Popstar Gerald Hüther, Teil 1

Gerald Hüther über das System Schule 02.05.2013, 21:54

Gerald Hüther
Bild: gerald-huether.de, Pressebereich

Wenn es nach Prof. Gerald Hüther geht, gehört das Schulsystem, wie wir es heute kennen und praktizieren, in den tiefsten Sondermüll - denn es bildet nicht Menschen, sondern Maschinen, die stumpfsinnig Matheformeln auswendiglernen. Zentrale Gedanken Hüthers als Transkript einer Talkshow.

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Prof. Gerald Hüther, Neurobiologe, ist einer der Popstars der aktuellen Bildungsdiskussion: gegen Ritalin, gegen stumpfes Auswendiglernen, für freies und freiheitliches Lernen. Seine Thesen sind höchst umstritten - dennoch gibt es kaum einen, der die Defizite des (deutschen) Schulwesens so deutlich aufzeigt und Alternativen benennt. (Das neue Werk Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern von Precht scheint dagegen eher unviral zu sein.)

Die Beschreibung von Hüthers aktuellem Buch Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen ist das Kurzprogramm seiner Kritik am Schulsystem (Auszug):

Lernen muss so schön sein, dass Kinder weinen, wenn sie Ferien haben. Und Kindheit muss so schön sein, dass man ein Leben lang davon zehrt.

Dieses Buch begründet, warum ein radikales Umdenken in Erziehung und Schule notwendig ist: Unser veraltetes Bildungskonzept schadet den Kindern und der Gesellschaft. Wir müssen aufhören, schon bei den Jüngsten Druck und Stress aufzubauen.

Wer Arzt werden will, muss gut sein in Mathe, nicht in Mitgefühl. Die vorherrschende Auffassung von Begabung und „Intelligenz“ ist nicht nur falsch, sondern sehr gefährlich.

Amazon-Produktseite zum Buch Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen (Auszug aus der Kurzbeschreibung)

Entsprechend beten ihn die einen an, die anderen schimpfen ihn als realitätsfremd und sektiererisch (der Sektenbeauftragte der Erzdiözese München warnt vor Hüther (Quelle)).

Am 01.02.2013 trat Gerald Hüther in der Talkshow Tietje und Hirschhausen im NDR auf (Link), auf YouTube der wesentliche 15-Minuten-Ausschnitt. Hier formuliert Hüther im Gespräch zentrale Gedanken seiner Überlegungen darüber, wie Lehren und Lernen abzulaufen habe; es folgen die wesentlichen Passagen als Transkript, teilweise sprachlich zugunsten der Lesbarkeit angepasst. Der Übersichtlichkeit halber wurden den Abschnitten Überschriften gegeben, alle Hervorhebungen vom Lehrerfreund.

Kinder verlieren in der Schule die “Leidenschaft”

In der Schule kann meinetwegen der größte Blödsinn passieren. Aber eines darf dort nicht passieren, dass die Kinder das verlieren, was das Wichtigste für das eigene Leben dann später ist, nämlich diese Leidenschaft. Und da, glaube ich, ist bei uns im Augenblick alles verkehrt, was in den meisten Schulen läuft.

(Hierzu passt übrigens eine Auffassung, die viele “Unschooler” vertreten: “Nachdem man Kinder aus der Schule genommen hat und sagt, ab jetzt darfst Du lernen, was Du willst, wollen sie nichts lernen. Wenn man sie dann machen lässt, was sie wollen, essen sie wochenlang Junk-Food und sitzen vor dem Fernseher.” (Quelle) Kinder wollen lernen. Vielen treibt man es durch 45-Minuten-Rhythmen und vorgekaute Lerninhalte aus. Hüther sucht die Alternative:)

Selbstständiges Lernen

Es gibt aber andere. Und diese Schule, die wir da vorgestellt haben [siehe das Projekt Roadshow: Lernlust statt Schulfrust], die hat z.B. gar kein Problem damit, wenn Schüler mal zehn Tage aus dem Unterricht rausgehen. Die lernen nämlich nicht mehr in Klassen, wo vorne ein Lehrer steht, der ihnen alles erzählt, sondern sie haben ein Lernbüro, meinetwegen für Mathe, und da gehen sie rein und lernen die Integralrechnung. Und wenn sie nicht mehr weiterwissen, fragen sie erst mal andere Schüler, weil die sind in der 7., 8., 9. Klasse [zusammen] in einer Klasse [...] und da lernen die natürlich viel besser voneinander. Und wenn sie meinen, sie hätten Integralrechnung jetzt richtig durch - ein Mathelehrer ist da auch noch drin im Büro, falls keiner weiterweiß - [...], dann melden sie sich für ein Testat an und machen einen Test und dann kriegen sie ein Zertifikat, dass sie diesen Abschnitt bestanden haben.

Auf die Moderator-Frage nach dem “Grundübel”, was im Schulsystem falsch läuft:

Lernen mit Lust - unmöglich in unserem Schulsystem?

