Corona-Krise

Unterricht per Videokonferenz: Erfahrungsbericht eines Lehrers 15.03.2020, 13:47

Ausschnitt: Discord-Sitzung mit zwei geteilten Bildschirmen (Schüler, Lehrer)

Unser Redakteur war über Fasnacht in einem Corona-Risikogebiet und musste anschließend 14 Tage zuhause bleiben. In dieser Zeit hat er mit Schülern Prüfungsvorbereitung per Liveschaltung auf Discord betrieben. Was lief gut, was lief schlecht, wie macht man so etwas?

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Vorbemerkung 1: Damit keine Rückschlüsse auf konkrete Schüler/innen möglich sind, bleibt dieser Bericht anonym, alle Inhalte und Screenshots sind entsprechend eines optimalen Datenschutzes bearbeitet.
Vorbemerkung 2: In diesem Artikel geht es vor allem um didaktische Potenziale und Probleme - nicht aber um technische Details.

In der kommenden Woche werden in fast allen Bundesländern die Schulen geschlossen, und die große Frage ist: Wie können wir irgendeinen Ersatz für Unterricht finden? Wie können wir Schüler/innen Materialien und Aufgaben übermitteln, wie können wir mit ihnen in Kontakt treten?

Die drei zentralen Tipps für Unterricht per Videokonferenz

  1. Halten Sie Ihre Sitzungen kurz. 90 Minuten sind zu lang.
  2. Arbeiten Sie lehrerzentriert. Offene Diskussionen mit 30 Siebtklässler/innen werden ins Chaos abgleiten.
  3. Arbeiten Sie in möglichst kleinen Gruppen. Rechnen Sie: 30 Schüler, jeder schreibt in einer halben Stunde dreimal "Ah ja." oder "Hihi" oder "Ok" in den Teamchat = alle 20 Sekunden (!) kommt ein "lol"-Spruch über den Chat und sprengt Ihren Unterricht.

Ein Fazit vorweg

Ich habe im März 2020 mit wenigen volljährigen, motivierten Schüler/innen fast zwei Wochen lang Unterricht per Liveschaltung getrieben. Meine technische Kompetenz ist hoch, mein didaktisches Knowhow ebenfalls (seit fast 20 Jahren beschäftige ich mich, einige Jahre lang auch im akademischen Betrieb, mit virtuellen Lehr-Lernformen und Lernplattformen).

Es lief gut, ich konnte Aufgaben und Übungen effektiv durchführen, die Schüler/innen erlebten einen Übungs- und Lernfortschritt und gaben sehr positives Feedback.

Probleme

Dennoch ist es für mich kaum vorstellbar, Unterricht per Videokonferenz mit größeren Schülerzahlen erfolgreich durchzuführen; vor allem nicht in Primar-, Unter- und Mittelstufe. Die kritischen Punkte sind

  • Disziplin: Wenn im Unterricht jemand reinquatscht, lässt sich das einigermaßen gut unterbinden. Wenn sich in einer Videokonferenz jemand störend einbringt (indem er bspw. animierte, lustige gif-Bildchen in den Teamchat postet oder in sein Mikro redet), erzeugt das ungleich mehr Chaos als in einer Präsenzsituation. Eine Zurechtweisung durch die Lehrer/in hält das Unterrichtsgeschehen deutlich mehr auf als in Präsenzsituationen.
  • Gruppengröße: Meine Gruppe umfasste eine einstellige Zahl von Schüler/innen. Da jeder Arbeitsschritt im virtuellen Raum (Schülerergebnisse vorzeigen, Fragen stellen, Verständnis sichern usw.) deutlich mehr Zeit und Energie beansprucht als im realen Klassenzimmer, wird eine 90-Minuten-Sitzung mit 30 Achtklässler/innen völlig aus dem Ruder laufen.
  • Urheberrecht: Die meisten für den Unterricht nutzbaren Materialien dürfen nicht in digitaler Form verteilt werden, schon dreimal nicht über irgendwelche Server kommerzieller Anbieter aus den USA. Das bringt erhebliche Einschränkungen mit sich.
  • Datenschutz: Wenn Sie nicht eine datenschutzsichere Softwarelösung auf einem eigenen Server zur Verfügung haben, müssen Sie auf einen externen Anbieter zurückgreifen. Kostenlose Systeme, die man mal schnell anwirft (wie Discord, Skype, Twitch), sind datenschutzrechtlich bedenklich, wenn personenbezogene Schülerdaten verwendet werden. Meine Schüler/innen waren volljährig und waren sich der Datenschutzproblematik explizit bewusst. Doch was ist mit nicht volljährigen Schüler/innen oder wenn jemand von den volljährigen (zu Recht) nicht partizipieren möchte?

