Präsentieren mit P

Warum Prezi genau so schrecklich ist wie Powerpoint 29.04.2014, 01:32

Screenshot: Prezi zu Michael Kohlhaas
Bild: prezi.com

Heute benutzt man zur Unterstützung seiner Vorträge nicht mehr Powerpoint, sondern Prezi. Und damit fängt der seit 20 Jahren totgeglaubte Animationswahn wieder an. Die 'Präsentationen' werden trotzdem kein bisschen besser.

Anzeige

Prezi (prezi.com) ist ein Online-Dienst, mit dem man einfach überaus ansprechende Präsentationsdateien erstellen kann. Markantes Kennzeichen ist die Dreidimensionalität - für neue Inhalte kann man förmlich in den und aus dem Bildschirm gezoomt werden. Das erlaubt es in bisher ungekanntem Maß, Inhalte sehr anschaulich zu strukturieren. Wo früher fiese Inhaltsverzeichnisse von Folie 1 rekapituliert wurden, ergeben sich jetzt neuronale, didaktisch schlüssige Strukturen. Die grafische Darstellung ist höchst überzeugend und ansprechend, die Bedienung überaus intuitiv. Unkompliziert lassen sich Mediendateien aller Art einbinden (z.B. YouTube-Videos).

Beispiel-Prezi: Französische Revolution

(Wenn Prezi nicht angezeigt wird: Prezi 'Französische Revolution' in neuem Fenster öffnen)

Prezi in Schule und Hochschule

Eine Begebenheit aus einem Ausbildungslager für Referendar/innen, 2013:

Die Referendar/innen haben Folien für ihre Kurzvorträge gemacht. Nachdem die Referendar/innen weg sind, schauen wir die Folien durch. Der Ausbildungsleiter will eine Datei öffnen, hält jedoch inne: "Und die hier, die haben eine Prezi gemacht." Er schaut uns an, macht eine Kunstpause und startet die Prezi. Alles bewegt sich, verschachtelt sich, zoomt ein und aus, ein Video. "Das ist die beste Präsentation", sagt der Leiter tief beeindruckt.

Am nächsten Tag stellen die Referendar/innen im Plenum ihre Vortragsdateien vor. Bei der Prezi werden alle sprachlos, es besteht kein Zweifel: Das beste Produkt des Kurses.

Die Folien waren genau so uninspiriert und langweilig wie die Folien der anderen. Aber es zoomte.

Von Powerpoint zu Prezi - Eine kurze Geschichte der Präsentationssoftware

Phase 1: Technik-Kult (ab 1995)

Die ersten Powerpoint-Präsentationen werden in Firmen, Hochschulen und Schulen gehalten. Überschriften fliegen ein, lustige (wenn auch etwas einfache) Cliparts entfalten sich auf bunten Hintergründen, der Übergang zwischen Folien wird durch Animationen verschönert.

Die Zuschauer/innen sind atemlos, wenn sie so etwas sehen. Einige wenige von ihnen haben gerade mal Word für Windows - und der da vorne lässt ein solches Feuerwerk ab. Das muss ein echter Profi sein!

Was auch ganz neu ist: Langweilige Vorträge werden unterhaltsam, ein bisschen zumindest. Denn während der monotone Dozent vorne saiert, reißen gewagte Folienübergänge und sich aus Würfeln zusammensetzende Diagramme aus dem Halbschlaf.

Phase 2: Neudefinition (nach 2000)

Im Jahr 2005 kann man niemanden mehr mit animierten Überschriften und herumschwirrenden Cliparts hinter dem Ofen hervorlocken. Jede/r weiß, auf welchen Knopf man drücken muss.

Aber Powerpoint bleibt beliebt, denn man hat den wahren Vorteil erkannt: Ab sofort ist inhaltliche Kenntnis über das Vortragsthema zweitrangig. Man schreibt einfach tonnenweise Text auf die Folien (vornehmlich in Form von Aufzählungslisten) und liest ihn vor.

