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Höhere Schülerbeteiligung durch die Spielkarten-Methode 28.10.2008, 20:44

Spielkarten, Ausschnitt
Bild: pixabay [CC0 (Public Domain)]

Unterrichtsgespräche sind in der Praxis oft eine zähe Angelegenheit, da sich meist nur sehr wenig SchülerInnen freiwillig daran beteiligen. Die Spielkarten-Methode führt zu einem drastischen Anstieg der freiwilligen Schülerbeteiligung. Ein Bericht aus der Unterrichtspraxis.

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Der folgende Beitrag wurde von Lür Lemmermann (Otto-Bennemann-Schule Braunschweig) verfasst - vielen Dank!

„1-2-3- Ich bin dabei“  - eine Karten-Methode für den Frontalunterricht

Das Problem:
Es beteiligen sich mündlich nur wenige Schüler beim Frontalunterricht.

Der Wunsch:
Die Unterrichtsbeteiligung steigt. Und (fast) jeder Schüler und jede Schülerin ist nach freiwilliger(!) Meldung mindestens einmal drangekommen.

Die Karten-Methode in Kurzform:
Alle Schüler erhalten zu Beginn der Stunde von der Lehrkraft je nach eigenem Wunsch zwischen 1 und 3 Karten, die offen nebeneinander an die obere Tischkante des Platzes gelegt werden. Nach jedem Wortbeitrag in der Stunde darf die betreffende Person eine Karte umdrehen.

Kommentare von KollegInnen zur Methode:

„Genial einfach – einfach genial!“
„Das Ei des Kolumbus für den Frontalunterricht!“
„Die ideale Mischung aus intrinsischer und extrinsischer Motivation!“
„Der Stein des weisen Frontalunterrichts!“

Aber probieren Sie es selbst aus! Die folgenden Beschreibungen sollen als Anregungen dienen:

Durchführungshinweise

Material:
Für jede SchülerIn 3 Karten, z.B. Skatkarten oder Rommeekarten. Wichtig ist nur, dass Vor- und Rückseiten farblich gut zu unterscheiden sind.

Spielregeln:

  1. Die Lehrkraft gibt vor jedem Austeilen das Ziel bekannt. Entweder: „Es sollen am Ende der Stunde so viele Karten wie möglich umgedreht sein.“ Oder: „Alle sollen nach Möglichkeit mindestens eine Karte am Ende der Stunde umgedreht haben.“
  2. Die Lehrkraft geht mit allen Karten in der Hand von Schüler zu Schüler und fragt, wie viele Karten er haben möchte. (Dieses Vorgehen unterstreicht gegenüber den Schülern, dass Sie die Methode ernst nehmen. Die Schüler sind manchmal zu Beginn eher amüsiert, aber das dürfen sie auch sein.) Jeder Schüler muss mindestens eine, höchstens drei Karten nehmen!
  3. Jeder Schüler legt die Karte/Karten offen, nebeneinander, oben an die Tischkante ihres Sitzplatzes.
  4. Während des Unterrichts dürfen die Schüler die Karten nicht in die Hand nehmen (rumspielen), es sei, sie wollen sie nach ihrem mündlichen Beitrag umdrehen. (Hat ein Schüler das Umdrehen unmittelbar nach ihrem Beitrag vergessen: Nachträgliches Umdrehen ist erlaubt.)
  5. Nicht die Lehrkraft oder die Sitznachbarin entscheidet, ob eine Karte umgedreht werden darf, sondern ausschließlich der Schüler, der sich mündlich eingebracht hat! Als mündliche Beteiligung sollte jeder Beitrag gewertet werden, der im Zusammenhang mit dem Unterricht steht. Jede Frage (natürlich außer: „Darf ich mal auf Toilette?“:-) und auch jede falsche, halbfalsche oder ‚billige’ Antwort mit „ja“ oder „nein“ führt zum Umdrehen der Karte!
  6. Hat ein Schüler sein Soll erfüllt und bereits alle Karten umgedreht, darf er sich weiterhin melden und kommt auch dran! Schüler, die noch nicht alle Karten umgedreht haben, werden allerdings bevorzugt behandelt.
  7. Am Ende der Stunde bleiben die Schüler noch so lange sitzen, bis die Lehrkraft alle Karten von den Plätzen wieder eingesammelt hat. Während des Einsammelns kann die Lehrkraft mit Blick auf die Karten vereinzelt Lob (keine Rügen!) verteilen. Denken Sie bitte daran: Auch „gute“ Schüler brauchen Lob.
  8. ZZu Hause können Sie - wenn Sie wollen - in Ruhe den Prozentsatz der umgedrehten Karten ermitteln. Besonders erfolgreiche, da hohe Prozentsätze, sollten den Schülern hin und wieder (z.B. zu Beginn der nächsten Stunde) zwecks Motivationssteigerung genannt werden.

