»Altersheim für Minderjährige«

niemehrschule-Ex-Blogger »teacher« im Interview 10.08.2015, 09:54

Screenshot: niemehrschule, erster Beitrag (Ende)
Bild: niemehrschule, erster Blogeintrag 21.02.2003

Das Lehrerblog »niemehrschule« gehörte lange Jahre zu den ersten und meistkommentiertesten Lehrerblogs im deutschsprachigen Web. Der bis heute anonyme Autor mit dem Pseudonym »teacher« spricht im Interview über den Sinn des Bloggens, das Schulsystem und die Frage, wie man als Lehrer/in möglichst glücklich überleben kann.

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Das Interview mit dem teacher wurde im Juli 2015 auf digitalem Wege geführt. Seine Identität ist uns nach wie vor nicht bekannt. Die Hervorhebungen in den Antworten wurden vom Lehrerfreund vorgenommen.

Lehrerfreund: Du warst jahrelang als Lehrer an einer Schule in Österreich tätig, vor drei Jahren bist du "ausgestiegen". Wie darf man sich das vorstellen - hast du im Lotto gewonnen?

teacher: Ich bin nicht völlig ausgestiegen, ich unterrichte noch einige (wenige) Klassen an einem Gymnasium - und habe umso mehr Freude damit, je seltener ich dort arbeite; aber ich habe neue Aufgabenbereiche dazugewonnen: Ich bin Lehrbuchautor geworden, bilde Junglehrer aus (und weiter) und bin in der Erwachsenenbildung tätig. Wenn ich mir die Auflage meiner Bücher ansehe oder die (verpflichtenden) Feedbacks meiner Studierenden, bin ich ziemlich erfolgreich. In der Schule konnte ich Erfolg und Misserfolg kaum wirklich unterscheiden - gute LehrerInnen merken nichts von ihrer Qualität (höchstens durch zusätzliche Belastung, die ihnen aufgebürdet wird).

Lehrerfreund: Du betreibst dein Blog »niemehrschule« seit Januar 2012 nicht mehr, aber es ist noch erreichbar unter teacher.twoday.net. Für diejenigen, die es nicht kennen: Welche drei Beiträge empfiehlst du zur Einstiegslektüre in deine Gedankenwelt?

teacher: Sorry, da kann ich nicht weiterhelfen. Ich habe schon zu große Distanz zu meinem eigenen Blog, ich kenne die einzelnen Beiträge nicht mehr gut genug, um welche empfehlen zu können. Eigentlich müsste ich jetzt hergehen und von vorne zu lesen beginnen, damit ich einzelne Postings empfehlen und andere vielleicht sogar löschen könnte.

Lehrerfreund: In deinem ersten Blogbeitrag am 21. Februar 2004 schreibst du, was dich zum Bloggen motiviert: »Frust ab-bloggen«. Im distanzierten Rückblick auf 8 Jahre Bloggerei: Ist Bloggen der perfekte Weg, um Frust abzulassen?

teacher: Nein, es war definitiv der falsche Weg, weil ich durch einzelne Kommentare noch stärker frustriert wurde. Lesson learnend: LehrerInnen dürfen sich kein Verständnis von Nicht-LehrerInnen erhoffen! Beim Bloggen erlebte ich tiefe Emotionen und kochte vor dem Computer meine Probleme noch einmal hoch. Supervision - eventuell auch auf digitalem Weg - oder schlicht eine halbe Stunde Sport nach dem Unterricht wirken sicher effizienter als shitstorm-gefährdetes Veröffentlichen schulischer Frustauslöser.
Ich würde heute KollegInnen davor warnen, ihre Gemütsverfassung vor digitalen Hyänen offenzulegen - schon gar nicht namentlich.

