Prof. Lankau über Schulstudien

Wenn Messen das Denken ersetzt 11.10.2013, 10:39

Prof. Ralf Lankau, Offenburg
Bild: Ralf Lankau

Führt das Messen von Schul- und Lernleistungen zwangsläufig zu Verkürzungen? Sind Kompetenzstufenmodelle nur ein Trick, um Forschungsergebnisse als relevant erscheinen zu lassen?

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Der folgende Text ist eine gekürzte Version von Prof. Ralf Lankau: Wenn Messen das Denken ersetzt, oder: Statistik von Bildungsökonomen, erschienen am 03.10.2013 bei der immer lesenswerten GBW (Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.). Wir danken Prof. Ralf Lankau für die Genehmigung zu Kürzung und Veröffentlichung!

Prof. Ralf Lankau
Ralf Lankau ist Grafiker und Philologe. Er unterrichtet seit über 25 Jahren Gestaltungstechniken mit analogen und digitalen Techniken. Seit 2002 lehrt er als Professor für Mediengestaltung Print/Screen und Medientheorie an der Hochschule Offenburg und publiziert zu Design und Medienpädagogik.

Prof. Ralf Lankau:
Wenn Messen das Denken ersetzt

Wie es der Zufall wollte, erschienen Ende September 2013 zwei Beiträge zu empirischer Bildungsforschung, die sich in ihrer Argumentation und den Kernaussagen gegenseitig ausschließen. In der Zeit erschien ein Interview mit den beiden Bildungsökonomen Eric Hanushek (Stanford) und Ludger Wößmann (ifo Institut für Wirtschaftsforschung und Professor für Bildungsökonomik an der LMU, München). Die Kernaussage von Hanushek und Wößmann: „… eine nahezu perfekte Vorhersage der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung einer Nation“ sei anhand der Testergebnisse von Schülern in Mathematik und Naturwissenschaften möglich. An einfachen Kurven (S. 61, in der Zeit S. 88) wird die Entwicklung des  Bruttoinlandsprodukts (BIP) der USA bis zum Jahr 2085 berechnet, abhängig von der angenommenen Leistungssteigerung in Mathematiktests. Hanushek:

„Wenn man über mehr als 40 Jahre hinweg die Testergebnisse und das Wirtschaftswachstum in einem Land ins Verhältnis setzt, bekommt man ein verblüffendes Ergebnis: Das Bildungsniveau der Schüler hat ganz klar einen Effekt auf das Wirtschaftswachstum. Mit diesem Wissen haben wir simuliert, welchen Effekt eine Schulreform in den USA auf die Wirtschaft haben könnte.“

Das Problem: Diese Simulation beruht auf Denkfehlern. In der Projektion wird notwendig verkürzt, da soziale, politische und kulturelle Entwicklungen nicht „berechnet“ werden können. So zu tun, als wäre die isolierte Betrachtung eines Aspekts (hier der Schulbildung) möglich, ist zumindest  gewagt.
In der FAZ erschien tags darauf ein Beitrag von Wolfram Meyerhöfer (Universität Potsdam). Unter dem Titel „Empirische Gewissheit gibt es nicht“ steht im Leseeinstieg:

„Lernprozesse zu vermessen ist völlig aussichtslos. Doch es spricht auch wenig dafür, dass sich Lernergebnisse genau beziffern lassen.“

Während Hanushek und Wößmann die PISA-Testeritis nicht in Frage stellen und stattdessen aus den Testergebnissen spekulative Prognosen über die Wirtschaftsentwicklung über Generationen hinweg ableiten, befragt Meyerhöfer das Zahlenkonvolut im Detail. Meyerhöfer ist kein Bildungsökonom und Prognostiker. Er ist als Mathematiker von Haus aus Analytiker und lehrt Mathematikdidaktik. In seinem Beitrag analysiert er die empirische Bildungsforschung sachlich. Deren Ziel sei nicht, das Lernen zu verstehen und zu verbessern ([d.h. sich] mit Menschen [zu beschäftigen], mit sozialen, (inter-)personalen und z.B. psychologischen Komponenten und Kontexten, die schwer bis gar nicht messbar sind)), sondern [... die] Vermessung des Gelernten. Dazu werde als „neuester Schrei des Bildungssektors“ (Meyerhöfer) das Kompetenzstufenmodell eingesetzt, das er systematisch seziert. Kompetenzstufenmodelle seien der Versuch, die Resultate der Empirischen Bildungsforschung relevant erscheinen zu lassen, ohne es zu sein. Dazu würden systematisch Skalen, Punkte und Statistiken instrumentalisiert, um fälschlich Relevanz behaupten zu können:

„Dieses Vorgehen wirkt technisch raffiniert und löst bei manchen Begeisterung aus, weil der statistische Apparat suggeriert, dass hier Wissenschaft am Werke sei und dass das Pädagogische endlich einmal harte Zahlen liefert.“

An einer PISA-Testaufgabe zeigt Meyerhöfer exemplarisch die Fehlerhaftigkeit bereits des Ansatzes und leitet daraus den Generalwiderspruch zwischen Schule als Lehr- und Vermittlungsanstalt auf der einen und der sich zunehmend verselbständigenden Testindustrie auf der anderen Seite ab. Er fasst zusammen:

„Wenn ein Kompetenzstufenmodell mit Aufgaben entworfen wird, die mehrere Lösungswege zulassen, lässt es sich nicht empirisch absichern. Wenn es aber mit Aufgaben erstellt wird, die nur einen Lösungsweg zulassen, dann ist es didaktisch kontraproduktiv, weil solche Aufgaben in die geistige Verarmung führen. Eine gute Testaufgabe – bei der man genau benennen kann, was sie misst – ist das Gegenteil einer bildenden Schulaufgabe, welche geistige Vielfalt und Debatte über diese Vielfalt herausfordert.“

Anders formuliert: Was ist die Aufgabe von Schule? Die Optimierung von Testergebnissen schulfremder Rankingagenturen oder lernende Schüler(innen)?


Quellen:
Bosbach, Gerd ; Korff, Jens Jürgen; Lügen mit Zahlen : wie wir mit Statistiken manipuliert werden, München: Heyne, 2012
Hanushek, Eric A.; Peterson, Paul E.; Woessmann, Ludger: Endangering Prosperity: A Global View of the American School, Brookings Institution Press, 2013
Meyerhöfer, Wolfram [Gewissheit, 2013]: Empirische Gewissheit gibt es nicht, in: FAZ vom 27. September 2013, S. 7 (Bildungswelten)
Meyerhöfer, Wolfram: Das Kompetenzstufenmodell von PISA: Eine empirische Dekonstruktion (doc)
Wagner, Peter [Rechnen,2013]: Rechnen macht reich. Gefährden schlechte Mathematiknoten unsere Zukunft? Ein Gespräch mit dem amerikanischen Bildungsökonomen Eric Hanushek und seinem deutschen Kollegen Ludger Wößmann. in: Die Zeit, Nr. 40 vom 26. September 2013, S.87 (Chancen)

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