Hellseherei

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: Kommentar zu den Aufgaben 2016, ein Prognöschen für 2017 07.04.2017, 11:39

Zum Deutsch-Abitur in Baden-Württemberg 2017: Analyse der Deutsch-Abiaufgaben 2016 und eine Kurzprognose - Welche Themen/Aufgaben könnten beim Deutsch-Abi 2017 drankommen? Wieder von der Expertin Db (JKG Bruchsal).

Wahrsagerin mit Kristallkugel + Abithemen Deutsch
Bild: Tizian: Die Kristallseherin (ca. 1530), Montage [CC0 (Public Domain)]
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Von Db (JKG Bruchsal) - vielen Dank!

Lang erwartet: 2016 endlich ein Textauszug aus Peter Stamms Roman »Agnes« - aber die namengebende Protagonistin darf selbst gar nicht auftreten, es wird nur über sie geredet. Die letztjährige Prognose kann als Treffer gelten: Der Vergleichsaspekt »Bedeutung der Freiheit« ist recht ähnlich der vermuteten »Selbstbestimmung«.

Eigentlich ist eine Prognose seit Einführung der neuen Aufgabentypen in BW in der bisherigen Form obsolet. Aber ein Abitur-Kommentar beim Lehrerfreund ohne wenigstens ein kleines Prognöschen, das geht einfach nicht …direkt zur Prognose nach unten springen)

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg 2016: Kommentar zu den Aufgaben

Die Angleichung der Anforderungen im allgemein bildenden und beruflichen Gymnasium war das Ziel der Aufgabentypenänderung ab 2014, dennoch sind nur die Aufgaben I, II und III in beiden Schulformen identisch. Auf Unterschiede bei den Aufgaben IV und V wird in der folgenden Detailbesprechung kurz eingegangen.

Aufgabe I: Interpretation von »Agnes« sowie Vergleich von Ich-Erzähler in »Agnes«, Walter Faber und Georg Danton

Zum ersten Mal ist ein Ausschnitt aus der bei den Schülerinnen und Schülern beliebtesten der drei Pflichtlektüren zu analysieren. Die namengebende Protagonistin kommt jedoch nur indirekt vor … sie hatte den Ich-Erzähler kurz zuvor verlassen, weil er ihre Schwangerschaft ablehnte. Er wendet sich daraufhin Louise zu, denkt dennoch über das Kind nach. Nun erfindet er das Kind Margret, seine Geschichte schildert eine Familienidylle. Die Realität ist weniger idyllisch: Agnes’ Mitmusikerin ruft an und bittet dringend um Hilfe für sie. Der Egoist braucht aber drei Tage, bis er sich endlich aufrafft, die Kranke zu besuchen, weil er glaubt, »dann ist es für immer«. Seine Freiheit sei ihm »immer wichtiger gewesen als Glück«.

Der Ausschnitt bietet viele Anknüpfungspunkte zur Einordnung in die Handlung sowie zur Darstellung typischen Verhaltens der beiden Hauptfiguren und ihrer Beziehung, aber auch zur Rolle der Fiktion, hier: als Flucht aus der Realität.

In der zweiten Teilaufgabe waren alle drei Werke zu vergleichen, der Aspekt »Bedeutung der Freiheit« ergibt sich direkt aus dem vorletzten Absatz des Ausschnitts. Der Kontext konnte jedoch dazu verleiten, den Begriff auf die Beziehungsebene einzuengen. Dadurch käme z.B. Dantons Bedeutung als politische Figur zu kurz - Begriffsdefinitionen wie »innere und äußere Freiheit« oder »Freiheit von« vs. »Freiheit für« waren sicherlich nur von guten Schüler:innen zu erwarten. Immerhin hatte z.B. Kommentator Louis von Überlegungen zur Prognose profitiert:

Stark, Prognose hat super gepasst, zumindest hab ich bei Thema Freiheit und Thema Selbstbestimmung/Fremdbestimmung/Autonomie große Parallelen gefunden, auch wenn ich ein bisschen arg spekuliert habe, am Ende hat es gepasst.