Potenziale

Dennoch hat Unterricht per Liveschaltung einen immensen Vorteil gegenüber asynchronen (s.u.) Formen der Lehr-Lern-Organisation: Die Möglichkeit zur Interaktion ist äußerst effektiv.

Beispiel Organisation:

Sie zeigen im Videochat eine Übung, geben Hinweise für den Lösungsweg und erklären, wann und in welcher Form die Lösung abzugeben ist. Drei Schüler/innen stellen Fragen ("Müssen wir Aufgabe 3b auch machen?"), die Sie kurz beantworten ("Ja."). Das alles dauert 5 Minuten.

Stellen Sie sich dieses Procedere in asynchroner Form vor: Der Aufwand für die Lehrer/in ist immens höher, ebenso der Zeitrahmen, denn es kann durchaus einen Tag dauern, bis die letzte Schüler/innenfrage geklärt ist.

Beispiel inhaltliche Arbeit

Die Besprechung einer Schülerlösung über Videokonferenz funktioniert. So etwas ist in asynchroner Form (wie in einem Forumschat) nicht machbar. Auch selbst ein textbasierter Chat führt zu völligem Chaos.

Praktische Anwendungsmöglichkeit: So kurz und frontal wie möglich

Wie geschrieben: "Richtiger" Unterricht ist per Videokonferenz nur mit sehr kleinen und sehr erwachsenen Gruppen machbar. Dazu kommen Probleme des Urheber- und Datenschutzes.

Sie können viele dieser Probleme jedoch umgehen, indem Sie frontal und kurz in kleinen Gruppen arbeiten.

  • Begrenzen Sie eine Sitzung auf maximal 15 Minuten. Das genügt, um Aufgaben, Lernpläne oder organisatorische Details durchzugeben.
  • Arbeiten Sie eher frontal, soll heißen: SIE als Lehrperson sind Mittelpunkt, Impulsgeber/in, Inhaltsvermittler/in. Damit vermeiden Sie nicht nur kommunikatives Chaos, sondern entzerren die Situation auch in datenschutzrechtlicher Hinsicht: Wenn die Schüler/innen nur zuhören, vielleicht mal eine Frage stellen, gibt es wohl keine datenschutzrechtlichen Bedenken. Entsprechend lagern Sie offene Diskussionen in eine asynchrone Umgebung aus. Wenn inhaltlicher Austausch, dann werden die Inhalte bspw. auf Ihrer Lernplattform (soweit vorhanden) oder auf einem Etherpad ausgetauscht.
  • Reduzieren Sie die Gruppengröße. Jeder Teilnehmer weniger macht den Unterricht effizienter. Das kennen wir aus dem realen Unterricht, im virtuellen ist das noch wesentlich extremer.

Begrifflichkeit - Zwei unterschiedliche Typen von Fern-Unterricht: Synchron und Asynchron

Grundsätzlich wird in virtuellen Lernszenarien zwischen asynchroner und synchroner Kommunikation unterschieden.

Asynchron bedeutet: Wir kommunizieren zeitversetzt - die Lehrer/in stellt eine Aufgabe in Moodle, drei Stunden später bearbeitet die Schüler/in sie, am nächsten Tag erhält sie die Rückmeldung der Lehrer/in. Das Lernen mit Erklärvideos ist ebenfalls asynchron.
Als Software für asynchrone Kommunikation verwendet man bspw. Lernplattformen wie Moodle, ownCloud, Nextcloud oder Edupage; falls so etwas nicht vorhanden ist, sind Diskussionforen oder auch Kommunikation per Mail Mittel der Wahl.

Synchron bedeutet: Wir kommunizieren ohne Zeitversetzung. Lehrer/in und Schüler/innen diskutieren bspw. in einer Chat-Situation (z.B. via Skype, Twitter); in der frontaleren Variante erklärt die Lehrer/in etwas per Video-Stream, die Schüler/innen hören live zu und kommentieren gegebenenfalls. Virtuelles Lernen wird nur äußerst selten in synchroner Form praktiziert, da ja immer auch zeitversetzt zur Kommunikationssituation Materialien geteilt oder Aufgaben bearbeitet werden.
Als Software für synchrone Kommunikation verwendet man bspw. Konferenzsoftware wie Skype oder Discord, als Streaming-Tools sind YouTube oder Twitch verbreitet.

