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Ein rascher Notenschlüssel…

*ohne Gewähr


Alternative zum Klassenraumsystem

Lehrerraumsystem - Dossier 03.03.2022, 17:06

2 Schüler lernen
Bild: White77 / Pixabay [CC0 (Public Domain)]

Im Lehrerraumsystem haben die Schüler/innen keine festen Klassenzimmer, sondern pilgern in jeder (Doppel-)Stunde in den Raum der nächsten Fachlehrer/in. Wie das funktioniert, die drei Phasen des Umstiegs, ausführliche Diskussion der Vor- und Nachteile und einige Erfahrungsberichte von Lehrer/innen, deren Schulen den Umstieg gemacht haben.

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Übersicht

Lehrerraumsystem vs. Klassenraumsystem

Die meisten von uns kennen Schule so: Eine Klasse hat ein Klassenzimmer, an der Tür steht »Klasse 7b«. Dort haben die Schüler/innen Unterricht, für einzelne Unterrichtsstunden bewegen sie sich in Fachräume (bspw. Musik, Kunst, Sport, Naturwissenschaften (Physik, Biologie, Chemie)). Das ist das Klassenraumsystem.

Im Lehrerraumsystem haben nicht die Klassen ihr eigenes Klassenzimmer, sondern jede/r Lehrer/in hat einen eigenen Raum. Dorthin gehen die Schüler/innen, wenn sie Unterricht bei dieser Lehrer/in haben. Die Lehrer/in ist verantwortlich für den Raum. Andere häufig verwendete Bezeichnungen sind Kabinettsystem oder Lehrer-Raum-Prinzip.

Eher unbekannt ist das Fachraumsystem - hier sind einzelne Fächer an Räume gekoppelt, sowohl Lehrer/innen als auch Schüler/innen pilgern für den Fachunterricht in den entsprechenden Fachraum. Auf dieses System gehen wir hier nicht weiter ein (wen es interessiert: Landesinstitut für Schulentwicklung (Hg.): Erfahrungen mit veränderten Schulraumkonzepten - Fachraumsystem, Lehrerraumsystem, Lernatelier (PDF), dort v.a S. 3, S. 5. S. 11ff).

Fazit: Welches der beiden System ist »besser«?

Um es vorwegzunehmen: An allen uns bekannten Schulen, die auf das Lehrraumsystem umgestiegen sind, herrscht anschließend hohe Zufriedenheit mit diesem System - und zwar seitens aller Beteiligten. Mehr gibt es dazu einfach nicht zu sagen.

Verbreitung

Bekanntester Protagonist für das Lehrerraumsystem sind die USA. Wenn in einem Film, der in den USA spielt, eine Szene in einer Schule vorkommt, sind immer Schließfächer im Spiel und Schüler/innen, die während einer Pause in Massen durch die Gänge ziehen.

In Deutschland gibt es zunehmend mehr Schulen, die das Lehrerraumsystem etablieren, in den allermeisten herrscht jedoch weiterhin das Klassenraumsystem. Belastbare Statistiken liegen nicht vor, wahrscheinlich bewegt sich die Anzahl der Schulen mit Lehrerraumsystem im niedrigen einstelligen Prozentbereich (gesamt: ~42.000 Schulen in der BRD).

Der Umstiegsprozess

Sehr grob betrachtet sind drei zeitlich getrennte Phasen notwendig, wenn auf das Lehrerraumsystem gewechselt werden soll. Durchgängig ist es von größter Wichtigkeit, dass alle Betroffenen am Prozess beteiligt und gehört werden.

Eine ausführliche Dokumentation der Planungs- und Vorbereitungsphase mit zahlreichen praktischen Anregungen findet sich beim Albert-Schweitzer-Gymnasium: Kabinettsystem (dort verlinkt: Fragen zum Kabinettsystem (PDF)).

Phase 1: Vorurteile ausräumen, Diskurs starten

Zuerst einmal gilt es eine Menge Vorurteile auszuräumen. »Das geht nicht« ist ein beliebtes, »Das kann doch nicht funktionieren« ein weiteres, dicht gefolgt von »Was soll das überhaupt bringen«. Erstaunlicherweise würde eine überwiegende Mehrheit der Kolleg/innen einen Systemwechsel begrüßen (fragen Sie mal in Ihrem Kollegium herum!). 

Sobald es an die konkrete Planung geht, sind Blockaden festzustellen. Umdenken müssen vor allem die Stunden- und Vertretungsplaner/innen und die Schulleitung; die Kolleg/innen müssen Zeit für den Umstieg einplanen wie bspw. das Umräumen/Einrichten der Räume.

Phase 2: Austausch, Konsensfindung

Im Vorfeld ist ein ausführlicher Austausch mit den beteiligten Gruppen notwendig: Schüler/innen, Eltern, Lehrer/innen. Für diesen Austausch muss ein ganzes Schuljahr einkalkuliert werden. In der Regel sind Eltern und Schüler/innen jedoch gut zu überzeugen, da es wirklich schlagende Argumente gibt. Schon allein das verringerte Gewicht des Schulranzes/Schulrucksacks dürfte zu einer hohen Zustimmungsquote bei den Schüler/innen führen.

Immens wichtig ist der Austausch mit Schulen, die das Lehrerraumsystem bereits praktizieren. Wenn keine persönlich bekannte Schule griffbereit ist, kann man bestimmt auch mal höflich eine der zahlreichen Schulen, die das System im Web vorstellen, anfragen. Wichtig ist eine Klärung unklarer Punkte wie bspw. Umgang mit Teilzeit-/Fachraumlehrkräften, Gedränge auf den Gängen, Rhythmisierung. Siehe auch unten bei »Nachteile«.

Gewisse Anschaffungen müssen geplant werden, je nach bereits vorhandenem Inventar:

  1. Ausstattung der einzelnen Räume mit PC und Schrank/Schränken/Aufbewahrungssystemen. Je großzügiger die Aufbewahrungssysteme ausfallen, desto vorteilhafter für das Gesamtsystem (Lagerung von Unterrichtsmaterialien, Klassensätzen an Schulbüchern usw., s.u.).
  2. Geplant werden müssen auch Schließfächer, ohne die man im Lehrerraumsystem kaum auskommt (s.u.). Es gilt darauf zu achten, dass diese groß genug sind, um auch Turnsachen und größere Gegenstände wie bspw. Musikinstrumente aufzunehmen. Anschaffungskosten fallen je nach Anbieter keine an, die Miete kostet pro Schüler/in um die zwei Euro monatlich (je nach Anbieter und Anzahl der Schließfächer).
  3. Mobiliar für Pausenräume und Aufenthaltsbereiche der Schüler/innen. Da die einzelnen Räume nur noch begrenzt als Aufenthaltsort dienen, sollten die alternativen Aufenthaltsbereiche ansprechend, lernfreundlich und sozial möbliert werden (Bänke, Tische, Sitzgruppen …).

