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Schüler-Bespitzelung

Schul-E-Books: Lehrer/in liest mit 13.02.2014, 16:21

E-Book-Reader
Bild: Pixabay [CC0 (Public Domain)]

Bolle Smith ist Lehrer und unterrichtet in seiner Klasse mit E-Books. Die E-Books liefern ihm Daten über das Leseverhalten - wer hat bis wohin gelesen? Wie lange hat jemand an einer bestimmten Seite gelesen? Die letzte Grenze der Privatsphäre fällt, die Lehrer/in wird ungewollt zum Spitzel. Und das Schlimmste: Dieses Horrorszenario ist durchaus real.

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  • (geändert: )

Wie in Sind E-Books böse? beschrieben, liefern E-Book-Reader zahlreiche Daten über das Leseverhalten an den Vertreiber oder den Verlag des E-Books. So veröffentlicht Amazon die beliebtesten Markierungen, die auf dem E-Book-Reader Kindle von den Leser/innen vorgenommen werden, unter den Buchbeschreibungen (mehr: Beliebteste Markierungen in E-Books als Thema für den Lektüreunterricht).

Der Anbieter einer Software zur Analyse des Leseverhaltens bei E-Books, Hiptype, weist darauf hin, dass Lehrer/innen mit ihrer Software die Leseaktivitäten ihrer Schüler/innen überwachen könnten.

Stellen wir uns also den fiktiven Lehrer Bolle Smith vor, dessen Schüler/innen im Unterricht E-Books verwenden, während Bolle selbst über eine passende Tracking-Software verfügt.

Bolle Smith beginnt mit Friedrich Dürrenmatts "Die Physiker". Sein erster Arbeitsauftrag lautet, bis Montag nächste Woche bis Seite 50 gelesen zu haben. Am Sonntagabend lässt sich Bolle bei einem Gläschen Wein auf Knopfdruck diese Statistik raus:

Fiktives Diagramm: Lesezeit pro Tag (Minuten)

Aha! Lydia hat das Buch nicht einmal angefasst. Mara dagegen hat am Wochenende geknüppelt, typisch, sie reißt das in zwei Tagen runter. Aber sie macht das gut, ziemlich scharfsinnig. Hach, John dagegen, ein steter Charakter, hat jeden Tag fleißig 20 Minuten gelesen.

Auf einen weiteren Knopfdruck erhält Bolle Smith eine Übersicht über die Gesamt-Lesezeit während der Woche und die erreichte Seitenzahl:

Fiktives Diagramm: Lesezeiten gesamt, Seite

Das war ja klar. Jacques ist nur bis Seite 11 gekommen und hat dafür auch noch 40 Minuten gebraucht. Lydia bleibt eh sitzen. Mara und John haben beide bis zum Ende des 1. Akts gelesen, auf die ist eben Verlass. Wobei John wohl etwas schneller gelesen hat (oder hat er überflogen? Er, der stete Charakter?).

Bolle drückt auf den nächsten Knopf:

Fiktives Diagramm: Lesegeschwindigkeit in Seiten pro Stunde

Ah, da! John, der alte Schnell-Leser! Aber zum Glück gibt's in dieser Klasse keine Ausreißer, sie sind alle einigermaßen lesekompetent. Bis auf Lydia. Naja. Jacques wäre auch zuzutrauen, dass er fünfmal aufs Klo geht, während das E-Book offen da liegt. Das verzerrt die Messung natürlich enorm. Aber lieber langsam und genau als schnellschnell und dann keinen Plan, was drinsteht.

Am Montag nun kommt Bolle Smith in die Klasse. Er weiß ziemlich genau, wer sich wie mit der Lektüre beschäftigt hat, wer in welcher Geschwindigkeit bis wohin gelesen hat usw. Und nun?

Unterrichtsverbesserung durch Auswertung des Leseverhaltens von Schüler/innen?

Mit den (heimlich?) geschürften Daten der Schüler/innen kann der Lehrer nun die Qualität seines Unterrichts deutlich verbessern. Er kann seinen Unterricht an die Kenntnisse der Schüler/innen anpassen und unterrichtet nicht mehr an Schüler/innen vorbei, die den Text zuhause nicht gelesen haben. Möglicherweise kann er Markierungen der Schüler/innen in den Unterricht einbringen: Schüler/innen werden zu Expert/innen oder Impulsgeber/innen, wenn sie bestimmte Themenkomplexe häufig markiert haben (eine Figur der Erzählung; bestimmte Körperteile des Anatomie-Aufsatzes; Zahlenmaterial in geschichtlichen Texten; usw.).

Außerdem kann sich der Lehrer nun das Schreiben von Tests zum Textverständnis sparen. Er sieht, wer sich wie lange mit dem Text beschäftigt hat und kann auf dieser Grundlage seine Note bilden.

An genau dieser Stelle beginnt die schwarze Wolke: Hat eine Schüler/in mehr verstanden, wenn sie sich länger mit einem Text beschäftigt hat? Darf das individuelle Leseerlebnis einer Schüler/in für schnöde Leistungsbewertung ausgebeutet werden?

Massive Verletzung der Privatsphäre

Denken wir einen Schritt weiter. Mara hat auf der Seite mit der Sexszene dreimal so viel Zeit verbracht wie auf der Seite mit der Beschreibung des Hotels. Geht den Lehrer das etwas an, dass Mara die Sexszene ausgiebig liest?  Welche Schlüsse zieht er daraus? Aber vielleicht hat sie sie gar nicht gelesen, sondern nur den E-Book-Reader offen liegen lassen, während sie kurz mit dem Hund draußen war.

Plötzlich stehen wir vor einem NSA-artigen Sumpf, in dem wir in die Privatsphäre der Schüler/innen eindringen und Schlüsse ziehen, die möglicherweise höchst fragwürdig sind.

