Täuschen und stehlen

Hausaufgaben/Referate aus dem Internet: Gegenstrategie für Lehrer/innen 18.08.2008, 13:27

Schüler/innen ziehen in zunehmendem Maße ihre Hausaufgaben und Referate aus dem Internet; der Nachweis fällt der Lehrperson meist schwer. Wir schlagen eine pädagogisch sinnvolle Integration der Hausaufgaben in den Unterricht vor, wo die Relevanz des schriftlich vorliegenden Hausaufgabenmaterials schwindet.

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Screenshot: Google-Suchergebnisseite bei der Suche nach 'hausaufgaben' (18.08.2008)

Titelthema des letzten Spiegels (Nr. 33/11.08.2008) war: “Macht das Internet dumm?” Im Rahmen dieses findet sich der Kurzreport “Abschreiben 2.0”. Darin wird - u.a. unter Zitierung des als norberto42 im Web bloggenden Norbert Tholen - dargestellt, dass SchülerInnen im Web tonnenweise Hausaufgaben und Referate finden können, um sich unlauter die Arbeit am heimischen Schreibtisch zu ersparen:

“Plagiate sind an Universitäten und Schulen ein großes Problem”, sagt die Berliner Medieninformatikern [sic] Debora Weber-Wulff. Für Dozenten und Lehrer hat sie deshalb den Leitfaden “Fremde Federn Finden” entwickelt, der zeigt, wie Pädagogen Kopisten durch eigene Internet-Recherche überführen können. “Es ist ganz leicht, den Schülern auf die Schliche zu kommen”, sagt Weber-Wulff.

Spiegel 33/11.08.2008, S. 86

Allerdings fehlt einer Lehrperson schlichtweg die Zeit, alle aufkommenden Hausaufgaben und Referate auf Unlauterbarkeit hin zu überprüfen (Wochenschnitt: Konfrontation mit 200-600 Hausaufgaben und 0-5 Referate von 200 SchülerInnen). Der Weg des auf-die-Schliche-Kommens ist einfach nicht praktikabel. Rumzunörgeln, wenn eine Hausarbeit mal zu geschliffen klingt, ist auch nur eine Notlösung.
Der Kampf gegen diese plagiierenden Windmühlen kann nicht gewonnen werden, indem man einzelnen Vergehen nachspürt. Zu üppig ist das Angebot im Web (siehe Screenshot der Google-Suche “hausaufgaben” rechts), zu verlockend die Arbeitseinsparung für SchülerInnen. Wir müssen vielmehr mit Hausaufgaben so umgehen, dass ein Abschreiben oder aus-dem-Web-Ziehen schlichtweg sinnlos wird.

Funktion und Bewertung von Hausaufgaben

Wir wollen, dass die SchülerInnen sich zu Hause mit schulischen Themen beschäftigen. Sie sollen

  • bereits behandelte Themen (Inhalte, Lerntechniken ...) wiederholen und anwenden/üben, damit diese sich festigen.
  • zukünftige Themen vorbereiten, damit die Vermittlung in der folgenden Stunde effizient geschehen kann.
  • Referate: Hoffnung, dass SchülerInnen durch ihr Referat den anderen SchülerInnen Stoff vermitteln (und bei der Vorbereitung selbst lernen, s.o.)

Weitere Funktionen (u.a. auch erzieherischer Natur) bei Wikipedia: Hausaufgaben - Funktion der Hausaufgaben.

Bei der Bewertung von Hausaufgaben beziehen wir uns in der Regel auf die Qualität des schriftlichen Materials, wobei wir zwei Bewertungsstufen unterscheiden: gemacht/nicht gemacht und die qualitative Bewertung. Ist das Material gut (d.h.: Das, was im Heft steht; das, was vorgetragen wird), gehen wir davon aus, dass die SchülerIn erfolgreich wiederholt, geübt oder vorbereitet hat. Da jedoch grundsätzlich zu bezweifeln ist, dass das Material aus der Feder der jeweiligen SchülerIn stammt, müssen wir Hausaufgaben so in den Unterricht integrieren, dass dem in schriftlicher Form vorliegenden Material eine nur noch geringe Bedeutung zukommt. Damit verfliegt auch der Reiz des Abschreibens.