Am Ende dieser Phase steht die Beschlussfassung, die Organe wie SMV oder Schülerrat, Schulkonferenz, Elternrat, Gesamtlehrerkonferenz einbezieht.

Phase 3: Probejahr, Evaluation, Optimierung

Direkt nach dem Wechsel wird es im Getriebe erst mal knirschen. Vor allem das Chaos auf den Gängen ist anfangs sehr ungewohnt. Deshalb ist es wichtig, das erste Jahr als Probejahr zu deklarieren, systematische Evaluationen einzuplanen und deren Ergebnisse für Optimierungen zu nutzen. Ein Testzeitraum von wenigen Wochen/Monaten hat sich nicht bewährt, da der initiale Aufwand doch einigermaßen hoch ist.

Die Ergebnisse von Evaluation, Rückmeldungen und geplante Optimierungsschritte müssen öffentlich kommuniziert werden (Schulhomepage, Presse, evtl. schulintern über Plakate, Schülerzeitung …).

Vorteile des Lehrerraumsystems

Zentraler Punkt: EIN/E Lehrer/in übernimmt Verantwortung für EINEN (Ihren) Raum

Tatsächlich ist dieser Aspekt der wichtigste in der ganzen Diskussion - viele der folgenden Punkte ergeben sich aus der Verantwortungsfrage.

Die Lehrer/in hat ihren eigenen Raum, sie »wohnt« dort. Deshalb achtet sie mehr darauf, dass Dinge funktionieren, unterdrückt Verschmutzung, gestaltet die Lernumgebung ästhetisch und effektiv. Auch die Sitzordnung fällt in ihren Verantwortungsbereich. Die Schüler/innen kommen zu Besuch (gern verwendet wird hier die etwas pathetische Metapher »Gast sein«). Lesen Sie dazu Gisela - die Lehrer-Raum-Pflanze.

Dies führt fast zwangsläufig dazu, dass sich die Einstellung der Lehrkraft zu »ihrer Schule« und »ihrem Raum« und »ihrem Unterricht« ändert. War ich zuvor ein Arbeitssklave, der morgens in den Stollen geht, lustlos die Hacke schwingt und ihn mittags verlässt, bin ich jetzt jemand mit einem eigenen Bereich, mit einer großen Aufgabe - kurz: Ich wurde befördert.

Übrigens: Je nach schulischer Situation (Verhältnis Anzahl Räume / Anzahl Lehrer/innen) wird eine 1:1-Aufteilung nicht möglich sein. In einer gewissen Anzahl von Fällen teilen sich zwei Lehrer/innen einen Raum, im Extremfall alle:

Insgesamt stehen 34 Räume zur Verfügung, die auf 62 Lehrer aufgeteilt werden können, sodass sich in der Regel zwei Lehrer ein Kabinett teilen. … Lehrer mit überwiegend naturwissenschaftlichen Fächern – derzeit 11 Kollegen - erhalten Arbeitsplätze im Trakt der Naturwissenschaften. …

Im Weiteren wollen wir bei der Zuordnung darauf achten, dass sich diejenigen Kollegen ein Kabinett teilen, die ähnliche Vorstellungen von gutem Unterricht haben … Wir nennen das „didaktische Freundschaften“. Ebenso wichtig: Klassenlehrerteams der fünften Klassen sollen nach Möglichkeit ein Kabinett bilden.

UNTERRICHT

Unterrichtsmaterialien-/medien: Ausstattung und Infrastruktur

Ein Klassiker bis weit in die 2010er: Lehrer schickt Schüler in den Kartenraum, um eine Karte und den Kartenständer zu holen. Heute undenkbar. Im Lehrerraumsystem schon zweimal, denn alles, was die Lehrkraft braucht, ist im eigenen Zimmer gebunkert - Bibeln, Duden, Atlanten, Lexika, Infoplakate, der Schweigefuchsgong, die Lärmampel, ein Stapel Schmierpapier, Stifte, Scheren, Metaplankarten.

Besonders relevant ist die Möglichkeit, ganze Klassensätze von Schulbüchern einzulagern, die dann in mehreren Klassen parallel genutzt werden. Das funktioniert ein wenig wie das Carsharing - warum sollte das Buch »Englisch Klasse 9« von einem Neuntklässler sinnlos herumgeschleppt werden, während ein anderer Neuntklässler gerade mit dem gleichen Buch arbeitet? Führen wir dafür den Begriff Booksharing ein. Übrigens entlastet dieses Vorgehen die Bücherverwaltung und -ausgabe massiv.

Auch flüchtige Unterrichtsmaterialien wie Tafelbilder oder Plakate können ganz neu verwaltet werden. Das Tafelbild kann auch mal drei Tage stehen bleiben, denn in meinem Raum wischt niemand die Tafel, wenn ich es nicht will.

Die Schüler/innen können ihre eigenen Unterrichtsmaterialien, die sie außerhalb des Unterrichts nicht brauchen (angefangenen Arbeitsblätter, Übungshefte, Projektmappen …), im Raum lassen, sofern irgendwelche Aufbewahrungssysteme vorhanden sind.

Technische Ausstattung

Wenn kein Vandalismus (siehe Abschnitt »Raum«) zu befürchten ist, kann ein Raum mit besseren, teureren, sensibleren … Geräten ausgestattet werden. Sie werden einwenden, dass Ihre Schule kein Geld für "teurere Geräte" hat. Was hält die Lehrer/in davon ab, einfach mal den eigenen Beamer mitzubringen? (siehe auf dieser Seite Abschnitt Vorteile, dort »Schulsystem«)

Auch der Zustand und die Funktionalität der Geräte ist im Lehrerraumsystem deutlich besser. Geht der Beamer in meinem Raum kaputt, kümmere ich mich sofort darum. Komme ich hingegen in ein Klassenzimmer und der Beamer dort ist kaputt, bin ich genervt und schnauze die Schüler/innen an, dass sie das der Klassenlehrerin melden sollen, die jedoch gerade krank ist, der Co-Klassenlehrer erreicht den Hausmeister nicht und es dauert ewig.

