Technische Objekte vereinfacht darstellen (2) 16.11.2016, 15:13

Bei technischen Darstellungen stellt sich immer wieder die Aufgabe, komplexe Objekt vereinfacht zu zeichnen. In den beiden Beispielen hier ist unsere künstlerische Ader gefragt.

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Objekte vereinfachen

Soll der Betrachter unsere vereinfachte Zeichnung eindeutig verstehen, ist es wie bei der Deutung eines Verkehrszeichens: Wenn ich nicht gelernt habe, was das hier abgebildete Zeichen bedeutet, bin ich in Gefahr, im falschen Moment in die Vorfahrtsstraße hinein zu fahren. 

Dass z. B. ein auf den Kopf gestelltes Dreieck das Symbol für »Vorfahrt gewähren« sein soll, sehe ich der Figur nicht an. Ich weiß es erst, wenn man es mir etwa in der Fahrschule beigebracht hat. Auch muss man mich darauf hingewiesen haben, dass überhaupt alle roten Dreiecke vor einer Gefahr warnen. Wenn sie dagegen als Kreis dargestellt sind, weisen sie auf ein Verkehrsverbot hin. 

Wir wollen uns hier  – unsere Titelzeile deutet darauf hin – mit Darstellungen beschäftigen, bei denen uns die Normung mit ihren wohlbedachten Vereinfachungen im Stich lässt. Eine der grundlegenden Frage heißt dabei: Wie viel Vereinfachung dürfen wir uns erlauben, damit der Betrachter die Darstellung noch versteht? Wir ahnen es an dieser Stelle bereits: Das ist Stoff für den Logo-Entwerfer, der dauernd solche Probleme zu lösen hat.

Ein erstes Beispiel dafür wäre eine Wassermühle. Sie steht im Schwarzwald. Ein Schild ohne Worte soll Wanderern und Radfahrern – deutschen, französischen, japanischen, madegassischen, arabischen – die Sicherheit geben: Ich bin auf dem richtigen Weg zu der alten Wassermühle, die in der Gegend als Zeugnis alter Mühlenkunst gepriesen wird. 

Vier Vorschläge dazu, Bild 1 bis Bild 4

Bild Wassermühle vereinfacht dargestellt 

Bild 1

 

Bild 2

 

Bild 3

 

Bild 4 

In allen Vorschlägen müssen wir Schriftzeichen oder Wörter vermeiden, die ausländische Leser in der Regel nicht verstehen. 


Achsantrieb eines Muldenkippers (Dumper)

Der Fahrantrieb besteht (von links nach rechts) aus: Motor, Schaltgetriebe und Verteilergetriebe mit Gelenkwellen zum Achsantrieb der Vorderräder und der vier hinteren Räder. Einer der Achsantriebe ist realitätsnahe in der Zeichnung Bild 5 dargestellt.

 

 

Bild 5

Aufgabe: Die Zeichnung Bild 5 soll vereinfacht werden. Hier ein Vorschlag.

 

Bild 6: Vereinfachter Achsantrieb 

Die Darstellung hilft, die Funktion des Achsantriebs zu verstehen. Um eine Vereinfachung zu erreichen, darf man 

– dem Getriebegehäuse eine andere Form geben,
– die Wälzlager als einfache Kugeln darstellen, 
– Einzelheiten wie Schrauben, Sicherungsringe oder Dichtringe unterschlagen. Mittellinien zeigen wichtige Schraubenachsen an.
– ... 

Was die Darstellung wiedergeben sollte, ist/sind 
– die Stellen, an denen ein Teil frei dreht bzw. mitgenommen wird (z.B. Differenzialsperre, Achsräder des Differenzials)
– 
– 

Bild 7: Benz Motorwagen (1885), Bild WIKIPEDIA, CC BY-SA 3.0
 

Aufgabe: Den Benz Motorwagen vereinfacht darstellen. 

Wir versuchen es in drei Schritten: Grundgestell, Fahrantrieb, komplette Darstellung.

Bild Benz Motorwagen vereinfacht dargestellt 

Bild Benz Motorwagen vereinfacht dargestellt 

Fahrantrieb: Ein liegender Einzylindermotor mit Kurbeltrieb treibt das Kegelritzel an. Den unvermeidlich unruhigen Lauf des Einzylindermotors dämpft eine massive Schwungscheibe. Das Tellerrad (blau) lenkt den Trieb in die Horizontale. Ein Riementrieb mit geschränkter Riemenführung bringt den Antrieb auf die Vorgelegewelle links unten; von dort aus treibt ein Kettentrieb die Hinterräder an. 

Bild Benz Motorwagen vereinfacht dargestellt

Komplette Darstellung 

In unserer Darstellung des ersten Automobils haben wir auf auf mehrere Details verzichtet: Man erkennt nicht, wo und wie die Bautelie oder Baugruppen befestigt sind. Auch bei den Radspeichen wurde auf die tatsächliche Anzahl keine Rücksicht genommen. Trotzdem hat man keine Mühe, die Funktion zu verstehen. Diesen Luxus bietet uns das Foto ganz oben nicht. 
Vergeblich sucht der Betrachter nach einer Kupplung oder nach einem Schaltgetriebe. Sie wurden nicht weg gelassen, sondern es gab sie überhaupt nicht. Es war also eine ziemlich primitive Konstruktion, auf der wir heute nicht unbedingt reisen möchten. Und doch gilt sie als Epoche machende Erfindung.

... und so sah ein dazu passendes Briefmarkenmotiv 1982 aus: 

Bild Briefmarke Benz Motorwagen