Popstar Gerald Hüther, Teil 2

»Warum ich mich Gerald Hüther nicht (gleich) an die Brust werfe« 04.05.2013, 09:56

»Gerald Hüther kam zum Deutschen Schulleiterkongress 2013 und eroberte wie im Jahr zuvor die Herzen des Plenums. So auch meines. Nur mein Verstand stellte mit dem Abklingen der Euphorie ein paar kritische Nachfragen.« - David Klett über Gerald Hüther.

Gerald Hüther
Bild: gerald-huether.de, Pressebereich
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Ein Gastbeitrag von David Klett. Der Beitrag bietet eine andere Perspektive auf Hüther als Hüther als Popstar, Teil 1: Gerald Hüther über das System Schule.

David KlettDavid Klett, Jahrgang 1977, ist als Unternehmensentwickler für die Klett-Gruppe tätig. In seiner Freizeit forscht er in den Bereichen Erziehungssoziologie, Soziologie der Kindheit und der Familie. David Klett lebt in Stuttgart und hat drei Kinder.

Wie soll man diesem Mann eigentlich widersprechen? Er kämpft für das Eigentliche. Das unterstreicht schon sein Äußeres, sein Auftreten: Gesundheitsschuhe, altmodischer Anzug, offenes Hemd, die Hände in den Hosentaschen, während ihn Nina Ruge seinen über 1000 Zuhörern vorstellt. Dieser Mann hat das Getue, die Konvention hinter sich gelassen. Ihm geht es um etwas ganz Großes: um die grundlegende Transformation des deutschen Bildungssystems. Später im Vortrag wird er ankündigen, dass sich in fünf Jahren alle deutschen Schulen im Aufbruch zum Ziel befinden werden, das er sich für eine zeitgemäße Bildungseinrichtung vorstellt.

Die Schule, die Hüther vor dem geistigen Auge seiner Zuhörer entwirft, wer kann sie ernsthaft einem Kind versagen? Es ist ein Ort, wo die Interessen, Neigungen und Talente des Kindes maßgeblich dafür sind, was es lernt, wo es lernt und wie es lernt. Es ist ein Ort, an dem man wertschätzt, was es gut kann, nicht nur rechnen, sondern eben auch "Kirschkerne besonders weit spucken". Ein Ort, an dem Eltern, Lehrer, Schulleiter und Schüler einen Pakt bilden und gemeinsam an einem Strang ziehen. Dieser Ort kann dann auch der Wald sein (in den man aber nicht die Eltern mitnehmen soll, die ihr Kind doch lieber in der Schule sehen würden, wo es "was Anständiges" lernt). Es ist ein Ort, an dem die einem jedem Kind innewohnende Lust am Lernen, seine angeborene Neugier nicht abgetötet wird - wie das heute noch an fast jeder Schule wohl passiert. Gerald Hüther widersprechen heißt auch, Kindern den Zugang zu diesem wunderbaren Ort verweigern wollen.

Anders als die Heerscharen von Psychologen, Pädagogen und Sozialpsychologen vor ihm, braucht Hüther nicht nur darüber zu spekulieren, was bei gelingender Bildung im Kinderhirn vor sich geht, er kann es auch messen. Es ist schwierig, einem Mann zu widersprechen, der ganz unvermittelt eine Aneinanderreihung von (vermutlich) neurowissenschaftlichen und kompliziert klingenden Fachbegriffen in seinen Vortrag einflechten kann, bis im Publikum anerkennend gemurmelt wird. Er wird übrigens sogleich die aufkommenden Fragezeichen mit bestechenden Metaphern ("Gießkanne", "Dünger für die Bildung von Nervenverbindungen") auflösen.

Ich würde mich nicht trauen, einem Mann zu widersprechen, der selbst der Kanzlerin an zwei Nachmittagen unter anderem klarmachen konnte, dass man Kinder nicht erziehen kann (das können sie nur selbst und das Resultat ist gut, wenn die Rahmenbedingungen dafür stimmen) und die darauf wohl mit dümmlichem und larmoyantem Ton zu sagen wusste: "Ja, da haben Sie wohl Recht, Herr Hüther". Und wie soll man auch einem Mann widersprechen, der sich von der Handlungsunfähigkeit einer Kanzlerin nicht entmutigen ließ und nun die Revolution "von unten" organisiert, mit einem Bus durch Deutschland zieht, die Leiterin einer Vorzeigeschule und einige Schüler mitnimmt und eine Stadt- oder Turnhalle nach der anderen füllt?

Hüther führt so anekdotische wie über jeden Zweifel erhabene und zugleich lustige Evidenzen ins Feld! Da folgen nach herzerweichenden Bemerkungen zum Paarverhalten des Eichelhähers die Küken, denen man noch im Ei den Schnabel zubindet und die den Laut ihrer Mutter dadurch nicht erkennen können, weil sie ihren eigenen Laut im Ei nicht vernehmen und ihn dadurch nicht lernen konnten (das Gehirn lernt selbstorganisiert). Nicht der Bäcker backt den Kirschkuchen, das macht der Kuchen natürlich selbst. Der Bäcker schafft nur Rahmenbedingungen des Gelingens (der Lehrer erzieht nicht das Kind, das kann es nur selbst - er aber schafft Rahmenbedingungen gelingender Erziehung). Gerald Hüthers Mutter kann noch immer die Glocke von Schiller auswendig, gelernt unter Druck und ohne jegliche Freude an Poesie (Kinder lernen auch unter Zwang, dann aber mit ungewollten, lebensbelastenden Nebeneffekten).