Ein anderes Beispiel:

Fenster: Vor einiger Zeit hat eine der elektrischen Jalousien den Betrieb eingestellt. Die Sonne knallt rein und niemand sieht mehr was vom Beamer. Ich so zum Hausmeister, Digger, die Jalousie ist kaputt. Er so, ja, ich schau's mir an. Drei Tage später ist nichts passiert und die Sonne knallt immer noch rein wie blöd. Ich in der Pause wieder so zu ihm, Was geht mit der Jalousie. Am nächsten Tag nochmal und dann nochmal und zwei Wochen später ist die Jalousie repariert. In den Klassenzimmern, in denen Klassen fest residieren (Klassenraum-Prinzip), dauert so etwas mindestens ein halbes Jahr. Mindestens.

Interessant ist auch die Möglichkeit, feste Systeme zu installieren, die nicht unbedingt zum Standard gehören (wie Beamer, Whiteboard/Tafel, Dokumentenkamera …). Für Lehrer/innen oder Schüler/innen mit Hörproblemen gibt es PA-Systeme, die die Äußerungen der Schüler/innen und Lehrer/innen direkt in Hörsysteme einspeisen (Artikel hierzu folgt zeitnah auf Dem Lehrerfreund). Solche Systeme werden auch vereinzelt in Standardsituationen verwendet - Lehrer/in hat ein Mikro um den Hals hängen, hinten im Raum steht eine fest installierte Lautsprechersäule, die den Schall überträgt.

Sitzordnung

Nicht-Lehrer/innen haben keine Ahnung davon, wie viel menschliche Lebenszeit bereits in ewigen Diskussionen über die Sitzordnung verbraucht wurde. Allein die 8b: Bei Kollege A sollen Jungs und Mädchen gemischt sitzen, Kollegin B möchte aber die Jungs ganz vorne sitzen haben, während Kollege C den aggressiven Anton weit weg vom bösen Brunhold platzieren möchte. Kollegin D und E bestehen auf Gruppentische, Kollegen A, C und F beharren auf die U-Form.

Im Lehrerraumsystem kann jede/r Lehrer/in eine eigene Sitzordnung etablieren - entweder aus didaktischen (Sozialformen: Gruppentische vs. Frontalaufbau vs. U-Form etc.) oder aus disziplinarischen Gründen (X muss bei mir ganz vorne sitzen, Y und Z sollen nicht nebeneinander sitzen). Auch Umstellungen sind einfach vorzunehmen. Die 8b stellt am Ende der Gruppenarbeitsstunde wieder das U. Niemand streitet sich, weil das nicht gemacht wurde oder falsch gemacht wurde.

Besonders apart: In meinem Raum sitzt X immer ganz vorne. Es wird nicht passieren, dass ich ein Klassenzimmer betrete und X sitzt schon wieder ganz hinten, "Ey, wir haben das aber mit Frau Schmitt besprochen!". 

Übrigens befördert dieses System ggfs. die soziale Mischung in der Klasse, da im Extremfall in jedem Fach eine andere Sitzordnung herrscht. Ob diese Rotation für die Klassendynamik und/oder einzelne Schüler/innen vorteilhaft oder erwünscht ist, muss im Einzelfall besprochen werden.

Strukturierung des Schultags

Zwischen den einzelnen Unterrichtsfächern entstehen aktive Lücken - die Schüler/innen müssen ihre Sachen packen und den Raum wechseln. So entsteht ein deutlicher Schnitt zwischen den einzelnen Stunden: Die Schüler/innen bewegen sich zwischen den Stunden, statt den ganzen Vormittag auf dem gleichen Platz zu sitzen und einen unklaren Traum von Mathe über Religion zu Deutsch zu dösen.

SCHÜLER/IN / KLASSE

Weniger Schlepperei - weniger Vergesserei

Grundsätzlich können fast alle Unterrichtsmedien und -materialien, die nicht zuhause oder in anderen Räumen gebraucht werden, im jeweiligen Lehrerraum gelagert werden, was das Gewicht des Schulranzens/Schulrucksacks deutlich verringert. Schulen, die umgestiegen sind, berichten von »spürbar gesunkenen Tornistergewichte[n]«.

Denn nicht nur liegen Fachbücher als Klassensätze im jeweiligen Lehrerraum (s.o.), auch sämtliche schülereigenen Materialien (Bücher, Ordner, Schulhefte, Arbeitsblätter, Vokabelheft, Projekunterlagen) können in den Lehrerräumen gelagert werden. So entfällt eine Menge Schlepperei.

Je durchdachter die Aufbewahrungssystematik in den einzelnen Räumen ist, desto mehr profitieren die Schüler/innen davon. So könnten Schüler/innen den Zirkel immer beim Mathelehrer lassen. Schöner Nebeneffekt: Sie vergessen den Zirkel nie mehr.

Schüler/innen: Mehr Bewegung

Die Schüler/innen haben zwischen den Unterrichtsstunden Bewegungsphasen, in denen sie Sauerstoff schnappen und mal zwischendurch nicht in einem Unterrichtsraum rumhängen (s.o. Abschnitt »Strukturierung des Schultags«). Solche Phasen erhöhen die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit und sind bei der Generation Netflix vielleicht grundsätzlich nicht verkehrt. Siehe z.B. Bewegte Schule - Programmidee und -ziele

Verbesserte Ansprechbarkeit der Lehrer/innen

Alle wissen, wo sie Herrn Yilmaz finden. Alle, das bedeutet: Schüler/innen, Kolleg/innen, Hausmeister/in, Sekretariat. Natürlich lässt sich das auch im Klassenraumsystem herausfinden, aber eben: »herausfinden«. Im Lehrerraumsystem gehe ich einfach in »den Raum vom Yilmaz«, und da ist er auch.

Meistens ist die Tür in meinem Zimmer weit geöffnet. Oft bekomme ich Besuch. Irgendeine Kollegin, die was will. Schüler/innen, die mir was abgeben oder mich was fragen wollen. Der Hausmeister. Völlig egal, ob gerade Unterricht ist oder nicht. Sie stehen in der Tür und warten, bis ich sage, Leute, schreibt weiter, bin gleich wieder da. Dann gehe ich zur Tür, nehme die Person vor meinem Zimmer zwei Schritte beiseite und wir reden. Alle wissen, wo sie mich finden und dass sie immer zu mir in mein Zimmer kommen können, Pause oder nicht. Wer keine Lust hat, auf dem Gang zu reden, der kommt halt in der Pause. Oder am Mittag, wenn ich da sitze und Unterricht vorbereite.

