Schmähpreis Plagiarius für eine Möbelrolle 26.02.2015, 06:53

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Alljährlich wird der Negativpreis Plagiarius fürs Abkupfern vergeben. Dabei wird die zweifelhafte Ehre nicht selten deutschen Firmen zuteil. Unter Anderen hat es dieses Mal einen badischen Betrieb mit einer Möbelrolle erwischt. Der tec.LEHRERFREUND fragt sich, was man an solchen Rollen nachbauen kann. Zum besseren Verständnis eine technische Zeichnung dazu.

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Ist die Möbelrolle ein Plagiat?

Es gibt 
– einen Verein Plagiarius, der Produktkopien aufs Korn nimmt. In WIKIPEDIA liest man darüber: »Plagiarius ist ein seit 1977 vergebener deutscher Negativpreis für besonders auffällige Produktkopien. Der Begriff soll auf den antiken römischen Epigrammatiker Martial zurückgehen, der einen Kopisten seiner Werke mit diesem Wort (eigentlich Seelenverkäufer, Sklavenhändler, vergleiche „Plagiat“) bezeichnete (Epigramme 1,52)« 

Es gibt 
– eine Firma Wagner System GmbH in Lahr (Baden-Württemberg), die Möbelkomponenten herstellt, z. B. Rollen, Räder, Möbelbeine, Transporthilfen. Auf ihrer Internetseite schreibt sie: „Wagner ist ein echtes Erfinder-Unternehmen. Weil wir von dem, was wir herstellen, etwas verstehen. Und weil uns neue Denkansätze, Lösungs- und Gestaltungswege grundsätzlich faszinieren.“

Damit scheint nicht zusammenzupassen, was Plagiarius im Fall einer Wagner-Möbelrolle namens RO 37 dem südbadischen Hersteller vorwirft. Die BADISCHE ZEITUNG berichtet am 17. Februar 2015, Wagner sei am Freitag (13. 2.) in Frankfurt mit dem Negativpreis Plagiarius ausgezeichnet worden, weil die Badener nach Auffassung der Jury die Rollen eines schwäbischen Konkurrenten plagiiert hätten. Gleich am Montag darauf habe Wagner reagiert, denn dort hätten sie sich wenig erfreut über den Schmähpreis gezeigt. 
Der schwäbische Konkurrent ist die Firma Gross+Froelich GmbH & Co. KG in Weil der Stadt, und die Rolle, die Wagner abgekupfert haben soll, heißt Movetto 8 und wurde bereits 2008 konstruiert. Ob die Schwaben ihrerseits damals wohl ganz bei Null angefangen haben? 

Im Bild unten (Plagiarius) sehen wir die beiden Doppelrollen. 

Es gibt 
– dann auch noch den tec.LEHRERFREUND, der wissen wollte, was es bei einer solchen Rolle zu plagiieren gibt. Er beschaffte sich im Baumarkt eine Doppelrolle – leider hatten sie dort weder die Baden- noch die Schwabenrolle im Angebot. Neben den Allerweltsrollen gibt es Edelrollen, die auch als Designer-Rollen bezeichnet werden. Dazu gehören zweifelsohne die beiden genannten Rollen.
Wir vermaßen unseren Einkauf und sägten ihn auseinander, um den inneren Aufbau und die Lagerungen in Augenschein zu nehmen. Dann zeichneten wir sie in Ansichten.
Bild unten: Allerweltsrolle aus dem Baumarkt. 

Unser Fazit: Doppelrollen sind Doppelrollen, nicht mehr und nicht weniger. Man erkennt schnell, dass sie aus zwei über einen Bock verbundene Rollen bestehen und eine zur Rollenachse senkrecht stehende Achse brauchen, um die sie sich im Betrieb drehen können. Davon ausgehend wird jeder, der in Zukunft eine solche Rolle konstruieren will, notgedrungen auf ein Gebilde kommen, wie es schon vor 40 Jahren jemandem eingefallen ist. Wir glauben, die Konstrukteure von Gross+Froelich und von Wagner sind darüber hinaus mit einem Sinn für Ästhetik gesegnet: Dann hätten sie sich auch auf diesem Weg in der Formgebung angenähert.

Kann man aus der vorgegebenen Belastung Flächenpressungen und damit auch Lager- und Rollendurchmesser und Rollenbreiten ermitteln, so gibt es eine die Qualität der Rolle beeinflussendes Maß, das sich nur im Versuch beurteilen lässt: Wie leicht sich die Rollen unter Belastung um die senkrechte Achse drehen, hängt vom Abstand a zwischen der Rollenachse und der senkrechten Achse ab. Sowohl ein zu kleiner als auch ein zu großer Abstand beeinträchtigen die Fähigkeit der Rollen, sich in eine von außen aufgezwungene neue Fahrrichtung zu bewegen. Ein günstiger Abstand scheint es zu sein, wenn die senkrechte Achse auf dem Außendurchmesser d liegt. 
Zwei unabhängig voneinander entwerfende Konstrukteure werden zu einer ähnlichen Formgebung schließlich auch dadurch gezwungen, dass sie die Kosten ihrer Konstruktion zu beachten haben.

Dass sich die Firma Wagner mit ihrer Doppelrolle eine »besonders auffällige Produktkopie« geleistet hat, glauben wir nicht – wir würden es ihrem Konstrukteur sogar verzeihen, wenn er während seiner Arbeit die Schwabenrolle auf dem Schreibtisch liegen gehabt hätte. 

Hier unsere Zeichnungen dazu.
Sie können uns nicht als Plagiat ausgelegt werden, denn wir hatten weder von Gross+Froelich noch von Wagner Abmalbares in der Hand. Bestimmt fehlt der Zeichnung das Doppelrollen-i-Tüpfelchen der beiden Streithähne.
Beim Klick auf das Bild unten erscheint eine Entwurfszeichnung, die sich für ein Arbeitsblatt verwenden lässt.

Bleibt zu fragen, ob die Spezialisten von Plagiarius nicht in zu spitzfindiger Laune waren, als sie der Wagner-Rolle auf den Leib rückten. Weil der Schmähpreis mitten im Karneval verliehen wurde, könnte es gut sein, dass er sich als Fasnetsscherz herausstellt. Plagiarius wäre dann nicht zu beneiden. 


2016: Ein Link des tec.LEHRERFREUNDs 

Schmähpreis Plagiarius: Seit 1986 vergibt der Verein Aktion Plagiarius den Preis. Der Name hängt mit dem Begriff Plagiat zusammen, was Diebstahl geistigen Eigentums und Imitat bedeutet. 

Das Geschäft mit Plagiaten und Fälschungen treibt Jahr für Jahr neue Blüten; kaum ein Produkt ist vor Nachahmern sicher. Diese umgehen so Entwicklungs- und Forschungskosten, die sie in die eigene Tasche stecken. 

2016 verlieh der Verein Plagiarius u. A. Schmähpreise an einen chinesischen Hersteller von Pfannkuchenwendern, an einen deutschen Brillenbauer und an eine chinesische Firma, die ihre Produktpiraterie schamlos mit einem deutschen Standventilator erweitert hat. 


Schlagwort: Wussten Sie, was ein Me-too-Produkt ist? 

WIKIPEDIA weiß es: Unter einem Nachahmerprodukt (auch Me-too-Produkt, von engl. me too ‚ich auch‘) versteht man Produkte, die einem meist innovativen Original-Produkt in vielen Eigenschaften und Fähigkeiten gleichen und bei Erfolg des Erstanbieters – möglichst kurz darauf – auf den Markt kommen. 

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