Alle machen das so. Manager/innen, Politiker/innen, Professor/innen, Lehrer/innen, Schüler/innen, außerdem Gratulant/innen bei Hochzeiten und die Chefin des Altersheims bei der Einweihung der neuen Kantine, alle. Manche benutzen Powerpoint, manche Keynote. Und es ist furchtbar. Es ist die Powerpoint-Pest.

Im Jahr 2009 wird Prezi veröffentlicht und erlebt einen Hype.

Phase 3: Konsolidierung (nach 2010)

Die Menschen haben sich daran gewöhnt, dass eine "Präsentation" (das Wort "Vortrag" gibt es inzwischen nicht mehr) so auszusehen hat, wie sie eben immer aussieht: zahlreiche Bullet-Listen, stereotype ätzende Designs, "Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!"-Folien - und nebendran eine Person, die eifrig die Folieninhalte paraphrasiert.

Die Sensibilität für den kommunikativen Aspekt eines Vortrags geht völlig verloren. Wenn Menschen gezwungen sind, einer stinklangweiligen 30-Minuten-"Präsentation" beizuwohnen, finden Sie das in Ordnung, vor allem wenn sie hinterher tolle Folienhandouts bekommen und der Dozent ganz nett ist und am Schluss den Satz "Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!" vorgelesen hat.

Phase 4: Ein faulig-frischer Wind (nach 2013)

Im deutschsprachigen Raum erlangt Prezi erst ab 2013 Verbreitung, nicht zuletzt wegen der oben genannten Vorteile. Vor 2013 war es den meisten dann doch noch etwas zu dubios, so etwas online zu machen und ohne Powerpoint.

Doch wer Schwierigkeiten damit hat, seine E-Mails abzurufen, der kann keine Prezi machen (sehr wohl aber eine Powerpoint). Prezi wird zum Werkzeug der Insider, der Digitalos.

Wer also Prezi nutzt, erntet Anerkennung. Eine Schüler-Prezi bei einer mündlichen Abschlussprüfung bringt ziemlich genau eine Note im Vergleich zu einer gleich verlaufenden PPT-Präsentation. Aber nicht, weil die Prezi-spezifischen Vorteile smart ausgespielt werden, sondern weil es eine Prezi ist.

Und damit befinden wir uns wieder bei Phase 1. Technik und Effekte dominieren die Inhalte, die Kommunikation zwischen Redner/in und Publikum dagegen bleibt weiterhin untergeordnet. Die Menschen hängen lasch in ihren Stühlen, werfen heimliche Blicke auf die Uhr und regen sich nicht im Geringsten über diese gigantische Zeitverschwendung auf.

Prezi ist nicht die Lösung

Die totale Entlarvung, welche Mentalität hinter der Prezentiererei steckt, bietet der Spruch auf der Startseite prezi.com (ähnlich übrigens auch auf der Powerpoint-Produktseite). Dort lesen wir:

Auf höherem Niveau präsentieren
Erstellen Sie zoomende Präsentationen, die aus Ihnen einen überzeugenderen und einprägsameren Präsentator machen.

Screenshot: Prezi-Startseite

Warum sollte eine "zoomende Präsentation" aus einem fachlich unkompetenten Niemand einen "überzeugenderen und einprägsameren Präsentator" machen? Schenken Sie einem Koala-Bären einfach mal ein Paar gute Fußballschuhe.

Ein Vortrag wird überzeugend und einprägsam, wenn die Vortragende selbst überzeugt ist, wenn sie gut vorbereitet ist, wenn sie weiß, worüber sie redet - wenn sie überzeugen WILL. Ob das Diagramm mit Powerpoint, Prezi oder einem Flipchart gezeigt wird, spielt keine Rolle.

Außer Frage steht jedoch: Ein Vortrag wird NICHT überzeugend und einprägsam dadurch, dass man Prezi oder Powerpoint benutzt.

Denken Sie daran, wenn das nächste Mal den atemlos geflüsterten Satz "Er hat eine Prezi dazu gemacht!" hören. Nein: Denken Sie nicht daran. Sagen Sie es.

Anzeige