Das schafft Verbindlichkeit. Es schafft Gleichheit. Die Schüler/innen müssen nicht mehr wie Bettler vor dem (klassischen) »Lehrerzimmer« herumhängen und fragen, ob der Herr Yilmaz da ist - denn sie wissen, wo er zu finden ist.

Wenn Herr Yilmaz ein Gespräch mit einer Schüler/in führen will, dann findet das nicht während der Fünf-Minuten-Pause in irgendeinem ungeheizten, kahlen Klassenzimmer statt, sondern im Raum von Herrn Yilmaz.

Alle Lehrer/innen können im Lehrerraumsystem feste Sprechstunden anbieten, was im Klassenraumsystem aufgrund fehlender Räumlichkeiten nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Wohlfühlfaktor/Lernatmosphäre

Wenn die Räume sauberer, ästhetischer, ansprechender sind, schlägt sich das auf die Lernatmosphäre nieder.

Weniger Unfälle

Umgestiegene Schulen berichten einstimmig von deutlich weniger Sach- und Personenschäden, da die Schüler/innen sich nicht mehr alleine in ihren Klassenzimmern aufhalten. Die Christian-Rohlfs-Realschule schreibt auf ihrer Homepage:

- die Unfallquote in den Unterrichts- und Fachräumen ist auf rund ein Viertel zurückgegangen, auch im schulforminternen Vergleich liegen die Unfallzahlen an der Christian-Rohlfs-Realschule im Innenbereich bzw. in den Fachräumen deutlich niedriger. Dieser Rückgang wird ebenso wie bei den Sachbeschädigungen dadurch erreicht, dass Schüler sich nicht mehr ohne Aufsicht in den Räumen aufhalten.

RAUM

Sauberkeit und Vandalismus

Im Lehrerraumsystem verschwinden Verschmutzung, Vandalismus und Sachbeschädigung fast gänzlich  - zumindest in den Lehrerräumen. Anders verhält es sich in den Schulfluren (s.u. »Nachteile«).

Die Schüler/innen sind niemals unbeaufsichtigt im Raum - außer die Raumlehrer/in erlaubt es. Dann hat sie es auch zu verantworten und wird entsprechend ihrer Aufsichtspflicht nachkommen. Tatsächlich berichten viel Schulen, die auf das Lehrerraumsystem umgestellt haben, von einem signifikanten Rückgang der Verschmutzung und von Beschädigungen. Das Gymnasium Norf erwähnt auf seiner Homepage explizit

die deutliche Verbesserung im Bereich der Sauberkeit in den Klassenräumen wie auch das geringere Maß an Vandalismus (quasi gleich Null)

Übrigens zählt hierzu auch die Frage des Stühlehochstellens. In fast allen Schulen kommt es immer wieder zu Ärger mit dem Reinigungsdienst, weil in einigen Klassenzimmern die Stühle nach Unterrichtsende nicht hochgestellt wurden. Lehrer/in X dachte, dass in diesem Raum noch Nachmittagsunterricht sei, Lehrer/in Y war vertretungsweise in einem anderen Raum, sodass Lehrer/in Z nicht wusste, dass der Unterricht schon früher endet und … Im Lehrerraumsystem ist die verantwortliche Lehrer/in dafür verantwortlich, dass die Stühle hochgestellt werden. Und sie weiß auch genau, wann in diesem Raum Unterrichtsende ist.

Mülltrennung

Kennen Sie das: Sie kommen in das Klassenzimmer der 11a, da steht irgendwie nur ein Mülleimer herum, alle werfen alles rein. Naja, schade, nach 45 Minuten sind Sie wieder draußen.

Wenn das in Ihrem Klassenzimmer passiert, könnten Sie auf die Idee kommen, sich (bspw. über die Hausmeister/in) zwei zusätzliche Tonnen zu besorgen und sie mit "Papier" und "Kunststoffe" und "Restmüll" zu beschriften. Und vielleicht sehen Sie, dass das Reinigungspersonal alles in den gleichen Sack wirft, dann könnten Sie das mal ansprechen. 

All das wird wohl nicht geschehen, wenn Sie mit dem Gong wieder aus dem Klassenzimmer verschwinden und mit dem nächsten Gong das nächste Klassenzimmer betreten.

Abschaffung des »Lehrerzimmers«

Ein klassisches »Lehrerzimmer«, wo alle Lehrer/innen gedrängt mit viel zu wenig Platz in Pausen und Freistunden operieren, wird nicht mehr benötigt. Es genügt eine abgespeckte Version mit einer Küchenzeile (»Teeküche«). Der Rest des bisherigen »Lehrerzimmers« kann anderweitig verplant werden, vielleicht sogar als gemütlicher Aufenthaltsbereich mit Sitzgruppen und einem Tischkicker.

LEHRER/IN

Arbeitsplatz für Lehrer/innen

Ein Lehrerraum dient nicht nur als Unterrichtsraum, sondern auch als Arbeitsplatz für die Lehrer/in. Wenn kein Unterricht ist, kann die Lehrer/in dort tun und lassen, was sie möchte: Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen, Gespräche, gerne auch ein nachmittägliches Nickerchen. Eigentlich braucht eine Lehrkraft, die einen eigenen Lehrerraum hat, keinen Arbeitsplatz mehr zuhause. Weswegen die Lehrer/in durchaus auf die Idee kommen könnte, sich auf private Kosten einen eigenen Drucker für diesen Raum anzuschaffen - oder einen Scanner, ein zweites Display oder ein Laptop.

In jedem Fall verlagert sich der Arbeitsschwerpunkt der Lehrer/innen mehr oder weniger in die Schule - was vielleicht ungewohnt ist, aber doch auch eine begrüßenswerte Entwicklung wäre: Lehrer/innen hätten endlich einen festen Feierabend und müssten nicht am Wochenende Arbeitsblätter erstellen und ihr trautes Heim mit Stapeln voller Korrekturen verunstalten (siehe auch: Frank McCourt ist mit seinen Korrekturen überfordert).

