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Sitzenbleiben heißt jetzt intensivieren

G8? G9? Bayern führt G 8,5 ein! 11.03.2012, 09:57

Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle stellt eine revolutionäre Überarbeitung des G8 vor: Schüler/innen, die mit dem G8 überfordert sind, können freiwillig sitzenbleiben - das heißt dann "Intensivierungsjahr". Die Guten ins G8chen, die Schlechten ins G9chen.

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  • (geändert: )

Ungeliebtes G8

Die Schulzeit an Gymnasien wurde bundesweit von neun auf acht Jahre verkürzt. Das nennt man G8 (vs. G9). Fast alle Bundesländer haben das Abitur nach zwölf Jahren bereits umgesetzt (Übersicht über den aktuellen Stand bei Wikipedia).

Das G8 ist höchst umstritten. Die Politik findet das G8 gut, weil es Geld spart und die Möglichkeit gibt, das Wort "Reform" möglichst oft zu sagen. Eltern, Schüler/innen und Lehrer/innen finden das G8 nicht gut, weil die Lehrpläne übermäßig vollgestopft sind, man den Schüler/innen die Kindheit raubt und sich überhaupt fragt, wozu das alles gut sein soll.

Das beeindruckendste Dokument zum Thema G8 ist der offene Brief eines Journalisten an seine Tochter Marie, der mit diesen Zeilen beginnt:

Liebe Marie, erinnerst Du Dich noch an den Tag, an dem wir das letzte Mal im Kino waren? An diesen Tierfilm, den Du so gerne sehen wolltest? Wie hieß der bloß noch? Ich glaube, Tiger, Bären und Vulkane, aber sicher bin ich mir nicht. Denn unser Ausflug liegt schon ein paar Monate zurück. Wir sind alle zusammen mit dem Auto in die Stadt gefahren: Mama, Henri, Du und ich. Es war Sonntag – und wir beide saßen mit Karteikarten auf der Rückbank und haben gelernt.

Zeit 30.05.2011: Liebe Marie

Das G8 führt bei den meisten Schüler/innen und ihren Familien zu Leid und Verzweiflung. Die Zahlen der Schüler, die es nur noch mit Nachhilfe durchs Gymnasium schaffen, explodieren. Sportvereine verzeichnen einen Rückgang der Mitgliederzahlen, weil die Kinder mittags entweder in der Schule hocken oder auf eine Mathearbeit büffeln. Kurz: Die Einführung des G8 war ein vollständiger Griff ins Klo.

Teilumstellung auf G9 in einigen Bundesländern

In einigen Bundesländern wurde das G8 schon wieder teilabgeschafft, Beispiele: In Schleswig-Holstein können die Schulen entscheiden, ob sie G8 oder G9 haben wollen, in Baden-Württemberg und NRW können Gymnasien die (teilweise) Umstellung von G8 auf G9 beantragen, auch in Hessen ist eine ähnliche Entwicklung zu verfolgen.

Für die Schulen ist es eine einzige Katastrophe, wenn sie G8 und G9 parallel zu bedienen haben. Sämtliche Abläufe, Strukturen, Bildungspläne, Prüfungsplanungen ... müssen erneut zurückumgestellt werden, die Lehrmittel (Schulbücher) müssen teilweise angepasst werden. Deshalb verzichten viele Schulen rein aus verwaltungstechnischen Gründen auf eine Rückkehr zum G9 - obwohl sie eigentlich gerne wollten. Dann gibt es noch ein weiteres Problem: Wie verhindert man, dass sich das G9 zum Auffangbecken für die schlechteren Schüler/innen entwickelt, während im G8 die Überflieger durchmarschieren? Oh Graus! Plötzlich haben wir NOCH eine Schulform! Die Guten ins G8chen, die Schlechten ins G9chen.

Und jetzt kommt ... Bayern mit dem G8einhalb!