Bestimmte Tools sind nicht zwingend der ein oder anderen Form zuzuordnen. Sie kennen das von WhatsApp - Sie erhalten eine Nachricht und antworten zwei Minuten später darauf.

Welche Form für den Corona-Unterricht bei Schulschließung?

Synchroner Unterricht (Videokonferenzen, Chats etc.) ist wesentlich interaktionaler und unmittelbarer, stellt aber auch sehr hohe Anforderungen an Organisation, Disziplin und Technik.

In der Corona-Krise dürften sich für die aktuellen Schulschließungen in Primar-, Unter- und Mittelstufen eher asynchrone Kommunikationsformen anbieten, in der Oberstufe kann man es durchaus auch mal synchron probieren - wenngleich man hier weniger Effekt haben dürfte, als viele der visionären Versprechungen auf Twitter & Co es nahe legen.

Umstände meines Corona-Fern-Unterrichts

Wegen Urlaub in einem Risikogebiet durfte ich vom  27. Februar bis 12. März nicht in die (zu dieser Zeit noch geöffnete) Schule. Bereits im April würde das schriftliche Abitur stattfinden, und ich musste mir etwas einfallen lassen, was über "Ich schicke euch mal ein paar Arbeitsblätter, dann macht irgendwas damit" hinausging.

Ich habe eine einstellige Anzahl von Schülerinnen und Schülern in meinem Kurs, die in diesem Fach die Abiturprüfung machen werden. Sie waren motiviert und für mich per Mail und/oder Telefon erreichbar. Alle Materialien lagen den Schüler/innen vor, ich hatte sie schon vor den Ferien ausgeteilt. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich vor der Frage gestanden, ob ich die Materialien einscannen und verschicken kann, was urheberrechtlich evtl. problematisch sein könnte.

Also entschied ich mich dafür, den Unterricht per Videokonferenz abzuhalten.

Auswahl eines Video-Konferenz-Tools

Per E-Mail und Telefon vereinbarten wir, dass wir die Gaming-Plattform Discord für den Live-Unterricht verwenden würden. Die teilnehmenden Schüler/innen hatten bereits alle einen Discord-Account.

Discord ist bei den Gamern beliebt, da sich mehrere Personen höchst unkompliziert zusammenschalten können und sich gegenseitig ihre Bildschirme zeigen können, was auch für Lehr-Lern-Szenarien höchst nützlich ist, um Arbeitsergebnisse von Schüler/innen zu besprechen. Video- und Audio-Funktionen sind ebenfalls sehr einfach nutzbar.

Wichtig ist der Hinweis, dass auch Schüler/innen ohne Mikrofon oder Webcam teilnehmen können. Sie können sehen und hören, was gezeigt und gesprochen wird, außerdem können sie per Chat über die Tastatur partizipieren.

Einen großen Vorteil von Discord sehe ich in der unkomplizierten Bedienbarkeit.

Discord als Konferenztool der Wahl

Discord gibt es kostenlos als Programm für Windows, macOS, Linux und für die mobilen Systeme iOS und Android unter discordapp.com. Außerdem kann Discord mit (teils gravierenden) Einschränkungen als Online-Tool genutzt werden, ohne dass ein Programm installiert werden muss. Man muss sich dazu lediglich einloggen. Ein Account muss in jedem Fall erstellt werden.

In Discord können aktuell 50 Personen an einer Konferenzschaltung teilnehmen; das Limit wurde explizit wegen der Corona-Krise von 10 auf 50 Teilnehmer/innen angehoben (siehe bspw. hier: Discord ermöglicht jetzt große digitale Gruppentreffen ohne Ansteckungsgefahr).

Discord ist kostenlos; es gibt eine kostenpflichtige Version ("Discord Nitro"), die größere Dateiuploads etc. erlaubt. Wir haben mit der kostenlosen Version gearbeitet.

In datenschutzrechtlicher Hinsicht ist Discord bedenklich, da die Firma aus den USA operiert und durchaus kritische Passagen in ihrer Datenschutzerklärung hat (Discord Privacy Policy). Arbeiten die Schüler/innen jedoch mit anonymen Accounts, kann man hier evtl. eine Menge Druck aus dem Kessel nehmen.

Discord-Sitzung mit  mehreren Schülern und Bildschirmen

Im Bild oben (Großbild) sehen Sie die wesentlichen Elemente von Discord: Auf Klick kann der eigene Bildschirm geteilt werden (gelb), die anderen Sitzungsteilnehmer/innen können sich die geteilten Bildschirme anschauen (blau). Ebenfalls mit einem Klick kann das Mikrofon an- und abgeschaltet oder die Webcam aktiviert werden (rot). 