Erhöhte Berufszufriedenheit

Alle anderswo genannten Vorteile wirken sich natürlich auch auf die Berufszufriedenheit der Lehrer/innen aus: saubere Räume, funktionierende technische Ausstattung, vandalismusfreie Klassen, kein Stress mit vergessenen Zirkeln und, natürlich, vor allem: ein eigener Verantwortungsbereich.

Außerdem Zeitersparnis, da weniger Diskussionen um Sitzordnungen, Klassenraumgestaltung und organisatorische Fragen.

SCHULSYSTEM

Tatsächlich beginnen sich durch die Einführung des Lehrerraumsystems statische Strukturen zu verändern, die zuvor als ehern galten.

Doppelstunden und Rhythmisierung

Aufgrund der Schülermassen, die sich in den Pausen durch die Gänge wälzen, ist ein Stundenplansystem mit möglichst vielen Doppelstunden unumgänglich. Es ist unbestritten, dass Doppelstunden aus didaktischer Sicht die deutlich bessere Wahl sind als Einzelstunden und ein anderes Unterrichten ermöglichen. Dazu kommt die zeitliche Effizienz: Pro Unterrichtseinheit fallen durchschnittlich ungefähr sechs Minuten als »Overhead« weg: Lehrer/in betritt den Raum (sofern kein Lehrerraumsystem), richtet die eigenen Dinge, Schüler/innen holen die Hefte raus … Am Ende der Stunde packen dann rechtzeitig vor dem Gong alle ihre Dinge weg. Bei einer 45-Minuten-Stunde entsprechen diese sechs Minuten ~13% der gesamten Unterrichtszeit(!), bei einer 90-Minuten-Stunde sind es nur noch 7%.

Der Überfüllung wird in der Regel auch durch eine Änderung der Pausenstruktur entgegengewirkt. Sobald der Unterrichtstag aus Doppelstunden besteht, verringert sich zwangsläufig die Anzahl der Pausen. Sechs Einzelstunden = fünf Pausen (bspw. vier Fünfminutenpausen, eine große Pause = 40 Minuten). Drei Doppelstunden = zwei Pausen zu jeweils 20 Minuten. 20-30-minütige Pausen gelten als Optimum (z.B. Fragen zum Kabinettsystem am Albert-Schweitzer-Gymnasium(PDF)).

Schleichende Marginalisierung des Gongs

Doch auch bei vielen Doppelstunden gibt es zentrale Pausen, in denen die Schulflure überfüllt sein werden. Deshalb treffen einige Schulen Sonderregelungen bspw. für jüngere/neue Schüler/innen (z. B. Klasse 5 an weiterführenden Schulen). Dort wird der Unterricht einige Minuten früher beendet, um den Verkehr in den Gängen zu entlasten. Die revolutionäre Kraft solcher Entscheidungen wird erst beim zweiten Blick klar: Der Pausengong ist nicht Gott. Ob die Unterrichtseinheit nun 90 Minuten oder 86 Minuten geht, ist nicht relevant (wie viel Zeit wird im Unterricht durch nicht unterrichtliche Tätigkeiten, Diskussionen … verschwendet?).

Von der Sklavengaleere zum Wohnraum

Ein weiterer Punkt, an dem ein Umdenken stattfindet, ist die Identifikation der Lehrer/innen mit ihrem Raum. Plötzlich tauchen private Gegenstände der Lehrer/in im eigenen Raum auf: Handcreme. Ein Ladekabel fürs Smartphone. Ein Wasserkocher. Kaffeetasse. Ein Paar Hausschuhe (sic). Eine permanent stationierte Lesebrille. Ein Regenschirm, falls es mal wieder später wird. Und ehe wir es uns versehen, »wohnt« die Lehrer/in in ihrem Raum.
Es geht noch weiter: Oben haben wir geschrieben, dass die Lehrer/in ja auch mal ihren eigenen Beamer mitbringen kann. Völlig zutreffend ist der Einwand, dass Materialbereitstellung Sache der Schule/des Schulträgers ist, nicht aber von der Lehrer/in privat gestemmt werden muss. Andererseits: Warum sollte man sich nicht für seinen Raum selbst einen zweiten, fetten 27-Zoll-Monitor anschaffen? Den braucht man dafür zuhause nicht. Und so wird Schule für Lehrer/innen ein bisschen mehr zu einem Ort, an dem man sich engagiert und verwirklicht.

Nachteile des Lehrerraumsystems

Vorweg: Die meisten der folgenden Negativpunkte sind theoretischer Natur. Sie werden bei einem Systemwechsel nicht bestätigt und/oder lassen sich mit einfachen Mitteln auflösen. Wir zitieren deshalb nur die am häufigsten genannten.

UNTERRICHT

Nach dem Wechsel tritt sofort und permanent ein Problem auf, das man so nicht kannte: Schüler/innen kommen unpünktlich. Während sie zuvor alle in ihrem Klassenzimmer auf die Lehrer/in gewartet haben, schlurpen sie jetzt entspannt einige Minuten nach Unterrichtsbeginn ein, Ausreden drängen sich förmlich auf (»… hab's nicht gefunden … Musste noch mit Frau Smith …«).

Hier muss von Anfang an klar gegengesteuert werden, um eine Kultur der Pünktlichkeit zu etablieren.

SCHÜLER/IN

Zu kurze Pausen, zu viel Stress

Auf den ersten Blick fehlt den Schüler/innen in den Pausen die Zeit zum Chillen und zum Hausaufgabenabschreiben, da in fast jeder Pause der Unterrichtsraum gewechselt wird. Dies trifft jedoch nur bei einem Stundenplan mit vielen Einzelstunden zu, bei einem doppelstundenlastigen Stundenplan sind die einzelnen Pausen länger.

Zu viel Gedränge und Verschmutzung auf den Gängen

Durch die Schülermassen, die in den Pausen durch das Schulgebäude wallen, entsteht eine Menge Verkehr, was besonders in Schulen mit engeren Gängen problematisch ist.

Von einer Zunahme der Verschmutzung auf den Gängen wird berichtet, wenn auch die Ausmaße in den meisten Fällen nicht dramatisch sind. Selbst wenn: Lieber ein dreckiger Gang als ein dreckiges Klassenzimmer.

Kein Klassenzimmer: Identifikationsprobleme?

Dieser Punkt wird gerne genannt, spielt jedoch nach dem Systemwechsel für die Schüler/innen keine Rolle.

