Schule und Corona

Fernunterricht: Wir brauchen DIDAKTIK statt TECHNIK 15.04.2020, 00:19

Medaillen-Gewinner mit Aufschrift: »Er unterrichtet mit Lernplattform«
Bild: pixabay/Pavel Jurca [CC0 (Public Domain)]

Alle reden über Technik: Videokonferenzen, Lernplattformen, DSGVO-konforme Datenübermittlung. Wer die beste Technik kann, ist die beste Lehrer/in. Didaktische Aspekte werden in dieser Diskussion völlig vernachlässigt. Ein Plädoyer für Unterricht, der sich am Schüler orientiert - und nicht am Netzwerkkabel.

Anzeige

Seit den Corona-Schulschließungen machen plötzlich alle(!) Lehrer/innen Fernunterricht. Die einen verschicken Aufgaben per Mail, die nächsten führen ihren Unterricht online per Videokonferenz durch, andere verschicken Arbeitsblätter per Post. Jeder Weg hat seine Vor- und Nachteile.

In dieser Situation erleben wir eine Explosion der technologischen Aspekte - Mails verschicken, eine Flut von Antworten bekommen; Materialien in Moodle einstellen, Moodle-Kurse anlegen; Tools für Videokonferenzen einrichten, Screensharing bei der Videokonferenz; Skype, Jitsi, Zoom, Microsoft Teams, Adobe Connect (welche sind datenschutzkonform?); wie kann ich mein Tablet als virtuelle Tafel benutzen?

Viele Lehrer/innen haben technische Probleme. Die werden gelöst von den Kolleg/innen, die sich mit der Technik auskennen. Das sind die Leute, die erfolgreich Zoom-Konferenzen durchführen ("Kein Problem!"), sich mit Moodle auskennen ("Bau am besten noch einen Lernfortschrittstest ein") oder als Administrator die Exchange-Rechte verwalten.

Die Lehrerschaft teilt sich in zwei Gruppen: die Technikprofis, die scheinbar mühelos erfolgreichen Videokonferenz-Unterricht durchführen ("zwischendurch mal ein kurzes Online-Quiz, um das Verständnis zu sichern, würd' ich schon machen") - und die Techniklaien, die Probleme haben, Mailanhänge zu öffnen.

Unterrichtsgeschehen reduziert sich zunehmend auf technische Kompetenz. Entweder kannst du MS Teams und Moodle bedienen, dann bist du ein guter Lehrer. Oder du weißt nicht, wie du deine Mails per Blindkopie verschickst, dann bist du ein schlechter Lehrer. Dabei waren die Medien doch schon immer nur Sklavinnen der Didaktik.

1) Technik ist notwendig

Didaktik und Medien hängen immer zusammen. Denken wir an den guten, alten Overheadprojektor - die erforderliche technische Kompetenz zur erfolgreichen Nutzung bestand darin, das Netzkabel in die Wand zu stecken, einen Schalter umzulegen und eine Folie korrekt auszurichten. Die Bedienung einer Kaffeemaschine ist deutlich anspruchsvoller.

Ein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn in der aktuellen Situtation der Overhead-Projektor immer noch das Maß der Dinge wäre?

Overheadprojektor
Overheadprojektor (Public Domain, Quelle: flickr / Karla Mora

Alle reden über Overheadprojektoren  - über 220V Wechselstrom, mit dem er betrieben wird, über Glühbirnen und wie man mit einem Leatherman-Tool den Spiegel optimal ausrichtet; Perfektionist/innen berücksichtigen den morgendlichen Lichteinfall. Das Killer-Argument: Wenn du eine Weltkarte zeigen willst, muss dein Overheadprojektor technisch einwandfrei laufen. (Stimmt ja auch.)

Doch kaum einer macht sich zurzeit Gedanken darüber, welche Weltkarte zu nehmen ist, ob die Weltkarte motivierend ist oder welche gedanklichen Prozesse man damit anstoßen kann.

Sobald der Overheadprojektor läuft, sind die Voraussetzungen für guten Unterricht erfüllt. Und das ist falsch.

2) Technik allein macht keinen guten Lehrer

Beispiel 1 - Online-Unterricht per Videokonferenz

Ein wahres Beispiel der letzten Tage.

Kollege X brüstet sich in einer regionalen Zeitung mit seinem aufwändigen Online-Unterricht, den er in Klasse 11 via Zoom durchführt (inzwischen wohl ein anderes Tool, mit Zoom gibt es doch Datenschutzprobleme). "Wir machen den Matheunterricht jetzt einfach online", freut er sich. "Das ist bei 30 Schüler/innen natürlich nicht ganz einfach, aber mit der richtigen Technologie klappt das gut. Über Online-Tests frage ich den Lernstand ab. Das Feedback der Schüler/innen ist äußerst positiv."

