicki Davis

Doch auch hier bleibt die Ästhetik größtenteils vollständig auf der Strecke. Beachten Sie im folgenden Bild die hässlichen, uninspirierten Bilder, die einfach nur da sind, weil eben ein Bild dabei sein muss. Beachten Sie auch die uninteressanten Links: "Persuasive writing ideas", "Learn about the weather" usw.

Screenshot: Pinterest-Board von Vicki Davis

Besonders beliebt sind natürlich Infografiken - Texte mit wenig Text, grafischen Elementen und Bildern für die, die zu faul sind, Texte zu lesen. Beispiele sind das oben abgebildete "16 Ways Educators Use Pinterest", "Gaming In The Classroom", "A Day in the Life of a Connected Educator", "Edtech Cheat Sheet", "Show What You Know", "Kid Tech", "Are We Wired For Mobile Learning?", "Data Never Sleeps", "Mobile Learning Report Card", "What Can You Do With Google?" usw. usf. Das sieht dann z.B. so aus (Montage zur besseren Übersichtlichkeit):

Montage: Verschiedene Infografiken auf Pinterest

 

Fazit

Im Gegensatz zu den meisten anderen Bereichen wird Pinterest in der Kategorie "Bildung" vor allem als Linkliste gebraucht - wer hätte sich diese Perversion vorstellen können! Die ästhetisch-emotionale Dimension, die das Zentrum von Pinterest bildet, spielt kaum eine Rolle.

Und das ist das Problem: Pinterest ist kein Tool, um Links strukturiert zu verwalten. Im Blog Lernspielwiese ist die eigene Erfahrung mit dem Dilemma im Abschnitt "Wie also nutzte ich Pinterest?" prägnant zusammengefasst:

Daraufhin habe ich mir Themen ausgesucht, die mich interessieren. [...] NUTZUNG ALSO ALS VISUALISIERTE LINKLISTE bzw. visualisiertes Bookmarkingsystem, die Boards stellen gleichsam eine Art #tag dar.
Was gleich mal das nächste Problemchen generierte. Gibt man einen Link ein und das System findet kein geeigentes Bildchen das man ans entsprechende Board hängen könnte, so verweigert es sich. Workaround bestand spontan für mich darin, einen Screen-Shot zu produzieren. System überzeugt. Resultat mittelmäßig bis schlecht, da ja genau DAS die Stärke von Pinterest ist, schöne Bilchen anneinanderzureihen.

Lernspielwiese 28.02.2012: Pinterest? – No interest!

Und genau so läuft es bei den Lehrerpinnwänden auf Pinterest: Sie werden mit Links zugemüllt, als Oberfläche dient meist irgendein Bild, das halt gerade griffbereit war. Die emotional erquickliche Unstrukturiertheit des Portals wird hier zum Pferdefuß.

Pinterest hat in der Bildung nichts verloren, weder als Unterrichtsmedium noch als Materialpool für Lehrer/innen. Nicht alles, was schön ist, muss deshalb auch nützlich sein.

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