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INCB-Report 2014

Ritalin & Co: Weltweiter Verbrauch steigt und steigt 05.04.2015, 22:40

Ritalin-10-Verpackung mit Steigungsraten-Pfeil
Bild: Editor182/Wikimedia Commons (Montage) [CC0 (Public Domain)]

Der weltweite Verbrauch von Methylphenidat (Wirkstoff von Ritalin, Medikinet, Concerta usw.) ist von 2012 auf 2013 um rund 66 Prozent gestiegen; Deutschland gehört zu den Ländern mit dem höchsten pro-Kopf-Verbrauch. Häufig wird inzwischen auch an Zweijährige verschrieben. Der internationale Suchtstoffkontrollrat fordert von den Regierungen eine strengere Kontrolle.

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  • (geändert: )

Der Wiener Suchtstoffkontrollrat (INCB - International Narcotic Control Board, incb.org) hat im März 2015 den INCB-Jahresbericht 2014 (PDF) vorgelegt. Ein zentrales Thema war Methylphenidat, der Wirkstoff, der in Medikamenten wie Ritalin, Medikinet oder Concerta zur Behandlung von ADHS zum Einsatz kommt. Bei der Vorstellung des Berichts war zu hören:

Dieses Jahr haben wir besonders die Zunahme des Missbrauchs von Methylphenidat im Blick […] Wie aus unserem Jahresbericht hervorgeht, ist der Verbrauch von Methylphenidat deutlich gestiegen. Deshalb empfehlen wir den Regierungen, ADHS-Diagnosen und Verschreibungen von Methylphenidat besser zu überwachen […]

(Original: This year, special focus was given to a rise in abuse of methylphenidate […] Our report notes a marked increase in consumption of this substance, and recommends that States closely monitor developments in diagnoses of Attention Deficit Hyperactivity Disorder, prescriptions of methylphenidate […])

Tatsächlich ist der Anstieg signifikant, wie folgendes Diagramm "Weltweiter Verbrauch von Methylphenidat, 1990-2013" aus dem INCB-Jahresbericht 2014 (PDF) zeigt (Seite 38, der besseren Lesbarkeit wegen Werte zwischen 1991-2001 entfernt; Link zum vollständigen Diagramm):

Weltweiter Methylphenidatverbrauch 1990-2013 (INCB-Report 2014)

Weltweit wurden im Jahr 2013 ~2,4 Milliarden Tagesdosen Methylphenidat verbraucht, im Jahr davor waren es noch ~1,45 Milliarden Tagesdosen.

Der genannte weltweite Verbrauch 2013 entspricht 71,8 Tonnen Methylphenidat; in Deutschland wurden im Jahr 2013 rund 1,8 Tonnen verschrieben und verbraucht (mehr: Methylphenidat - Verbrauch in Deutschland 1993-2013). Damit ist Deutschland für 2,5 Prozent des weltweiten Methylphenidat-Verbrauchs verantwortlich (mit 1,15 Prozent Anteil an der Weltbevölkerung).

Man beachte den im Diagramm deutlich sichtbaren Trend: Der Verbrauch von Ritalin & Co steigt und steigt - trotz aller Warnungen, die u.a. auch vom INCB (Bericht S. 38) ausgesprochen wurden.

Der Bericht enthält noch einige weitere unappetitliche Details (alle S. 38/39):

  • 2011 hatten in den USA 11 Prozent aller 4- bis 17-Jährigen die Diagnose ADHS.
  • Die USA verbrauchen 80 Prozent des weltweit verschriebenen Methylphenidats. (In den USA leben 4,5% der Weltbevölkerung, und sie konsumieren 80 Prozent des Methylphenidats!)
  • Besonders viel Methylphenidat wird nach den USA in Island, Norwegen, Schweden, Australien, Belgien, Deutschland und Kanada verbraucht.
  • Island hatte 2012 die weltweit höchste pro-Kopf-Verbrauchsrate bei Methylphenidat (s.a. S. 27f). Das meiste Methylphenidat wird dort von über 20-jährigen ADHS-Patient/innen konsumiert.
  • Zunehmend wird Methylphenidat auch für 2- und 3-Jährige verschrieben. Als Beispiel mit hohen Methylphenidat-Wachstumsraten bei zweijährigen Kindern wird Australien genannt.
  • Die Dauer der Behandlung mit Methylphenidat steigt an; oft wird das Medikament über mehrere Jahre hinweg gegeben.
  • In Deutschland stieg die Zahl der ADHS-Diagnosen bei den unter 19-Jährigen zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent.