Nun befragen wir (LF) einen seiner Schüler (S).

LF: "Und, wie läuft der online-Matheunterricht so?"
S: "Gut."
LF: "Was bedeutet gut?"
S: "Naja, also klar, es ist meistens nur die Hälfte der Schüler da. Die andere Hälfte verpennt den Termin oder hat kein Internet oder so. Aber dann läuft das wie im normalen Unterricht."
LF: "Wie im normalen Unterricht?"
S: "Er erklärt uns eben den Mathestoff und schreibt das alles auf, damit wir mitlesen können."
LF: "Gibt es auch Interaktion, habt ihr Beteiligungsmöglichkeiten?"
S: "Ja, wie im normalen Unterricht auch."
LF: "Nämlich?"
S: "Er stellt alle fünf Minuten eine Frage, und dann antwortet jemand, oft weiß auch keiner die Antwort."

Wir halten fest: Von 30 Schülern sind 15 anwesend. Ein Schätzung, was sonst so läuft: 5 schauen vornehmlich auf ihr WhatsApp-Handy statt auf die virtuelle Tafel, 5 kapieren den Stoff sowieso nicht (wie auch im Präsenzunterricht). Einer hat Probleme mit seinen Lautsprechern, einer muss nebenher auf seinen kleinen Bruder aufpassen, also kommen drei so ungefähr mit. 3 von 30! Das Schlimmste: Der Kollege ist nach der Online-Konferenz davon überzeugt, dass der Unterricht brillant war. Die Schüler finden es schließlich auch gut. Irgendwie. Und die Kolleg/innen beten ihn ehrfürchtig an, wenn er lässig verkündet: »Ich mache Online-Unterricht per Zoom, ist ja kein Hexenwerk.«

Beispiel 2 - Aufgaben per Mail verschicken

Ein wahres Beispiel der letzten Tage.

Kollege Y schickt seinen Schüler/innen zweimal pro Woche per Mail Aufgabenblätter, diese sollen die Aufgaben bearbeiten und die Lösungen zurückschicken. Klar vergisst er mal den Anhang, kann jedem mal passieren, dann schickt er eben noch eine Mail. Über das, was zurückkommt, verliert er schon nach der zweiten Aufgabe die Kontrolle - denn es kommen nicht alle Lösungen zurück, manche unvollständig, manche haben die falsche Aufgabe bearbeitet, andere schicken in Woche 2 die Lösungen von Woche 1. Und natürlich die technischen Probleme (zu große Anhänge, Spam-Ordner, nicht zu öffnende Dateien …).

Die Schüler/innen derweil ersaufen buchstäblich in E-Mails von Lehrern, Elternvertretern, Schulleitung; der stellvertretende Schulleiter mailt noch "50 Tipps fürs Homeoffice", die Schulsozialarbeitern weist darauf hin, dass sie per Telefon erreichbar ist, ein wohlmeinender Kollege schickt einen Lernplan, der von 8 Uhr morgens bis 15:30 reicht.
Viele Schüler/innen haben keine Chance. In Familie 1 gibt es keinen Desktop-Rechner (nur Smartphones, eine Playstation 4 und ein Tablet), in Familie 2 gibt es zwar einen Rechner, aber auch vier Kinder, in Familie 3 gibt es kein Office auf dem Rechner, und Schüler 4 hängt schon morgens vor der Glotze rum, statt sich die geringste Bohne um die Schule zu kümmern. Schüler 5, 6 und 7 geben sich Mühe, alles mit ihrem Smartphone zu erledigen, aber weil das WLAN zuhause nicht funktioniert, ist das Datenvolumen nach kurzer Zeit aufgebraucht, und die Videokonferenz wird zur Standbildorgie.

--

An diesen beiden Beispielen ist zu erkennen, dass es vorne und hinten nicht funktioniert (und zwar vor allem bei denen, die Hilfestellung am dringendsten bräuchten). Das liegt NICHT in erster Linie an der Technik. Es liegt daran, dass niemand eine Didaktik dieses speziellen Corona-Fernunterrichts einfordert, sondern alle nur von Technik und Datenschutz, von Bandbreiten, Serverload und verschlüsselten PDF-Anhängen reden.

3) Die Didaktik des Fernunterrichts ist gar nicht so anders

Didaktik ist die Lehre vom guten Unterricht. Ein höchst komplexes Feld, das pädagogische, lernpsychologische, gesellschaftliche und mediale Fragen beantworten muss - zum Beispiel:

  • Wie motivieren wir unsere Schüler/innen?
  • Wie schaffen wir es, dass wir niemanden abhängen?
  • Welches Pensum können wir ihnen zumuten?
  • Wie bereiten wir den Stoff so auf, dass alle ihn verstehen?

