Pädagogik

»Individuelle Förderung« - Nur ein neuer Polit-Trick? 16.05.2014, 19:13

Kind lern laufen, indem es individuell von seiner Mutter (?) gefördert wird.
Bild: flickr-User Tela Chhe: »Learning to Walk« [CC by]

Seit einigen Jahren boomt im Schulwesen die »Individuelle Förderung«. Das ist wirklich eine gute Sache. Aber die Politik hat ein anderes Interesse an diesem uralten Konzept: »Individuelle Förderung« dient als Tarnkappe für die G8-Schlappe.

Anzeige

"Individuell fördern" - das bedeutet, dass Lehrer/innen nicht über alle Kinder in der Klasse den gleichen Unterricht bügeln, sondern

  1. sich einen Überblick über den Leistungsstand der einzelnen Schüler/innen verschaffen ("Diagnose") und
  2. den Schüler/innen auf dieser Grundlage individuelle Lernangebote machen.

Manch einer wird sich fragen: Wie soll das gehen bei 30 Schüler/innen in der Klasse und bei statischen 45-Minuten-Stunden? Wie soll ein/e Lehrer/in "diagnostizieren", wo doch "Diagnose" im strengen Sinne ausgebildeten Expert/innen vorbehalten ist (bspw. Diagnose (und Ausschluss!) von LRS)?

Unabhängig von den oft schwierigen Rahmenbedingungen, die das Schulsystem vorgibt: Individuelles Fördern ist ein wesentlicher Bestandteil schulischen Unterrichtens. Viele Reformpädagog/innen haben das schon früh erkannt (z.B. Maria Montessori).

In vielen Privatschulen wird individuelle Förderung gelebt: Die Schüler/innen erhalten Unterricht und Arbeitsmaterialien entsprechend ihren Fähigkeiten. Kann ein Zweitklässler schon im Zahlenraum bis Tausend rechnen, dafür aber nicht so gut lesen, bekommt er im Matheunterricht die anspruchsvolleren Matheaufgaben, dafür beim Lesen die leichteren Texte, etwas mehr Zeit und Aufmerksamkeit. In vielen staatlichen Schulen wird ein solches Kind in Mathe unter- und im Lesen überfordert sein. Der Unterricht gleicht einer stupiden, durch Bildungspläne angetriebenen Maschine. Aus diesem Grund ziehen viele Eltern eine Privatschule den staatlichen Schulen vor.

Ein Tarnkäppchen für die G8-Schlappe

Wir sollten uns darüber freuen, dass Politiker/innen im ganzen Land den Sinn der individuellen Förderung erkannt haben und in die Schulen tragen. Keine/r, der auch nur einen Funken pädagogischen Verstands in sich trägt, wird dieses Konzept grundsätzlich ablehnen.

Verdächtig ist allerdings die Tatsache, dass individuelle Förderung durch politische Maßnahmen zwar massiv gefordert und gefördert wird, die notwendigen Bedingungen im Schulsystem jedoch nicht einmal ansatzweise umgesetzt werden. Dazu zählen bspw. entsprechende Lehreraus- und -fortbildung, die Klassengröße(!) oder Flexibilität des Curriculums. Warum propagiert die Politik "individuelle Föderung", stellt aber nicht die Rahmenbedingungen her? Das ist nicht schlüssig.

Aufschluss geben Aussprüche des bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer und des bayerischen Kultusministers Spaenle. Beide spielten bei der Einführung des achtjährigen Gymnasiums ("G8", "Turbo-Abitur") eine wesentliche Rolle. Noch vor kurzem schlossen beide die Rückkehr zum G9 kategorisch aus (Seehofer 12/2013: "Es wird kein G9 geben" (Quelle), Spaenle 02/2012: "Die Schulfamilie des Gymnasiums kann sich darauf verlassen, dass das bayerische Gymnasium in 8-jähriger Konzeption unverändert bleibt." (Quelle)). Kurze Zeit später haben beide unter dem Druck der Öffentlichkeit ihre Position aufgegeben - und zwar mit diesen Worten:

Kultusminister Ludwig Spaenle sagt:

"Eine neunjährige Form für alle Schüler ist pädagogisch genauso überholt wie eine achtjährige Form für alle Schüler."

Und Parteichef Seehofer fordert ...

"... nicht über Jahreszahlen zu diskutieren, sondern über die Frage, wie man die individuelle Förderung verbessern kann."

Unabhängig davon, wie man zum G8 steht: Wie kann das achtjährige Gymnasium, das noch 2013 als alternativloses Nonplusultra gepriesen wurde, im Jahr 2014 plötzlich als "pädagogisch ... überholt" gelten? Unmöglich. Es ist wohl eher so: Um die G8-Schlappe nicht eingestehen zu müssen, lenkt man den Fokus nun auf "individuelle Förderung". Wie praktisch, dass man einen G8-G9-Mischmasch als heiligen Gral der individuellen Förderung verkaufen kann! Man könnte fast meinen, die Vermischung von G8 und G9 ist das Resultat eines langfristigen Plans - alles im Dienste der individuellen Förderung.

Der Kreisverband einer großen Partei wirbt bei den Kommunalwahlen 2014 mit dem Slogan: "Bildung muss passen - Ein differenziertes Bildungsangebot schafft individuelle Förderung". Da könnte auch stehen: "Bildung muss passend gemacht werden - Wir rühren G8 und G9 zusammen und nennen es individuelle Förderung." Das ist die Übersetzung von Politsprech auf Wahrheit. Aber so, wie er auf dem Plakat steht, klingt er viel besser. Viel positiver.

Und dennoch: Individuelles Fördern ist gut

Man sollte als Lehrer/in nun nicht den Fehler machen, das Konzept zu boykottieren, weil es von charakterlosen Politiker/innen als Tarnkappe missbraucht wird. Denn wie beschrieben: Individuelle Förderung gehört zu den zentralen Säulen einer funktionierenden Schulpädagogik. Den faulen Anstrich sollte man mit Großmut übersehen.

Damit "Individuelle Förderung" erfolgreich das G8-Desaster aus den Augen wischt, erhält die Lehrerschaft umfangreiche Basismodelle, Unterrichtskonzepte und Handreichungen vorgesetzt. Diese Unterlagen sind für die Unterrichtspraxis zum größten Teil völlig untauglich (schließlich sind die notwendigen Rahmenbedingungen ja nicht gegeben). Da die Leute, die das alles geschrieben haben, wahrscheinlich weder dumm noch böse sind, kann man das Zeug durchaus auf nützliche oder inspirierende Elemente durchsehen, es dann in den Mülleimer werfen und anschließend auf eigene Faust individuell fördern. Und das geht so:

Wenn Sabrinas Englisch fast perfekt ist, Robert neben ihr aber noch Probleme mit dem basalen Wortschatz hat, dann bekommt Sabrina eben die New York Times für ein Referat, während Robert die Würfel mit den Entchen ("duck") und Pferdchen ("horse") zusammensetzt. Das war's schon.

Und wenn dann jemand kommt und Sie zurechtweist, dass die New York Times laut Bildungsplan erst in Klasse 12 drankommt, dass Robert für die Entchen und Pferdchen schon zu alt ist, dass Sabrina die Zeitung beim Gong aber wieder abgeben muss und nicht mit nach Hause nehmen darf - dann lächeln Sie höflich und machen weiter, was Ihr pädagogisches Herz Ihnen gebietet. Denn unflexible Curricula, ein Gong alle 45 Minuten und übergroße Klassen sind Gewächse der Unpädagogik. Gute Pädagogik müssen Sie, liebe Lehrerinnen und Lehrer, selbst machen.

Anzeige