Als wäre es nicht schon kompliziert genug. Jetzt liefert der Kultusminister Bayerns, Ludwig Spaenle (CSU) sein Meisterstück ab. Er führt das G 8,5 ein (dieses hübsche Schlagwort wurde eingeführt von der Süddeutschen: Spaenle stellt das G 8,5 vor). Und das geht so: In der Mittelstufe (Klassen 8-10)  kann ein "Intensivierungsjahr" eingeschoben werden. Wie das genau funktionieren soll, hat Spaenle noch nicht gesagt. Aber dass ein riesiges, unglaubliches Chaos vorprogrammiert ist, steht fest. Letztlich ist keine andere Möglichkeit vorstellbar, als dass einfach eine Klasse wiederholt wird - nur heißt das dann nicht mehr "sitzenbleiben" sondern "intensivieren". 

Eine Lehrerfreundin fasst das alles trefflich so zusammen:

G8 bleibt, Stoff (evtl. etwas reduziert) wird durchgepeitscht - und dann kommt  bei Bedarf ein Du-kannnst-Deine-Wissenslücken-stopfen-Jahr vor der Oberstufe.
Lernpsychologisch sinnvoll klingt das nicht - und wie das für den Unterricht umsetzbar sein soll, kann ich mir auch nicht recht vorstellen, da jeder S. doch individuelle Lücken hat. Wahlkurse? Binnendifferenzierung? Und in diesem Zwischenjahr stecken dann hauptsächlich die mit Ich-bin-ein-Loser-Erfahrung. Ganz toll…

Und was passiert, wenn in der 8. Klasse zehn Schüler/innen beschließen zu "intensivieren"? Werden sie dann auf Klassen verteilt, in denen sowieso schon 30 Schüler/innen sitzen? Oder sagt man ihnen, dass es dieses Jahr nicht so günstig wäre? Woher nimmt man die Lehrer/innen für das neue G8einhalb? Vielleicht spekuliert Spaenle ja auch darauf, dass nur diejenigen das Intensivierungsangebot wahrnehmen, die sowieso sitzenbleiben würden.

Aber wir tun dem Landesvater unrecht, wenn wir ihm verwalterisches Kalkül unterstellen. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

„Ich möchte den Schülern bei Bedarf mehr Zeit geben, nicht aber der Laufzeit des Gymnasiums als ganzes [sic]“, so der Minister. [...] "Schulpolitik darf nicht unter wahltaktischen Gesichtspunkten gestaltet werden. Eine Rückkehr zum G9 würde an den Schulen ein pädagogisches und organisatorisches Chaos auslösen."

Pressemitteilung des Bayerischen Kultusministeriums Nr. 055 vom 09.03.2012

Nein, wirklich. Es ist immer besser, Chaos zu vermeiden.

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Kommentare

5

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  • #1

    Eine Präzisierung für Baden-Württemberg (BW): Bei uns soll das G9 auf Basis des Bildungsplanes G8 unterrichtet werden - also kein Chaos bei parallelen Kursen. Bei den Schulen, die einen G9 Kurs anbieten dürfen, haben 80% der Eltern ihre Kinder für G9 angemeldet. Umfragen in BW haben gezeigt, dass sich gerade die Eltern von leistungsstarken Kindern für G9 interessieren - damit die Kinder noch Zeit haben für Interessen ausserhalb der Schule. Die SPD in BW würde gerne mehr G9 Schulen zulassen - leider bremsen die Grünen - ganz entgegen ihren Wahlversprechungen.

