Lehrer als Mobbingopfer

Mobbing in der Schule - Interview mit Prof. Reinhold Jäger 18.10.2013, 12:19

Mobbing unter Lehrer/innen findet gar nicht so selten statt: Fast jede/r fünfte Lehrer/in wurde schon Opfer von Mobbing, 40% berichten von Mobbingversuchen in den vergangenen zwei Monaten. Schulleiter/innen spielen als Täter/innen (mit geringem Abstand) die wichtigste Rolle. Interview mit Prof. Jäger, der eine Studie über Mobbing am Arbeitsplatz Schule herausgegeben hat.

Person wird gemobbt (Grafik)
Bild: Shutterstock
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Prof. Reinhold JägerProf. Dr. Reinhold S. Jäger, Bildungsforscher, 24 Jahre Geschäftsführender Leiter des Zentrums für empirische pädagogische Forschung (zepf) der Universität in Landau, zahlreiche Veröffentlichungen u.a. zur Thematik "Mobbing". Mitbegründer von INCENT4U.

Das für November 2013 angekündigte Buch Reinhold Jäger (Hg.): Mobbing am Arbeitsplatz Schule: Frühzeitig erkennen, analysieren und Lösungsansätze finden beschäftigt sich mit einem bisher kaum behandelten Thema: dem Mobbing am Arbeitsplatz Schule, also dem Mobbing von Lehrer/innen - durch Schulleitung, Kolleg/innen, Eltern, Schüler/innen. Aus dem Klappentext:

Mobbing wurde aber – soweit es den Arbeitsplatz Schule betrifft - bislang eher als Mobbing unter Schülerinnen und Schülern erörtert. Dass Mobbing aber auch Lehrkräfte betrifft, wurde bislang eher ausgeblendet. Dieses ist der Gegenstand aller Darstellungen in diesem Buch.

Dieses Buch nimmt

  • Bestand auf: Was wissen wir über das Mobbing gegen Lehrkräfte? Und: Wer sind die Akteure von Mobbing in der Schule?
  • Bezug auf Mobbing unter den Blickwinkel der Gesundheit für Lehrkräfte?
  • Stellung zu der Frage, was gegen dieses Mobbing gegen Lehrkräfte unternommen werden kann: präventiv und langfristig, und unterbreitet praktische Vorschläge für den Schulalltag

Jäger, R.S. (Hg.) (2013). Mobbing am Arbeitsplatz Schule. Köln: Link Verlag [Wolters Kluwer Shop]

Prof. Jäger war so freundlich, Dem Lehrerfreund schon vorab einige spezifische Details zum Thema zu nennen.

Lehrerfreund: Was kann man sich konkret unter "Mobbing am Arbeitsplatz Schule" vorstellen - haben Sie hierzu vielleicht Beispiele oder Fälle?

Prof. Jäger: Hier zunächst ein Beispiel zum Mobbing aus dem Netz:

ich habe folgendes problem.ich bin grundschullehrerin einer 4. klasse. seit vorigem schuljahr beschuldigt mich eine mutter einer schülerin des mobbings bei ihrem kind. jedoch habe ich mir nichts zu schulden kommen lassen. die mutter suchte nicht das gespräch mit mir. leider bin ich damit am ende des schuljahres und am anfang des neuen schuljahres konfrontiert worden. ich war sprachlos. die schulleitung beschloss, dass ihr kind in die parallelklasse umgeschult wurde. leider hört dieses problem nicht auf. das mädchen erzählt, dass ich "fies" wäre und ich hätte sie gemobbt.

gutefrage.net 06.12.2010: Rufmord gegen lehrerin von eltern

Zum Mobbingbegriff (bezogen auf Schule):

Mobbing bezeichnet eine besondere Art von Gewalt, die gegeben ist: wenn einer Person im Kontext der Schule  von einer oder mehreren anderen (1) stärkeren Personen (2) mehrfach (3) absichtlich (4) Schaden zugefügt wird, welche (5) auf Dauer zu einem anhaltenden Gefühl der Hilflosigkeit auf Seiten der geschädigten Person, also des Opfers führt (Olweus, 1993).

aus Jäger, R.S. (Hg.) (2013). Mobbing am Arbeitsplatz Schule. Köln: Link Verlag [Amazon]

Zur Erläuterung (ebenfalls aus dem o.g. Werk zitiert):

