Zwischen Hass und Liebe

Ritalin im Selbstversuch - ein Bericht 02.05.2009, 13:10

Pillen
Bild: pixabay [CC0 (Public Domain)]

Ein Student hat sich in einer Prüfungsphase mit Ritalin (Wirkstoff Methylphenidat, Medikament für ADS/ADHS) fit gemacht und berichtet über seine Erfahrung: "Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine."

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Ritalin - prominentester Vertreter des Wirkstoffs Methylphenidat

Ritalin ist der Name eines Medikaments mit dem Wirkstoff Methylphenidat, das vor allem im Umgang mit ADS/ADHS zum Einsatz kommt. Die Anwendung von Ritalin ist äußerst umstritten, wie z.B. die Diskussion zum Lehrerfreund-Beitrag Studie: ADS/ADHS-Kinder sind mit Ritalin leistungsfähiger belegt.

Ritalin: Wirkungsweise

Methylphenidat (und damit auch die Marke “Ritalin”) gehört zu den Amphetamin-ähnlichen Substanzen und ist rezeptpflichtig. Unter den als Drogen genutzten Amphetaminen kennt man besonders Speed und Ecstasy.

Das (nicht ganz so illegale) Methylphenidat wird eingesetzt

mit dem Ziel, auffälliges Verhalten von Kindern mit folgenden Charakteristika zu stabilisieren: Mässige bis starke Ablenkbarkeit, rasch nachlassende Aufmerksamkeit, Hyperaktivität (nicht immer vorhanden), emotionale Labilität und Impulsivität.

kompendium.ch: Ritalin/-SR/-LA, Novartis Pharma: Fachinformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz, Abschnitt “Indikation/Anwendungsmöglichkeiten”

Diese Aussagen treffen nicht nur auf Ritalin, sondern auch auf Medikamente mit anderem Namen und gleichem Wirkstoff zu (z.B. MedikinetMedikinet MR, Concerta usw.).

Der Ritalin-Selbstversuch

Unter Studierenden ist die Einnahme von Ritalin verbreitet, da mit der Einnahme i.d.R. eine Konzentrationssteigerung und eine hohe Arbeitsmoral einhergeht. Die Zeit hat den Bericht eines Studenten veröffentlicht, der sich mit Ritalin effizient auf eine Prüfung vorbereiten wollte und die Ritalin-Tage ausführlich zusammengefasst hat.

Bitte beachten Sie: Die geschilderte Wirkungsweise bezieht sich auf einen ‘gesunden’ Studenten. Die Effekte der Medikamenteneinnahme entsprechen nicht unbedingt der Wirkung, die das Medikament Ritalin auf Personen mit einer Aufmerksamkeitsstörung hat.

Der Student macht auf Ritalin grundsätzlich positive Erfahrungen: Er arbeitet wesentlich konzentrierter, reagiert kaum auf Ablenkungen. Zwischendurch schiebt er “Koffein-Tage” ein, an denen er Koffein-Tabletten nimmt, aber kein Ritalin; diese Tage werden für den Studenten zu den unproduktiven Tagen - er ist zwar wach, aber unkonzentriert und ohne Ausdauer. Ganz anders, wenn er Ritalin nimmt: Die Arbeitsphasen werden zu “Orgien der Schaffenskraft”. Kurz: “Ich gefalle mir, wenn ich Ritalin genommen habe.”

Trotz schnell auftretender Abhängigkeitssymptome verläuft die Klausur (während der sich der Selbstversucher ebenfalls mit Ritalin dopt) erfolgreich: 4 Stunden schreiben ohne Unterlass, Ergebnis: Note 1,3.

Das Fazit fällt nicht eindeutig aus:

Wer sagt, Ritalin helfe nicht, lügt. Es schlägt nicht bei jedem an, aber aus mir hat es den Studenten gemacht, der ich sein sollte: hellwach, fokussiert und diszipliniert. [...] Wenn die Wirkung nachließ, wurde ich unkonzentrierter als vorher, und statt mich zusammenzureißen, überlegte ich, wo ich wieder Ritalin herbekommen konnte. [...] Gerald Hüther, der Neurologe, meinte: »Ritalin ist eine Gefahr für unser gesamtes Bildungssystem.«

Zeit.de - Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine (S. 5/5)

Ritalin als Droge der Pflichterfüller-Generation?

So ist der anonyme Autor hin- und hergerissen zwischen Hass und Liebe zu dieser Droge. Von Spaß ist dabei - wie man es bei freiwilligem Drogenkonsum eigentlich erwarten sollte - nicht die Rede. Im Vordergrund steht eher der Erfolg, das Ausfüllen von Vorgaben. Ein interessanter Gedanke: Während man früher Drogen wie LSD, Kokain oder Ecstasy nahm, um Spaß zu haben und damit den Alltags- und Politwahnsinn zu verdrängen, um gegen das Establishment zu rebellieren, ist Ritalin "die Droge für die Pflichterfüller-Generation":

Heute nehmen Studenten Ritalin, weil es ihnen hilft, sich den Erwartungen der Gesellschaft anzupassen. Sie sind die erste Generation, die eine Vernunftdroge konsumiert. Eine traurige Droge, ein Armutszeugnis.

Zeit.de - Ich bin ein Zombie, und ich lerne wie eine Maschine (S. 3/5)

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