Das sind die Fragen, die wir auch in der aktuellen Corona-Situation beantworten müssen.

Die Frage, wie wir einen Moodle-Kurs technisch anlegen können, stellt sich nicht, wenn wir in einer Klasse unterrichten, in der die Hälfte keinen ordentlichen Zugang zum Schulmoodle hat.

Die Frage, mit welchem Tool wir am besten Videokonferenzen durchführen, stellt sich nicht, wenn von 30 Schüler/innen nur fünf etwas davon mitnehmen.

Die Frage, wie wir ein online-Formular als Lernfortschrittstest einrichten können, stellt sich nicht, wenn die Hälfte der Schüler/innen gar nichts gelernt hat.

Wir müssen fragen: Wie erreichen wir möglichst viele Schüler/innen? Wie ermöglichen wir es ihnen, möglichst optimal zu lernen?

Diese Fragen werden nicht gestellt. Statt dessen plustern sich die Technikfetischisten mit Themen wie »Teams-Konferenzen« und »Materialdistribution via Netzlaufwerk« auf, während sich der Rest duckt und seine Mails möglichst heimlich verschickt, damit niemand merkt, dass der Anhang nicht gezippt ist.

Übrigens: Die Schüler/innen, die das alles organisatorisch und technisch hinbekommen, das sind die, die den Fernunterricht am wenigsten brauchen.

4) Drei Tipps für gelungenen Fernunterricht

1. Fragen Sie sich: Wie erreiche ich möglichst viele Schüler/innen? Sie können die tollste Videokonferenz machen - wenn die Hälfte der Schüler/innen nicht da ist, technische Probleme hat oder sich nicht vorbereitet hat, können Sie sich die Bandbreite sparen.

-- Wählen Sie Kommunikationsformen, mit denen Sie möglichst viele Schüler/innen erreichen. Eine Lehrer/in hat letzte Woche mit dem Fahrrad alle Schüler/innen besucht und die Lesetagebücher eingesammelt (was natürlich zusätzlichen Druck aufbaute, das Lesetagebuch zum Termin fertig zu haben).

2. Weniger ist mehr: An zahlreichen Schulen haben sich Schüler/innen klassenweise bereits formell darüber beschwert, dass ihnen die Organisation über den Kopf wächst: Tonnenweise Mails und Arbeitsaufträge von übermotivierten Lehrer/innen, kurze Deadlines.

-- Geben Sie kurze Arbeitsaufträge. Geben Sie machbare Aufgaben. Wenn Sie unbedingt die oberen 10 Prozent der Klasse pushen möchten, geben Sie Zusatzaufgaben ("differenzierte Unterrichtsmaterialien").

3. Bleiben Sie realistisch. Sie werden ihr gewohntes Unterrichtspensum per Fernunterricht nicht durchziehen können, auch wenn die Leute mit den Videokonferenzen diese Möglichkeit behaupten.

5) Fazit: Wann Fernunterricht funktioniert und wann nicht

Fernunterricht kann bei freiwilligen Veranstaltungen prima funktionieren, vor allem in der Erwachsenenwelt (VHS-Kurse, dienstliche Konferenzen/Besprechungen usw.). Fernunterricht funktioniert auch gut mit kleinen Gruppen - je kleiner die Gruppe, desto besser funktioniert der Fernunterricht. Beispiel Einergruppe: Selbst 8-Jährige erhalten in Corona-Zeiten erfolgreichen Klavierunterricht via Skype, Facetime … und Tablet oder Smartphone.

Aber Regelschule ist anders.

  • Schule ist nicht ganz freiwillig. Jahrelang haben die Schüler/innen gelernt, dass sie nur für Klassenarbeiten, Noten und die Zufriedenheit des Lehrers lernen. Lehrer/innen müssen sich klar darüber sein, dass bei den meisten Schüler/innen nicht von heute auf morgen ein Erkenntiswandel (»Ich lerne gerne und bemühe mich!«) einsetzen wird.
  • Schüler/innen sind keine Erwachsenen. Die meisten brauchen Hilfestellung, Motivation, Lob und Druck beim Lernen. Einfach einen Stapel Arbeitsblätter übergeben funktioniert bei den meisten nicht.
  • Schule ist Beziehungsgeschehen. Für Lerndisziplin und Lernlust bedarf es persönlicher Präsenz und Beziehung. Von Lehrer/innen, die wir mögen, lernen wir am besten.
Anzeige