Zur Erläuterung dieser Definition dienen die folgenden Ausführungen:

(1) Der Begriff stärkere Person bzw. Personen bezieht sich nicht ausschließlich auf die körperliche, sondern auch auf die psychische Überlegenheit. Die Ungleichheit der Kräfte kann durchaus bei entwicklungsbedingten Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Jugendlichen vorkommen, etwa bei Rivalität. Hierbei liegt keine Dominanz im genannten Sinne vor. Oswald (1997) und O’Moore (2000) sprechen hier vom so genannten „rough and tumble play“ – ein wildes, spielerisches Kämpfen ohne festgelegte Regeln. Hierunter fallen die vor allem unter Jungen üblichen Raufereien auf dem Schulhof. Ebenso ist der „Zickenkrieg“ bei den Mädchen zu nennen. Beide Formen der Auseinandersetzung entsprechen dem entwicklungsbedingten Erproben von Herausforderung und kennzeichnen zugleich unterschiedliche Auseinandersetzungsformen der Geschlechter (s. Jäger & Fluck, 2013). Sie zählen nicht als Mobbing.

(2) Die Aussage mehrfach bezieht sich auf den Wiederholungsfall in einer definierten Zeitspanne.

(3) Mit dem Terminus absichtlich wird der intentionale Akt einer Tat beschrieben. Eine Absicht muss nicht zwingenderweise vor der Tat bestanden haben, sondern kann auch nach der Tat resultieren. Dies ist dann der Fall, wenn durch eine zufällige Handlung eine andere Person wirksam geschädigt wurde und die Erzielen der Schädigung als Intention für weitere entsprechende Handlungen angesehen wird. Das anschließende Beispiel 7 veranschaulicht diese Aussage:
Beispiel 7: Iris ärgert Heinz. Heinz regt sich fürchterlich auf. Iris erkennt, auf welche einfache Weise Heinz zu ärgern ist und bringt die gleiche Vorgehensweise immer wieder an, um Heinz zu ärgern.

(4) Die Schädigung resultiert aus unterschiedlichen Formen von Mobbing  (siehe unten „Klassifikation von Mobbing“).

(5) Das Opfer ist dem Täter nicht gewachsen, es kann die Situation nicht bewältigen und gelangt in eine für sie aussichtslose Situation. Es entsteht Hilflosigkeit.

aus Jäger, R.S. (Hg.) (2013). Mobbing am Arbeitsplatz Schule. Köln: Link Verlag [Amazon]

Lehrerfreund: Welche Rolle spielt Mobbing im Lehrerzimmer - können Sie uns eine Größenordnung nennen?

Prof. Jäger: Mit Blick auf Mobbing sind zwei Formen zu unterscheiden, die als direktes Mobbing einerseits und Cybermobbing andererseits bezeichnet werden. Betrachtet man Schule als ein System mit einer Vielzahl von (zumindest potentiell) Handelnden (Lehrkräfte, Schulleitung, Schüler, Eltern, Andere), so stellt sich bei der Befragung folgendes Ergebnis dar: 58,8% der Befragten Lehrkräfte (N = 1800) haben innerhalb eines Zeitraums von 8 Wochen über keine Mobbingversuche ihnen gegenüber an der Schule berichtet; 92,2% der Befragten berichteten über keine Cybermobbingversuche ihnen gegenüber.

Da von Mobbing nur gesprochen werden kann, wenn die Mobbingversuche über einen längeren Zeitraum erfolgen muss die Ausgangsfrage wie folgt beantwortet werden: Geht man davon aus, dass „echtes Mobbing“ nur dann gegeben ist, wenn die Mobbingversuche vier- und mehrfach im Monat auftreten, so resultiert das Risiko, Opfer von Mobbing zu werden, wie folgt:

Das Risiko, Opfer von direktem Mobbing zu werden, beträgt für die männlichen Lehrer 16% und die die weiblichen Lehrkräfte 22%. Dieses Risiko steigt mit der Anzahl der Berufsjahre, welche die betreffende als Person als Lehrkraft tätig ist (für die mehr als 22 Jahre Tätigen ist es um das 1,56fache höher als das der Anfänger (1-7 Jahre im Dienst).

Direkte Zahlen gehen aus der nachfolgenden Graphik hervor:

Diagramm: Von wem werden Lehrer gemobbt?