Lehrerfreund: Schule erscheint in deinen Posts oft als sinnloser Selbstzweck, zum Beispiel:

[Lehrer:] "Da schreiben sie Texte, die ich sonst im Unterricht nie trainiere. Aufsätze, zum Beispiel. Argumentative Texte, die sie auch nie wieder brauchen werden. Nur für die Reifeprüfung!"
[teacher:] "Naja."
[Lehrer:] "Lernen für eine einzige Prüfung! Das ist das Absurdeste, was ich in Klassen sagen muss!"
[teacher:] "Ach! Das ist normal. Schule ... Uni ..."

oder

Eines unserer schulischen Hauptprobleme besteht darin, dass Jugendliche - nicht anders als Erwachsene oder Unternehmen - intuitiv nach dem ökonomischen Prinzipvorgehen. Sie sehen im Unterricht keine persönliche Bereicherung sondern eine Arbeit, bei der sie mit minimalem Aufwand ihre Ziele erreichen wollen.

Das streiten die meisten SchülerInnen gar nicht ab.

Als Lehrer warst du manchmal (oft?) "Getrieben, aber nicht motiviert." (niemehrschule 19.10.2010: Selbstzweifel). Das klingt so, als wäre der Lehrberuf auf Dauer ein ziemlich deprimierender Horrojob.

teacher: Viel Schul- und Unterrichtszeit ist verlorene Zeit (für SchülerInnen und LehrerInnen), ist Beschäftigungstherapie, ein Altersheim für Minderjährige. Trotzdem ist Schulzeit sinnvoller als die meiste andere Zeit, die unsere Kinder  und Jugendlichen auf facebook, youtube, Events, Shoppingtouren, beim Chillen, vorm Fernseher, in Sauflokalen etc. verschwenden. Ist es unser aller gutes Recht, unsere Lebenszeit sinnbefreit und ziellos zu vergeuden? "Dem Herrgott die Zeit stehlen", wie man im katholisch sozialisierten Österreich trefflich formuliert. Ich glaube: Nein.
Wenn du als LehrerIn (oder SchülerIn) die begrenzte Zeit in der Schule möglichst tiefschürfend und sinnvoll nutzen willst, wirst du schnell deine Grenzen erkennen und frustriert aufgeben. Dann lieber "Schulbuch raus" und ganz pragmatisch den Alltag bewältigen. Wer seine Ansprüche niedriger ansetzt und seine Erwartungen begrenzt, wird ein Leben lang glücklich unterrichten können, wer allerdings höhere Ziele anstrebt, wird leichter deprimieren. Unter den sehr engagierten "Reformpädagogen" ist der Frust besonders hoch, weil die Kluft zwischen den hehren Zielen und der umsetzbaren Realität besonders groß ist.

Lehrerfreund: In deinem Blog hast du häufig Ideen untergebracht, wie Schule und Unterricht besser werden könnten (z.B. Unterricht ohne Aufzeigen). Welche drei Dinge würdest du am Schulsystem verändern?

teacher: 1. Keine Schulpflicht, sondern Schulrecht für alle. Unabhängig vom Alter können alle Kurse von allen belegt werden, wenn die nötigen Einstiegsprüfungen geschafft werden.
2. Bildung ist wertvoll und muss daher einen (hohen) transparenten Preis haben. Was nichts kostet, ist nichts wert. Der Staat stellt den Eltern bzw. Kindern jährlich Bildungsgutscheine zur Verfügung (6.000 - 8.000 €!), diese lösen sie in den gewählten Kursen ein.
3. Schulbücher durch interaktive Tablets ersetzen und damit Unterricht individualisieren.

Lehrerfreund: Und zum Schluss noch die Frage an den Veteranen: Welche Tipps gibst du jungen Lehrer/innen, die gerade in den Lehrberuf einsteigen bzw. eingestiegen sind, auf den Weg?

teacher: Tipp 1: Pädagogik unterliegt Modeschwankungen. Glaube nicht alles und mache nicht jede Mode mit, suche jene Elemente aus, die gut zu dir und deinen SchülerInnen passen.
Tipp 2: Erwirb Selbstvertrauen, z.B. durch exzellentes Wissen oder besondere Fertigkeiten (Eloquenz, Informatik, Sport etc.). Setze es gezielt ein, wenn dich überhebliche "Bildungspartner" zu minderwertigen Dienstleistern degradieren wollen. Wetten, du wirst es brauchen!
Tipp 3: Sei ein freundlicher und humorvoller Mensch in der Klasse - die Kinder werden dich spiegeln. Sonst zurück zu Tipp 2.

Screenshot: Lehrerblog niemehrschule (Vorschaubild)

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