    Carsten T. Rees
    Mitglied des Landeselternbeirats BW
    Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft gymnasialer Eltern Südbaden

    schrieb Carsten T. Rees am

  • #2

    “Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) will weitere Konsequenzen aus der Evaluation des ersten G8-Durchlaufs an den bayerischen Gymnasien ziehen. Im Bildungsausschuss kündigte Spaenle ergänzende Reformen an den Lehrplänen, eine „integrierte Lehrerreserve“ und eine Flexibilisierung der individuellen Lernzeit in der Mittelstufe an. Kernelement ist ein freiwilliges zusätzliches „Intensivierungsjahr“ für Schüler mit Wissenslücken. Laut Spaenle ist dies ein „Instrument des freiwilligen Wiederholens mit neuer Ausrichtung und pädagogischem Mehrwert“. Die neuen Modelle sollen im kommenden Schuljahr erprobt und im darauf folgenden bayernweit eingeführt werden.
    Laut Spaenle ist das G8 in Bayern eine „attraktive und starke Schulart“. An ihrem Grundkonzept werde deshalb nichts verändert.” Quelle mit Kommentarfunktion unter meinem Namen als Link hinterlegt.

    schrieb Marco Beckmann am

  • #3

    Ach ja, wir haben es schwer - auch in Bayern!
    Die Diskussion um das G8 ist leider manchmal etwas übertrieben & hysterisch! Auch wenn ich kein Freund des G8 bin & es auch aktiv bekämpft habe, bin ich doch überzeugt, dass diese Entscheidung irreversibel ist.
    Dabei ist das G8 besser als sein Ruf! Ich halte es auch für völlig überzogen zu behaupten, ein- oder zweimal Nachmittagsunterricht in der Woche würden jegliches Vereinsleben oder jegliche Freizeitaktivität unmöglich machen! Das ist doch einfach eine Realitätsverzerrung & die Unwahrheit!
    Das Dümmste, was man machen kann, ist das windelweiche Einknicken vor Eltern, Wählern oder Schülern. Der Vorschlag von Spänle ist wohl völlig unausgegorenen und unüberlegt - im Schulalltag ist das organisatorisch weder umsetzbar noch sinnvoll. Ich bin weder Anhänger noch Wähler von Herrn Spänle & seiner Partei, aber vielleicht wäre es glaubwürdiger, zu seiner Entscheidung zu stehen!
    Was wir im bayerischen Gymnasium - trotz aller Unkenrufe ist das Gymnasium in Bayern & der Bundesrepublik immer noch das Erfolgsmodell - brauchen, ist mehr Zeit und weniger Stoff im Lehrplan - und da würden auch 8 Schuljahre reichen!

    schrieb Fritz Multrus am

  • #4

    Neulich wurde hier das G8/G9-Konzept einer benachbarten IGS vorgestellt. Das erschien mir sogar für ein Gymnasium umsetzbar.
    Die 10. Klasse wurde in drei Varianten (getrennt) durchlaufen: in der einen Klasse sitzen Schüler, die den Hauptschulabschluss machen (fällt fürs Gym weg), in der zweiten Klasse diejenigen, die den Mittleren Schulabschluss (MSA) absolvieren und in der dritten die Schüler, die den erweiterten MSA machen. Die Schüler aus der dritten Klasse durchlaufen die 10. Klasse im G8 und steigen wie die Gym-Schüler in die 11. Klasse der Oberstufe auf. Die Schüler aus der zweiten Klasse durchlaufen, wenn sie Abitur machen wollen, die 10. Klasse für den erweiterten MSA nochmal (mit gehobeneren Ansprüchen, Parallelklasse eben). Mit anderen Worten, die Schüler aus der zweiten Klasse durchlaufen G9, die aus der dritten Klasse G8.
    Aus meiner Sicht ist dies die praktikabelste Lösung für G8/G9.

    schrieb ixsi am

  • #5

    Ergänzen sollte man noch den Begriff der “integrierten Lehrerreserve”, der in dem Artikel gebraucht wird. Den könnte man mal vertiefen. Den gibt es ja schon länger, jedenfalls intern. Und da wird er nicht benutzt, um pädagogischen Fortschritt zu bezeichnen, sondern im Bereich des Lückenbüßens.
    Interessant auch der Umstand, dass die Gymnasien von diesen Plänen aus der Zeitung erfahren haben.

    schrieb Tommdidomm am

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