Schulalltag

Typischer Ablauf einer Vertretungsstunde 11.11.2009, 10:19

In Vertretungsstunden zeigt man entweder einen halbwegs sinnvollen Film oder unterrichtet Fächer, die man nicht studiert hat. Den möglichen Ablauf einer solchen Vertretungsstunde schildert humoresk der "teacher" auf seinem Blog 'niemehrschule'.

Lehrer gibt im Wald eine Vertretungsstunde
Bild: Pixabay/sasint (Montage) [CC0 (Public Domain)]
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Der “teacher” und sein Blog “niemehrschule

Aus Österreich berichtet seit 2004 ein anonymer Lehrer Professor unter dem Pseudonym “teacher” über Begebenheiten aus dem Schul- und Lehreralltag - bissig, eloquent und humorvoll (mehr: Profil von “niemehrschule”). Bei der Lehrerfreund-Umfrage zum Lehrerblog 2009 wurde niemehrschule auf den zweiten Platz gewählt.

teacher berichtet über eine Vertretungsstunde

In seinem aktuellen Blogpost berichtet der teacher über eine Vertretungsstunde - in der die Schüler/innen den mitgebrachten Film langweilig finden und dann den armen Mann über rationale Zahlen befragen. Die Anekdote bringt das, was schon Millionen Lehrer/innen in Vertretungsstunden erlebt haben, schonungslos und augenzwinkernd auf den Punkt. Wir geben sie hier mit freundlicher Genehmigung des teachers wieder (zum Originalbeitrag auf niemehrschule):

Mathematischer Müllhaufen

Supplieren ist unbeliebt: Oft muss man kurzfristig eine fremde Klasse übernehmen und weiß nicht, was einen hinter der Tür erwartet. Dieses Mal war es leichter - ich kannte die vierte Klasse und die abwesende Kollegin hat mir vorsorglich eine Videokassette in die Hand gedrückt:
“Schau mit ihnen den Anfang von Little Buddha an, du kennst dich ja mit asiatischen Kulturen aus.”
“Super. Gerne.”

Ich winke mit der Kassette und wundere mich über die Reaktion der Schülerinnen:
- “Nein! Der ist fad.”
- “Muss das sein?”
- “Wir haben nächste Stunde Mathe-Schularbeit!”

“Ok”, sage ich, “wenn ihr lieber Mathe üben wollt ...”
Das hätte ich nicht tun sollen.
“Können Sie uns eine Rechnung aufgeben?”
“Ahhh ... was macht ihr gerade?”
“Quadratwurzeln mit Variablen!”
Das habe ich das letzte Mal vor 30 Jahren probiert.
“Gut, rechnet mal die Quadratwurzel aus 64 x hoch 4.”
“Das ist zu einfach!!!”

Eine Zwischenfrage beschert mir weitere Schmach.
“Ist 2,64 eine rationale Zahl?”
Bevor ich etwas Falsches behaupte, steige ich auf den Einserschmäh um und reiche das Problem an die Klassenbeste weiter: “Was sagst Du, Tanja?”
“Eigentlich schon.”
Leider steht im Heft das Gegenteil.
“Dann werde ich einfach nachschauen.”

Wolframalpha soll eine schlaue Wissensmaschine sein, aber sie gibt nur gute Antworten auf gute Fragen. Ich erkenne, dass es - entgegen anders lautender Behauptungen - blöde Fragen gibt: Keine Lösung. Wikipedia definiert superschlau, aber viel zu umständlich: Auch keine Lösung.

“Ich geh jetzt mal ...”
“Super, Herr Professor!”
“Ich geh ... ins Lehrerzimmer ... fragen.”
“Danke.”

Dort gibt mir ein Mathematikkollege eine Einführungsvorlesung in Sachen reelle Zahlen und schreibt mir eine halbe Seite voll mit diversen Beispielen.

Zurück in der Klasse umringt mich sofort ein Dutzend neugieriger Schülerinnen. Ich erkläre stolz:
“2,64 ist eine rationale Zahl, weil die nicht sichtbare Null dahinter periodisch ist.”
“Sag ich ja”, ätzt Superschlau-Tanja.
“Und warum habt ihr ins Heft das Gegenteil geschrieben?”
Achselzucken.

Dedektivisch komme ich dem Rätsel auf die Spur:
Die Kinder mussten selbständig Wurzelrechnungen lösen und entscheiden, ob die Ergebnisse rational oder irrational sind. Bei Wurzel aus 6 waren zu viele Stellen hinter dem Komma, also haben sie auf 2,64 gerundet und dann entschieden: Rationale Zahl.
Falsch.
“Völlig verkehrter Ansatz, Leute. Gerade wenn hinter dem Komma so ein mathematischer Müllhaufen steht, dann handelt es sich um irrationale Zahlen.”
“Mathematischer Müllhaufen? Das verstehe ich”, jubeln die Zuhörer.
“Also, wenn keine Periodizität zu erkennen ist”, will ich mich verbessern.
“Neee. Müllhaufen!”

niemehrschule 09.11.2009: Mathematischer Müllhaufen

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