Das ist relativ banal, aber es ist bitter. [...] Kinder wollen in ihrer Einzigartigkeit beachtet werden. Eigentlich bräuchten die nicht Lernbegleiter, sondern so eine Art Hebamme. Potenzialentfalter nenne ich das. Und was im Augenblick eben doch aus dem vorigen Jahrhundert bis in  unser Jahrhundert in den Schulen übrig geblieben ist: Kinder werden behandelt, Kinder werden unterrichtet, Kinder werden bewertet, Kinder werden selektiert - und das tut einem weh. Da könnte die Gehirnforschung jetzt sagen: Immer dann, wenn man so behandelt wird und [...] aus einer Gruppe ausgeschlossen wird, werden im Gehirn die gleichen Netzwerke aktiviert, die auch dann aktiviert werden, wenn man Schmerzen zugefügt bekommt, körperliche Schmerzen. [...] Und nun frage ich die Lehrer sehr gerne: Glaubt ihr, dass man etwas lernen kann, wenn man Schmerzen hat? [...] Das sind seelische Bedürfnisse, und die werden in unseren Schulen leider verletzt, weil wir uns einbilden, wir müssten diesen Schülern was beibringen - Wissensvermittler.
[...]
Es passiert im Hirn nichts, da kann man noch so lange unterrichtet werden, wenn einem das nicht unter die Haut geht. [...] Es ist nicht so, dass wir lauter Lehrer hätten, die nicht wüssten, wie man einen guten Unterricht machen kann. Die leiden ja selbst an diesen Bedingungen. Dann haben die also Eltern, die sich dauernd beschweren, dann haben sie eine Kultusbehörde und eine Aufsichtsbehörde, die ihnen dauernd Druck machen, dann müssen sie diese blöde Selektionen machen, müssen die Schulzuweisung machen, müssen Noten vergeben - und die meisten Lehrer würden gerne ganz anderen Unterricht machen. Es gibt nur keinen Rahmen dafür.

Schüler, Eltern, Lehrer, Schulleitung - Bürokratie gemeinsam aushebeln

So lange sich in den Schulen nicht Eltern, Lehrer, Schulleitung und auch sogar die Schüler einig sind, was da in dieser Schule passieren soll, so lange haben immer auch irgendwelche Aufsichtsbehörden die Macht und bestimmen, wo es lang geht. [...E]s gibt eine Schule, die hat sogar den deutschen Schulpreis bekommen, die ist in Göttingen, und dann mussten die ja dieses G8 einführen, wo das also alles plötzlich alles verkürzt war. Da hatten sie den ganzen schönen Stoffplan auf 13 Jahre verteilt und dann sollten sie ein Jahr wegschneiden. Und dann haben die Eltern, die Lehrer, die Schulleitung und die Schüler gemeinsam beschlossen, dass sie in der 10. Klasse sitzenbleiben.

Die Schule züchtet Einzelkämpfer und Fachidioten

In Wirklichkeit ist dieses Zeitalter der Einzelkämpfer vorbei. Und das haben auch die Firmen gemerkt. Kürzlich war ich bei der BASF in dieser Vorstandsetage und in der Abteilung für Forschung und Entwicklung, da sagt der Mann: “Wir haben gemerkt [...], dass es nie wieder auf dieser Welt einen einzelnen Chemiker geben wird, der eine Formel findet, die uns hilft, dass wir daraus ein Produkt machen können. Wir brauchen jetzt verschiedene Leute, einen Verfahrenschemiker, einen Organiker, einen Anorganiker, einen Marketingtypen und auch noch einen aus der Produktion, und wenn die eben ihre gesammelte Grütze in einen Topf werfen, dann ginge es.” Und dann sagte er: “Und jetzt haben wir ein Problem. Jetzt haben wir die ganze Zeit die Leute aufeinandergehetzt und jetzt können die gar nicht mehr richtig zusammenarbeiten.”

In der Schule werden jetzt Kinder unter Bedingungen großgezogen, wo die wieder nur lernen, [...] ihre Schäflein ins Trockene zu bringen und die guten Zensuren zu bekommen, und am Ende steht die Wirtschaft oder stehen auch die Unversitäten plötzlich mit jungen Menschen da, die überhaupt nicht vorbereitet sind auf das, was dann eigentlich wirklich gefragt wird. Man braucht heute keine Menschen mehr, die 1,0 im Abitur haben. Man braucht Leute, die [...] Leidenschaft haben, die Biss haben, die sich auch mal in andere Menschen hineinversetzen können, die mit anderen Menschen gemeinsam sich auf den Weg machen und was bewegen und nicht diese, die einfach nur gute Zensuren haben, mit 1,0 aus dem Abitur kommen, und dann fragt man die: “Was hast du sonst noch gemacht?” - “Ja, nichts weiter.”

