Schule in Zahlen

Umfrage: Jede/r zweite Lehrerin hat schon einmal Schüler/innen angeschrien 30.06.2015, 18:29

Wir haben Lehrer/innen gefragt, ob sie schon einmal Schüler/innen bzw. Schülergruppen (die ganze Klasse) angeschrien haben. Und tatsächlich: Jede/r zweite hat schon einmal. Dabei haben »frische« Lehrer/innen seltener geschrien als dienstältere. Wir vermuten außerdem vier Schrei-Typen: der Autoritäre, der pädagogisch Korrekte, der Massenschreier und der Punisher.

Interviewerin mit Mikrofon: Haben SIe schon mal einen Schüler angeschrien?
Bild: Shutterstock/SpeedKingz (Montage)
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Umfrageergebnisse: Die meisten Lehrer/innen haben schon einmal eine/n Schüler/in angeschrien

In der KW25/2015 führten wir eine kurze Umfrage "Haben Sie schon mal eine/n Schüler/in angeschrien?" durch. Es nahmen 362 Personen teil. Die Ergebnisse sind nicht besonders überraschend:

Mehr als die Hälfte aller Lehrer/innen haben schon einmal eine/n einzelne/n Schüler/in angeschrien (~57%), etwas mehr haben schon mal eine ganze SchülerGRUPPE (z.B. Klasse während des Unterrichts) angeschrien (~64%).

Diagramme: Umfrage 'Schüler anschreien'

Wie Peter Ringeisen völlig zu Recht bemerkte, wäre die Umfrage wesentlich aussagekräftiger, wenn man noch erhoben hätte, wie OFT eine Lehrer/in jemanden angeschrien hat. Ein "ja" kann bei beiden Fragen "einmal aus Versehen" und "Ich mache das jeden Tag" bedeuten. Diese Information lässt sich jedoch nicht so einfach erheben (mehr dazu).

Bei genauer Betrachtung dieser Ergebnisse gelangen wir zu weiteren Erkenntnissen:

Jüngere Kolleg/innen schreien Schüler/innen seltener an

Die Vermutung liegt nahe, dass mit zunehmenden Dienstjahren die Wahrscheinlichkeit dafür, mal die Beherrschung zu verlieren, steigt. Tatsächlich zeigt sich das auch in den Zahlen:

Tabelle: Altersgruppen von Lehrern, die schon mal / noch nie Schüler angeschrien haben

Der SCHREI-FAKTOR ist eine bedeutungslose Hilfsgröße für die Sortierung. Der SCHREI-FAKTOR steigt tendenziell mit den Dienstjahren; vor allem das Anschreien von Schülergruppen nimmt zwischen dem 15. und 25. Dienstjahr deutlich zu.

Erwartungsgemäß ist die Gruppe der Junglehrer/innen diejenige, die sich mit der Schreierei bisher noch zurückgehalten hat - ungefähr jede/r Zweite hat noch nie eine Schüler/in bzw. eine Schüler/gruppe angeschrien.

Die vier Schrei-Typen

Zählen wir, in welcher Kombination geschrien wird:

Tabelle: Wen haben Lehrer angeschrien (Kombination einzelner Schüler/Gruppen)

(Leider nicht definiert ist hier die Häufigkeit des Schreiens; die Anzahl der Lehrer/innen, die mit "ja" einen einmaligen Ausrutscher vor 20 Jahren meinen, ist vermischt mit der Anzahl derjenigen, die pro Unterrichtsstunde mehrmals schreien (s.o.)).

Typ 1: Der Autoritäre (47%)

Ganz eindeutig gibt es in der ja/ja-Gruppe die Personen, für die Schüleranschreien kein Tabu ist. Diese Gruppe macht die Hälfte der Lehrer/innen aus. Möglicherweise findet sich hier bei manchen eine autoritäre Vorstellung - nämlich dass Disziplin und Folgsamkeit wichtige Dimensionen der pädagogischen Arbeit sind und nicht nur durch softe pädagogische Mittel herzustellen sind, sondern auch durch härtere. Diese Lehrer/innen sind keine abartigen Sonderlinge, sondern liegen im aktuell etwas merkwürdigen Trend autoritärer Pädagogik (siehe z.B: Schlechte Schüler brauchen strenge Lehrer ("Die Schule erreicht Jungen einfach nicht. Autoritärer Unterricht könnte Abhilfe schaffen.")).

Typ 2: Der pädagogisch Korrekte (27%)

In der nein/nein-Gruppe finden wir die Lehrer/innen, die noch niemals Schüler/innen angeschrien haben. Einer von vier - das ist gar nicht so wenig, wenn man viele Jahre und Jahrzehnte mitten im Auge des Sturms steht. Möglicherweise geht es tatsächlich ganz ohne Schreien, wenn man die richtige Einstellung hat und die richtigen Tricks kennt, siehe auch:

Typ 3: Der Massenschreier (16%)

Die Massen-Schreier/innen in der nein/ja-Gruppe setzen den Schrei vermutlich als Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung ein, indem sie bspw. eine ganze Klasse angeschrien haben (jedoch noch nie einzelne Schüler/innen). Ein Grund könnte der Respekt vor der Schüler/innen-Persönlichkeit sein. Schließlich kann das direkte Anschreien eines einzelnen Menschen beiderseits zu Würdeverlust führen.

Typ 4: Der Punisher (10%)

In der ja/nein-Gruppe wurden nur einzelne Schüler/innen angeschrien, vermutlich um diese gezielt zum Schweigen zu bringen. Ob es sich dabei um Ausnahmefälle, taktische Maßnahme, ungute Gewohnheit oder um den Verlust der Selbstbeherrschung handelt, geht aus den Daten der Umfrage nicht hervor.

Ist Schreien ein geeignetes pädagogisches Mittel?

In vielen Fällen funktioniert Schreien: Durch Einschüchterung werden Schüler/innen zum Verstummen gebracht. Warum Sie trotzdem niemals Schüler/innen anschreien sollten, lesen Sie hier: Schüler/innen anschreien - Ein pädagogisch sinnvolles Mittel?

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