Verwaltung des Schulrucksacks/Schulranzens

Wer Lehrerraumsystem sagt, sagt Schließfach. Ohne Schließfächer für alle Schüler/innen fällt eine Menge Komfort des Systems weg, da die Schüler/innen ihre Schulränzen oder Rucksäcke außerhalb der Unterrichtszeit permanent bei sich tragen. Das ist besonders in den Hofpausen unerträglich.

Möbelhöhe

Grundschüler/innen haben niedrigere Stühle und Tische als Schüler/innen der Sekundarstufen. In Schulen, in denen Primar- und Sekundarstufe räumlich nicht getrennt unterrichtet werden, gibt es zwei Lösungsansätze:

  1. Trennung von Unterrichtsräumen, in denen Grundschüler oder Klasse 5-12/13 unterrichtet werden. Das ist bei einer konsequenten Einhaltung des Lehrerraumprinzips oft nicht möglich.
  2. Anschaffung höhenverstellbarer Möbel. Dieser Posten treibt die Kosten nicht nur massiv in die Höhe, auch sind höhenverstellbare Möbel bei dauernder Verstellung deutlich schneller verschlissen als nicht verstellbare Tische und Stühle.

LEHRER/IN

Tendenz: mehr Hohlstunden im Stundenplan

In der Regel gibt es an Schulen mehr Lehrer/innen als Räume. Je nach schulischer Situation (häufiger Nachmittagsunterricht oder vorwiegend nur Vormittagsunterricht? hoher Prozentsatz an Teilzeitkräften?) ergeben sich für die einzelnen Lehrer/innen Stundenpläne mit mehr Hohlstunden (auch: »Lückenstunden«).

Hochstunden sind bei Lehrer/innen äußerst unbeliebt, auch wenn sie an manchen Schulen systematisch in die Stundenpläne eingebaut werden, um Vertretungsunterricht zu ermöglichen. Im Lehrerraumprinzip sind Hohlstunden jedoch nicht so dramatisch wie in Schulen mit Klassenraumsystem, da die Lehrer/in einen gut ausgestatteten, eigenen Arbeitsplatz hat und die Zeit effizient für Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen o.ä. nutzen kann.

Sondersituationen: Teilzeitkräfte, Fachraumlehrer/innen

Die Stundenplanung-/verteilung für ein Schuljahr orientiert sich klar an den Vollzeitkräften, da diesen im Lehrerraumsystem ein eigener Raum möglichst vollständig zugeordnet wird. Erst anschließend werden Lehrer/innen in Teilzeit eingepflegt.

Ähnlich verhält es sich bei Lehrer/innen, die in Fachräumen (bspw. Musik, Kunst, Naturwissenschaften Biologie/Chemie/Physik …) unterrichten. Ihre i.d.R. zwei Unterrichtsfächer sind fast zwingend an zwei verschiedene Räume gekoppelt.

Sowohl Teilzeitlehrer/innen als auch Fachraumlehrer/innen müssen sich deshalb ggfs. Räume teilen und/oder selbst den Raum wechseln. Eine kompetente Stundenplanung kann hier zumindest Linderung verschaffen, das Problem wird jedoch in den meisten Fällen bestehen bleiben. Andererseits: Zuvor (im Klassenraumsystem) gab es diesen Zustand für alle und wurde von niemandem als Problem wahrgenommen.

Ausfallende Lehrer/innen

Besondere Situationen treten ein, wenn Lehrer/innen längerfristig ausfallen. Eventuell muss der Raum dieser Lehrer/in dann von anderen Lehrer/innen benutzt werden. Das führt bisweilen zu unerwarteten Reibereien, denn schließlich steht in diesem Raum mein Drucker, mein Wasserkocher, meine Handcreme (s.o.), das soll jetzt durch den Kollegen Smith entweiht werden?

Desozialisierung des Kollegiums

Ganz klar verlagert sich der Arbeitsschwerpunkt der Lehrer/innen in ihre eigenen Räume. Statt im »Lehrerzimmer« wird zwischendurch im eigenen Raum korrigiert oder der Unterricht vorbereitet. Gemeinsamer Aufenthalt im »Lehrerzimmer« und die Gespräche am Kaffeeautomaten fallen zumindest teilweise weg.

Diese Lockerung der innerkollegialen Kommunikation ist der pädagogischen Qualität insofern abträglich, als dass im »Lehrerzimmer« eine Menge informeller Austausch auch über Schüler/innen stattfindet - Fehlt x bei dir auch so oft? y ist bei mir total im Aufwind, bei dir auch? Sollte diese Situation als nachteilig empfunden werden, muss hier ein Ausgleich geschaffen werden (bspw. durch periodisch stattfindende Klassenkonferenzen).

Für einzelne Lehrer/innen ist es möglich, sich stark aus dem Kollegiumsgeschehen zurückzuziehen. Da man aber immer weiß, wo sie zu finden sind, wird ein totaler Rückzug jedoch nicht möglich sein.

Allerdings gibt es einen Ort für gemeinsame Zusammenkünfte weiterhin, s.o.

Erfahrungsberichte von Lehrer/innen

Im Lehrerfreund-Newsletter vom 30.01.2022 haben wir den Artikel Gisela, die Lehrer-Raum-Pflanze vorgestellt und darum gebeten, uns Rückmeldung zum Thema zu geben. Wir haben einige sehr interessante Zuschriften bekommen, die in diesen Artikel eingeflossen sind. Bei zweien haben wir nachgefragt und möchten in voller Länge zitieren (Hervorhebungen vom Lehrerfreund). Vielen Dank für diese Zuschriften!

Michael Stüttgen, Städtische Realschule Hückeswagen, schreibt:

Hallo liebes Team,

ich wollte Ihnen nur kurz meine Erfahrungen mitteilen, da ich aktuell an meiner ersten Realschule mit diesem Prinzip bin:
Anfangs dachte ich: »Herrlich, man hat alles an einem Ort, muss nicht stressig herumlaufen und ich richte den Raum nach meinem Geschmack ein!« Hatte jedoch Bedenken, ob meine jetzige eigene 5. Klasse damit vielleicht nicht klarkommt, da an der Grundschule die Strukturen ja viel behüteter und familiärer sind. 