Hinweis: Ab dem Abitur 2019 ändern sich nicht nur die Pflichtlektüren, sondern auch die zweite Teilaufgabe. Es wird nur noch ein Zweiervergleich üblich sein, der mit einem kleinen Text eingeleitet wird.

Aufgabe II: Gedicht-Vergleich, Leitthema »Natur und Mensch in der Lyrik vom Sturm und Drang bis zur Gegenwart«

Das neue Leitthema war zum ersten Mal zu bearbeiten. Die ausgewählten Gedichte sind nicht leicht zugänglich, sie bieten weder modern-»ökologisches« noch romantisches Naturerleben. Stattdessen dient in beiden das Motiv »Strom« als Metapher für Lebensdeutungen. In Georg Herweghs Sonett »Ich kann oft stundenlang am Strome stehen« »plaudert« der personifizierte Strom mit dem lyrischen Ich und erzählt von seinem zielgerichteten (Lebens-)Lauf, der als Vorbild dienen soll.

Ingeborg Bachmanns Gedicht »Aufblickend« ist noch verschlüsselter und mehrdeutiger. Das lyrische Ich sieht sich selbst als Strom und dadurch im Widerstreit zwischen dem Wunsch, »in die unendlichste See« zu zerfließen oder an süßen Ufern zu verweilen. Zu beiden Gedichten schlüssige Deutungen zu finden fiel den jungen, in ihrem Lebensweg erst am Anfang Stehenden, sicher nicht leicht; die Gedichte wirken durch ihre exaltierte Sprache zusätzlich eher abschreckend.

Aufgabe III: Kurzprosa-Interpretation

Im dritten Jahr seit Einführung dieses neuen Aufgabentyps hatte der Kurzprosa-Text, wie schon die beiden Male zuvor, parabolische Züge. Kurt Tucholskys »Die Katze spielt mit der Maus« von 1916 zeigt an einem sehr anschaulich geschilderten tierischen Gewaltexzess Analogien zu menschlichen Verhaltensweisen auf. Zunächst kann man sie direkt auf den genannten Kontext »Soldaten« (Z. 1) beziehen, später ausweiten auf jedermann: »(D)as war eine Katze, und wir sind Menschen - aber es war doch dasselbe.« (Z. 42f.). Dabei werden der Katze menschliche Denkweisen angedichtet; durch einen inneren Monolog drückt sie angebliche Absichten ihrer Handlungen aus.

Besonders anspruchsvoll ist der dritte Teil des Textes, der eine Auslegung des tödlichen Geschehens bietet. Hier musste die für Tucholsky typische Ironie durchschaut werden, um den so endgültig klingenden Schlusssatz nicht als Resignation, sondern als indirekte Aufforderung zu sehen, sich gegen diese Einteilung in Täter und Opfer zu wenden.

Aufgabe IV: Essay

In diesem immer beliebter werdenden Aufgabentyp gab es zwei technisch geprägte, schülernahe Dossiers:

An allgemeinbildenden Gymnasium sollte »Mensch und Maschine - Facetten einer Beziehung« dargestellt werden. Dabei verleiteten einige Zitate im Dossier dazu, den Schwerpunkt auf Computer und digitale Medien einzuengen, statt auch z.B. auf Fließbandarbeit und schließlich auf übergreifende ethische Fragen einzugehen.

An beruflichen Gymnasium war die Darstellung rein persönlicher Erfahrungen mit WhatsApp & Co. ebenfalls zu wenig. Die These »Kommunikation ist heute (k)eine Kunst« sollte nicht nur technisch, sondern grundlegend erörtert werden, z.B. mit Hilfe von Antje Boijens Text »Was macht eine gelingende Kommunikation aus?«. Dazu half sicherlich das Verfassen von Abstracts, eine nur an den beruflichen Gymnasien übliche erste Teilaufgabe. Allen anderen Gymnasiast:innen sei dringend geraten, auf den Notizblättern ebenfalls Abstracts zu verfassen (zumindest in Stichworten) für die Gedankenklärung in der Vorbereitungsphase.