FAQ - Häufig gestellte Fragen

In welchen Klassen kann die Methode eingeführt werden?
Für die Klassen 7 bis 11 liegen positive Erfahrungen vor. Bedenken hätte ich nur bei Grundschülern, da ich mir vorstelle, dass dort die Karten eine zu große Bedeutung für die Kinder bekommen (?).

Wann ist der richtige Zeitpunkt, die Methode anzuwenden?
Sowie Sie mit der Unterrichtsbeteiligung der gesamten Klasse nicht zufrieden sind. Also zu jeder Zeit im laufenden Schuljahr. Allerdings nur in Stunden, in denen Sie überwiegend (!) Frontalunterricht (mit kurzen Phasen Einzel- und/oder Partnerarbeit) planen, aber keine längeren Gruppenarbeiten.

Wie lange sollte die Methode angewendet werden?
Langzeiterfahrungen liegen noch nicht vor. Wird die Methode neu eingeführt, ist eine Mindesterprobungszeit von 2 Wochen bei ca. 5 Schulstunden Unterrichtseinsatz in der betreffenden Klasse zu empfehlen. Danach können Sie über eine Fortsetzung unter gleichen Bedingungen, veränderten Bedingungen, ein Aussetzen für x Wochen oder Abschaffung nachdenken. (Ich selbst bevorzuge den Einsatz in Intervallen.)
Die Methode sollte jeweils für die Länge einer Einzelstunde oder Doppelstunde eingesetzt werden.

Was kann die Methode nicht?
Ihr Frontalunterricht wird dadurch kein Stück besser. Leider. Auch geht damit keine automatische Verbesserung der Schülerbeiträge in der Qualität einher.

Was kann die Methode?

  • Die mündliche Beteiligung (Quantität) der ganzen Klasse verbessert sich. Sogar bei Kollegen, die in dieser Klasse unterrichten und diese Methode nicht anwenden! („Mir ist aufgefallen, dass sich die mündliche Beteiligung in Ihrer Klasse verbessert hat.“)
  • Die Schüler erkennen i.d.R., dass es nicht so schlimm ist, wenn sie mal was Falsches sagen.
  • Selbstbewusstsein und Selbsteinschätzung werden gefördert.
  • Die „Mitmachdisziplin“ der Klasse bessert sich.
  • Die Lehrkraft wird anhand der umgedrehten Karten daran erinnert, wer oft und wer zu wenig drangekommen ist.

Schummeln die Schüler beim Umdrehen?
Ja, aber nur vereinzelt. Und das weiß ich auch nur aus einer anonymen Befragung (s.u.). Ich erläuterte ihnen, dass sie sich selbst beschummelten, weil sie nicht in der Lage waren, die Methode etwas ernster zu nehmen bzw. es wahrscheinlich nicht aushielten, dass sie nicht mehr Karten umdrehen konnten.

Warum kommen Schüler noch dran, obwohl sie alle Karten umgedreht haben?
Schüler, die sich schon immer oft gemeldet haben, sollen daran erinnert werden, sich etwas zurückzunehmen. Sie sollen aber auf keinen Fall „ausgebremst“ werden!

Was ist, wenn in einer Klasse alle Schüler nur eine Karte wählen?
Ist noch nicht vorgekommen. Aber sie werden schon merken wie schwer es ist, dass jeder es schafft, seine Karte umzudrehen.

Was ist, wenn in einer Klasse alle Schüler 3 Karten wählen?
Super, loben Sie ihre Motivation!

Welche Befürchtungen wurden bislang geäußert?
Bisher nur folgende:
„Die Methode geht davon aus, dass durch einen extrinsischen, spielerischen Anreiz die Schüler sich mehr bemühen. Was ist mit denen, die einfach nicht können? Werden die dadurch gefördert oder vielleicht sogar als ‚Luschen’ identifiziert?“
Wenn jemand trotz bester Absicht nicht schafft, sich zu melden, dann ist dies eine wichtige Rückmeldung für die Lehrkraft:
Sind ihre Fragen zu schwer? Besteht individueller Förderbedarf? Hat sie bei den leichten Fragen zu schnell die ‚guten’ Schüler drangenommen und nicht lange genug gewartet, bis die ‚Schwachen’ sich eine Antwort überlegt haben?
Es handelt sich schließlich nicht nur um eine Methode zur Erhöhung der Zahl der mündlichen Beiträge resp. der Anzahl der Schüler, die einen Beitrag liefern, sondern auch um eine Rückmeldung für die Lehrkraft, wer sich gemeldet hat und wer nicht und das schon im Laufe der Stunde, und dieses objektiv für die ganze Klasse (gegen die ‚mich nehmen Sie nie dran, immer nur XX, ihren Liebling’-Fraktion). Letzteres war übrigens der ursprüngliche Anlass, die Methode einzuführen. Die damit einhergehende Steigerung der Beteiligung war ein erwünschter Nebeneffekt.