Nun können sich die Schüler/innen nicht mal mehr beim Lesen entspannen - zahlreiche andere Personen lesen mit. Taucht eine Gewaltszene auf, blättern wir möglichst schnell weiter, damit wir nicht in den Ruch geraten, ein verkappter Serienkiller zu sein.

Das betrifft nicht nur Schüler/innen. Das betrifft auch SIE. Wenn Sie heute ein E-Book lesen, lesen zahlreiche Personen mit. Wenn Sie sich grundsätzlich länger bei Gewaltszenen aufhalten als bei Sonnuntergangsszenen, weiß der E-Book-Herausgeber das. Mehr: Sind E-Books böse?

E-Books in der Schule verbieten?

Wer kann das Lesen noch genießen, wenn Lehrer/in, Eltern und E-Book-Produzenten alle heimlich mitlesen? In einigen Jahren werden E-Books das klassische Schulbuch abgelöst haben. Die Lesedaten entsprechend zu schützen, gehört zu den zentralen Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts.

Ein wenig Aufschub haben wir noch erhalten. Der oben erwähnte Anbieter der E-Book-Tracking-Software ist nämlich nach weniger als einem Jahr pleite gegangen. Kein Grund zur Beruhigung.

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Kommentare

7

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  • #1

    Nein, würde ich nicht! Diese unter dem Begriff “Learning Analytics” zusammengefassten Tools sind auf Lernplattformen wie z.B. Moodle schon lange gang und gäbe. Trotzdem bleiben diese bei mir generell ausgeschaltet und werden nur unter bestimmten Bedingungen und nach Rücksprache mit den LernerInnen aktiviert.
    Lehrer sind mündige Menschen. Man sollte Ihnen primär Sachverstand und sowohl pädagogisch als auch ethisch korrektes Verhalten unterstellen und nicht wieder präventiv die bevormundende “Verbotskeule” schwingen.

    schrieb Johannes Maurek am

  • #2

    Ich sehe die Sache zwiegespalten. Auf der einen Seite kann es sicher praktisch sein, wenn man nachvollziehen kann, ob ein Schüler die angeforderten Seiten im Ebook gelesen hat. Auch wenn dadurch nicht unbedingt klar ist, ob er/sie wirklich etwas dadurch lernen konnte.

    Man sollte dabei aber nicht zu weit gehen. Wenn man - mit einer Einverständniserklärung von Seiten der Eltern und Schüler - zumindest abfragen könnte wieviele Seiten des Ebooks in welcher Zeit gelesen wurden, dann wäre es noch ok. Genauere Daten zu der Verweildauer auf einzelnen Seiten gehen aber zu weit, da sie wie im Artikel beschrieben falsch interpretiert werden können.

    Ebooks, spezielle Lernsoftware und allgemein das Thema Online lernen erfahren im Bereich der Schulen und Universitäten aber generell immer mehr Akzeptanz. Wie weit die Aktzeptanz in Zukunft im Bereich der Datensammlung geht, bleibt abzuwarten.

    schrieb Thomas am

  • #3

    Wenn eine Lehrerin etwa 8 Klassen mit je 22 Schülern unterrichtet, und dabei auf eine Arbeitszeit von etwa 50 Stunden pro Woche kommt, welche Motivation hätte sie dann, die reine Lesezeit von einzelnen am E-bookreader mittels Trackingsoftware zu überprüfen - solange die Klassenarbeitsresultate zufriedenstellend sind?

    Denn schließlich sind die *Ergebnisse* das was zählt, nicht die investierte Lesezeit - ob sich Mara oder John länger mit der Lektüre beschäftigt hat, ist ihr dann, wenn sie die Tür ins Privatleben hinter sich schließt, höchstwahrscheinlich vollkommen egal.

    Für Mara oder John hingegen ist vielleicht die reine Existenz solcher Trackingsoftware ein Anreiz sich mit der Lektüre zu beschäftigen, anstatt in der Früh mal schnell die notwendigen Informationen zu sammeln um sich durch den Deutschunterricht zu bluffen - soll’s ja auch geben.

    schrieb Eva Ullreich am

  • #4

    Ich danke Ihnen dafür, dass Sie die Möglichkeiten und mögliche Folgen der Verletzung der Privatsphäre so anschaulich beschreiben. Bisher hätte ich keine Bedenken bei E-Books im schulischen Kontext gehabt. Nun schon. Es bleibt noch viel zu tun. Sowohl im Bereich Datenschutz als auch im Bereich “Wie interpretiere ich Daten”. Bei letzterem ist man sicher nicht vor Trugschlüssen gewappnet.

    schrieb Christian am

  • #5

    Dass Lehrer solche Tools nutzen ist die eine Seite. Da bleibt es immerhin noch in der Schule. Schlimmer finde ich, dass auch die Verlage die Daten auswerten können.
    Wer soll dafür sein Einverständnis geben? Schüler, Eltern, Schule…?
    Wie/wo wird die Nutzerverwaltung gehostet?
    Stichwort “Datenverarbeitung im Auftrag”.
    Ebooks sind bestimmt das Werkzeug der Zukunft, es fehlt aber an vernünftigen Umsetzungs- und Distributionsmöglichkeiten.

    schrieb anmeh am

  • #6

    Stellen Sie sich vor, Sie würden ein solches Auswertungstool bekommen - würden Sie es nicht benutzen?! Oben ist zu lesen:

    die Lehrer/in wird ungewollt zum Spitzel

    Betonung auf ungewollt.

    schrieb Der Lehrerfreund am

  • #7

    Ihre Meinung von uns Lehrern ist ja nicht besonders hoch. Pfui!

    schrieb Birthe Willkomm am

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