Fazit nach einem Schulhalbjahr: Es ist herrlich! Man hat als Lehrer viel mehr Zeit, da man nicht stressig die Sachen herumtragen oder zwischen den Stunden im Lehrerzimmer abholen muss; durch die fünfminütige Wechsel-Pause der Schülerinnen und Schüler hat man eine kurze Verschnaufpause, in der man auch die Tür zumachen kann, um einmal kurz Ruhe zu haben; die Kinder sind im Unterricht meines Erachtens etwas ruhiger, vor allem die kleinen, da die Wechselpause und das hin und her Laufen den Kindern gut tut, da sie wachgerüttelt werden und etwas Bewegung haben, also sich etwas körperlich betätigen und dadurch natürlich nicht mehr ganz so aufgedreht sind. Meine eigene Klasse hat mittlerweile überhaupt keine Probleme mehr, damit zurechtzukommen. Sie sind eine total zusammengewachsene und familiäre Gruppe geworden und sehen meinen Klassenraum zeitgleich auch als ihren an, da ich diesen natürlich auch mit Bildern von ihnen schmücke, jedoch trotzdem meinen eigenen Stil durch Pflanzen und »meine« Bilder/Plakate realisiert habe.

Ich möchte nie wieder an einer Schule unterrichten, die kein Lehrer-Raum-Prinzip hat, da dieses meines Erachtens wirklich nur Vorteile mit sich bringt. Wie auch in Ihrem Artikel geschrieben, hat man in seinem eigenen Raum, der vor und nach Unterrichtsschluss oder in den Pausen wie ein persönliches Büro ist, seine komplette Ruhe und kann dort viel effizienter arbeiten als im Lehrerzimmer, da man hier nicht in Smalltalk, Zusatzaufgaben etc. verwickelt wird!

[Wir fragten nach, ob es Kritik von den Kolleg/innen gab/gibt.]

Ebenfalls habe ich mich noch einmal in meinem Kollegium umgehört und ich konnte bisher (habe ungefähr 20 von 25 Kollegen/innen befragt) niemanden ausmachen, der gerne das Klassenraumprinzip zurückhätte.
Konsens waren hier vor allem die Argumente, dass die Schüler respektvoller mit dem Raum umgehen (da sie die Lehrkraft »besuchen«) und es einfach extrem entspannter für uns Lehrkräfte ist, da man nicht Material rumschleppen muss und auch keine Sorge wegen einer Aufsichtspflichtverletzung hat, wenn man es einmal nicht rechtzeitig zur nächsten Klasse schafft (denn da die Klasse in ihrem eigenen Raum keine Aufgabe außer „Warten“ hat, passieren hier viel häufiger Dummheiten als beim Wechseln zwischen Lehrerräumen).

Angela K. aus Hamburg schreibt:

Liebe Lehrerfreund*in, lieber Lehrer*innenfreund,

an unserer Schule gibt es seit ein paar Jahren das Kabinettsystem, wie es auch in eurem Artikel beschrieben ist.

Aus Gründen des Raummangels haben nicht alle Lehrkräfte unserer Schule ein Kabinett und alleine ist schon gar niemand in einem. Selbst wenn ich (m)ein Kabinett mit anderen Lehrkräften teilen muss, bin ich hoch zufrieden damit.

Ich habe meine Materialien vor Ort, die SuS können ihre Schulbücher lagern, Plakate können entspannt aufgehängt werden und manche von uns haben sogar
einen Teebereiter oder eine Kaffeemaschine im Raum. Jedes Kabinett hatte, als es eingerichtet wurde, ein Budget von 400EUR, um passendes Mobiliar anzuschaffen, sodass Sitzsäcke, Teppiche, Regale in verschiedenen Höhen und Breiten, Stehpulte und passende Hocker zu finden sind. Und je nach Geschmack, Talent und Temperament gibt es Blumen, (Weihnachts-)Deko, Fußballkalender etc pp., die jedes Kabinett irgendwo zwischen individuell und originell charakterisieren.

Ja, die Schüler*innen müssen etwas mehr laufen, deshalb gab es vor dem Start intensive Beratungen insbesondere mit den Eltern der Orientierungsstufe. Um
die SuS zu entlasten, findet sich in jedem Kabinett ein Klassensatz Präsenzbücher; in einem Keller wurden Regale zum Ablegen der Schul- und Sporttaschen eingerichtet. Auch die Befürchtung der Eltern, wir Lehrkräfte würden unseren häuslichen Sperrmüll im Klassenraum einlagern, hat sich nicht erfüllt.

Die SuS waren zunächst skeptisch, weil sie Angst hatten, den ganzen Schultag unbehaust herumzuirren. Da wir aber ein 90-Minuten-Unterrichtssystem haben, wurde diese Sorge bald ausgeräumt. Auch die SuS profitieren von saubereren Klassenräumen (es stimmt, da bin schnell pingelig geworden). Und die Zahl der, nun ja, vermeidbaren technischen Defekte z.B. an Beamern und Boards hat sich dramatisch verringert. Da hat eine Schule dann die Kosten für die Möbel (s.o.) schnell wieder drin.

Wenn eine Schule darüber nachdenkt, ins Kabinettsystem zu wechseln, sollte eine breite Diskussion mit SuS und Eltern initiitert werden. Wir haben damals eine Schüler*innen-Eltern-Lehrer*innen-AG gegründet, die sich an einigen Nachbarschulen mit Kabinettsystem umgesehen und -gehört hat. Innerhalb eines Schuljahres war dann auch bei uns die Umstellung erfolgt. Die Mühe hat sich gelohnt, niemand der Beteiligten möchte zurück ins alte System, auch wenn es
gelegentlich hakt: Es gibt Kolleg*innen, die keinen eigenen Raum haben und jede Stunde in einem anderen Raum zu Gast sind. Wie früher! Es wird dann versucht, solche KuK im nächsten Schuljahr besser zu versorgen.

Fazit: Es gibt im Vorfeld viel zu planen und zu bedenken, aber das Ergebnis lohnt dieses Engagement auf jeden Fall.

[Wir fragen nach, ob es anfänglich kollegiumsinterne Probleme gab.]

Es gab wohl deshalb keine besonderen Probleme, weil wir uns untereinenander ziemlich einig waren, Lust auf die Veränderung hatten und auch die damalige Schulleiterin sowie die Schulkonferenz sehr aufgeschlossen waren. Und rückwirkend betrachtet haben wir die Umstellung wohl - zufällig - in einer Zeit vorgenommen, in der nicht so viele zusätzliche Belastungen anlagen. Heute sähe die Begeisterung für so ein Projekt vermutlich anders aus.
Es gab unter den KuK allgemein doch eine Befürchtung: Wir haben klimatisch gute und schlechte Räume, was sich insbesondere im Sommer unangenehm zeigt, und niemand hatte Lust darauf, auf Jahre in einem Sauna-Kabinett zu unterrichten. Durch eine vergleichsweise hohe Fluktuation löst sich das aber
(zufällig) immer von selbst. Aber das kann natürlich zu Tauschaktionen führen, damit jede/r mal dran ist …

[Wir fragen nach, ob es Kolleg/innen gibt, die zum alten System zurückwollen.]