Das integrative, plagiatsunfreundliche Konzept

1. Drakonische Sanktionen fürs Abschreiben festlegen
Wenn eine/r mit einer abgeschriebenen Hausaufgabe/Referat erwischt wird, muss die Sanktion deutlich härter sein als beim bloßen Vergessen. Dieses Konzept sollte man der Klasse vorher unbedingt transparent machen, indem man klarstellt, dass Plagiieren vollkommen unakzeptabel ist und einen massiven Bruch des Vertrauens und der wissenschaftlichen Professionalität darstellt. Soll heißen: “Vergessen” ist nicht erfreulich, kann aber mal passieren. “Abschreiben” wird nicht toleriert. Man sollte außerdem noch kommunizieren, dass “gemeinsam machen” nur auf explizite Anweisung der Lehrkraft erlaubt ist.
Mögliche Sanktionsweisen:
  • Multiplikationskonzepte: 3 * Vergessen = mündliche 6, 1 * Abschreiben = mündliche 6 + 2h Arrest, in der die HA nachgearbeitet wird, außerdem zukünftig häufigere Kontrollen;
  • das etwas pädagogischere Aufarbeitungskonzept: abschreiben/plagiieren führt zu einem unangenehmen Gespräch mit der Lehrperson (mittags), evtl. im Beisein der Eltern; beim zweiten Mal mit der Schulleitung etc.
Grundsätzlich ist es nicht sinnvoll, zwischen Plagiaten aus dem Internet und den vom Banknachbarn abgeschriebenen Hausaufgaben zu unterscheiden, da der Verstoß sich in moralischer und pädagogischer Hinsicht qualitativ nicht unterscheidet.
2. Hausaufgaben abfragen (nicht vorlesen lassen)
Befragen Sie Ihre immer Schüler nach der Hausaufgabe - VOR dem Vorlesenlassen. Idee: Ich als Lehrkraft möchte erkennen, ob die Hausaufgabe ihre Funktion (s.o.) erfüllt hat - Hat sich der Stoff gefestigt? Hat die SchülerIn den Stoff wiederholt? Was auf dem Blatt steht, gibt nicht zwangsläufig Auskunft darüber. Mögliche Vorgehensweisen:
  • Die Inhaltsangabe, Erörterung usw. mündlich wiedergeben, die wesentlichen Inhalte des Interpretationsaufsatzes zusammenfassen. Kann sowohl im Plenum als auch bei individueller Hausaufgabenkontrolle realisiert werden (“Wie hast du deine Inhaltsangabe beendet?”; “Nenne rasch drei Argumente aus deiner Erörterung.”; “Zu welchem Ergebnis kommt dein Aufsatz?”; “Beschreibe den Lösungsweg.” etc.).
  • Kurze schriftliche Abfrage zur Hausaufgabe (Fragen wie oben). Einsammeln. Wer die Hausaufgabe im Heft hat, in der schriftlichen Wiedergabe aber versagt, wird entsprechend behandelt. Natürlich wird der Fall eintreten, dass SchülerInnen sich den abgeschriebenen Text präventiv gut eingeprägt haben - aber dann haben sie ja auch was gelernt, und wir können im Zweifel für die Angeklagten sein.
  • Im Zweifelsfall die Hausaufgabe schriftlich reproduzieren lassen und mit dem “Original” vergleichen.

Viele SchülerInnen werden an diesen Methoden bemängeln, dass sie u.U. sehr hart behandelt werden, obwohl sie die Hausaufgabe zwar gemacht hätten, aber im Lauf der letzten drei Tage die Inhalte schon wieder verdrängt hätten. In diesem Fall erinnern wir uns an die Funktionen der Hausaufgaben (s.o.): Entweder war die Hausaufgabe schlecht gestellt und nicht funktional (“Schreibe 20 Charakterzüge Walter Fabers auf.”), oder die SchülerIn hat sich nicht mit dem notwendigen Eifer in die Hausaufgabe gekniet. Da wir von überlasteten G8-SchülerInnen nicht erwarten können, dass Sie jeden Tag stundenweise ihr Herzblut in Hausaufgaben vergießen, beachten wir Punkt 3:

3. Weniger Hausaufgabe geben, mehr Qualität fordern
Hausaufgaben sind sinnlos, wenn sie ausschließlich zur Befriedigung der Lehrperson hastig hingekritzelt werden. Vereinbaren wir mit der Klasse: Es gibt weniger Hausaufgaben (z.B.: nur einmal pro Woche) oder mehr Zeit zur Erledigung (z.B.: Hausaufgaben von Montag auf Donnerstag, von Donnerstag auf Montag), dafür wird eine gewissenhafte Erledigung erwartet (und schlampige Bearbeitung entsprechend konsequent nicht geduldet).
4. Medieneinsatz bei mündlichen Referaten drastisch reduzieren

Wir haben ja sowieso alle die Nase voll von vorgelesenen Referaten und sinnlos vollgestopften Powerpoint-Folien. Also reduzieren wir den Medieneinsatz auf ein sinnvolles Minimum - dann haben alle Beteiligten mehr davon. Mögliche Vorgaben:

  • Powerpoint-Präsentation ohne Listen/Aufzählungen (nur mit Bildern, Strukturdiagrammen; keine vollständigen Sätze);
  • maximal 10 Wörter pro Folie + maximal eine Folie pro 1/2/3 Minute(n);
  • keine Verwendung von Powerpoint, Entwicklung der Gedanken nur an der Tafel (vor allem bei Kurzreferaten sehr geeignet), alternativ Flipchart o.ä.;
  • Skript zum Spicken oder Karteikarten entsprechen maximal einer DIN A4-Seite.

Lieber dauert das Referat nur 5 Minuten (statt 20) und ist dafür eingängiger und befriedigender, als ein stundenlanges Wiedergekäue.

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