Wie kann man einem Mann widersprechen, der über 1000 gestandene Schulleiterinnen und Schulleiter mit sich reißt, die ihm am Ende mit einem langen Applaus ehren und noch im Nachgang im Foyer von ihm schwärmen? Leitungspersonen von Schulen, die bereits Tausende von Schülern und Dutzende von Lehrerinnen und Lehrern durch ihre Einrichtungen haben ziehen sehen und eigentlich nicht der Meinung sein dürften, bei ihren Schützlingen werde reihenweise Lernlust und Neugier abgetötet.

Ich gebe zu, dass ich der Eleganz von Hüthers Argumentation, seiner augenscheinlichen Bescheidenheit und unübersehbaren Entschlossenheit und der Stringenz seiner Rhetorik streckenweise erlegen war und bin. Womöglich bietet Gerald Hüther dem deutschen Schulsystem genau die verheißungsvolle Zukunft, die er ihm verspricht. Was mich auf dem Weg zur bedingungslosen Affirmation noch etwas zögern lässt, ist die (womöglich fehlgeleitete) Wahrnehmung, wie bestechend Gerald Hüthers Auftreten, seine Sätze und Gedanken sind. Rhetorik ist schon lange kein Kriterium für Wahrheit mehr, weshalb mich ihr virtuoser Gebrauch häufig nachdenklich macht. Vielleicht sollten wir, bevor wir uns Gerald Hüther überzeugt und bekehrt an die Brust werfen, kurz innehalten, den Kirschkuchen, seine Mutter und alle Emphase über das schlechte Alte und das gute Zukünftige beiseite schieben und prüfend hinter die rhetorischen Kulissen schauen. Und dann ein paar Fragen wie die folgenden stellen, Fragen übrigens, die ich bislang nicht beantworten kann:

  • Ist die Neurobiologie eigentlich nur annähernd so weit, dass sie belegen und beweisen kann, was für jeden Schüler, jeden Lehrer, alle Eltern heute und Zukunft in Deutschland gelten soll? Oder handelt es sich am Ende um reformpädagogische Allgemeinbestände, die neurobiologisch nachontologisiert wurden, aber bei der Umsetzung auf die gleichen Probleme stoßen dürften wie Summerhill und Bielefeld?
  • Entgehen den Schülern in einer "Hüther-Schule" nicht einige wichtige Erfahrungen, die ihnen auch die sturste Schulausbildung zielsicher vermittelt und von denen sie später immer wieder profitieren dürften: Frustrationstoleranz, Redundanztoleranz, Anerkennen von Hierarchien, auch wenn man sie für unsinnig hält, Erlernen der sozial hilfreichen Differenz von simulierter Akzeptanz und innerer Distanz, Erfüllen von Anforderungen, die zwar blöde sind, aber dennoch bewältigt werden müssen.
  • Gibt es nicht doch Inhalte und Kompetenzen, die man lernen muss und lernen kann, auch wenn man es weder für sinnvoll noch für interessant hält, sagen wir Integralrechnung oder Passé Simple?
  • Wartet auf die Schüler nicht die große Enttäuschung, wenn jenseits der Schule, in Universität, Lehrbetrieb und am Arbeitsplatz weder auf Einsicht noch auf Interesse Rücksicht genommen wird? Oder kommt diese Enttäuschung nicht schon früher, wenn Einsicht und Interesse des Kindes nicht an den Inhalten und Kompetenzen vorbeigeführt haben, auf die es bei Abschlussprüfungen ankommt?
  • Gibt es nicht auch Schüler, die die Freiheitsbedingungen der idealen Einrichtung schamlos ausnutzen und dem gegenüber Eltern und Lehrer machtlos gegenüber stehen, wollen sie ihre pädagogischen Prinzipien nicht verleugnen? Und gelten die Prinzipien der idealen Schule im Sinne Hüthers für alle Kinder, etwa auch für die aus bildungsfernen Familien und sehr fremden Kulturkreisen? Können sie für alle Fächer, Themen, Kompetenzen, Handlungsfelder und Altersstufen angewendet werden?
  • Kommt es nicht zu einer womöglich folgenschweren Belastung der Familie und des Familienlebens, wenn die Schule Eltern in einen Pakt einbezieht, der Eltern auch Verantwortung dafür gibt, was sie eigentlich nicht verantworten können: wie sich ihr Kind jenseits der Familie benimmt?

Nichts wäre schöner, als wenn einer wie Gerald Hüther von ganz unerwarteter Seite die Lösung für alle Probleme unseres Bildungssystems aufzeigte und sie gleich noch ihrer Lösung zuführte. Dumm wäre es, seine Ideen in Bausch und Bogen abzulehnen oder als unrealisierbar abzutun. Und klug könnte es sein, ihn kritisch und kleinteilig zu hinterfragen, auch wenn man dem Mann eigentlich nicht widersprechen kann.

Dieser Text spiegelt die private Meinung des Verfassers wieder und nicht die Ansichten seines Arbeitgebers.

Eine etwas anderes Perspektive zum Thema: Hüther als Popstar, Teil 1: Gerald Hüther über das System Schule

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