Lehrer-Knigge

Warum Lehrer/innen den Begriff »Präsentation« nicht mehr verwenden sollten 13.08.2014, 11:24

Präsentation, Zuhörer schlafen
Bild: Shutterstock

Der Begriff »Präsentation« bezeichnet eine Situation, die früher einmal »Vortrag« hieß. Im Zentrum einer »Präsentation« steht eine PowerPoint-Präsentation, der/die Vortragende wird zur unwichtigen Statistin. Gerade Lehrer/innen sollten ihre Denkweise umstellen: Was die Schüler/innen lernen sollen, sind »Vorträge« - und eben nicht »Präsentationen«.

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Ein zentrales Element der Wissensvermittlung ist der Vortrag (im Unterricht: der Lehrervortrag).

Definition »Vortrag«

Eine Person vermittelt den Zuhörer/innen in rednerischer Form Inhalte, erklärt Zusammenhänge, bewirbt einen Gedanken o.ä.

Inhalte des Vortrags werden anschaulich gemacht durch Visualisierungen (Diagramme, Fotos, Schemazeichnungen usw., auch Filmausschnitte, Anschauungsgegenstände aller Art)

Im Mittelpunkt des Vortrags steht die Redner/in. Durch gute Vorbereitung, Strukturiertheit und rhetorische Fähigkeiten (auch: Körpersprache etc.) erreicht sie die Zuhörer/innen.

Wozu ein »Vortrag« dient

In den meisten Fällen sollen die Zuhörer/innen über Inhalte/Zusammenhänge informiert werden oder von einer Meinung überzeugt werden.

Absolut destruktiv sind Langeweile oder kognitive Über-/Unterforderung der Zuhörer/innen. Die Vortragende muss das Interesse der Zuhörer/innen wecken und die vermittelten Inhalte, Zusammenhänge, Meinungen ... verständlich vermitteln.

Die Klassiker finden sich an den Hochschulen im Rahmen von Vorlesungen: Prof. X hält langweilige Vorlesungen, Prof. Y hält spannende Vorlesungen.

Definition »Präsentation«

»Präsentation« würde man intuitiv sehr ähnlich definieren wie oben den »Vortrag«. Dabei hat der Begriff »Präsentation« im allgemeinen Sprachgebrauch eine etwas andere Bedeutung erhalten:

»Ich halte eine Präsentation« impliziert fast immer die Verwendung digitaler Medien. Fast zwangsläufig wird dabei Präsentationssoftware wie PowerPoint oder Prezi verwendet. Niemand sagt »Ich halte morgen eine Präsentation« und benutzt dann während seiner Rede zwei Overheadfolien und eine Luftpumpe. In der allgemeinen Sprachverwendung ist dies das unterscheidende Merkmal zwischen »Präsentation« und »Vortrag«.

Präsentation = Vortrag + digitale Medien

Wie sich »Präsentationen« von »Vorträgen« unterscheiden

Stellen Sie sich vor, Sie treffen im Zug jemanden, dem Sie erzählen, dass Sie nachher einen Vortrag halten. Er wird beeindruckt sein. Denn er denkt, dass Sie fachkompetent sind, dass Sie sich die letzten Tage wie ein Irrer vorbereitet haben, dass Sie frei sprechen werden und dass Sie darum kämpfen werden, das Publikum mitzunehmen.

Wenn Sie sagen, dass sie nachher eine Präsentation halten, wird Ihr Zugmitfahrer nicht im Geringsten beeindruckt sein. Denn er denkt, dass Sie zahlreiche PowerPoint-Folien mit Massen an Aufzählungslisten zusammencollagiert haben, dass das Publikum während Ihrer Präsentation fast einschlafen wird und dass sie bei einem Beamerausfall ganz schön blöd dastehen werden.

Vermeidung der Unkultur: Warum Lehrer/innen nicht mehr von »Präsentationen« reden sollten

Lehrer/innen sagen zu Schüler/innen:

Hast du die Präsentation für dein Referat schon fertig?

Für deine Präsentation gebe ich dir eine 2,5.

Arbeitsauftrag: Gestaltet eine Präsentation zum Thema XY.

Entsprechend sagen Personen:

Ich beginne jetzt meine Präsentation.

Hoffentlich hat Ihnen meine Präsentation gefallen.

Seine Präsentation war langweilig.

Und immer schwingen die oben angesprochenen Konnotationen mit. Die Schüler/in wird einen Haufen langweiliger Folien gestalten, sie wird ein langweiliges Inhaltsverzeichnis anfertigen, eine Folie mit "Herzlich willkommen" und "Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit", sie wird Texte aus dem Internet umformulieren und auf jeder Folie nur maximal 5 Listenpunkte einsetzen, weil der Lehrer es so will. Und dann wird die Schüler/In neben ihren PowerPoint-Folien stehen, sie durchklicken und das paraphrasieren, was dort steht, in 50% der Fälle unter Verwendung von Karteikarten. Die Zuhörer/innen werden fast einschlafen, sich aber nicht beschweren, weil sie es ja sogar von ihren Lehrer/innen so kennen. Nachdem keiner mehr Fragen hat, kontrolliert die Lehrer/in durch einige Fragen, wie weit sich die Schüler/in tatsächlich im Thema auskennt und gibt eine Note zwischen 1 und 4.

Einige Jahre später wird die Schüler/in zur Studierenden geworden sein. Sie hält ein Referat an der Uni. Alles läuft ganz ähnlich wie in der Schule, nur dass die Folien etwas zahlreicher sind und mehr Text beinhalten. Außerdem motzt der Professor rum, wenn die Quellenangaben nicht in seinem Sinne sind und unterbricht den Vortrag durch Monologe über zusätzliche Details. Die zuhörenden Studierenden schlafen fast ein, nur als die Vortragende kurz eine Luftpumpe zeigt ("Mit dieser Luftpumpe wurde die erste Luft in das Luftschiff 'Graf Zeppelin' gepumpt"), schrecken einige kurz auf, schnappen begeistert nach Luft und versinken anschließend wieder möglichst unauffällig in tiefster Lethargie.

Wieder einige Jahre später arbeitet unsere Protagonist/in in einer großen Firma in der Abteilung Marketing. Am Sonntag hat sie per Mail erfahren, dass sie am Montag um 11:30 im Meeting eine Präsentation halten muss, in der sie das Kommunikationskonzept und die Timeline vorstellt. Montag gegen 12:00 sitzen ihre sieben Zuhörer/innen da und spielen verstohlen mit ihren Smartphones rum. Die Folien bekommt man ja sowieso ausgedruckt oder als PDF und kann alles nachlesen.

Solche »Präsentationen« töten jegliche Kommunikationskultur bei der Wissensvermittlung ab und führen zu massiver Zeitverschwendung - quer durch alle Lebensalter und Karrierestufen.

Wenn Sie als Lehrer/in »Präsentationen« im oben genannten Sinn einfordern und tolerieren, arbeiten Sie aktiv an dieser Entwicklung mit.

Ein erster, einfacherer Schritt zu einer besseren Welt: Vermeiden Sie den Begriff »Präsentation«, reden Sie statt dessen von »Vortrag«. Vielleicht werden dadurch zuerst Sie selbst beeinflusst, Ihre Vorstellung, was Sie von einem Referat erwarten. Wenn Sie diese Denkweise in Ihren Unterricht weitertragen, helfen Sie dabei, dass im Zentrum von Vorträgen, Reden, Referaten der Mensch und die Kommunikationssituation steht - und nicht die Präsentation.

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