90.000.000 Euro jährlich

3 Prozent aller deutschen Kinder auf Ritalin & Co 15.05.2011, 19:46

Pillen und Geld
Bild: flickr-User epsos.de [CC by]

Rein statistisch gesehen sitzt in fast jeder deutschen Schulklasse ein Kind, das morgens zum Frühstück "eine Ritalin" (= Medikament mit Wirkstoff Methylphenidat) einwirft. Die Pharmaindustrie setzte damit im Jahr 2009 rund 90 Millionen Euro um. Den Krankenkassen schmeckt das gar nicht und sie verweisen säuerlich auf Langzeitfolgen und alternative Therapieformen.

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Aktuelle (2015) Zahlen siehe hier: Ritalin & Co: Weltweiter Verbrauch steigt und steigt

Nachdem die Barmer GEK in einer Pressemitteilung berichtet hatte (Link nicht mehr erreichbar), dass eine “Trendwende bei der ADHS-Behandlung” zu beobachten sei, war in sämtlichen Medien zu lesen, dass 2009 weniger Medikamente wie Ritalin usw. für ADS/ADHS-Kinder verschrieben wurden, von “Entwarnung” war die Rede. Man konnte also aufatmen - das Ende des Pharma-Wahnsinns schien gekommen.

Nun legt die TK (Techniker Krankenkasse) mit ganz anderen Zahlen nach. Der wesentliche Unterschied zur Barmer-Studie: Es wird die Veränderung zwischen 2006 und 2009 betrachtet, bei der Barmer werden dagegen jährliche Veränderungen berücksichtigt (von 2005 auf 2006: plus 43.4%, von 2008 auf 2009: minus 1.2%). Die TK dagegen weist u.a. auf den Anstieg der pro Person verschriebenen Menge hin. Schon der Titel der TK-Pressemitteilung ist ziemlich unmissverständlich: “(Zu) viele Pillen für den Zappelphilipp?! Über 1,7 Tonnen Tabletten für AD(H)S-Kinder” (Link nicht mehr erreichbar). Dort ist zu lesen:

Im Jahr 2009 haben rund 27 von 1.000 TK-versicherten Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 18 Jahren Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen des Originalpräparates Ritalin, verordnet bekommen. Im Jahr 2006 waren es noch 20 von 1.000. Das entspricht einer Steigerung von 32 Prozent.

Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte weisen in die gleiche Richtung: Von 2006 bis 2009 ist die Menge des Wirkstoffs, die an die Apotheken ausgeliefert wurde, um 42 Prozent auf 1.735 Kilogramm gestiegen. Das entspricht dem Gewicht eines kleinen Geländewagens. 2006 waren es noch 1.221 Kilogramm.
 
Diesen Trend bestätigen auch die TK-Daten. Die durchschnittlich verschriebene Menge Methylphenidat pro Patient zwischen sechs und 18 Jahren belief sich 2006 auf 195 sogenannte Tagesdosierungen; 2009 waren es schon 213 - ein Anstieg von über neun Prozent.

TK 09.05.2011: (Zu) viele Pillen für den Zappelphilipp?! Über 1,7 Tonnen Tabletten für AD(H)S-Kinder (Link nicht mehr erreichbar)

Bundesländer-Rangliste im Ritalin-Konsum

Medikamente zur Unterdrückung von ADS/ADHS (Ritalin, Medikinet, Concerta, Equasym usw.) werden besonders gerne in den alten Bundesländern verschrieben. Auszüge aus der Rangliste:

  1. Rheinland-Pfalz (3.8% aller Kinder zwischen 6 und 18 Jahren)
  2. Bremen (3.6%)
  3. Hamburg (3.3%)
  4. Bayern (3.2%)

...

  1. Saarland (1.8%)
  2. Brandenburg (1.7%)
  3. Mecklenburg-Vorpommern (1.6%)

Im Mittelfeld liegen Berlin, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg mit jeweils 2.5%.

Kostenfaktor

Die Kosten für den Wirkstoff Methylphenidat liegen je nach Präparat bei rund 50 Cent pro 10mg (z.B. adhs-chaoten.net - Preise für Methylphenidat-Präparate, Stand 12/2010 oder onmeda.de - verschiedene Methylphenidat-Präparate im Kostenvergleich).

Die im Jahr 2009 verschriebenen 1.735 kg Methylphenidat kosteten die Krankenkassen also rund 90 Millionen Euro. Kein Wunder, dass die TK in den entsprechenden Pressemitteilungen die Verschärfungen bei der Verschreibung von Methylphenidat des G-BA lauthals begrüßt und deutlich auf die Problematik hinweist:

Doch nicht jedes lebhafte oder auffällige Kind hat das Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts-) Syndrom (AD(H)S) und benötigt Tabletten. “Man muss mit der Diagnose und der Behandlung mit Medikamenten wie Ritalin sehr vorsichtig sein”, sagt Dr. Edda Würdemann, Apothekerin bei der TK . “Ein speziell ausgebildeter Arzt sollte mit Eltern, Lehrern und anderen Betreuungspersonen klären, ob die Symptome der kleinen Patienten nicht doch andere Ursachen haben. Nur mit einer ausführlichen Diagnostik kann man eine geeignete Therapie finden und vermeiden, dass Methylphenidat voreilig verschrieben wird.”
 
Denn die Langzeitfolgen von Ritalin und Co. sind noch nicht erforscht und die Nebenwirkungen sehr umstritten. So kann Methylphenidat bei falscher Dosierung Angstzustände oder Appetitlosigkeit auslösen. Auch zeigen Studien, dass das Medikament Auswirkungen auf das Wachstum der Kinder haben kann.
 
Darauf hat auch die gemeinsame Selbstverwaltung aus Ärzten und Krankenkassen reagiert. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat in seinen Arzneimittelrichtlinien im Dezember 2010 festgelegt, dass Ärzte Medikamente wie Ritalin nur noch nach sehr strengen Maßstäben verschreiben dürfen. Laut G-BA muss die Diagnose AD(H)S noch umfassender als bisher gestellt werden und darf nur noch von Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen erfolgen. Außerdem muss der Arzt die Therapie regelmäßig unterbrechen, um die Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Kinder beurteilen zu können.

TK 09.05.2011: (Zu) viele Pillen für den Zappelphilipp?! Über 1,7 Tonnen Tabletten für AD(H)S-Kinder (Link nicht mehr erreichbar)

Es wird nicht ganz klar, ob die Techniker-Krankenkasse einfach nur Geld sparen möchte oder tatsächlich ein substanzielles Problem in der massenhaften Verschreibung von Methylphenidat sieht.

Wie auch immer: Der größte Teil des Geldes fließt natürlich zu den Herstellerfirmen. Böse Zungen fragen inzwischen in aller Öffentlichkeit, ob es überhaupt noch einen Unterschied zwischen “verschreiben” und “dealen” gibt.

In jeder Klasse eine/r ...

Also: Wenn Sie morgen früh in der Schule sind, können Sie sich bei jeder Klasse überlegen, wer das wohl ist. Um im trägen Schulalltag etwas mehr Ritalin Adrenalin auszustoßen, können Sie sich vorher die Nebenwirkungen vom Ritalin-Beipackzettel durchlesen.

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