Alternative Konferenz-Tools: Skype, Blizz, Teams und Co

Zahlreiche weitere Systeme stehen zur Verfügung, und alle haben ihre Eigenheiten, was Preisgestaltung, Benutzerfreundlichkeit und Features betrifft. Einen guten, aktuellen Überblick finden Sie hier bei golem.de: Videokonferenz-Programme im Test: Büro zu, Homeoffice auf

Durchführung des online-Unterrichts

Die Schüler/innen erhielten von mir Aufgaben, die vor Beginn der Konferenzschaltungen zu erledigen waren. Diese Aufgaben wurden in den virtuellen Sitzungen ausführlich besprochen. Durch die Möglichkeit, seinen Bildschirm mit allen anderen zu teilen, konnten die Lösungen der Schüler/innen von allen gemeinsam angesehen und besprochen werden.

Am Ende der Sitzungen vereinbarten wir die nächsten Aufgaben und planten den nächsten Termin.

Aufgaben besprechen

In der Regel war auf meinem Bildschirm die Aufgabenstellung zu sehen, so dass die Schüler/innen sie immer per Klick ansehen konnten.

Wir eröffneten mit einer kurzen Diskussion der Aufgabenstellung: War die Aufgabenstellung verständlich? Was war erwartet? Gab es Probleme beim Einstieg in die Bearbeitung?

Die konkrete Besprechung erfolgte meist anhand von Schülerlösungen - Ist die Lösung gelungen? Was hätte man anders/besser machen können? Gibt es Fragen hierzu?

Bei größeren Unklarheiten zeigte ich meine fertigen Lösungen oder löste die Aufgabe gemeinsam mit den Schüler/innen auf meinem Bildschirm. Je nach Fach kommen hier unterschiedliche Tools zum Einsatz, in der Regel reicht jedoch ein gängiges Dokument (Textverarbeitung, Mindmap, Excel-Tabelle, Zeichentool).

Neue Themen einführen/erklären

Die Einführung neuer Themen erfolgt analog zur Aufgabenbesprechung, wobei hier der Lehrerbildschirm zentrales Element ist. Die Entwicklung von Tafelbildern erledigt man einfacherweise bspw. mit Powerpoint. Karikaturen, Diagramme oder Schaubilder werden über den Lehrerrechner gezeigt und dann gemeinsam besprochen, evtl. wie im klassischen Unterricht von kurzen Einzelarbeitsphasen unterbrochen.

Die Erarbeitung neuer Themen erfordert von den Schüler/innen ein hohes Maß an Disziplin, da sie ihre Aufmerksamkeit selbst kontrollieren und bündeln müssen. Ich erkläre etwas, und bei der Nachfrage, ob alles verstanden wurde, stellt sich heraus, dass einer gerade auf dem Klo war, der nächste hat nicht aufgepasst und ein weiterer hat es überhaupt nicht kapiert. Während ich solche Störungen im Präsenzunterricht meist wahrnehme, ist mir das in der Videokonferenz nicht möglich, da ich die Schüler/innen nicht im Blick habe. Wichtig ist in jedem Fall der Hinweis, dass bei Unklarheiten oder Verständnisschwierigkeiten nachgefragt werden muss.

Der Wechsel von Input und Stillarbeit ist online kaum durchführbar, da der Lehrer keine Kontrolle darüber hat, ob alle Schüler/innen mitarbeiten. Bei Verständnisschwierigkeiten können die Schüler/innen ihre Fragen in den Teamchat schreiben, allerdings führt das schnell zu Chaos, da diese Form der Kommunikation nicht geübt wurde und so im Chat schnell ein Chaos entsteht.

Arbeitsmaterialien verteilen

Discord verfügt über kein strukturiertes Ablagesystem für Dateien (im Gegensatz zu Lernplattformen). 

Informationsmaterial oder Aufgabenblätter für die nächste Sitzung habe ich entweder per Mail verschickt, auf einer Website bereit gestellt oder in Discord in den Teamchat hochgeladen. Das Dateilimit beim kostenlosen Account liegt bei 8MB, das reicht für die diie meisten Inhalte. Es ist schwierig, die Kontrolle darüber zu behalten, ob alle die Materialien runtergeladen haben. Hier ist eine zusätzliche Filesammlung sinnvoll (z.B. eben eine Lernplattform oder eine eigene Website, auf der man seine Materialien sammelt).