Um individuellen Druck rauszunehmen, kann die Aufgabe auch so formuliert werden: Ziel ist es, dass am Ende der Stunde alle ihre Karten umgedreht haben! So kann es, ein einigermaßen funktionierendes Gruppengefühl vorausgesetzt, zu einer sozialen Aufgabe werden. (Klar, dass die Gruppe dann erfolgreich ist, wenn die schwierigen Fragen von den ‚Guten’, die leichten Fragen von den eher ‚Schwachen’ beantwortet werden. Falls die Gruppe noch eher individualistisch orientiert ist, kann die Lehrkraft diese Strategie befolgen und am Ende den Gruppenerfolg betonen und loben, um so das Gruppengefühl zu stärken).“

Welche überraschenden Probleme sind bisher aufgetreten?
Entgegen meiner Erwartung fühlten sich die „schwächeren“ Schülerinnen durch die Karten nie gegängelt, die „stärkeren“ Schülerinnen in einer Klasse jedoch „ausgebremst“. Erst meine Aussage, dass sie jetzt statt 10 mal nur noch 8-9 mal im Unterricht drankommen, hatte sie beruhigt.

In der gleichen Klasse (siehe auch unten unter dem Stichwort „Evaluation“) bin ich bei der Vorstellung der Methode in eine Diskussion über die mündliche Bewertung gekommen. Ich musste den Schülern deutlich machen, dass sie nicht automatisch eine 1 bekommen, auch wenn sie sich jetzt „wie verrückt“ melden und am Ende immer alle 3 Karten umgedreht haben. Denn die Methode hilft mir zwar, die Quantität der mündlichen Äußerungen etwas besser einzuschätzen, nicht aber die Qualität. Und Qualität fließt bei mir in die mündliche Note genauso ein wie Gruppenarbeit, Stillarbeit, Verhalten im Unterricht und Hausaufgaben.

Erschrocken hatte ich mich einmal, als kurz nach Bekanntgabe der Methode fast alle Finger oben waren („Wow!“), am Ende der Doppelstunde aber die geringe Meldequote erreicht wurde wie vor Einführung der Karten-Methode („Oh je.“) Die Methode braucht halt insgesamt etwas mehr Zeit.

Variationsmöglichkeiten:

Sortieren Sie die Karten doch mal vorher so, dass jeder Schüler bis zu einem Drilling beim Austeilen bekommt. Beim achtsamen Einsammeln (Reihenfolge nach Sitzplan vornehmen) können Sie dann feststellen:
a) Wie viel Prozent der Karten umgedreht wurden. (War vorher schon möglich.)
b) Wie viel Prozent der Schüler sich 1 mal, 2 mal oder mindestens 3 mal gemeldet haben. (Jetzt möglich, weil: Jeder Drilling = ein Schüler.)
c) Welcher Schüler sich wie oft gemeldet hat. (Welcher Drilling gehört laut Sitzplan zu welchem Schüler?) (Jaaaa, big brother is watching you.)

Jeder Schüler bewertet zusätzlich die Qualität seiner Antworten: Linke Karte = „billige“ Antwort; mittlere Karte = gute Antwort; rechte Karte = sehr gute Antwort. (Wurde noch nicht erprobt.)

Evaluation der Methode mit Fragebogen (anonym)

Folgenden Fragebogen habe ich nach 2 Wochen Karten-Methode (ca. 10 Schulstunden) in einer Klasse der einjährigen Berufsfachschule (Höhere Handelsschule) eingesetzt. Die Ziffern geben die Antworten der Schüler wieder.

Im Vergleich zum letzten Schuljahr melde ich mich …
viel häufiger (5) /  häufiger (11) /  genau so oft (7) / weniger (0) / viel weniger (0)

Die Karten-Methode spielt dabei …
keine Rolle (8) / eine große Rolle (0) / eine kleine Rolle (15)

Ich fühle mich durch die Karten-Methode …
angenehm gefordert (8) / unangenehm gefordert (0) / weder gefordert, noch gebremst (11) / unangenehm gebremst (3)

Nach meiner Einschätzung ist mein Melden durch die Karten-Methode in anderen Fächern …
eher besser geworden (5) / genau so wie immer geblieben (18) / eher schlechter geworden (0)

Zur Karten-Methode möchte ich noch sagen, dass …
… ich gerne mehr Karten hätte.
… meine Selbsteinschätzung besser geworden ist.
… manche die Karten ohne Beitrag umdrehen.

Ich würde die Methode gerne …
Schnell abschaffen (5) / 2 Wochen weiter führen (12) / mehr als 2 Wochen weiter führen (6)

„Wie schnell der Unterricht vergeht – hast du die Karte schon gedreht?“
In diesem Sinne wünscht viel Erfolg
Lür Lemmermann (Otto-Bennemann-Schule Braunschweig)

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