Der Appell des INCB dürfte an der Marktmacht der Pharmalobby zerschellen:

Der Rat fordert die Regierungen aller Länder mit hohen Methylphenidat-Verbrauchsraten dazu auf, die Ursachen für den Anstieg herauszufinden und Anstrengungen zu unternehmen, den Methylphenidatverbrauch auf das medizinisch notwendige Maß zu begrenzen.

(The Board wishes to encourage the Governments of all countries with high consumption rates of methylphenidate to identify the reasons for such elevated con- sumption and to take action to limit consumption to actual medical needs.)

Mit anderen Worten: Es wird unter Missachtung medizinischer Standards (S. 39) zu viel Methylphenidat verschrieben - Tendenz steigend.

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Kommentare

3

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  • #1

    Als Teil einer ADHS Familie bin ich immer wieder schockiert, dass der Aufreger immer das Ritalin ist. Natürlich ist es komisch, dass Kindergartenkinder Medikamente bekommen sollen, bevor alles andere ausgeschöpft ist. Wenn man aber als Mutter das eigene Kind mit ADHS begleitet und einen Mann hat, der (weit vor der Zeit als die Gesellschaft “hyperaktiv” war, eine typische ADHS Schul-Karriere gemacht hat, dann fragt man sich, ob nicht in der ganzen Diskussion die wirklich betroffen außen vor bleiben. Es geht nicht darum “mit den Kindern klarzukommen” sondern darum, dass die Kinder ihr geistiges Potential entfalten können, sozial interagieren können und irgendwann selbst erfolgreich für ihren Lebensunterhalt sorgen können. Alle Vereinigungen erwachsener ADHSler bestätigen, dass dies ein Weg sein kann.  Natürlich gibt es wie bei allem die leichtfertigen Verschreibungen, aber die Ressentiments von Seiten der Eltern und Lehrer sind so groß, dass es nach meinem Eindruck auch viele Kinder gibt, denen Ritalin vielleicht helfen könnte, wieder die Freude am Lernen und an der Schule zu bekommen. Ihre Auswahl an Artikeln könnte dies noch verstärken.

    schrieb Antonia am

  • #2

    “Häufig wird inzwischen auch an Zweijährige verschrieben.” Das ist wirklich erschreckend! Man kann dafür oder dagegen sein, dass Jugendliche mit extremen Konzentrationsproblemen Ritalin nehmen; Das Zweijährige, deren Gehirn noch sehr viel Entwicklung vor sich hat, eine Droge bekommen, die die Entwicklung des Gehirns stark beeinflusst halte ich für prinzipiell verkehrt.
    In meiner Nachhilfeschule unterrichten wir auch Schüler, die Ritalin bekommen. In der Regel merkt man einen Unterschied, wenn sie ihre Medikamente eingenommen haben. Allerdings bin ich bis jetzt noch immer auch so mit ihnen klargekommen. Meinen eigenen Kindern würde ich derartige Medikamente jedenfalls nicht so leichtfertig verabreichen.

    schrieb Die Lernpartner - Nachhilfe in Freiburg am

  • #3

    Unglaublich diese Zahlen! Danke, Berthold Metz, für ihre übersichtliche Darstellung. Bleibt die Frage nach den Ursachen. Mich beschäftigt all dies schon länger, und so sammele ich auf meiner Seite Untersuchungen und Artikel zum Thema: http://gerd-haehnel.de/farbschattenromane/unterrichtsmaterial/projekte/meinungsumfrage/ Wenn man sich die mittlerweile 40 Studien dort anschaut, liegen die Gründe für solche Zahlen eigentlich auf der Hand. Aber: Man bekommt auch Ideen, wie wir Lehrer helfen können. Ist das nicht noch viel wichtiger?

    schrieb Gerd Haehnel am

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