Abbildung: Direktes Mobbing - die Täter (Bildquelle: Prof. Reinhold Jäger)

Und es gilt auf der Basis meiner Befragung: Die Mehrzahl der Lehrkräfte wird werden nur von einer Gruppe (s.o.) gemobbt, 25,6% dagegen geben an, von zwei Gruppen gemobbt zu werden, 4,9% von 3, 2% von 4 und je 0,5% von 5 bzw. 6 Gruppen.

Lehrerfreund: Laut Mobbing-Report 2002 (PDF), S. 65 sind Vorgesetzte an mehr als der Hälfte aller Mobbing-Fälle aktiv beteiligt. Haben Sie hierzu Zahlen für die Schule?

Das Risiko, Mobbing-Opfer der Schulleitung zu werden, liegt höher als das Risiko, von anderen Gruppen gemobbt zu werden: Die Wahrscheinlichkeit, von der Schulleitung gemobbt zu werden, ist um das

  • 1,25fache höher als Opfer von Kolleginnen oder Kollegen zu werden;
  • 6,2fache höher als Mobbing-Opfer von SchülerInnen der eigenen Klasse zu werden
  • 4,5fache höher als Mobbing-Opfer von Eltern zu werden.

Anders ausgedrückt: Auf zehn Fälle, in denen eine LehrerIn von KollegInnen gemobbt wird, kommen 12,5 Fälle, in denen das Mobbing von der Schulleitung ausgeht.

Lehrerfreund: Wo und wann finden Mobbing-Aktivitäten statt - eher in der Schule oder auch außerhalb der Schulzeit?

Prof. Jäger: Hierzu kann ich aus der Studie heraus keine Angaben machen.

Lehrerfreund: Vor zwei Jahren konnten wir in einer Studie lesen, dass die Schulleitung eine überaus wichtige Rolle für das Klima an der Schule spielt. Ist die Schulleitung kooperativ und aufgeschlossen, stimmt auch das Klima im Kollegium. Gibt es aus Ihrer Sicht einen Zusammenhang zwischen Schulleitungsqualität und Mobbingintensität im Kollegium?

Prof. Jäger: Die Wahrscheinlichkeit, Opfer von direkten Mobbingattacken zu werden, liegt in den Schulen ohne Maßnahmen gegen Mobbingattacken um das 2,17fache höher als in denjenigen Schulen, in denen Maßnahmen gegen Mobbing realisiert werden. Lehrerinnen und Lehrer in Schulen, die keinen Verhaltenskodex gegen Mobbing etabliert haben, besitzen ein zweifach höheres Risiko, Opfer von direktem Mobbing zu werden, als Lehrkräfte aus Schulen mit einem Verhaltenskodex.

Diese zwei Hinweise sind Indikatoren dafür, dass die Schulleitung direkt wie indirekt eine wichtige Rolle für das Klima an der jeweiligen Schule einnimmt.

Lehrerfreund: Was raten Sie Lehrkräften, die sich gemobbt fühlen?

Prof. Jäger: Wiederum zitiert aus dem o.g. Buch:

  1. Informationsgewinnung, z.B. durch anonyme Befragungen.
  2. Niedrigschwellige Maßnahmen, wie z.B. Fortbildung, Projekte und Projektwochen  zur Sensibilisierung für das Thema.
  3. Etablierung von Regeln: Leitbilder und Regeln führen zur Offenheit und Transparenz, aber auch zur Notwendigkeit, diese einzuhalten. Ein Leitbild, wie es in Unternehmen umgesetzt wird, erfüllt diese Funktionen.
  4. Verhaltensregeln der Lehrkräfte gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern: Die nachfolgende Zusammenstellung  von Verhaltensregel für Lehrkräfte ist zwar ursprünglich dafür gedacht, bessere Bedingungen für den Unterricht zu erzielen. Diese Regeln können aber auch für die Prävention von Mobbing am Arbeitsplatz Schule sowohl mit Blick auf Kolleginnen und Kollegen, Schulleitung, Schülerinnen und Schüler, Eltern als auch anderen Personengruppen an der Schule genutzt werden, um bessere Voraussetzungen für das Miteinander zu schaffen. Solche Veränderungen, auch wenn sie zunächst nur auf der Unterrichtsebene gezeigt werden, wirken sich positiv auf das Klima am Arbeitsplatz Schule aus:
    • Positives Lernklima schaffen
    • Engagement zeigen
    • Motivierend sein
    • Humorvoll sein
    • Überblick haben
    • Aufmerksam sein
    • Konsequent sein
    • Wenn nötig auch mal eine Ausnahme machen können
    • Tolerant sein
    • Geduld haben
    • Schüler loben
    • Sich „zurücknehmen“ können
    • Auf mehreren Ebenen gleichzeitig Entscheidungen treffen können
    • Breites Handlungsspektrum (von laisser-faire bis autoritär)
    • Körpersprache einsetzen
    • Gesundes Verhältnis zwischen Distanz und Nähe zu Schülern schaffen
    • Klare Aussprache und Ansprache haben
    • Schlagfertig reagieren können
    • Angemessen erklären können
    • Sinnhaftigkeit von Schule und Unterricht vermitteln können
    • Verschiedenheit von Kindern und Jugendlichen erkennen und nutzen können
    • Schüler an Entscheidungsprozessen immer wieder beteiligen
    • “Demokratisches” Klassenzimmer
    • Lösungsorientiert arbeiten (nicht in der Ursachensuche stecken bleiben)
    • Aktives Zuhören anwenden
    • Konflikten nicht ausweichen
    • Handlungsrelevante von unrelevanten Störungssituationen unterscheiden können
    • Gleichbehandlung von Schülern (fair und gerecht)
    • Interesse an den Schülern zeigen
    • Namen der Kinder kennen
    • Interessen der Kinder kennen
    • Persönliche Situation der Kinder kennen
    • Positiv besetzte Beziehung zu Schülern aufbauen durch außerschulische Inhalte (z.B. AG Sport; Computer, Spiel, etc.)
    • Der eigenen Rolle bewusst sein (Erzieher und Wissensvermittler)
    • Vertrauensvolles Verhältnis zu Schülern schaffen
    • Sich auf Schüler einstellen können (Empathie)
    • Schülern respektvoll und wertschätzend begegnen (Akzeptanz)
    • Ruhe bewahren in Konflikten
    • Störungen nicht persönlich nehmen
    • Angemessene Strafen anwenden
    • Angemessene Belohnungen anwenden
    • Kompetenzen und Schwächen der Schüler kennen
    • Verantwortung an Schüler übertragen können
    • Ermutigend und unterstützend sein
    • Vorbildfunktion einnehmen (selbst an Regeln halten)
    • Schwierigen Schülern neue Chancen geben
    • Erziehungsziele haben
    • Werte vermitteln
    • Breites methodisches Spektrum anwenden
    • Unterricht interessant und abwechslungsreich gestalten
    • Fachlich kompetent sein
    • Konsistentes (berechenbares) Verhalten zeigen
    • Psychohygiene betreiben
    • Sich den eigenen Stärken und Schwächen bewusst sein
    • Eigene Belastbarkeitsgrenzen kennen
  5. Selbstsicher und selbstbewusst auftreten
  6. Lassen sich Konflikte und Probleme (im Kollegium, zwischen einzelnen Lehrkräften oder zwischen Schulleitung und Kollegium bzw. einzelnen Lehrkräften) nicht mit Eigenhilfe lösen, dann ist unter Umständen fremde professionelle Hilfe notwendig (s. obige Ausführungen). Hierbei gilt die Regel: Lieber zeitnah solche Hilfe erbeten als zu lange zu warten, weil durch das Verstreichen von Zeit durchaus bestehende „Brücken nicht mehr begehbar sind“.
  7. Für Opfer im Kollegium und in der Schulleitung gilt: Führen Sie ein Mobbingtagebuch, in dem Sie den Vorfall beschreiben sowie unter Angabe von Tag und Zeit einschließlich der Nennung von Zeugen dokumentieren. Dieses Buch ist eine wichtige Hilfe für die Rekonstruktion der Ereignisse und auch ein Dokument, welches gegebenenfalls bei rechtlichen Auseinandersetzung (s. Kapitel 1) eine große Bedeutung hat. Das Herstellen von Öffentlichkeit über einen Vorfall nimmt zugleich denjenigen Personen, welche Verursacher sind, den Wind aus den Segeln und das Sprechen über die jeweiligen Vorfälle und ihre Dokumentation hilft der eigenen Psychohygiene. Aber es gilt ebenso, sich professionellen psychologischen  und rechtlichen Rat zu holen (s. Kapitel 10), um den Vorfällen nicht länger hilflos ausgesetzt zu sein.
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