Schulen bieten keine Gestaltungsräume - doch darauf kommt es an

Natürlich ist das immer dann am besten, wenn ein Kind merkt, dass es etwas gestalten kann. Wenn es unterrichtet wird, kann es nichts gestalten. Diese Gestaltungsräume sind in unseren Schulen fast verschwunden. Auch so eine Projektwoche ist nicht genug. In der Schule, wo wir da unterwegs waren, das ist die evangelische Gesamtschule in Berlin Zentrum, da haben die Fächer, die heißen Verantwortung. Da gehen die in den Kindergarten, ins Altersheim oder in die Grundschule und helfen den dort lebenden Menschen bei ihren täglichen Verrichtungen. Und am Ende sagen die: “Das war die beste Zeit in meinem Leben. Ich habe endlich mal gemerkt, dass ich gebraucht worden bin. Die haben immer schon auf mich gewartet.”

Dann gibt es noch ein anderes, völlig verrücktes Schulfach, das heißt Herausforderung. Da gehen die dann [...] eine längere Zeit [= mehrere Wochen ...] während der Unterrichtszeit irgendwohin und suchen sich eine Herausforderung. Da war so ein Junge dabei, der hat gesagt: “Meine Herausforderung war, ich bin drei Wochen mit neun anderen Jungs in den Wald gegangen. Ganz allein. So. Und dann haben wir versucht, im Wald zu überleben.” Und dann sagte er: “Die größte Herausforderung war, dass es da plötzlich gar keinen mehr gab, nur noch Bäume. Und dann habe ich angefangen, mit den anderen nachzudenken. Ich habe über mich und wie wir zusammenleben noch nie so lange nachgedacht und so intensiv gesprochen wie in dieser Zeit im Wald ganz allein. Das ist die wichtigste Zeit in meinem Leben gewesen.” Aber diese Zeiten müssen wir den Kindern ermöglichen, wir versuchen denen ständig was beizubringen, dass die möglichst viel wissen. Aber das weiß doch jeder: Es kommt im Leben doch nicht auf das Wissen an.

Wir brauchen einen Kulturwandel - und keine Schulreformen von oben

Ich würde niemals Kultusminister werden, weil ich glaube, dass diese Art von Veränderung [...] keine Revolution [ist]. Das ist eine Transformation, das ist ein Kulturwandel. Und diesen Kulturwandel können niemals Politiker von oben verordnen. Den muss man unten vor Ort in den Schulen selbst erfinden. Und erst wenn das funktioniert, dann ändern sich Schulen, und deshalb sind eigentlich die Menschen im Land aufgerufen (und nicht die Kultusminister), Schule endlich anders zu machen. Wir sind auf einem guten Weg, die Politiker haben da nicht so viel dagegen. Ich war ja bei Frau Merkel in dieser Zukunftskommission für die Zukunft des Lernens, ich bin jetzt in einem Rat, da hat's mich selbst überrascht, dass sie sowas gegründet haben, der Rat für kulturelle Bildung. Plötzlich hat man gemerkt, es kommt im Leben auch noch auf was anderes an, als dass man nur Mathe, Englisch und Latein lernt. Kulturelle Bildung, weil sie gemerkt haben, dass man nur in diesem kulturellen Tätigkeiten, also wenn man Künstler ist oder wenn man Schauspieler ist oder wenn man mal Gelegenheit hat, was zu malen oder was zu singen. Nur in solchen Tätigkeiten erlebt man sich als ein Gestalter der Welt. Und nicht beim Auswendiglernen von irgendwelchen Formeln oder irgendwelchen Dingen, die einem irgendein Lehrer erzählt.

Dies waren Auszüge aus der Talkshow Hüther bei Tietjen und Hirschhausen (YouTube)


Was Gerald Hüther an Veränderung fordert, wird sich in dieser Gesellschaft wahrscheinlich so bald nicht umsetzen lassen. Zu sehr lieben die Menschen wachsende Volkswirtschaften und den Fetisch des Wissens. All das spielt in Hüthers Utopie keine Rolle: Schüler/innen sollen nicht dazu ausgebildet werden, das Wirtschaftswachstum voranzutreiben, sondern sie sollen glücklich und kreativ sein. Schüler/innen sollen nicht möglichst viel wissen, sondern möglichst viel verstehen.

Hüther fordert das Extreme - einen vollständigen Kulturwandel im System Schule. Bekanntlich muss man über das Ziel hinausschießen, um es zumindest teilweise zu erreichen. Prominentestes Beispiel: In den 80ern forderten die Feminist/innen eine Veränderung der Sprachgewohnheiten. Luise F. Pusch schockte die Männerwelt durch ihre Forderung nach dem generischen Femininum (nachzulesen z.B. in Das Deutsche als Männersprache). Ohne solche extremen Forderungen hätte sich geschlechtergerechte Sprache wohl nie durchgesetzt. Erst 2012 hat übrigens die Piratenpartei darüber abgestimmt, ob alle Mitglieder der Piratenpartei “geschlechtsneutral als Piratinnen bezeichnet” werden sollten.

Schon jetzt hat Gerald Hüther Bewegung in die Debatte um das System Schule gebracht. Seine Forderungen schießen über das Ziel hinaus, und das ist gut. Denn die Richtung stimmt.

Eine etwas anderes Perspektive zum Thema: Hüther als Popstar, Teil 2: »Warum ich mich Gerald Hüther nicht (gleich) an die Brust werfe«

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