Aufgabe V: Analyse und Erörterung nicht fiktionaler Texte

In diesem bewährten Aufgabentyp gab es ebenfalls unterschiedliche Konkretisierungen:

Im an allgemein bildenden Gymnasien vorgelegten Text »Schönheit muss man lernen« (aus DIE ZEIT, 2015) kritisiert Ulrich Greiner die Diskussion um die Nützlichkeit der Schulfächer. Der erstaunlich aktuelle Erörterungstext wirkt teils griffig, teils schwammig, daher fällt es schwer, die Aussagen zu erörtern, dennoch lag der Schwerpunkt auf der Erörterung.

Was verblüfft ist die Schizophrenie, dass das Kultusministerium einen Text von Abiturient:innen erörtern lässt, der das thematisiert, was dem neuen "Bildungsplan 2016« vorzuwerfen ist.

Ich habe jedenfalls den Referenten noch genau im Ohr, der im Kollegium die sechs neuen »Leitperspektiven«  vorstellte (Verbraucherbildung, Berufliche Orientierung, Medienbildung usw.) - also genau dieses Nützlichkeitsbetonte, was der Text beklagt: »Sie sehen, dass andere Perspektiven, z.B. das Ästhetische, fehlen. Das ist halt so, das ist eine politische Entscheidung.« (aus dem Gedächtnis zitiert). Aber dieses Argument stand den Schüler:innen sicherlich fern.

Der an beruflichen Gymnasien vorgelegten Text war deutlich griffiger und auf das Berufsleben bezogen. Bernd Kramer fordert: »Hard Skills, please.«, kritisiert darin die übertriebene Bedeutung von »soft skills«.

Die Aufgabenstellung war hier drei- statt zweiteilig und auch innerhalb der drei Teilaufgaben kleinschrittiger formuliert: Nach der Herausarbeitung der Aussagen und ihrer Gestaltung sollte sich kritisch mit den Argumenten des Autors auseinander gesetzt werden. Die dritte Teilaufgabe bildete den Schwerpunkt, es sollte erörtert werden, inwieweit soziale Kompetenzen für die Berufswelt von Bedeutung sind.

Deutsch-Abitur Baden-Württemberg: ein Prognöschen für 2017

Nachdem nun Ausschnitte aus allen drei Pflichtlektüren bearbeitet wurden, ist bei der Textauswahl für Aufgabe I wieder alles offen … wobei die Verteilung wohl nicht ‚gerecht‘ abgezählt werden kann. Statistisch gesehen müsste gleich noch einmal ein Ausschnitt aus »Agnes« kommen. Doch »Homo Faber« bietet einfach die vielfältigeren, anspruchsvolleren Textstellen als das dünne Werk von Peter Stamm. Mein Tipp also: Ein Ausschnitt aus »Homo Faber« - vielleicht einmal mit einer der Frauenrollen im Mittelpunkt? Sabeth und auch Hanna kamen bisher zu kurz; bis auf das Abitur 2014, wo Paare untersucht wurden, waren immer die männlichen Hauptfiguren zu vergleichen.

Für die Vergleichsaufgabe ist ein Dauer-Tipp aus den Lehrerzimmer-Wettbüros das Oberthema »Identität und Rolle«. Es könnte auch auf die weiblichen Hauptfiguren zugeschnitten werden. Ein bisschen zu eng angelegt sein dürfte die Aufgabe »Untersuchen Sie in einer vergleichenden Betrachtung, inwiefern Julie, Hanna und Agnes dem jeweils zeitgenössischen Rollenverständnis entsprechen.« Offener wäre vielleicht »... inwiefern die Beziehungen von Julie, Hanna und Agnes zu ihren jeweiligen Partnern durch Übernahme von Rollen geprägt sind.« Hinzugezogen werden könnten Ivy bzw. Louise als klischeehafte Darstellungen von Frauentypen.

Mögliche Textstellen könnten sein: aus »Homo Faber« das Gespräch mit Hanna in ihrer Wohnung in Athen, während Sabeth im Krankenhaus liegt - oder aus »Agnes« Kapitel 14, als ihnen das normale Zusammenleben zu langweilig wird.

Wie immer natürlich alles ohne Gewähr - toitoitoi und viel Erfolg! 

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