  • Für kürzere Schnippsel (wie bspw. Links zu einem Erklärvideo oder einem Text im Web) eignet sich der Teamchat eigentlich wunderbar; das Problem ist, dass in einem solchen Fall der Unterricht völlig zerfasert - sobald ich den Link postete, machten die Schüler/innen irgendetwas: Die einen arbeiteten, die anderen suchten nach dem Ort, an dem die Datei gespeichert werden konnte, und sobald jemand fertig war, wusste ich es entweder nicht oder er müllte den Teamchat mit lustigen "Bin-fertig"-Smileys und "Na, habt ihr es bald, ihr Stinktiere?" zu.

Was hat geklappt, was nicht?

Wie oben geschrieben: Grundsätzlich bewerte ich die Unterrichtseinheit als sehr erfolgreich. Die Schüler/innen haben geübt, kamen voran und konnten individuelle Probleme und Unklarheiten auflösen.

Trotz der sehr kleinen Gruppengröße von weniger als 10 Schüler/innen kamm es jedoch regelmäßig zu Wirrungen:

  • In jeder Sitzung hatte jemand die Aufgaben nicht gemacht (das kennen wir ja vom realen Unterricht durchaus), andere hatten die falsche Aufgabe gemacht, wieder andere hatten sie im falschen Format vorliegen (z.B. handschriftlich auf einem Zettel). Schon zu Beginn unserer Aufgabenbesprechung waren mindestens 10-20 Prozent der Schüler/innen abgehängt (!).
  • Immer wieder müllte jemand den Teamchat mit lustigen Sprüchen oder animierten GIFs voll. Das Ablenkungspotenzial ist enorm.
  • In jeder Sitzung hatte jemand technische Probleme: »Mein Mikro funktioniert nicht, Moment, hört ihr mich jetzt?«, »Mist, mein Windows will ein Update machen!«, »Mein Datenvolumen ist aufgebraucht, Ihr Bildschirm ist total unscharf!«, »Sorry, bin gerade rausgeflogen, was habt ihr gerade gemacht?« Ärgerlich ist auch, wenn jemand keine Möglichkeit zur Audioausgabe hat. Dann muss man als Lehrer/in nämlich nicht nur in sein Mikro erklären, sondern auch tippen.

All diese Probleme lassen sich lösen oder eingrenzen: Auch das gemeinsame Arbeiten online muss geübt werden, Kommunikationsregeln müssen sich einschleifen und der individuelle Technikcheck vor Beginn der Sitzung muss für die Schüler/innen so selbstverständlich sein wie das Auspacken der Schulhefte. Aber das erfordert Zeit und Übung.

Urheberrecht und Datenschutz

Selbst wenn man eine datenschutzrechtlich einwandfreie Infrastruktur hat - das Urheberrecht wird in den meisten Fällen blockieren (sollte man es für die Zeit der Corona-Krise aussetzen?). Alleine schon das Digitalisieren von Unterrichtsmaterialien gehört zu den juristischen Todsünden der Lehrer/in.

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Der Rest ist Ihre Entscheidung.

Fazit

Ein inhaltliches Fazit siehe ganz oben zu Beginn des Artikels.Ansonsten bleibt zu konstatieren, dass man virtuelle Lernformen nicht einfach aus dem Boden stampfen kann. Dazu sind zu viele neue Routinen, Regeln und Gewohnheiten erforderlich. Angesichts der Schulschließungen in der Corona-Krise erhebt sich lautstark die Forderung, dass man jetzt ganz schnell Unterricht digital halten müsse. Dass dies in erster Linie eine didaktische Herausforderung ist, wird von vielen übersehen.

Ideen, Vorschläge und Technik-Tipps schießen dieser Tage wie Pilze aus dem Boden: Benutzt diese Lernplattform, installiert euch jene Software, so müsst ihr Arbeitsblätter erstellen usw. Vieles davon ist theoretischer Natur und hat mit der Praxis nichts zu tun. Aber es sind auch gute, wegweisende Ideen dabei.

Setzen Sie diese Ideen im Rahmen Ihrer technischen und nervlichen Möglichkeiten um, und seien Sie sich stets bewusst: Weniger ist mehr. Wenn Sie plötzlich ihren kompletten Unterricht digital machen wollen, werden Sie scheitern - auch wenn Ihre Schule in Windeseile die neueste und beste Lernplattform aus dem Boden stampft. Am Ende stehen Erfolglosigkeit und Frust, weil keiner ihre Moodle-Kurse benutzt. Verteilen Sie lieber einmal die Woche irgendwo eine kleine Arbeitsaufgabe [wir reichen spätestens übermorgen ein Beispiel nach]; vielleicht können Sie ein kurzes Feedback organisieren - und dann ist tatsächlich etwas passiert.

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