Grundsätzlich will niemand mehr zurück oder stellt das System in Frage. Es gibt aber tatsächlich Kolleg*innen, die im Augenblick wirklich jede Stunde in einem anderen Raum unterrichten - wie früher. Die tragen das aber eher mit (Galgen-)Humor und setzen auf einen besseren Raumplan fürs nächste Schuljahr.
Außerdem laufen gerade umfangreiche Sanierungsarbeiten an unserer Schule, so dass die Raumverteilung ohnehin nicht in Stein gemeißelt ist.
 

 

Auszüge aus Kommentaren zu Gisela, die Lehrer-Raum-Pflanze:

Nils B.:

Ich habe meine letzten 6 Lehrerjahre … in einer Hauptschule mit Lehrer-Raum-Prinzip verbracht. Und mit 90-Minuten-Unterrichtseinheiten.
Toll! Ich würde nie mehr tauschen wollen. …

Ein anderer [Vorteil]: eine Präsenzbibliothek.
Uff: wie lästig, wenn Schüler ein Wort nicht wussten: Schwupps, lagen vor 5 oder 7 zufällig ausgewählten Schülern ebenso viele verschiedene Lexika, wo sie nachsehen sollten. Und dann erst das Vergleichen der verschiedenen Auskünfte. Anstrengend. Methodentraining.
Oder ein schneller Schüler wollte etwas genauer wissen: dicken Wälzer geholt oder Tablet und 5, 10 oder auch einmal 15’ abgetaucht, um hinterher der Klasse zu berichten, was er oder sie entdeckt hat.

Und genau so divers waren unsere Lehrerräume. Manche viiiiiel schöner und gepflegter als meiner. Manche so, dass ich dort weder selber noch meine Kinder Unterricht erleben lassen wollte.

Was mir fehlte: Ein gemeinsamer Austausch im Kollegium über die Raumgestaltung. Aber das ist ein anderes Thema …

Noch etwas: Regeln musste ich mit den Klassen nur selten verhandeln. Und das war sehr angenehm, nach deren Äusserungen auch für die Schüler. Es brachte Ruhe in den Alltag.

Ina:

bin bereits 2 Jahre a.D., doch Ihr Bericht klingt, als wären Sie Lehrer an meiner “alten” Realschule. So haben wir es “damals” auch gemacht. Jede/r Kollege/in hat seinen Raum gestaltet, oft mit mehr als EINER Zimmerpfanze! In jedem Fall mit Materialien für seine Fächer. Die Schüler*innen hatten die nötige Bewegung und Frischluft bei Raum-Gebäudewechsel und Kolleg*innen hatten 1-2 ruhige Minuten zur Vorbereitung der kommenden Stunde. Hätte mir keine Raumsuche als Pausenbeschäftigung mehr vorstellen können. Weiter so und Mut zur Zweitpflanze.

Schulen, die den Umstieg gewagt haben

Zahlreiche Schulen, die auf das Lehrerraumsystem gewechselt sind, dokumentieren ihr neues Dasein auf ihren Websites. Hier exemplarisch einige Auszüge.

Im Schuljahr 2014/2015 haben wir, zunächst versuchsweise für ein Schuljahr, an der GSS das Lehrerraumprinzip eingeführt. …

Der einjährigen Testlauf hat sich bewährt und wir sind beim Lehrerraumprinzip geblieben.

 

Mit Beginn des Schuljahres 2003/04 erfolgte für sämtliche Klassen der CRRS der Übergang vom Klassenraumprinzip zum Lehrerraumprinzip. …

Nach einer einjährigen Erprobungsphase hat sich das Lehrerraumprinzip an der CRRS fest etabliert. Es hat sich erwiesen, dass es eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt: …

 

Mit dem Schuljahr 2017/2018 hat die Schulkonferenz mit großer Mehrheit eine dauerhafte Einführung des Lehrerraumprinzips beschlossen. Diesem sind zwei Probeschuljahre mit zahlreichen Evaluationen aller am Schulleben beteiligter Personen vorangegangen. …

Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen: auf der Agenda steht aktuell die Verbesserung der Situation in den Gängen nach den großen Pausen.

 

Eine Besonderheit der Realschule ist es, dass wir seit mehreren Jahren das Lehrerraumsystem umgesetzt haben. …

Meinung der Lehrer:

– Natürlich sind die meisten Lehrer von dem Lehrerraumsystem begeistert, weil sie jetzt deutlich seltener den Raum wechseln müssen.
– Sie können jetzt ihr komplettes Unterrichtsmaterial in ihrem Klassenraum lagern. Die Chemie- und Physikräume werden von den jeweiligen Lehrern untereinander geteilt. …

Meinung der Schüler:

– Die Schüler waren größtenteils gegen das Lehrerraumsystem, da sie dann ja nach jeder Stunde den Klassenraum wechseln müssen. Als das erste Mal vom Lehrerraumsystem gesprochen wurde, war niemand wirklich begeistert. Doch jetzt kommt eigentlich jeder damit klar.

 

Dieses Prinzip haben einige unserer Mitarbeiter in anderen Ländern kennen und schätzen gelernt.…

Unsere Schülerinnen und Schüler gewöhnen sich schnell daran, nicht ihren eigenen Klassenraum zu haben. Da Klassenlehrer in der Regel mehrere Fächer in ihrer Klasse unterrichten, wird der Raum des Klassenlehrers schnell zur Heimat der Klasse. 

Zusammenfassung

Was besonders auffällt: Die überwältigende Anzahl der Lehrer/innen, die mit ihren Schulen auf das Lehrerraumsystem gewechselt haben, ist mit dem System hoch zufrieden. Die Anzahl der Stimmen, die gerne zum alten System zurückkehren möchten, ist verschwindend gering.

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Kommentare

1

Zum Artikel "Lehrerraumsystem - Dossier".

  • #1

    Leider gäbe es bei uns nicht genug Räume, zu viele Kollegen :(

    schrieb Anna am

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