ADHS-Forschung

Umweltgifte als Ursache für ADHS/ADS? 22.11.2010, 23:28

Ulf Sauerbrey, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Jena, weist in mehreren Fachartikeln auf den Zusammenhang zwischen der Belastung durch Umweltgifte (wie Blei, Phtalate, Quecksilber etc.) und der ADS/ADHS-Symptomatik hin. Im Juni 2010 ist sein Buch "ADHS durch Umweltgifte" erschienen.

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Ulf Sauerbrey ist Erziehungswissenschaftler am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er betreibt u.a. die Homepage kindheit-und-umwelt.net, wo sich Eltern und Pädagog/innen über Erziehung und Kindergesundheit informieren können.

Cover des Buchs Ulf Sauerbrey: ADHS durch Umweltgifte. Schadstoffe in der KinderumweltUlf Sauerbrey hat 2010 den Band “ADHS durch Umweltgifte. Schadstoffe in der Kinderumwelt” (amazon-Link) veröffentlicht. Aus der Kurzbeschreibung:

Im Alltag von Kindern findet sich heute eine Vielzahl verschiedener Umweltgifte, deren Rolle in der Entstehung kindlicher Verhaltensauffälligkeiten bisher wenig beachtet ist. Medizinische Studien verweisen jedoch durchaus auf neurotoxische Schadstoffe, die für die Entstehung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bedeutsam sind.

Kurzbeschreibung von Ulf Sauerbrey: ADHS durch Umweltgifte (amazon.de)

Einige Inhalte des Buches hat Ulf Sauerbrey auf ngo-online.de zusammengefasst, wir zitieren mit freundlicher Genehmigung aus dem dort veröffentlichten Beitrag von Ulf Sauerbrey http://www.ngo-online.de/2010/11/2/ads-adhs-symptome-durch-umweltgifte-verursacht/:

Belastung von Kindern durch Schadstoffe

Sauerbrey zitiert einige Studien, nach denen jedes Kind in Deutschland mehr oder weniger mit Schadstoffen belastet ist. Vor allem die Luft in Innenräumen sei verantwortlich für diese Belastung, zumal sich Kinder mehr als 15 Stunden täglich in Innenräumen aufhielten.

Im aktuellsten Teilbericht des KUS [Kinder-Umweltsurvey des Umweltbundesamtes] wurde die Luft der Räume untersucht, in denen sich die Kinder am häufigsten aufhielten (in über 90% das Kinderzimmer). Der Bericht zeigt auf, dass die Raumluft, der Kinder ausgesetzt sind, oft mit flüchtigen organischen Verbindungen belastet ist, die aus verschiedenen Quellen stammen können (rauchende Eltern, PVC-Böden, Linoleum-Böden, Pressspanplatten, Tapeten, Kleber, Farbanstriche etc.). Die Namen der bedenklichen Schadstoffe lauten unter anderem: Alkane, aromatische und halogenhaltige Verbindungen, Terpene, sogenannte VOC, Aldehyde wie z.B. das bekannte Formaldehyd. Die Ergebnisse zeigen auf, dass knapp die Hälfte der Wohnungen in Deutschland für Kinder auf stofflicher Ebene ein nachgewiesenes Risiko für die Gesundheit der Kinder darstellt.

ngo-online.de 02.11.2010: ADS | ADHS - Symptome durch Umweltgifte verursacht?

ADS/ADHS durch Schadstoffe

Nach Sauerbrey gibt es neben dem Faktor “rauchende Mutter” weitere Schadstoffe, die für die Symptome von ADS und ADHS verantwortlich sein können. Darunter sind (zitiert nach ngo-online.de 02.11.2010: ADS | ADHS - Symptome durch Umweltgifte verursacht?):

Blei

Blei tritt nach seinem Verbot als Zusatz im Benzin noch immer aus alten Wasserleitungen und Farben sowie in geringen Mengen aus einigen Armaturen (Wasserhähne) aus. Es unterdrückt die Dopaminfreisetzung im menschlichen Gehirn und es besteht bereits bei äußerst geringen Mengen ein Zusammenhang zwischen der Bleibelastung eines Kindes einerseits und den Kernsymptomen der ADS/ADHS andererseits (Nigg et al. 2008, Wang et al. 2008).

Polychlorierte Biphenyle (PCBs)

Polychlorierte Biphenyle (PCBs) treten trotz ihres Verbotes heute noch immer aus Fugenmassen und Fertigbauteilen aus, die in den 1970er-Jahren in Häusern bzw. Wohnungen verbaut wurden. PCBs stören unter anderem den Dopaminstoffwechsel im präfrontalen Cortex des menschlichen Gehirns. Die Höhe der PCB-Exposition hängt in Studien statistisch mit einer verkleinerten Hirnregion zwischen der rechten und linken Hälfte des Gehirns (dem so genannten Splenium im Corpus Callosum) sowie mit Aufmerksamkeitsstörungen zusammen (Stewart et al. 2003). Die Fähigkeit zur Hemmung und Steuerung von Impulsen wird durch PCBs gestört (Stewart et al. 2005; Stewart et al. 2006). Schüler weisen zudem eine geringere Konzentrationsfähigkeit abhängig von der PCB-Exposition auf (Jacobson & Jacobson 2003).

