MADE IN GERMANY. Geht der Schuss nach hinten los? 23.04.2016, 06:06

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Der Begriff Made in Germany (englisch für »Hergestellt in Deutschland«) war für die Briten ab Ende des 19. Jahrhunderts ein Schutz vor billiger Importware. Doch der Schuss ging nach hinten los; keine 100 Jahre später hatte sich die diskriminierende Bezeichnung in den Augen vieler Käufer in ein Gütesiegel verwandelt.

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Made in Germany. Geht der Schuss nach hinten los?  

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach und nach in fast allen europäischen Ländern die Industrialisierung einsetzte, nahmen auch die Exporte in das große Industrieland Großbritannien zu. Die Engländer jedoch betrachteten die importierten Waren als minderwertig, insbesondere die aus Deutschland kommenden. 1887 beschloss das englische Parlament den Merchandise Marks Act, der vorschrieb, auf Waren sei unmissverständlich das Herkunftsland anzugeben. 

Auch der Begriff Made in Germany (englisch für »Hergestellt in Deutschland«) war ab Ende des 19. Jahrhunderts ein Schutz vor billigen Importen. Doch der Schuss ging hinten hinaus; keine 100 Jahre später wandelte sich die diskriminierende Bezeichnung in den Augen vieler Käufer in ein Gütesiegel. 
Wem heute auf dem Erdenrund Deutschland durch den Kopf geht, mag an Thüringer Bratwurst denken, vielleicht auch an das Reinheitsgebot für Bier, bestimmt auch an den 2. Weltkrieg und den Holocaust. Viele werden auch deutsche Ingenieursleistungen bedenken, sind überzeugt, dass es keine Korruption in Germany gibt, dass die Menschen in allem verantwortungsvoll handeln. Sie sind deswegen voll des Lobes über die deutsche Zuverlässigkeit.

Mit Made in Germany baut die deutsche Industrie auf solche Gedankenverbindungen. Sie glaubt, dass sie sich mit »Made in Germany« von mancher minderwertigen Konkurrenz aus dem Ausland abgrenzen kann. Doch wie es auch in vielen anderen, vorne liegenden Industrieländern der Fall ist: Made in ... bedeutet schon längst nicht mehr, dass ein Produkt auch tatsächlich in dem genannten Land entwickelt und produziert wurde. Die Globalisierung hilft verlässlich mit: Deutsche Hersteller kaufen massenhaft Komponenten aus dem Ausland zu und verlagern Fertigungsprozesse in Niedriglohn-Länder. Das darf man zwar tun, aber den auf diesem Weg entstandenen Mischprodukten am Ende »Made in Germany« aufzustempeln, ist unanständig und der pure Etikettenschwindel. 

Überhaupt: Geht der Schuss nun ein zweites Mal hinten hinaus? Die deutsche Frau/der deutsche Mann auf der Straße zweifelt schon lange. Zum Beispiel, warum es deutschen Flughafenbauern nach einem Jahrzehnt Planung und Bauzeit nicht gelingen will, endlich den Hauptstadt-Flughafen fertig zu bekommen. Nun haben auch noch Verantwortliche einer deutschen Schlüsselindustrie, die Autobauer, allen voran VW, dem stolzen Gütesiegel »Made in Germany« einen schweren Dämpfer verpasst. 

Hoffen wir, dass die Käufer auf dem Globus darauf vertrauen, dass Deutschland nicht nur aus den Manipulierern bei VW besteht. Etwa 270 000 VW-Mitarbeiter in Deutschland leisten jeden Tag anständige Arbeit, aber es half nichts: Am 21. April 2016 musste sich das Unternehmen in der Abgasaffäre mit den US-Behörden auf Grundzüge eines milliardenschweren Entschädigungsplans verständigen. Für den Rückkauf von bis zu einer halben Million Dieselfahrzeugen mit geschönten Abgaswerten alleine in den USA darf Volkswagen einen zweistelligen Milliardenbetrag auf die Minusseite seiner Bilanz schreiben.