Phthalate

Eine weitere Gruppe chemischer Weichmacher sind die Phthalate. Der bekannteste Stoff in dieser Gruppe ist das DEHP, welches heute der wichtigste Weichmacher zur Herstellung von Kunststoffen ist. Es wirkt unter anderem neurotoxisch und fruchtschädigend. Zudem steht es im Verdacht, Erbgutveränderungen zu verursachen. Koreanische Forscher untersuchten die Umbauprodukte von DEHP im Urin bei Kindern im Alter von 8 bis 11 Jahren (Kim et al. 2009). Dabei fand sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Höhe der ausgeschiedenen Umbauprodukte bei den Kindern einerseits und der Ausprägung der ADHS-Symptome andererseits (vgl. Sauerbrey 2010a). Kurzum: Je höher die Belastung des Nachwuchses mit Phthalaten war, umso wahrscheinlicher war auch eine ADHS-Symtomatik.

Pestizide

Die Vielzahl an Pestiziden, denen Kinder über Nahrung und Innenräume ausgesetzt sind (vgl. Müssig-Zufika 2008), lässt keine genaue Aussage über deren Effekte auf menschliches Verhalten zu. Bestimmte Wirkstoffe, wie etwa das Hexachlorbenzol, zeigen jedoch langfristig eine verstärkende Wirkung auf einzelne Symptome der ADHS (Ribas-Fito 2004). Pestizide auf Phosphatbasis sollten genauer untersucht werden, denn bei „Kindern, die mehr als ein halbes Glas Fruchtsaft pro Tag trinken, lässt sich ein deutlicher Anstieg der Stoffwechselprodukte aus Organophosphaten/ Pflanzenschutzmitteln nachweisen, die als Nervengifte wirken.“ (BMFSFJ 2009, S. 99). Eine Forschgruppe stellte außerdem statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen ausgeschiedenen Umbauprodukten der weltweit verwendeten Organophosphatpestizide einerseits und ADHS nach anerkannten Diagnosekritierien andererseits auf. Sie fanden heraus, dass Kinder mit einer höheren Ausscheidung der Umbauprodukte auch häufiger die Diagnose ADHS gestellt bekamen. Dabei wurden 1139 US-amerikanische Kinder zwischen acht und 15 Jahren (repräsentative Verteilung für die gesamten USA) untersucht (Bouchard et al. 2010).

Quecksilber

Quecksilber im Blut von Kindern, dessen Hauptaufnahmequelle für Menschen die Zahnamalgame darstellen (WHO 2003), hängt bei bei hohen Belastungen mit dem Auftreten der ADHS nach DSM-IV-Kriterien zusammen (Cheuk & Wong 2006). Quecksilber ist ein Speichergift und fand sich bei Obduktionen in Gehirnen von Kindern (Drasch et al. 1994; Keim 2000; vgl. Wortberg 2006). Die Menge des Quecksilbers in den Kindergehirnen hängt dabei eindeutig mit der Anzahl der Amalgamfüllungen der Mütter zusammen. Fisch ist außerdem eine weitere Quecksilberquelle für den Menschen.

Umweltgifte = ADS/ADHS?

Es stellt sich die Frage, ob Sauerbrey sich hier an einer monokausalen Erklärung versucht. In seinem Fazit korrigiert Sauerbrey diesen Eindruck jedoch:

Umweltgifte müssen darüber hinaus als Risikofaktor für ADS und ADHS in Zukunft anerkannt werden – von Ärzten, Psychologen, Sozialpädagogen in der Praxis, aber auch von den wissenschaftlichen Diskursen. Selbstverständlich sind Umweltgifte nicht die alleinige Ursache für die Verhaltensauffälligkeit. Vielmehr sind Wechselwirkungen anzunehmen. Familien mit niedrigem Sozialstatus sind einigen Schadstoffen deutlich häufiger ausgesetzt. Dort kommt auch ADHS nach aktuellen Ergebnissen des 13. Kinder- und Jugendberichtes zwei- bis dreimal häufiger vor. Auch Gene und Umweltgifte können sich als Risikofaktoren der ADHS überlagern, ergänzen, verstärken.

ngo-online.de 02.11.2010: ADS | ADHS - Symptome durch Umweltgifte verursacht?, Hervorhebung Lehrerfreund

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